Kapitel 15
Belle hatte nicht erwartet, dass ein Konzerngebäude wie ein stiller Tempel wirkte. NovaTech ragte aus Glas und Stahl in den winterlichen Himmel, elegant wie eine Skulptur, ohne protzige Logos. Jeder Schritt durch die Lobby klang gedämpft auf poliertem Stein, während Mitarbeiter in Maßanzügen oder Cardigans an ihr vorbeiströmten wie konzentrierte Ameisenkolonnen.
Cade war an diesem Morgen kaum zu übersehen: dunkler Mantel, knappe Anweisungen, als wäre er ein Sturm in menschlicher Form. Niemand schien sich über seine Präsenz zu wundern — eher im Gegenteil. Es war normal, dass alle automatisch langsamer wurden, wenn er vorbeiging.
Belle hatte sich für etwas Schlichtes entschieden: dunkelblaue Stoffhose, cremefarbene Bluse, Zopf. Nicht, weil sie sich anpassen wollte — sondern, weil sie wusste, dass Kleidung in einem Büro genauso viel sagte wie Worte.
„Deine Abteilung ist im vierten Stock,“ erklärte Cade im Aufzug. „Recht & Compliance. Du wirst Merle und David unterstützen. Du bekommst zunächst Projekte, die nicht sensibel sind — Vertragsprüfungen, AGB-Analysen, Dokumentationsarbeit.“
Belle nickte. „Also Kaffee und Fußnoten sammeln.“
Ein winziger Zug an seiner Mundwinkel deutete ein Lächeln an. „Merle trinkt keinen Kaffee und David verwechselt Fußnoten mit Kopfnoten.“
„Das klingt unglaublich vertrauenerweckend.“
Der Aufzug glitt auf, und Belle betrat eine offene Bürofläche voller Glaswände, Pflanzen und leise summender Elektronik. Es sah teuer, modern, durchdacht aus — aber nicht prahlerisch. Menschen arbeiteten konzentriert an Bildschirmen, redeten gedämpft, räumten ihre Kaffeetassen selbst weg. Das sah Angenehm aus.
Merle war Mitte vierzig, mit blond zusammengebunden Haaren, einer randlose Brille, die Stimme einer Frau, die schon zu viele Verträge gelesen hatte.
„Du musst Belle sein,“ sagte sie, ohne aufzustehen. „Willkommen in der juristischen Hölle. Abteilung ‚Recht, Compliance und Schadensbegrenzung‘. Ich bin Merle, das ist David.“
David winkte von seinem Schreibtisch aus — etwa Ende zwanzig, freundlich, leicht überfordert wirkend.
Belle setzte sich an den freien Arbeitsplatz, der bereits vorbereitet war: Laptop, Headset, Ordner, Post-its und ein Kärtchen:
Belle Harper — Junior Consultant.
Das fühlte sich seltsam gut an.
Merle legte ihr direkt drei Ordner hin.
„Erste Aufgabe: Lies, sortiere, markiere Änderungsbedarf. Das hier sind Lieferantenverträge. Nichts Kleines — aber ungefährlich. Keine Bombe, die uns juristisch um die Ohren fliegt.“
Belle nickte, blätterte, las. Und schon nach zehn Minuten atmete sie durch die Nase aus:
Das war keine Anfängerarbeit. Das war echte Substanz.
„Diese Klauseln sind rechtswidrig,“ sagte sie nach zwanzig Minuten und zeigte auf eine Seite.
Merle schaute rüber. „Welche?“
„Die hier — unwirksame Haftungsausschlüsse, außerdem formal unbestimmt. Und — oh wow — das da ist sogar sittenwidrig.“
Merle blinzelte. „Wer hat das geprüft?“
David räusperte sich. „Äh… ich?“
Belle schüttelte den Kopf. „Das ist nicht dein Fehler. Das ist schlechte Vorlage. Wer immer die geschrieben hat, hat seit zwanzig Jahren kein Gesetzbuch mehr aufgeschlagen.“
Merle setzte langsam die Brille ab, betrachtete Belle schweigend — und lächelte dann.
Nicht warm, aber zufrieden.
„Gut. Du bleibst.“
So verlief der Vormittag. Belle tauchte in Verträge ein, merkte nicht einmal, dass sie vergessen hatte, über Flucht, Gefangenschaft oder Cade nachzudenken. Recht war immer ihr Werkzeug gewesen — und jetzt war es wieder da.
Gegen Mittag tauchte Cade auf, ohne Vorwarnung. Er hielt ein Tablett mit Kaffee und zwei Sandwiches.
„Pausenzeit,“ sagte er.
