Kapitel 17

Skye verbrachte den Tag im Rudelhaus, ohne es wirklich zu merken.
Es begann damit, dass Liv sie nach dem Mittagessen einfach an die Hand nahm, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Kein Zögern, kein Misstrauen. Nur dieses ruhige, warme Lächeln, das keinen Raum für Widerspruch ließ.
„Komm“, hatte Liv gesagt. „Wenn du schon hier bist, dann sollst du auch sehen, wo.“
Und so ließ Skye sich führen.
Das Rudelhaus war größer, als sie es erwartet hatte. Kein kalter Steinbau, keine düstere Festung, sondern ein lebendiger Ort. Die unteren Etagen bestanden aus massivem Holz und hellem Stein, alles offen gestaltet, mit breiten Fluren und hohen Decken. Große Fenster ließen Licht herein, selbst an Stellen, an denen man es nicht erwartet hätte. Überall roch es nach Leben: nach Holz, nach Gewürzen, nach frischem Brot, nach Menschen und Wölfen zugleich.
Liv führte sie zuerst durch den Gemeinschaftsbereich. Ein großer Raum mit langen Tischen, weichen Sitzbänken, Regalen voller Bücher, Spiele, alte Erinnerungsstücke. An einer Wand hing ein großes geschnitztes Wappen des Rudels, eingerahmt von Kerzenhaltern. Man sah dort zwei ineinander verschlungene Wölfe.
„Hier trifft sich jeder“, erklärte Liv. „Zum Reden, Essen, Streiten und Versöhnen. Manchmal geht es hier ganz Chaotisch zu.“
Skye nickte nur, nahm alles in sich auf. Niemand starrte sie offen an. Es gab neugierige Blicke, vorsichtige Musterungen – aber keine Feindseligkeit. Manche nickten ihr zu, andere lächelten zögerlich.
Weiter ging es durch den Trainingsflügel. Der Boden dort war aus dunklerem Holz, die Luft roch nach Schweiß und Metall. Waffen hingen ordentlich an den Wänden, sauber gepflegt. Liv blieb stehen.
„Hier wirst du Asher meistens finden“, sagte sie trocken.
Skye spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. „Ich… ich glaube, ich habe heute genug von ihm gesehen.“
Liv lachte leise. „Glaub mir, das ändert sich.“
Sie gingen weiter, vorbei an Schlafräumen, Gästezimmern, einem kleinen Heilraum, der erstaunlich sanft wirkte, mit Kräutern, Decken und ruhigen Farben. Skye blieb kurz stehen, betrachtete die Regale voller getrockneter Pflanzen.
„Du kennst dich damit aus, oder?“, fragte Liv.
Skye zuckte mit den Schultern. „Ein bisschen.“ Ob Liv ihr glauben würde, hätte sie ihr gegenüber erwähnt das sie Heilmagie wirken konnte?




