Kapitel 16
Sobald die Tür hinter Seraphina ins Schloss fiel, verspürte Cade das dringende Bedürfnis, seinen Kopf auf den Tisch zu schlagen.
Nur einmal.
Vielleicht zweimal.
Seraphina Calder war ein strategischer Sturm aus Parfum, Erwartungen und politischer Familienplanung — und sie sprach, als hätte sie ein internes Mikrofon, das nie ausgeschaltet wurde.
„…also wirst du verstehen müssen, dass mein Vater gewisse Erwartungen hat, Cade,“ hatte sie gesagt, während sie vor seinem Schreibtisch stand wie eine Anwältin, die ein Urteil vortrug, das bereits feststand.
Cade hatte sie regungslos angesehen.
„Ich verstehe, dass dein Vater viel erwartet,“ hatte er geantwortet. „Und dass du ebenfalls viel erwartest. Etwas, das ich dir nicht geben werde.“
Seraphina hatte keine Miene verzogen. Profi-Level Neutralität.
„Das ist kein persönliches Thema,“ hatte sie erklärt, mit einem sachlichen, fast klinischen Unterton. „Es geht um Firmen, Fusionen, Aktienpakete, Diversifizierung. Die Branche verändert sich, und ein Zusammenschluss würde—“
„—nützlich sein,“ hatte Cade trocken unterbrochen. „Das sagen alle, die etwas verkaufen wollen. Und ich habe euch bereits meinen Zusammenschluss gesichert. Nur eben nicht auf einer persönlichen Ebene.“
Ein kaum hörbarer Seufzer war über Seraphinas Lippen gekommen. „Du bist schwierig.“
„Ich bin beschäftigt.“
Sie hatte das ignoriert.
„Was ich sagen möchte,“ fuhr sie fort, „ist, dass eine Verbindung zwischen Calder Industries und NovaTech sinnvoll wäre. Für uns beide. Für die Zukunft.“
„Für deinen Vater,“ korrigierte Cade. „Und für seinen Aufsichtsrat.“
Seraphina hatte zweimal geblinzelt — ein winziger Riss in ihrer Maske. Sie hasste es, wenn jemand ihre Schwächen kannte. Und Cade kannte sie gut.
„Du weißt, dass er eine Heirat nicht mehr voraussetzt,“ sagte sie schließlich, bemüht sachlich.
„Er impliziert sie,“ erwiderte Cade.
„Implizieren ist kein vertraglicher Begriff.“
„Doch,“ sagte Cade ruhig, „in der Politik schon.“
Seraphina verschränkte die Arme. „Ich bin nicht hier, um über Ehe zu sprechen.“
Er hatte eine Braue gehoben. „Du hast sie gerade ins Gespräch gebracht.“
Ein hörbares Einatmen durch die Nase. Gereizt.
„Ich möchte Klarheit.“
„Gut,“ hatte Cade erwidert. „Hier ist sie: Ich bin nicht verfügbar. Nicht geschäftlich, nicht politisch und schon gar nicht privat.“
Seraphinas Augen hatten sich schmaler gezogen. Nicht verletzt — analytisch.
„Deine ‚nicht verfügbare‘ Phase dauert nun fast drei Jahre,“ sagte sie ruhig. „Vielleicht solltest du irgendwann neu verhandeln.“
„Ich habe bereits verhandelt,“ hatte Cade gesagt. Und zum ersten Mal hatte sich ein Unterton eingeschlichen, den Seraphina sofort erkannt hatte.
Besitz.
„Das hast du bereits erwähnt,“ sagte sie langsam. „Und trotzdem kannst du das nicht ernst meinen.“ In ihrer Stimme lag ein kaum verhohlener Stich Eifersucht.
„Das geht Calder Industries nichts an,“ erwiderte Cade kalt.
Seraphina hatte innegehalten. Zu klug, um weiter zu drücken. Zu stolz, um zu zeigen, dass es sie störte.
