Kapitel 10

Alles, was Asher in diesem Moment wahrnahm, war dieses Ziehen in seiner Brust.
Es war nicht laut. Nicht überwältigend. Aber beständig. Ein leiser Druck, der ihm sagte, dass sie hier war. Wirklich hier. Nicht irgendwo da draußen, nicht verborgen hinter Schichten aus Fluchtinstinkt und Magie – sondern in seinem Zimmer. In seinem Revier.
Skye.
Greifbar.
Der Gedanke ließ ihn langsamer atmen. Ruhiger. Und gleichzeitig wacher als zuvor. Sie würde es wieder versuchen, das wusste er. Fliehen war für sie kein Impuls, es war ein Lebensmuster. Aber diesmal würde er es nicht zulassen.
Er schloss die Tür zu seinem Zimmer leise hinter sich, drehte den Schlüssel im Schloss und blieb einen Herzschlag lang stehen. Atmete ein. Ihr Duft hing noch in der Luft, selbst durch Holz und Stein hindurch. Es war genug, um ihn zu erden – und um ihn weiterzutreiben.
Sie brauchte jetzt etwas anderes als Kontrolle.
Etwas Banales.
Essen. Kleidung.
Der Gedanke war nicht nur Fürsorge. Er war Instinkt. Sie war zu dünn. Zu leicht. Ihr Körper hatte nach Mangel gerochen, nach zu vielen Tagen, an denen Überleben wichtiger gewesen war als alles andere. Er wusste nicht, was genau ihnen zugestoßen war. Aber er wusste, dass es zu viel gewesen sein musste.
In der Küche war es warm. Gedämpftes Licht, das leise Summen der Geräte. Die Haushälterin – eine Omega mit ruhiger Präsenz – blickte auf, als er eintrat.
„Asher“, sagte sie sanft. Ihr Blick glitt zu ihm, dann suchend an ihm vorbei. „Soll ich etwas vorbereiten? Für … deinen Gast?“
„Nein“, antwortete er sofort.
Sie hob eine Braue, schwieg aber.
„Ich mache das selbst“, fügte er hinzu. Seine Stimme ließ keinen Raum für Diskussion. „Für meine Gefährtin.“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Wie du willst.“
Asher arbeitete konzentriert. Er bereitete ein Sandwich zu, schnitt frisches Obst, richtete alles sorgfältig an. Es war nichts Besonderes – aber es war warm, nahrhaft, echt. Jeder Handgriff beruhigte ihn ein wenig. Als könnte er damit etwas ausgleichen, das sie lange entbehrt hatte.
Dann dachte er an den Jungen.
Cain.
Er stellte ein zweites Tablett zusammen. Größere Portion. Etwas Süßes dazu. Kinder waren schwer einzuschätzen, aber Hunger machte alles schlimmer. Und vielleicht, nur vielleicht, würde Essen eine Brücke schlagen.




