Kapitel 13

Skye wusste nicht, wann genau die Entscheidung gefallen war.
Vielleicht in dem Moment, als sie bemerkte, dass ihr Körper sich nicht mehr anspannte, obwohl er es eigentlich hätte tun müssen. Vielleicht, als die Bilder der schwarzen Hexen für einen einzigen Herzschlag leiser wurden. Oder vielleicht einfach, weil sie müde war.
Müde vom Fliehen.
Müde vom ständigen Wachsamsein.
Sie lag noch immer dicht bei Asher, spürte seine Wärme, seinen ruhigen Atem, den festen Halt seiner Arme. Zum ersten Mal seit Jahren erlaubte sie sich, nicht sofort an Fluchtwege zu denken. Nicht an Schutzzauber. Nicht an Verstecke.
Nur an Wärme.
An seine Wärme.
Nur für diesen Moment, sagte sie sich. Nur jetzt.
Doch ihr Verstand ließ sich nicht vollständig beruhigen. Ihr Blick glitt unwillkürlich zu ihrem Handgelenk. Zu dem Armreif.
Dem Artefakt.
Sie fragte sich, wie sie Asher dazu bringen könnte, es abzunehmen. Und ob sie überhaupt weit genug von diesem Hexenzirkel entfernt waren, um ihre Magie nicht sofort wieder spürbar zu machen. Ihr Licht war noch da, tief in ihr. Es glomm leise. Nur weil sie den Reif trug, bedeutete das nicht, dass ihre Magie verschwunden war – sie war lediglich blockiert.
Cain machte ihr weniger Sorgen. Magie erwachte erst ab vierzehn. Er war noch sicher.
Trotzdem…
Was, wenn sie sie doch fanden?
Der Gedanke ließ ihre Brust enger werden.
Dann bemerkte sie etwas anderes.
Ashers Finger.
Sie strichen langsam, beinahe gedankenverloren über ihren Arm. Erst zögerlich, dann sicherer. Über ihre Seite. Ihre Taille. Hinab zu ihren Hüften. Keine fordernde Berührung. Eher prüfend. Warm. Als würde er sich vergewissern, dass sie wirklich da war.
Ihr Atem stockte.
Reiß dich zusammen, dachte sie.
Doch ihr Körper hörte nicht auf sie.
Dieses wohlige Gefühl breitete sich wieder in ihr aus. Genau wie im Auto. Ein leiser Laut entwich ihr – kein Laut der Angst. Etwas anderes. Etwas Weiches. Ein kaum hörbares Stöhnen.
Und dann meldete sich ihr Magen.
Laut. Unüberhörbar.
Skye erstarrte.
Im selben Moment hielten Ashers Finger inne.
Einen Herzschlag lang war es still.
Dann verzog sich ein Mundwinkel von ihm. „Du hast Hunger“, murmelte er.
Sie sah schüchtern zu ihm auf und nickte. Er setzte sich leicht auf, ließ sie dabei aber nicht los. Seine Hand ruhte weiterhin an ihren Hüften. Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er auf dem Tablett hängen blieb.




„Ich hatte dir eigentlich etwas zu essen gebracht.“
Skye folgte seinem Blick.
Das Sandwich sah traurig aus. Das Brot war hart geworden, der Salat schlaff, die Tomate eindeutig nicht mehr frisch.
„Das lag da länger“, stellte sie trocken fest.
Asher brummte leise. „Seit gestern Abend. Ich wollte dich nicht wecken.“
Sie zögerte nur kurz. „Können wir… in die Küche? Für einen Mitternachtssnack?“
Sein Blick hellte sich sofort auf. „Endlich eine vernünftige Idee.“
Skye bestand darauf, sich allein anzuziehen. Widerwillig ließ Asher sie ins Bad gehen. Sie schnappte sich die geliehenen Sachen, zog sich langsam um, ihre Bewegungen noch vorsichtig, dann folgte sie ihm durch die stillen Flure des Rudelhauses.
Alles war ruhig. Gedämpft. Fast friedlich.
In der Küche machte er sich ohne viele Worte an die Arbeit. Routiniert. Sicher. Als hätte er das schon tausendmal getan. Skye setzte sich auf einen der Hocker und beobachtete ihn. Asher griff nach dem Messer und begann, das Brot aufzuschneiden. Das gleichmäßige Geräusch auf dem Holzbrett füllte die Stille.
„Wie lange bist du schon unterwegs?“, fragte er beiläufig, ohne aufzusehen.
Skye zuckte leicht mit den Schultern. „Lange genug.“
Er legte das Messer ab, warf ihr einen kurzen Blick zu. „Das ist keine befriedigende Antwort.“
„Doch“, entgegnete sie ruhig. „Nur keine, die dir gefällt.“
Ein kaum hörbares Schnauben. Er griff nach dem Salat. „Du bist dünn und eindeutig auf der Flucht.“
Sie sah auf ihre Hände. „Man gewöhnt sich an wenig Schlaf.“ sie wich seinen Fragen so gut es geht aus.
„Und an Hunger?“ Seine Stimme wurde schärfer.
„Man gewöhnt sich an vieles.“
Asher presste die Lippen zusammen, bestrich das Brot mit Soße. „Mit wem bist du aufgewachsen?“
„Mit Menschen, die jetzt nicht mehr da sind.“
Er hielt inne. Nur einen Moment. Dann arbeitete er weiter. „Und der Junge?“
„Cain gehört zu mir.“
„Das habe ich verstanden“, erwiderte er ruhig. „Ich will wissen, warum. Der Junge ist zehn Skye. Er braucht eine vernünftige Schulbildung. Freunde in seinem Alter, eine Intakte Familie um ordentlich aufzuwachen.“
Sie hob den Blick, sah ihn direkt an. Sagte aber nichts. Aber er sah wie sehr sie seine Worte trafen.
„Wer jagt euch?“, fragte er schließlich.