Sie hatte einen Schluck Wasser genommen, das Glas präzise abgesetzt und gesagt:
„Wir sprechen später erneut.“
„Nein,“ hatte Cade geantwortet. „Wir sprechen, wenn es geschäftlich notwendig ist. Nicht darüber hinaus.“
Sie hatte mechanisch genickt, die Tasche aufgenommen und war zur Tür gegangen.
„Dann wünsche ich dir einen produktiven Tag, Cade.“
„Dir ebenfalls.“
Sobald die Tür sich geschlossen hatte, kam Stille — und dann Ehrlichkeit:
Genervtheit.
Nicht wegen Seraphinas Schönheit, Intelligenz oder Abstammung. Sondern wegen des politischen Schachspiels, das sie gewohnt war zu gewinnen.
Cade stützte die Hände auf die Tischkante und atmete tief durch.
„Heiraten für Aktien und Rudelzusammenführung,“ murmelte er. „Was für ein veralteter Mist.“
Er setzte sich, nahm einen Schluck Kaffee, bemerkte, dass er kalt war, und stellte ihn wieder ab.
Seine Gedanken wanderten unweigerlich zu einer Person.
Belle.
Kleinere Schuhe. Größere Klappe. Keine Diplomatie, kein Vorteil, kein kalkulierter Charme.
Nur roher Verstand, Sarkasmus und eine Wut, die man fast anfassen konnte.
Belle war das exakte Gegenteil von Seraphina — und genau deswegen wollte er sie. Nicht nur wegen des Gefährtenbandes. Sondern wegen ihrer Art. Sie faszinierte ihn. Sie reizte ihn. Sie erregte ihn.
Belle war ungebremste Wahrheit.
Und genau in diesem Moment ging die Tür auf.
Belle stand im Rahmen.
Kein Klopfen. Kein „Darf ich?“
Sie trat einfach ein.
Ihr Kiefer war angespannt, die Augen funkelten — nicht verletzt, sondern wütend.
Eifersucht stand ihr nicht ins Gesicht geschrieben, aber Cade konnte sie riechen wie Parfum in der Luft.
Und verdammt — es gefiel ihm.
Und es machte ihn an.
Sie schloss die Tür hinter sich, verschränkte die Arme und sah ihn an, als wäre er gerade als Sonderangebot über den Tresen gelaufen.
Cade dachte:
Da ist es.
Keine Angst.
Keine Unsicherheit.
Keine Unterwürfigkeit.
Anspruch.
In ihrem Blick lag deutlich der unausgesprochene Satz:
Wer war das — und warum war ich nicht eingeweiht?
Sein Wolf spannte sich an, nicht um zu kämpfen — sondern um zu beanspruchen.
Sie war seine Gefährtin.
Ihr Instinkt reagierte auf eine andere Frau — und Cade fand nichts, wirklich absolut nichts reizvoller.
Er lehnte sich zurück und dachte:
Wenn Eifersucht so aussieht, darf Seraphina gern täglich vorbeikommen.
Belle hob das Kinn. „Wir müssen reden.“
Cade lächelte innerlich.
Oh ja. Das würden sie.
„Setz dich,“ sagte er ruhig.
Belle rührte sich nicht.
„Ich kann auch stehen,“ entgegnete sie scharf.
Er zuckte kaum merklich mit der Schulter. „Dann steh.“
Sie verengte die Augen, kam aber näher — bis direkt vor seinen Schreibtisch.
„Wer war das?“ fragte sie.
Keine Umschweife. Keine Taktik. Sie ging frontal rein — ein Zug, den Cade bei Anwälten schätzte, solange er ihn beruflich begegnete. Bei Gefährtinnen war es… überragend.
„Seraphina Calder,“ antwortete er sachlich.
„Und was wollte sie?“ Belle sprach gefährlich leise.
„Über das Geschäft reden.“
„Geschäft mit Körperkontakt?“ zischte sie.
Cade hob eine Braue. „Ich habe sie nicht berührt.“
„Sie hat aber so geguckt, als hätte sie es vor.“
Er musste lächeln. Nicht aus Spott — aus purer, ehrlicher Begeisterung.