Auf dem Weg machte er kurz Halt in seinem Zimmer und stellte Skyes Teller ab, bevor er weiterging.
Cain saß im Gästezimmer auf dem Bett, die Schultern angespannt. Als Asher eintrat, hob er sofort den Kopf.
„Du“, sagte der Junge scharf. „Ich will zu meiner Schwester.“
Asher stellte das Tablett auf den Tisch. „Iss erstmal.“
Cain rührte sich nicht. „Ich will zu Skye.“
„Sie ist in Sicherheit“, sagte Asher ruhig. „Genau wie du.“
„Dann bring mich zu ihr.“
Asher verschränkte die Arme. „Nach dem Essen.“
Cain schnaubte. „Du kannst mich nicht kaufen.“
Ein kurzes Zucken ging durch Ashers Mundwinkel. „Ich versuche es trotzdem.“
Der Junge funkelte ihn an, blieb aber sitzen. „Sie wird sauer sein.“
„Das ist sie wahrscheinlich ohnehin“, erwiderte Asher trocken.
Er zögerte kurz, dann fragte er: „Warum benutzt ihr ständig diese Verschleierung?“
Cain hob den Blick. „Warum willst du das wissen?“
„Weil ich verstehen will, was euch passiert ist.“
Der Junge schwieg. Sein Blick wurde leer, als hätte er etwas gesehen, das er lieber vergessen würde.
„Cain“, sagte Asher fester. „Rede mit mir.“
Keine Antwort.
Asher seufzte leise. Drängen war jetzt falsch. Er schob das Tablett näher heran. „Du bleibst hier. Ich komme später wieder.“
„Lass mich sie sehen“, sagte Cain leise.
Asher hielt inne. „So bald wie möglich.“
Es reichte nicht. Das sah er. Aber es war alles, was er im Moment geben konnte.
Mit einem unguten Gefühl verließ er den Raum. Antworten hatte er kaum bekommen – aber genug, um sicher zu sein: Etwas war hinter ihnen her. Etwas, das Flucht notwendig gemacht hatte.
Er klopfte an eine andere Tür und trat ein. Mira blickte von einem Stapel Kleidung auf.
„Was brauchst du?“, fragte sie.
„Kleidung für Skye“, sagte Asher. „Und für den Jungen.“
„Die Hexe“, murmelte Mira.
„Skye“, korrigierte er scharf.
Sie musterte ihn. „Du bist sehr entschieden.“
„Ich brauche keine Kommentare“, entgegnete er. „Nur Sachen.“
Mira reichte ihm einen Stapel. „Für den Jungen besorge ich noch welche.“ Dann zögerte sie kurz, bevor sie weitersprach. „Livia würde sie gern sehen.“
Asher nahm die Kleidung. „Noch nicht.“
„Asher—“
„Nicht“, wiederholte er ruhig, aber unnachgiebig. „Ich kläre das.“




Mira seufzte. „Du kannst sie nicht ewig einschließen.“
„Ich weiß.“
Mit den Sachen unter dem Arm kehrte er in sein Quartier zurück. Als er eintrat, hörte er das Wasser im Bad laufen. Gut, dachte er. Wenigstens das.
Doch Minuten vergingen. Dann noch mehr.
Als er schließlich das Bad betrat, blieb er abrupt stehen.
Skye saß zusammengerollt unter der Dusche. Nackt. Das Wasser prasselte auf sie nieder, aber sie reagierte kaum. Was ihn traf, waren die leisen, unkontrollierten Schluchzer.
Seine Gefährtin weinte.
Und er war der Grund dafür. Das wusste Asher instinktiv.
„Skye“, sagte er leise.
Sie zuckte zusammen.
Er trat näher, stellte das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und legte es vorsichtig um ihre Schultern. „Hey“, murmelte er. „Es ist gut. Du bist hier. Du bist sicher bei mir. Ich würde euch nie etwas tun.“
Sie widersprach nicht. Das war schlimmer. Sein innere Wolf jaulte vor Abweisung auf.
Er half ihr aufzustehen, dann hob er sie einfach in seine Arme, lief zum Bett und legte sie darauf nieder. Dann setzte er sich neben sie. Zögerte kurz. Dann legte er einen Arm um sie. Zog sie an seine Brust.
„Ich habe es nicht gut gemacht, wir hatten einen schlechten Start.“, sagte er leise. „Aber ich lasse dir nichts passieren. Hörst du? Und ich werde es besser machen.“
Skye antwortete nicht sofort. Doch sie zog das Handtuch fester um sich und atmete langsam.
Asher blieb bei ihr sitzen. Hielt sie, auch bis sie eingeschlafen war. Dann wurde er selbst müde, zog sich sein Shirt über seinen Kopf und legte sich neben sie. Seine Gose ließ er anstandshalber an.
Und zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, ob Festhalten wirklich der einzige Weg war. Und ob er ihr nicht mehr Freiheiten geben sollte und anfangen zu vertrauen. Ihr zu vertrauen.

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