Skye schüttelte den Kopf. „Nicht heute.“
„Skye—“
„Nicht heute … bitte.“, wiederholte sie fester.
Er sah sie lange an, dann schob er ihr das fertige Sandwich hin. „Du bist anstrengend.“
Sie nahm es, biss hinein – und wow.
Skye seufzte leise vor Entzücken.
„Oh wow…“, murmelte sie mit vollem Mund. „Das ist richtig gut.“
„Natürlich ist es das“, erwiderte er trocken.
Sie kaute, schluckte und nahm gleich den nächsten Bissen. „Hat Cain auch etwas zu essen bekommen?“
Asher nickte geistesabwesend. „Ja. Er hat… nicht viel gesagt.“
Das überraschte sie nicht.
Sie nahm einen weiteren Bissen, leckte sich danach unbewusst über die Lippen – und spürte es sofort.
Seinen Blick.
Skye sah auf.
Asher starrte sie an. Nicht aggressiv. Nicht laut. Sein Blick war dunkler geworden. Intensiver. Als würde etwas in ihm arbeiten, das er nur mühsam im Zaum hielt.
„Was ist?“, fragte sie leise.
Er antwortete nicht.
Stattdessen trat er näher. Schob sich zwischen ihre Beine. Automatisch öffnete sie sie.
Seine Hand glitt fest in ihren Nacken. Bevor sie reagieren konnte, zog er sie an sich. Seine Lippen trafen ihre – heiß, plötzlich, brennend. Unerwartet. Kein vorsichtiges Abtasten. Ein Kuss, der ihr den Atem raubte und ihre Gedanken auslöschte.
Seine Zunge strich über ihre Lippen, fordernd, bis sie nachgaben. Dann trat er ein, tanzte mit ihr, nahm ihr jede Orientierung. Seine andere Hand umfasste ihre Taille, zog sie näher an den Rand des Hockers.
Er trug noch immer kein Shirt.
Ihre Hände glitten über seinen Oberkörper. Muskeln unter warmer Haut. Stärke. Spannung. Seide auf Stahl.
Und sie musste sich eingestehen, dass sie es liebte.
Als sich sein Mund von ihrem löste, wanderte er über ihr Kinn zu ihrem Hals. Dort hielt er inne, saugte an mehreren Stellen ihrer Haut. Skye stöhnte auf, leise, unkontrolliert. Sie bewegte ihre Hüften, suchte Nähe, wusste nicht einmal genau, was sie suchte – nur, dass sie mehr wollte.
Sie rieb sich an ihm.
Spürte die Härte unter seinem Stoff.
Instinktiv versuchte sie näher zu kommen. Asher versuchte sie mit einer Hand aufzuhalten, sie zum Stillstand zu zwingen.
Doch sie wollte nicht.
Sie wusste nicht, woher sie den Mut nahm, aber ihre Hand glitt über seinen Bauch, tiefer, zur Front seiner Jeans. Sie wollte wissen, was das war. Was sie da fühlte.




Sie versuchte, seine Hose zu öffnen.
Asher knurrte laut.
Doch bevor sie weitergehen konnte, räusperte sich jemand laut an der Tür.
„Tut mir leid, dass ich störe“, erklang eine männliche Stimme, „aber ich habe Geräusche gehört.“
Asher löste sich nur minimal von ihr, blieb dicht bei ihr stehen, sein Atem noch schwer.
„Verdammt, Kael“, knurrte er.
Skye wurde schlagartig bewusst, wie sie aussahen. Und wer sie gerade gestört hatte.
Gott.
Das war… peinlich.

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