Kapitel 19

Skye fühlte sich noch benommen.
Nicht schwach – eher schwebend. Als hätte sich etwas in ihr gelöst, das jahrelang unter Spannung gestanden hatte. Das warme Wasser rann über ihre Haut, perlte über Schultern und Rücken, doch sie nahm es nur am Rand wahr. Alles war gedämpft, weich, als würde die Welt sie durch Watte erreichen.
Asher war da.
Nicht drängend. Nicht laut. Einfach präsent.
Sie lehnte mit dem Rücken gegen die kühle Duschwand, die Augen halb geschlossen, den Kopf leicht nach hinten geneigt. Ihr Körper erinnerte sich noch an Nähe, an Berührung, an dieses überwältigende Gefühl von Geborgenheit und Kontrollverlust zugleich. An etwas, das sie nie gelernt hatte zu benennen – und sich nie erlaubt hatte zu erleben.
Sie hörte seine Stimme, bevor sie wirklich verstand, was er fragte.
„Wo kommst du her?“
Skye blinzelte langsam. Die Worte brauchten einen Moment, um sich zu ordnen. Ihre Gedanken waren träge, als würden sie sich nur widerwillig aus dem warmen Nebel lösen.
„Nicht von hier“, murmelte sie schließlich. „Nicht aus Colorado.“
Asher sagte nichts. Er wartete.
„Wir haben … woanders gelebt“, fuhr sie fort. Ihre Stimme klang fern, fast schläfrig. „Lange Zeit. Mit unserer Familie. Mit unserem Koven.“
Das Wort schmeckte fremd und vertraut zugleich. Ein Echo aus einer anderen Zeit. „Colorado kam erst später.“
Sie spürte, wie sich seine Aufmerksamkeit schärfte. Nicht als Druck – eher wie ein stilles Lauschen.
„Warum dort?“, fragte er ruhig.
Etwas in ihr spannte sich an. Nicht körperlich. Innerlich. Ein alter Reflex. Bevor sie bewusst darüber nachdenken konnte, schüttelte sie den Kopf.
„Das kann ich nicht sagen.“
Er bewegte sich nicht, aber sie spürte sein kurzes Innehalten.
„Warum?“
Skye öffnete die Augen und sah ihn an. Wirklich an. Sein Gesicht war nah, sein Blick offen, wachsam – und dennoch geduldig.
„Weil ich Angst habe“, sagte sie leise. „Und weil ich dir noch nicht genug vertraue.“
Die Worte verließen sie kaum hörbar, aber ehrlich.
Sie blieben zwischen ihnen stehen. Nackt. Unverstellt.
Asher gab keinen Kommentar ab. Stattdessen beugte er sich vor und küsste sie sanft – nicht fordernd, nicht drängend. Seine Lippen berührten ihre Haut, ruhig, wiederholend, fast meditativ. Als wolle er sie genau dort halten, in diesem schwebenden Zustand zwischen Nähe und Wahrheit.




