Kapitel 18
Livia setzte sich auf die Bettkante, weil sie Angst hatte im Laufe des Abends zusammenzubrechen.
Etwas in ihr wusste, dass sie das hier nicht im Gehen erzählen konnte.
Die Matratze gab unter ihrem Gewicht leicht nach. Das Bett war groß und ruhig – im Gegensatz zu ihrem inneren. Ihre Seele war in Aufruhr. Es lag eine gewisse Spannung in der Luft, die nichts mit Kael zu tun hatte. Etwas war widererweckt wurden. Etwas, das sie lange hinter sich gelassen hatte, zumindest glaubte sie das.
Kael blieb stehen während sie saß
Er kam nicht näher, sondern schaute sie nur an. Er sagte auch nichts, blieb vorläufig stumm. Aber seine Präsenz war da. Spürbar und auch ungeduldig. Auch wenn er das zu verbergen versuchte. Wachsamkeit lag in seinen Blick. Als hätte er verstanden, dass jede Bewegung, jedes Wort von jetzt an mehr Gewicht hatte als sonst.
Livia starrte auf ihre Hände. Sie zitterten leicht. Liv konnte dies nicht stoppen. Tief Luftholend fing sie an.
„Er hieß Marek“, sagte sie schließlich.
Der Name lag plötzlich im Raum, schwerer, als sie erwartet hatte. Das zittern betraf jetzt nicht nur ihre Hände. Kael reagierte nicht sichtbar, aber etwas in seiner Haltung veränderte sich minimal. Hätte sie ihn nicht so genau angeschaut, wäre ihr das vielleicht gar nicvt aufgefallen.
Die Aufmerksamkeit, die sie festgestellt hatte, fokussierte sich jetzt direkter.
„Du musst nichts erzählen, was du nicht willst“, sagte er ruhig. Doch sie wusste das er das nur sagte, damit sie sich wohlfühlte und kein Druck für sie bestand. Liv wusste, spürte das er alles wissen musste. Und sie wollte es auch, auch wenn es schmerzhaft war wieder in die Vergangenheit abzudriften.
Livia atmete ein. Dann aus.
„Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich es jemandem erzähle“, sagte sie leise.
Kael trat einen Schritt näher, blieb aber stehen. „Dann machen wir das langsam.“
Sie nickte kaum merklich.
„Am Anfang war er… unauffällig“, begann sie. „Nicht charmant im klassischen Sinn. Eher… aufmerksam. Interessiert. Ich dachte, er sieht mich. Er sah mich auch irgendwie. Wobei das schon wieder zu viel war.“
Ihre Stimme klang sachlich, fast distanziert. Das war Absicht. Sie wollte sich nicht in ihrer Erzählung verlieren.
„Er hat mir viel zugehört. Sich Dinge gemerkt, die ich ihm erzählte. Kleine Details, die für manch andere vielleicht nicht so auffällig gewesen waren. Ich hielt das für Fürsorge und Interesse an meiner Peron.“
Ein bitterer Zug legte sich um ihren Mund.
„Heute weiß ich, dass es Informationszufuhr war. Er wollte einfach alles wissen um mich besser kontrollieren zu können.“
Kael sagte nichts. Aber sein Blick ließ sie nicht los.
„Er wollte wissen, wo ich war. Mit wem. Was ich dachte. Wie mein Tag gewesen war.“
Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Am Anfang fühlt sich das gut an. Als wäre Ich wichtig.“
Ihre Finger bewegten sich, rieben langsam aneinander.
„Dann kamen die ersten Zweifel. Sie wurden nebenbei ausgesprochen. Nicht als Vorwurf, sondern Kritik. Getarnt als Sorge. Sorge um mich.“
Sie imitierte seine frühere Stimme, kaum hörbar: „Ich habe manchmal das Gefühl, deine Freunde nutzen dich aus.“
Sie hielt kurz inne. Spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog.
