Kapitel 15

Skye lag wach.
Nicht hellwach – eher in diesem schwebenden Zustand zwischen Schlaf und Gedanken, in dem sich alles wiederholte, was man eigentlich vergessen wollte. Oder nicht vergessen durfte. Ein Zustand, der sie nicht ganz in der Realität hielt, sondern irgendwo dazwischen, verschwommen und brüchig. Ihr Körper war müde, schwer, ausgelaugt – doch ihr Kopf kam nicht zur Ruhe.
Die Nähe von vorhin ließ sie nicht los.
Sie verstand nicht ganz, was da geschehen war. Ihr fehlten die Worte dafür. Die Erfahrung. Es gab nichts in ihrem bisherigen Leben, womit sie dieses Gefühl hätte vergleichen können. Es hatte sich einfach … gut angefühlt. Warm. Echt. Und zugleich beängstigend. Nicht, weil Asher ihr Angst gemacht hätte – sondern weil sie selbst nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte.
So viel Nähe hatte es in ihrem Leben nie gegeben. Nicht ohne Gegenleistung. Nicht ohne Hintergedanken. Nicht ohne den inneren Alarm, der sie zur Flucht trieb.
Unwillkürlich dachte sie an ihren Chef. An seine Hände. An den Moment, in dem er sie ungefragt angefasst hatte, grob und respektlos. An ihren Reflex, sich zu wehren. Ihn zu schlagen. Das hatte nichts mit dem zu tun, was sie mit Asher gespürt hatte. Überhaupt nichts.
Es war nicht so, dass Skye nicht gewusst hätte, dass Sex existierte. Aber sie hätte nie gedacht, dass Nähe sich so anfühlen konnte. So verwirrend. So intensiv.
Ein beunruhigender Gedanke schlich sich ein:
Waren sie deshalb noch hier? Weil Asher sie begehrte? Weil er etwas von ihr wollte, das sie ihm noch nicht gegeben hatte?
Und was würde passieren, wenn er es bekam?
Würde sie dann gehen müssen?
Sie drehte sich leicht auf die Seite, zog die Decke höher, versuchte, diesen Gedanken zu entkommen. Gerade als sie glaubte, vielleicht doch einzuschlafen, spürte sie es.
Die Tür.
Leise. Vorsichtig.
Skye hielt den Atem an, lauschte. Dann hörte sie die Schritte. Ruhig. Vertraut. Kein Bedrohungsgefühl. Stattdessen dieses Ziehen tief in ihrer Brust.
Asher.
Er sagte nichts, als er näherkam. Das Bett senkte sich leicht, als er sich hinter sie legte. Nicht aufdringlich. Nicht fordernd. Einfach da. Seine Wärme schloss sich um ihren Rücken, ein Arm legte sich locker um sie.




„Geht es dir besser?“, fragte er leise.
Seine Stimme war tief, aber weich. Ganz anders als zuvor.
Skye zögerte, dann nickte sie, auch wenn er es nicht sehen konnte.
„Ja … ein bisschen.“
„Wegen vorhin …“, murmelte er. „Es war kein Fehler.“
Sie schluckte. „Was willst du genau von mir?“
„Dass du hierbleibst“, antwortete er ohne Zögern. „Bei mir. Mit deinem Bruder.“
„Wie lange?“, murmelte sie schläfrig.
Seine Hand begann langsam über ihren Arm zu streichen. Auf und ab. Immer dieselbe Bewegung. Beruhigend. Gleichmäßig.
Skye schloss die Augen.
So fühlte sich also umsorgt werden an.
Nicht gebraucht werden. Nicht beschützt aus Pflicht. Sondern einfach gehalten.
Sie ließ es zu. Und ehe sie es verhindern konnte, glitt sie wieder in den Schlaf – diesmal ohne Schnee, ohne Schreie, ohne Dunkelheit.
Als sie wieder aufwachte, war es hell.
Nicht grell, sondern freundlich. Sonnenlicht fiel durch die dicken Vorhänge. Asher lag noch hinter ihr, wach, sein Blick ruhig auf sie gerichtet.
„Du bist zurück“, sagte er leise.
Skye blinzelte. „Ich war weg?“
„Ein bisschen“, antwortete er. „Der Schlaf hat dich mir geraubt.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht, dann lächelte er schwach. „Möchtest du zu deinem Bruder?“
Sie richtete sich sofort auf. „Ja! Wirklich?“
Er nickte. „Er wird sich freuen, dich zu sehen.“
Die Erleichterung war so groß, dass sie beinahe geweint hätte.
Skye zog sich neue Sachen an, bereit zum Aufbruch. Asher lächelte flüchtig und führte sie in ein anderes Zimmer.
Cain sprang auf, kaum dass sie eintraten.
„Skye!“
Sie kniete sich sofort hin und schloss ihn fest in die Arme.
„Ich bin da. Es ist alles gut.“
„Du bist endlich hier“, sagte er und klang, als müsse er es überprüfen.
„Ich war nie weg“, murmelte sie und strich ihm durchs Haar. „Ich bin immer bei dir.“
Asher blieb einen Moment in der Tür stehen.
„Ich lasse euch allein“, sagte er dann. „Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern. Ich hole euch später ab.“
Er ging, ohne ein weiteres Wort.
Cain sah ihm nach. „Wo warst du?“
Skye lächelte leicht. „In einem anderen Zimmer.“
Sie sagte nicht mehr. Wollte nicht erklären, wo sie geschlafen hatte – oder bei wem. Das wäre ihr unangenehm gewesen. Und Cain hätte Fragen gestellt, auf die sie selbst keine Antworten hatte.