Belle runzelte die Stirn. „Ich arbeite.“
„Ohne Pause wirst du schlechter arbeiten.“
„Du bist nicht mein Ernährungspartner.“
„Nein,“ sagte er ruhig. „Ich bin dein Chef.“ Dann beugte er leicht zu ihr, so dass nur sie ihn hören konnte.
„Und meine Gefährtin.“
Merle hob eine Augenbraue. Sagte aber nichts weiter.
David schaute sie auch nur wortlos an.
Cade stellte das Tablett vor ihr ab. „Komm.“
Belle folgte ihm in einen kleinen Besprechungsraum mit Glaswand, setzte sich ihm gegenüber.
„Du machst Eindruck,“ sagte er.
„Ich lese Verträge,“ korrigierte sie.
„Die meisten Menschen lesen Verträge und verstehen sie nicht. Du tust beides.“
Belle biss in ihr Sandwich, um sich einen Kommentar zu verkneifen.
Nach der Pause ging es weiter — bis gegen 14 Uhr die Atmosphäre im Büro abrupt kippte.
Es begann damit, dass drei Mitarbeiter tuschelnd zur Glasfront schielten. Dann flogen zwei Assistenten an Belle vorbei, einer mit Tablet, einer mit einer Designerhandtasche.
Belle sah hinaus — und dann sah sie jemanden hereinkommen.
Die Art Frau, die ein Raumklima veränderte.
Elegante dunkle Haare, makelloses Business-Kostüm, Absätze, die auf dem Boden klickten wie Ansagen.
Und ein Lächeln, das höflich begann und tödlich enden konnte.
Sie steuerte direkt auf Cadens Büro zu — als gehöre es ihr.
Merle flüsterte neben Belle: „Oh. Die Diplomatin.“
„Wer?“ fragte Belle leise.
„Seraphina Calder. Tochter einer anderen Unternehmensfamilie. Gerüchte sagen, ihre Familien wollen fusionieren.“
Merle zögerte, dann: „Politisch, geschäftlich — du weißt schon.“
Belle nickte langsam.
Geschäftliche Familienstrukturen bedeuteten Macht. Fusionen bedeuteten Bindungen. Und Belle verstand die Tragweite.
Seraphina Calder verschwand hinter Cades Bürotür, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Die Glastür fiel weich ins Schloss. Kein Geräusch, kein Echo.
Aber Belle hörte trotzdem etwas — nicht wörtlich, sondern als Gefühl, das sich wie eine kalte Hand um ihren Hals schloss.
Sie zwang sich, nicht die Bürotür anzustarren. Stattdessen wählte sie eine Aktion, die deutlich gefährlicher war:
Sie tat so, als arbeite sie.
Augen auf Verträge, Hände auf der Tastatur.
Doch nach zwei Minuten hatte sie denselben Absatz fünfmal gelesen, ohne ein Wort zu verstehen.
Noch fünf Minuten.
Noch fünf Minuten und sie würde es abhaken.
Geschäftlich. Strukturiert. Abkühlend.
Nach acht Minuten rieb sie sich über die müden Augen und tippte unaufhörlich auf dieselbe Stelle im Dokument, bis der Cursor flimmerte.
Nach zehn Minuten sah sie auf.
Seraphina war immer noch im Büro.
Belle merkte, wie sie innerlich die Zähne zusammenbiss.
Nicht, weil Seraphina schön war.
Nicht, weil sie elegant war.
Sondern weil sie hineinspaziert war, als gehöre ihr der Raum, während Belle draußen saß wie ein Fußnote in einem Vertrag, den keiner lesen wollte.
Nach fünfzehn Minuten ging die Tür auf.
Seraphina trat heraus.
Ihre Haltung war perfekt. Ihre Stimme warm beim Verabschieden.
Und als sie an Belle vorbeiging, roch sie nach teurem Parfum, frischer Luft und Gewissheit.
Sie sah Belle an, als hätte sie sie vorher gar nicht bemerkt.
Nicht abweisend — schlimmer.
Überflüssig.
„Du musst Belle sein,“ sagte sie mit einem weichen, tadellosen Businesslächeln. „Cade hat viel über dich erzählt.“
Belle blinzelte. „Wirklich?“
„Natürlich.“ Seraphina neigte den Kopf freundlich. „Er hat erwähnt, dass du… nun… noch relativ neu im Unternehmen bist.“
Neu.
Unwichtig.
Beliebig.
Irgendwo dazwischen.
Belle nickte knapp. „Wir werden sehen, wie lange.“
Seraphina lächelte, als wäre das ein Witz. „Bestimmt nicht lange.“
Dann ging sie, begleitet von zwei Assistenten, als wäre keiner sonst in diesem Stockwerk auch nur ansatzweise auf Augenhöhe.
Belle wartete genau drei Sekunden, dann stand sie auf.






































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