„Ich habe erst widersprochen“, sagte sie. „Sogar ein paar Mal. Aber er ließ nicht locker.“
Kael kniete sich langsam vor sie, so ruhig, dass sie es erst bemerkte, als er bereits da war. Er war jetzt auf Augenhöhe. Dann setzte er sich langsam und bedächtig neben sie und legte einen Arm um sie. Livia brauchte diesen Trost jetzt.
„Du darfst jederzeit stoppen“, sagte er leise.
Sie sah ihn an. Nur ganz kurz. Dann wieder weg. Sie musste alles loswerden.
„Er wiederholte es“, fuhr sie fort. „Immer dann, wenn ich mich mit meinen Freunden verabredete. Wenn ich Pläne hatte, die nichts mit ihm zu tun hatten.“
Ihre Stimme wurde flacher. „Nach Treffen mit Freunden war er kühl. Distanziert. Oder übermäßig still.“
Ein Atemzug.
„Und dann kamen die Fragen. Warum hast du das gesagt? – Findest du nicht, dass das komisch klang? – Glaubst du wirklich, sie meinen es gut?“
Sie schloss kurz die Augen.
„Irgendwann habe ich angefangen, mich selbst zu überprüfen. Meine Worte. Meine Gedanken. Meine Erinnerungen. Ich dachte mir das er vielleicht recht hatte. Er machte sich doch nur Sorgen um mich. Er will mich beschützen.“
Kael legte behutsam seine freie Hand auf ihre. Nur ganz zaghaft damit sie wusste das Er da war.
Livia zuckte davor nicht zurück.
„Das war Manipulation.“ sagte Kael ruhig.
Die Worte trafen sie unerwartet. Dabei stellte er nur fest wie es wirklich war. Was sie später auch erkannte.
Sie atmete zittrig aus.
„Ich habe angefangen, Einladungen abzusagen“, sagte sie. „Nicht, weil ich es wollte. Sondern weil ich diese Spannung nicht mehr ausgehalten habe. Dieses Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Und weil ich nicht wollte das er verletzt war. Ich wollte ihm gefallen.“
Ihre Stimme senkte sich.
„Und irgendwann hatte ich keine Freunde mehr.“
Der Satz hing zwischen ihnen, nackt und endgültig. Sie erinnerte sich noch wie es damals war. Einladungen kamen immer weniger, immer weniger Freunde schrieben ihr. Außer Belle. Sie hatte es dennoch weiter versucht. Nur auf Rücksicht zu Marek hatte sie sich immer verleumdnen lassen.
Kaels Daumen bewegte sich kaum merklich über ihren Handrücken. Ein beruhigender, gleichmäßiger Rhythmus. Er spendete ihr Trost ohne Worte.
„Er hat deine Welt verkleinert“, sagte Kael leise.
Sie nickte. Einmal. Hart.
„Er hat meine Realität verschoben“, fuhr sie fort. „Hat mir eingeredet, dass ich empfindlich bin. Dass ich Dinge falsch erinnere. Dass ich ohne ihn orientierungslos wäre. Das ich nur ihn bräuchte.
Ihre Finger krallten sich in die Bettdecke.
„Ich habe angefangen, mich selbst zu misstrauen. Dann meine Freunde. Familie hatte ich keine mehr sie mir zur Seite hätten stehen können.
„Als ich gehen wollte“, sagte sie schließlich, „hat er das nicht akzeptiert. Eine Freundin hatte ich noch. Sie wollte ich nicht auch noch verlieren. Auch wenn ich mir nicht sicher war ob mir Belle nicht noch eine Chance gegeben hätte.“
Kaels Kiefer spannte sich sichtbar an. Seine Stimme blieb ruhig. „Er hatte kein Recht, das zu entscheiden. Kein Recht dir deine Freunde wegzunehmen oder dein kommen und gehen zu beeinflussen.“
„Das wusste ich damals noch nicht“, erwiderte sie leise.
Sie zog die Knie leicht an, eine unbewusste Schutzbewegung.
„Als ich meine Koffer packte, erreichte sein Verhalten seinen Höhepunkt.“
Ihre Stimme senkte sich.