Stattdessen erzählte sie ihm von den letzten Tagen. Dass sie alles getan hatte, um ihn zu schützen. Dass sie sicher waren. Zumindest fürs Erste.
„Glaubst du, die Wölfe werden uns wehtun?“, fragte Cain schließlich leise.
Skye schüttelte den Kopf.
„Das glaube ich nicht mehr.“
Nicht nach allem, was zwischen ihr und Asher geschehen war.
Später öffnete sich die Tür erneut.
„Da seid ihr ja“, sagte eine freundliche Stimme.
Eine Frau trat ein. Livia.
Sie musterte kurz den Raum, dann die Geschwister.
„Dieser Asher ist wirklich ein Sturkopf“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihnen.
Dann hob sie den Kopf. „Ich habe entschieden, dass ihr jetzt etwas Ordentliches esst.“
Skye blinzelte. „Asher—“
„Ist unterwegs“, unterbrach Livia. „In der Firma. Er delegiert zwar viel, aber gewisse Dinge übernimmt er lieber selbst.“
„Aber?“, fragte Skye vorsichtig.
„Er braucht Ablenkung“, antwortete Livia ehrlich. „Und neue Praktikanten.“
Cain grinste. „Ein Perfektionist also?“
„Durch und durch“, bestätigte Livia.
Im Speisesaal saßen mehrere Rudelmitglieder. Gespräche verstummten, als sie eintraten, doch niemand sagte etwas. Livia führte sie zu zwei freien Stühlen.
Der Auflauf duftete köstlich. Skye aß langsam, genoss jeden Bissen. Cain hingegen verschlang sein Essen.
„Ihr bekommt das nicht oft, oder?“, fragte Livia sanft.
Skye schüttelte den Kopf. „Meistens nur das, was gerade da ist.“
„Dann richte ich der Köchin ein Kompliment aus“, sagte Livia lächelnd. „Sie ist eine Omega. Sie kocht mit Herz.“
Skye nickte – und bemerkte Cain.
Er stand am Fenster, beobachtete eine Gruppe Kinder draußen. Lachen drang gedämpft herein.
Skyes Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
„Cain“, sagte sie leise. „Möchtest du vielleicht fragen, ob du mitspielen darfst?“
Er zögerte, sah zu Livia.
Livia lächelte ermutigend. „Geh ruhig. Sie beißen nicht.“
Cain holte tief Luft – und ging los.
Skye sah ihm nach.
Dann bemerkte sie die Blicke um sich herum.
„Konzentrier dich auf mich“, sagte Livia leise. „Die anderen sind euch nur nicht gewohnt. Aber das ändert sich.“
Skye schluckte. „Wie lange werden wir bleiben? Asher weicht der Frage aus.“
Livia sah sie aufmerksam an. „Du fühlst dich zu ihm hingezogen, richtig?“




Skye nickte.
„Warum glaubst du dann, dass das nur vorübergehend ist?“
Skye senkte den Blick. „Weil ich dir wehgetan habe.“
Livia schüttelte den Kopf. „Nein. Du hast mich nicht verletzt. Du hast mich gerettet.“
Und zum ersten Mal seit langer Zeit glaubte Skye, dass das stimmen könnte.

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