Kapitel 11

Die Dunkelheit kam brutal.
Erst war alles grellweiß – dann verschluckte die Schwärze alles.
Sie riss Skye mit sich.
Der Traum begann harmlos, fast tröstlich. Sie war in der Hütte. Ihrer Hütte. Der kleinen, niedrigen Holzhütte in den Bergen. Der Geruch von Rauch und Kräutern hing in der Luft. Ihre Mutter bewegte sich am Tisch, summte leise, während Skye ihr half, getrocknete Pflanzen zu sortieren. Es fühlte sich richtig an. Sicher.
Dann begann es zu schneien.
Nicht draußen. In der Hütte.
Große, schwere Flocken fielen durch das Dach, legten sich lautlos auf den Boden, erstickten jedes Geräusch. Skye hielt inne. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Der Schnee fiel dichter, bis Wände, Möbel, ihre Mutter – alles unter Weiß begraben war.
Und dann war die Hütte verschwunden.
Die Berge lagen vor ihr, gewaltig und kalt, wie schlafende Riesen. Die Luft brannte in ihren Lungen, aber sie fror nicht. Im Gegenteil. Ihr war unnatürlich warm. Falsch.
Cain war da.
Klein. Viel zu klein. Seine Hand lag in ihrer, eiskalt. Seine Finger waren steif, als hätten sie das Zittern längst aufgegeben. Er sagte nichts. Nie. In keinem dieser Träume. Er sah sie nur an mit diesen großen, viel zu ernsten Augen.
„Bleib bei mir“, flüsterte Skye.
Ihre Stimme klang fremd, verzerrt, als käme sie aus weiter Ferne.
Sie bewegten sich durch den Schnee. Jeder Schritt war schwer, als würde der Boden sie festhalten wollen. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Stein. Hinter ihnen war nichts – und doch wusste sie, dass sie nicht allein waren.
Etwas wartete.
Etwas jagte.
Dann spürte sie es.
Magie.
Nicht ihre.
Dunkel. Schwer. Faulig. Wie ein Gestank, der sich unter die Haut fraß und dort blieb. Panik schoss durch sie. Sie wollte Cain hochheben, ihn tragen, fliehen – doch ihre Arme waren plötzlich leer.
„Cain?“
Ihre Stimme überschlug sich.
Er stand ein paar Schritte entfernt. Starr. Reglos.
„Cain!“, schrie sie.
Die Welt flackerte.
Und dann waren sie wieder da.
Ihre Eltern.
Ihre Mutter kniete vor ihr, die Hände an Skyes Gesicht. Warm. Vertraut. Ihre Augen glänzten – viel zu feucht. Ihr Vater stand hinter ihr, aufrecht, ruhig. Diese schreckliche Ruhe, die Skye früher bewundert hatte. Jetzt hasste sie sie.




„Ihr bleibt hier“, sagte ihre Mutter. Genau wie damals. Wort für Wort.
„Egal, was ihr hört. Egal, wie lange es dauert. Ihr kommt nicht heraus.“
„Mama, bitte“, flehte Skye. „Nimm uns mit. Ich kann helfen. Ich—“
Worte, die sie damals nicht gesagt hatte. Worte, die sie hätte sagen müssen.
„Du bist stark“, unterbrach ihre Mutter sie sanft. „Stärker, als du glaubst.“
Der Traum verzerrte sich.
Das Gesicht ihrer Mutter begann zu flackern, sich zu verziehen. Es riss auseinander, als würde etwas Unsichtbares daran ziehen. Blut lief ihr aus den Augenwinkeln.
„Beschütze deinen Bruder“, sagte sie noch.
Dann waren sie weg.
Die Geräusche kamen zurück.
Schreie hallten durch die Berge. Ihre Schreie. Magie zerriss die Luft, ließ den Boden vibrieren. Skye presste Cain an sich, hielt ihm die Ohren zu, während sein Körper zitterte. Sie wollte schreien, kämpfen, etwas tun – doch ihr Körper gehorchte nicht.
Sie waren gefangen.
Und dann kam die Stille.
Diese schreckliche, absolute Stille.
Skye wartete. Zählte ihre Atemzüge. Eins. Zwei. Drei. Cain weinte lautlos an ihrer Schulter. Minuten vergingen. Oder Stunden. Zeit existierte nicht mehr.
„Sie kommen gleich zurück“, flüsterte Skye immer wieder. „Gleich.“
Aber sie wusste es längst.
Im Traum wie damals.
Sie würden nicht zurückkommen.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Brust. Die Welt begann zu zerfallen. Der Schnee wurde schwarz. Die Berge kippten. Cain rutschte ihr aus den Armen und fiel – fiel endlos in die Dunkelheit.
„NEIN!“
Skye schrie.
Ihr Körper riss sich aus dem Traum.
Sie fuhr hoch, keuchend, schweißnass. Ihr Atem ging viel zu schnell. Ihre Finger krallten sich in das Bettlaken, als würde sie noch immer versuchen, jemanden festzuhalten.
„Skye.“
Die Stimme war real.
Asher.
Ihre Augen suchten panisch den Raum ab, als würde sie noch immer Schnee und Blut sehen.
„Skye, hör mich an.“ Seine Hände lagen an ihren Schultern. Fest. Warm. Wirklich.
Ein erstickter Laut entwich ihr, dann brach es aus ihr heraus. Schluchzen, roh und unkontrolliert. Ihr ganzer Körper zitterte, als hätte der Traum sie aufgerissen.
„Sie sind nicht zurückgekommen“, brachte sie hervor. „Ich wusste es. Ich wusste es.“
Asher sagte nichts. Er zog sie einfach an sich, hielt sie fest, als könnte er sie zusammenhalten.




„Du bist hier“, murmelte er. „Du bist jetzt hier. Ich habe dich.“
Sie vergrub das Gesicht an seiner Brust, klammerte sich an ihn, als wäre er der einzige feste Punkt in einer Welt, die immer wieder zerbrach.
Eine Weile sagte er nichts. Er hielt sie einfach fest, bis ihr Atem ruhiger wurde.
Dann fragte er leise, direkt:
„Was war das, Skye?“
Sie wollte sich wegdrehen. Asher ließ es nicht zu.
„Rede mit mir.“
„Ich will nicht.“
„Wir werden lange miteinander auskommen“, sagte er ruhig. „Irgendwann musst du mit mir reden.“
„Warum?“ Ihre Stimme war brüchig. „Ich kenne euch kaum. Warum muss ich überhaupt in deinem Zimmer bleiben? Ich will zu meinem Bruder.“
„Du weißt es nicht?“
„Was weiß ich?“
„Du weißt, dass ich ein Werwolf bin, richtig?“
Sie nickte stumm.
„Was weißt du noch über uns?“
„Nicht viel“, flüsterte sie. „Ich musste mich kaum mit anderen Wesen befassen.“
Asher nickte langsam. Er wollte etwas sagen – man sah es ihm an –, aber er schluckte die Worte hinunter.
Nach einer Weile fragte Skye leise:
„Wann werdet ihr uns bestrafen?“
Asher erstarrte.
„Unsere Luna hat ein gutes Wort für euch eingelegt“, sagte er schließlich.
„Warum sind wir dann noch hier?“
„Möchtest du so schnell wieder gehen?“
„Ich möchte einfach nicht gefangen sein“, murmelte sie.
„Ich kann euch nicht gehen lassen.“
Sie hob den Kopf. Ihre Augen brannten.
„Warum nicht?“
Sie bestand auf eine Antwort.
Und Asher wusste, dass er ihr diese Antwort irgendwann würde geben müssen.

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