„Das dachte ich mir.“
Am meisten berührte sie jedoch der Außenbereich. Ein großer Innenhof, von dem aus man direkt in den Wald sehen konnte. Kinder rannten lachend über den Rasen, einige in menschlicher Gestalt, andere halb verwandelt, mit zu langen Zähnen und funkelnden Augen. Und mittendrin: Cain.
Er lachte. Laut und frei, während er mit zwei Jungen in seinem Alter einem Ball hinterherjagte. Sein Gesicht war gerötet, die Augen glänzten vor Freude.
Skyes Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Das hätte er alles haben können.
„Er gehört dazu“, sagte Liv leise neben ihr. „Kinder finden hier schnell Anschluss.“
Skye schluckte. „Ich habe ihn noch nie so gesehen.“
„Dann wird es Zeit“, erwiderte Liv sanft. Sie hatte Recht. Cain verdiente das alles und noch mehr.
Der Rest des Tages verging in Gesprächen. Skye lernte Namen, Gesichter, Geschichten. Eine ältere Frau, die ihr zeigte, wie sie Brot für das Rudel buk. Ein junger Mann, der ihr erklärte, wie das Rudel organisiert war. Eine Omega, die ihr Tee brachte und dabei vorsichtig fragte, ob sie sich sicher fühlte.
Und jedes Mal, wenn Skye nickte, merkte sie, dass es stimmte. Zumindest ein wenig.
Als der Abend nahte, veränderte sich die Stimmung im Haus. Stimmen sammelten sich, Schritte wurden zielgerichteter. Der große Essraum füllte sich langsam. Lange Tische wurden gedeckt, Schüsseln herumgereicht, das Murmeln wurde lauter.
Skye saß zwischen zwei jungen Kriegern, beide freundlich, beide respektvoll. Cain saß ein paar Plätze weiter, immer noch voller Energie, erzählte irgendetwas gleichzeitig zu drei Kindern.
Dann öffnete sich die Tür.
Asher trat ein. Neben ihm sein Alpha, Kael.
Der Raum reagierte sofort. Nicht mit Ehrfurcht, sondern mit Aufmerksamkeit. Sie zeigten Respekt vor der Führung. Gespräche ebbten kurz ab, bevor sie wieder aufgenommen wurden.
Asher blieb stehen.
Sein Blick glitt durch den Raum – und blieb an Skye hängen.
Sie saß da. Mit seinem Rudel. Lachte leise über etwas, das einer der Krieger neben ihr sagte. Entspannt. Anwesend.
Er blinzelte.
Kael hingegen ging direkt zu Liv, beugte sich zu ihr und küsste sie kurz auf die Schläfe, bevor er sich neben sie setzte.
Asher trat an den Tisch heran.




„Du“, sagte er ruhig zu dem jungen Krieger neben Skye.
Der sah sofort auf. „Ja?“
„Steh auf.“
Keine Schärfe. Kein Zorn. Nur ein Befehl der absolut war.
Der Krieger zögerte keine Sekunde, stand auf und murmelte ein „Natürlich“, bevor er den Platz freimachte.
Asher setzte sich neben Skye.
Seine Nähe war sofort da. Nicht laut, nicht aufdringlich – aber spürbar, wie ein ruhiger Druck, der keinen Zweifel ließ, dass er da war. Für sie.
„Warum hast du nicht in meinem Zimmer auf mich gewartet?“, fragte er leise, aber klar.
Skye erstarrte. Wärme stieg ihr in die Wangen, verriet sie sofort. Sie senkte den Blick, spielte kurz nervös mit ihren Fingern.
„Ich…“, begann sie zögernd. „Liv hat mir das Haus gezeigt. Und Cain…“ Ein kleines, ehrliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Er hatte so viel Spaß. Ich wollte den Tag mit ihnen genießen.“
Asher schwieg einen Moment. Sein Blick lag auf ihr, prüfend, nachdenklich. Dann beugte er sich näher, so nah, dass nur sie ihn hören konnte.
„Morgen“, flüsterte er an ihr Ohr, „verbringst du den Tag mit mir.“
Skye hob langsam den Kopf. „Das ist kein Vorschlag, oder?“
Ein kaum sichtbares Schmunzeln zog über seine Lippen. „Nein.“
Seine Hand legte sich ruhig auf die Lehne hinter ihr. Die Geste war kontrolliert, fast beiläufig – und doch eindeutig besitzergreifend. Nicht einengend, sondern schützend. Als würde er einen Raum um sie ziehen, der nur ihnen gehörte.
Skye atmete leise aus. Etwas in ihr entspannte sich, ohne dass sie es bewusst steuerte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht nur sicher, sondern angekommen. Als hätte sie einen Ort gefunden, an dem Cain lachen konnte. An dem sie selbst nicht ständig auf der Flucht war.
Ein Zuhause.
Der Gedanke war schön. Fast zu schön.
Und irgendwo tief in ihr wusste sie es bereits:
Aus jedem Traum musste man früher oder später aufwachen.

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