Nach einer Weile fragte er weiter, seine Stimme wieder ruhig:
„Und deine Eltern?“
Dann, leiser: „Cain ist noch so jung.“
Diese Frage traf sie härter als die anderen.
Skye senkte den Blick. Das Wasser rauschte plötzlich lauter, oder vielleicht hörte sie es einfach deutlicher.
„Sie sind nicht zurückgekommen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war fest, aber dahinter lag etwas Zerbrochenes. „Ich wusste damals schon, dass sie es nicht tun würden.“
Asher schwieg. Und küsste sie wieder – diesmal langsamer, tröstender. Kein Versuch, etwas zu reparieren. Nur seine Nähe.
„Wie lange bist du schon unterwegs?“, fragte er nach einer Weile.
„Seit ich fünfzehn bin“, antwortete sie. „Cain war zehn.“
„Du hast ihn großgezogen.“
Sie nickte. „Ich musste.“
Es lag keine Bitterkeit in ihrer Stimme. Nur Tatsache.
„Hast du jemals Magie benutzt, um zu schaden?“
Skye schüttelte sofort den Kopf. Dieses Mal ohne Zögern.
„Nein. Niemals absichtlich.“
Sie atmete aus. „Ich habe alles vermieden, was mich … verändern könnte.“
Er verstand. Das spürte sie. In der Art, wie er kurz innehielt. Wie seine Hand an ihrem Rücken ruhte, ohne sich zu bewegen.
„Und Marek?“, fragte er schließlich. „Warum hast du ihm geholfen?“
Skye verzog das Gesicht. Ein leises, müdes Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Er wusste von Cain“, sagte sie. „Und er hat mir keine Wahl gelassen.“
Asher atmete langsam aus.
Dann stellte er eine Frage, mit der sie nicht gerechnet hatte.
„Hast du jemals irgendwo bleiben wollen?“
Skye zögerte.
Dann nickte sie kaum sichtbar. „Ja.“
„Warum bist du es nicht?“
Sie sah ihn an. Direkt. Offen.
„Weil Bleiben gefährlich war“, sagte sie. „Und weil ich mir nie erlaubt habe zu glauben, dass es möglich ist.“
Asher hörte mit seinen Berührungen auf. Das allein ließ sie aufmerken. Er richtete sich auf, trat näher an sie heran und legte seine Stirn kurz an ihre. Kein Wort. Keine Forderung.
Nur Nähe.
Skye begann leicht zu frösteln. Nicht nur wegen der abkühlenden Luft. Langsam kehrte ihre Klarheit zurück – und mit ihr das Bewusstsein dafür, was gerade geschehen war. Wie viel sie preisgegeben hatte. Wie leicht es ihm gefallen war, sie auszufragen, während sie noch ganz in Gefühl und Nachklang gefangen gewesen war.




Dann stellte er noch eine Frage.
„Wer verfolgt dich?“
Skye atmete scharf aus. Ihre Hände krampften sich an seinen Schultern fest.
„Ich glaube, du bist wieder ganz da, hm?“
Sein Grinsen war verschmitzt. Fast frech. So ein Mistkerl, dachte sie.
Er gab ihr einen kurzen, flüchtigen Kuss – dann hob er sie einfach hoch, stellte das Wasser ab und trat mit ihr aus der Dusche. Skye japste überrascht, hielt sich reflexartig an ihm fest.
Er griff nach einem großen, flauschigen Badehandtuch und wickelte sie darin ein. Sorgfältig. Umsichtig.
Ihre Wangen färbten sich heiß.
„Das muss dir nicht peinlich sein“, sagte er ruhig.
„Dir vielleicht nicht“, murmelte sie.
Er trug sie ins Schlafzimmer, setzte sie auf das Bett. Das Handtuch hielt sie fest um sich geschlungen.
„Das war gemein von dir“, sagte sie schließlich.
Asher kniete sich vor sie. Sein Blick war jetzt ernst.
„Skye … ich möchte einfach mehr über dich wissen.“
„Warum muss es denn alles sofort sein?“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Warum gibst du mir keine Zeit?“
Sein Grinsen verschwand. Er wirkte nachdenklich.
„Zeit also …“ Er schien zu überlegen.
Dann legte er einen Arm um sie, zog sie zu sich und küsste sie. Tief. Innig. Ohne Hast.
„Das möchte ich dir eigentlich nicht geben“, murmelte er an ihren Lippen. „Du spürst es doch auch.“
Sie nickte. Sie konnte nicht lügen. Sie fühlte sich wohl. Gesättigt. Und alles an ihm war überwältigend.
„Dann lass es uns genießen“, sagte er leise.
„Lass uns das zwischen uns genießen.“
Skye dachte an Cain. An das Rudelhaus. An dieses Gefühl von Sicherheit.
Und sie küsste ihn zurück. Schüchtern. Zögernd.
Asher erstarrte eindeutig überrascht – und erwiderte den Kuss.
Als sie sich lösten, lächelte er.
„Du bist müde“, sagte er sanft. „Lass uns für heute schlafen.“
Skye gähnte herzhaft. Er bewegte sich beide in Löffelchenstellung ins Bett und Skye ließ es zu.

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