Kapitel 12

Asher spürte es, noch bevor sie einen Laut von sich gab.
Das Zittern kam schleichend, wie eine Welle unter der Haut. Erst spannte sich ihr Rücken an, dann ihre Schultern, schließlich ihr ganzer Körper, als würde der Albtraum sie erneut packen wollen. Jeder Muskel war hart wie Draht, bereit zu fliehen, obwohl es keinen Ort mehr gab, an den sie hätte laufen können.
Ihr Atem ging flach, unruhig. Ihre Finger krallten sich in das Laken, als wäre es das Einzige, was sie noch an der Wirklichkeit hielt.
Asher handelte instinktiv.
Er zog sie enger an sich, ohne zu zögern. Ein Arm schloss sich fest um ihre Schultern, der andere legte sich an ihren Rücken, genau dort, wo das Zittern am stärksten war. Er presste sie an seine Brust, schuf Nähe, Wärme, Halt.
„Skye“, sagte er leise, dicht an ihrem Ohr. Seine Stimme war ruhig, tief. „Bleib bei mir.“
Zuerst reagierte sie nicht.
Dann – ganz langsam – stolperte ihr Atem. Er stockte, blieb einen Moment stehen, als hätte ihr Körper vergessen, wie man Luft holte. Erst danach setzte er wieder ein. Tiefer. Unregelmäßig, aber weniger panisch.
Asher hielt sie fester. Nicht erdrückend, sondern beständig. Er wusste, dass sie seinen Herzschlag hören konnte. Er ließ ihn ruhig bleiben, gleichmäßig, damit ihr Körper sich daran orientieren konnte.
„Du bist hier“, murmelte er. „Es ist vorbei. Niemand jagt dich gerade.“
Ihr Griff in seinem Shirt lockerte sich ein wenig.
Ein winziger Sieg.
Dann riss sie mit einem erstickten Schrei vollständig in die Realität zurück.
Ihr Körper zuckte, ihr Atem wurde wieder schneller, und als sie sprach, war ihre Stimme rau, heiser vom Weinen, vom Schreien, vom Erinnern.
Ihre Fragen trafen Asher unerwartet.
Nicht wegen dessen, was sie fragte – sondern warum.
Er hatte Angst erwartet. Hass. Misstrauen. Ablehnung. Das alles hatte er aus ihrem Verhalten herausgelesen.
Nicht diese fast schmerzhafte Ahnungslosigkeit.
Als sie sagte, dass sie kaum etwas über die übernatürliche Welt wusste, zog sich etwas in ihm zusammen. Er hatte angenommen, sie wüsste Bescheid. Über Rudel. Über Gefährten. Über den Sog. Über das, was sie beide verband.
Doch sie war nicht unwissend aus Arroganz oder weil sie nicht wollte.