„Sie hatte vor, nebulöse politische Vorteile zu verhandeln,“ sagte er. „Und nutzt dafür alles, was sie hat.“
„Und du?“
„Ich nutze, was ich habe,“ erwiderte er ruhig. „Meinen Verstand. Mehr nicht.“
Belle verschränkte die Arme enger. „Sie hat sich gerade da draußen sehr vertraut mit dir gegeben.“
Er hob nur eine Braue.
„Und du hast dazu nichts zu sagen?“
„Doch,“ erwiderte Cade. „Hatte ich. Nur du hast es nicht gehört.“
Belle öffnete den Mund, schloss ihn wieder und blinzelte.
„Was hast du gesagt?“
„Dass ich nicht verfügbar bin.“
Belle hielt seinem Blick stand. Und da war er — der Moment, der ihm lieber war als jeder Vertrag, jede Fusion, jede politische Allianz:
Sie war verletzt, wütend, eifersüchtig und stolz — alles gleichzeitig.
Er stand auf, langsam, umrundete den Tisch und blieb vor ihr stehen.
„Du riechst nach Ärger,“ sagte er ruhig. Legte seine Stirn an ihre und lehnte sich nahe an sie heran. Bis sie sich weiter zurücklehenen musste, sodass sie halb auf dem Schreibtisch lag.
„Und du nach… Problemen,“ fauchte sie zurück. Versuchte sich aus dieser Position zu befreien.
Seine Lippen zuckten. „Du bist eifersüchtig.“
„Bin ich nicht,“ korrigierte sie.
„Nein,“ sagte er. „Natürlich nicht.“ Cade schloss die Augen und atmetete ihren berauschenden Duft ein. Dann öffnete er sie wieder. Zog seinen Kopf zurück und schaute sie an. Belle musste den Hunger in ihnen erkannt haben.
Denn sie zog scharf die Luft ein, wandte den Blick ab — ein Geständnis ohne Worte. Ein Geständnis das sie ihn auch begehrte.
Und Cade dachte:
Das hier wird Spaß machen.
Mit einer Hand umfasste Cade ihr Kinn, drehte ihr Gesicht zurück zu sich und hielt ihren Blick fest. Einen Atemzug lang studierte er ihre Miene, dann senkte er den Mund auf ihren.
Der Kuss war alles andere als vorsichtig. Fordernd, besitzergreifend – ein lautloser Anspruch. Und Belle erwiderte ihn ohne Zögern. Seine Hände glitten an ihre Hüften, hoben sie mühelos hoch und setzten sie auf die Tischkante, wo sie unmittelbar vor ihm saß. Er trat zwischen ihre gespreizten Schenkel, zog sie näher zu sich und presste sich an sie, hart, entschlossen, unmissverständlich.
Er konnte ihren Atem hören, ihren Puls spüren – und er roch ihre Erregung, warm und unwiderstehlich. Ein dunkles, gefährliches Vergnügen flackerte in seinen Augen, und Belle stand ihm in nichts nach. Ihre Finger verfingen sich in seinem Haar, hielten ihn an Ort und Stelle, als wolle sie verhindern, dass dieser Moment überhaupt enden konnte.
Es hätte ewig so weitergehen können, hätte nicht irgendwann die Vernunft eingesetzt. Schwer atmend löste Cade schließlich den Kuss, als hätte es ihn Kraft gekostet. Er senkte den Kopf und legte die Stirn in die weiche Mulde zwischen ihrem Hals und ihrer Schulter – genau jene Stelle, an der er sie eines Tages markieren würde.
Aber nicht hier. Nicht jetzt. Nicht so.
Er würde sie in einem Bett haben, wenn sie sich vereinten. Und er wusste mit absoluter Gewissheit: Es würde das eindrucksvollste Erlebnis seines langen Lebens werden.







































Kommentare