Dann blieb sie lange Zeit ruhig.
„Er wollte verhindern das ich gehe. Er ist ausgerastet. Zuvor gab es immer mal wieder Schläge als ich mich versuchte gegen seine Autorität durchzusetzen.“
Livia merkte wie sich Kaels Hände verkrampften.
Kael sagte nichts weiter.
„Aber das war nichts zu diesen einem Abend … ich erwachte im Krankenhaus.“ Fuhr sie weiter aus.
Sie spürte Kaels stockenden Atem in ihrer Haßberge aber sie musste alles erzählen.
„Und dann…“, sie stockte. Schluckte. „Erfuhr ich das ich Schwanger gewesen bin. Ich habe es an diesem Abend verloren.“
Sie hob den Blick nicht.
Doch hörte sie wie Kael stark zusammenzuckte.
„Das hört sich merkwürdig an aber auch wo ich das erfuhr, die Schwangerschaft und den ungewollten Abbott, wollte ich dieses Baby haben. Ich wollte es ein Leben geben und es beschützen.“
Ein bitteres Auflachen. „Ab jetzt wusste ich das ich endgültig verschwinden musste. Ganz leise. Nicht zu auffällig. Er hätte das nicht zugelassen. Und vielleicht hätte ich das nächste mal nicht überlebt.“
Ihre Hände begannen stärker zu zittern.
Kael schob sich ein Stück näher. Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Du musst da nicht allein durch.“
Sie nickte kaum sichtbar. Sie merkte kaum das ihr Tränen über die Wangen liefen.
Ihre Stimme wurde brüchig, ohne lauter zu werden.
„Er war nicht mehr der Mann, den ich kannte. Er hat ständig geschrien. Dinge gesagt, die…“, sie brach ab, rang nach Luft. „Er wollte mich brechen. Mich behalten. Mich kleinmachen. Mich isolieren.“
Kael hob langsam ihre Hand an, hielt sie zwischen seinen Händen. Gab ihr Wärme und Halt.
„Du bist hier“, sagte er ruhig. „Jetzt. Und er ist es nicht. Du bist bei mir sicher. Immer.“
Ein Schluchzen entkam ihr.
Sie lehnte sich näher an Kael. Nahm alles an was er zugeben hatte.
Ihr Körper erinnerte sich an Mareks Schäge und Brutalität. Die Enge in der Brust. Die Kälte in den Fingern. Die Angst. Angst um das Leben das sie nicht retten konnte, dass sie nicht lieben konnte.
„Ich habe überlebt“, sagte sie schließlich. „Aber etwas in mir ist seitdem immer wach. Immer bereit, zu fliehen. Aber ich bin es so satt.“
Kael zog sie langsam, behutsam in eine Umarmung. Er verfrachtet sie in die Mitte des Bettes und legte sich neben sie. Eingeengt in seiner Umarmung. Sie fühlte sich sicher und geborgen.
„Du hast getan, was du konntest“, sagte er leise. „Und es hat gereicht.“
Ihre Stirn ruhte an seiner Schulter. Ihr Atem zitterte noch, wurde aber langsamer.
„Bei dir habe ich auch dieses Gefühl sicher zu sein. Aber was ist wenn es verschwindet. Ich habe so verdammt Angst das nochmal zu erleben.“
Kael hielt sie noch fester. Streichelte Dabei langsam über Ihren Kopf.
„Ich könnte dir nie etwas antun. Du bist der Grund warum ich geboren wurde. Ich werde dich immer beschützen.“, sagte er ruhig.
Livia schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit
fühlte sich Nähe nicht gefährlich an.
Sie spürte wie die Müdigkeit in Ihre Glieder kroch. Ihre Augenlider wurden schwer und ihre Bewegungen träge. Sie driftete in den Schlaf des Vergessens. Immer noch in Kaels Körperwärme gehüllt.







































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