Sie war unwissend, weil sie nie eine Wahl gehabt hatte.
Asher schwieg länger, als nötig gewesen wäre. Sammelte sich. Dachte nach.
Er erinnerte sich an seinen Zorn, als sie verschwunden war. An die Wut, an die Enttäuschung. An den bitteren Gedanken, sie hätte ihn absichtlich ignoriert. Sich entzogen. Die Verschleierung benutzt, um ihn fernzuhalten. Tief im Inneren war dies die Wahrheit gewesen die er sich selbst nicht eingestehen wollte.
Jetzt begriff er, wie falsch das gewesen war.
Sie war nicht geflohen, weil sie ihn gespürt hatte – sondern weil sie nichts gespürt hatte. Kein Sog. Keine Erklärung. Nur Gefahr.
Er wollte es ihr sagen. Wollte erklären, was sie war. Was er war. Was sie verband. Was sie für einander war und sein konnten, wenn sie ihn ließ.
Doch er hielt den Mund.
Nicht jetzt. Noch nicht. Es war noch zu früh. Meldete sich sein inneres Tier. Er könnte sie von sich überzeugen, ihr Beweisen das er sie beschützte und nun vor irgendjemanden oder irgendwas sicher war. Und das die beiden Geschwister gejagt wurden, stand nach heute Nacht außer Frage.
Er war noch in seinen Gedanken, überlegte wie er sich am besten umworben könnte, damit sie vom Anfang starten könnte, doch dann bemerkte er, wie sie sich bewegte.
Vorsichtig. Zögerlich.
Skye zog den Kopf ein Stück zurück, gerade genug, um ihn anzusehen. Ihr Blick glitt über sein Gesicht, blieb an seinem Hals hängen, wanderte tiefer – und erstarrte.
„Warum…“, begann sie und brach ab. Ihre Stirn legte sich in Falten. „Warum liegst du neben mir?“
Asher blinzelte überrascht.
„Um dich warm zu halten“, antwortete er automatisch. „Du warst—“
Er folgte ihrem Blick.
Und verstand.
Kein Shirt. Keine Jacke. Nur nackte Haut und Muskeln.
Für ihn war es selbstverständlich gewesen. Instinktiv. Nähe. Hautkontakt. Wärme. Gefährten beruhigten einander so.
Doch für sie war es etwas völlig anderes.
„Du bist…“, setzte sie an, dann stockte sie. „Du bist obenrum nackt.“
Asher verzog leicht den Mund. „Offensichtlich.“
Ihr Blick wurde schmal. „Das ist nicht lustig.“
„Du hast es gebraucht“, entgegnete er ruhig.
Sie wollte widersprechen – doch dann bemerkten sie es beide.
Das Handtuch.
Es hatte sich gelockert. Durch ihr Zittern, durch die Bewegung, durch seine Arme um sie. Es war von ihrem Körper gerutscht.




Asher sah es. Sah sie. Sah alles was Luna ihm gegeben hatte.
Und Luna, er musste sich zusammenreißen. Sein Penis wurde bereits steif. Drückte gegen den engen Stoff seiner Hose. Er leckte sich unbewusst über die Lippen, sein Blick muss wölfisch ausgesehen haben, denn Skye erstarrte.
„Ich—“, begann sie hastig, griff nach dem Stoff, zog ihn über sich, klammerte ihn fest an ihre Brust. Ihre Wangen färbten sich dunkel vor Scham und Wut. „Warum hast du mich so hier—“
Asher wandte den Blick ab. Langsam. Bewusst und sinnlich. Sie sollte ruhig merken wie er auf sie reagiert.
„Du hast geduscht“, sagte er ruhig. „Du warst aufgelöst. Ich habe dich ins Bett gelegt und dich gewärmt.“
Sie funkelte ihn an. „Und dafür musstest du—“
„Haut auf Haut wärmt besser“, unterbrach er sie leise, aber bestimmt. „Du warst nicht ansprechbar.“
Ein Moment Stille.
Dann fügte er hinzu, mit einem Tonfall, der fast zu leicht war: „Ich habe kaum was gesehen.“ Eine komplette Lüge. Gerade eben hatte er alles gesehen.
Sie zog das Handtuch noch fester um sich.
„Du solltest trotzdem…“, begann sie.
Asher nickte. „Ich weiß.“
Er richtete sich langsam auf, schob sich ein Stück von ihr weg, ohne die Nähe ganz aufzugeben. Gab ihr Raum und ein wenig Kontrolle. Zumindest ließ er sie das glauben.
„Ich habe dir Kleidung mitgebracht.“, sagte er ruhig. „Oder—“ Sein Blick glitt kurz zu ihr zurück, über ihren nun bedeckten Laib. „Wir bleiben noch einen Moment so.“
Er sah ihre Unsicherheit. Ihr Ringen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hoffte er nicht auf Gehorsam.
Sondern darauf, dass sie sich freiwillig für das Bleiben entschied. Er sehnte dies herbei. Wenn sie so blieben führte vielleicht eines zum anderen und dann könnte er sie vielleicht mit seinen Fähigkeiten als Liebhaber überzeugen.

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