Kapitel 20

Asher blieb lange wach.
Skye schlief bereits, eingerollt an seiner Seite, ihr Atem ruhig und gleichmäßig. Ein Arm lag locker über seiner Brust, als hätte ihr Körper instinktiv entschieden, dass dies ein sicherer Ort war. Für jemanden, der sein Leben damit verbracht hatte zu fliehen, war das ein stilles Wunder. Irgendwann, zu fortgeschrittener Stunde, war sie aus der Löffelchenstellung abgewandert und hatte sich auf die andere Seite gedreht. Dennoch blieb sie nah genug, als wüsste sie selbst im Schlaf, wo sie hingehörte.
Asher starrte an die Decke.
Der Raum war still. Kein Geräusch außer ihrem Atem, dem leisen Knacken des Holzes, wenn sich das alte Rudelhaus im Schlaf bewegte. Und seinen Gedanken.
Ihre Antworten hallten in ihm nach. Nicht die Worte selbst – sondern das, was sie nicht gesagt hatte. Die Pausen. Das Zögern. Die Art, wie ihre Stimme sich kaum merklich verändert hatte, wenn sie an bestimmte Dinge rührte. Angst, sauber verborgen, selbst in diesem halb entrückten Zustand nach Nähe und Vertrauen.
Ein Koven.
Dann Colorado.
Eltern, die nicht zurückgekommen waren.
Womöglich tot.
Asher kannte Verlust. Jeder Wolf kannte ihn. Doch was Skye beschrieben hatte, war kein klarer Schnitt gewesen. Kein Tod, den man betrauern konnte. Kein Körper. Kein Abschied. Es war dieses Wissen gewesen. Dieses leise, grausame Wissen, dass man wartet – und tief drinnen längst verstanden hat, dass niemand mehr kommt.
Er presste kurz die Lippen zusammen.
Sie hatte ihm vertraut. Nicht vollständig – das hatte sie selbst gesagt. Aber genug. Genug, um sich berühren zu lassen. Genug, um loszulassen. Genug, um ihm Einblick zu geben, während ihr Verstand noch weich und offen gewesen war. Vielleicht vertraute sie ihm längst mehr, als sie sich selbst eingestand. Mehr, als sie vermutlich irgendwem seit Jahren gegeben hatte.
Und genau das machte es gefährlich.
Für sie.
Und für ihn.
Was ihn am meisten traf, war nicht ihre Angst vor dem, was sie verfolgte – sondern ihre Angst vor Nähe. Vor dem Bleiben. Nicht vor seiner Gewalt. Nicht vor dem Rudel. Sondern vor dem Gedanken, Wurzeln zu schlagen.
Weil Bleiben gefährlich war.
Dieser Satz schnürte ihm die Brust zu.
Er hatte sie festgehalten. Befragt. Geprüft. Hatte geglaubt, sie könnte mehr getan haben, als sie zugab. Dass ihre Flucht vielleicht Schuld barg. Ein Teil seines Misstrauens war real gewesen – sonst hätte er ihr diese Fragen nicht gestellt. Und er wusste es.




Ein Teil von ihm wusste auch, dass er ihre Offenheit ausgenutzt hatte. Nicht absichtlich. Nicht berechnend. Aber dennoch.
Gleichzeitig war er erleichtert gewesen. Tief erleichtert. Ihre Seele war nicht dunkel. Ihre Magie nicht verdorben. Nicht befleckt. Noch nicht.
Er musste nur darauf achten, dass es so blieb.
Der Wolf in ihm verlangte nach Kontrolle. Nach Antworten. Nach Sicherheit. Er bestand darauf.
Der Mann in ihm wollte sie schützen.
Und genau darin lag der Konflikt.
Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrem Handgelenk.
Das Armband.
Er erinnerte sich an ihr Zögern. Daran, wie schwer es ihr gefallen war, ihr Wort zu geben. Magie nicht als letzten Ausweg zu betrachten. Nicht, weil sie Macht wollte – sondern weil sie überlebt hatte, indem sie unsichtbar geworden war.
Ich habe sie wie eine Gefangene behandelt, dachte er bitter.
Und sie hatte ihm trotzdem Vertrauen geschenkt.
Asher wusste, dass Kael recht hatte.
Wenn er sie behalten wollte – wirklich behalten. Nicht nur in seinem Territorium. Nicht nur in seinem Bett. Nicht nur an seiner Seite – dann musste er lernen, loszulassen. Schritt für Schritt. Nicht als Beta. Nicht als Wolf.
Sondern als Gefährte.
Und er musste sich seiner eigenen Vergangenheit stellen. Seinem Hass. Seiner Angst. Seinen Erfahrungen mit Hexen. All dem, was er unbewusst auf sie projizierte.
Was auch immer sie verfolgte, es war real. Und gefährlich genug, dass sie selbst jetzt schwieg.
Asher senkte den Blick zu ihr.
Skye murmelte leise im Schlaf, rückte näher, als hätte sie seine Unruhe gespürt. Er zog sie instinktiv dichter an sich, atmete ihren Duft ein – nicht besitzergreifend, sondern beruhigend. Erdend.
„Ich werde dich nicht zwingen“, flüsterte er kaum hörbar in die Dunkelheit.
„Aber ich werde dich auch nicht verlieren.“
Irgendwann, mit diesen Gedanken und ihrem Duft in der Nase, schlief er ein.
Als Asher wieder erwachte, war das Licht weich.
Der Morgen hatte sich langsam ins Zimmer geschlichen, durch die schweren Vorhänge, die den Raum in warmes Gold tauchten. Das Rudelhaus war still – diese seltene, friedliche Stille vor dem Tag, bevor Pflichten und Stimmen alles füllten.
Skye lag noch immer bei ihm.
Ihr Haar war zerzaust, ihr Gesicht entspannt. Keine Anspannung. Keine Fluchtbereitschaft. Nur Schlaf. Tief und ruhig. Zum ersten Mal, seit er sie kannte.




Asher rührte sich nicht sofort.
Er betrachtete sie einfach. Die feinen Linien ihres Gesichts. Die Art, wie sie eine Hand unter die Wange geschoben hatte. Wie ihr Atem ruhig seine Brust hob und senkte.
Kein Alptraum, stellte er fest.
Das allein fühlte sich an wie ein Sieg.
Schließlich bewegte er sich vorsichtig, legte eine Hand an ihren Rücken. Nicht um sie zu wecken – nur um da zu sein. Skye regte sich, murmelte etwas Unverständliches und öffnete langsam die Augen.
Für einen Moment war da Verwirrung.
Dann erkannte sie ihn.
„…Morgen“, sagte sie leise, ihre Stimme noch rau vom Schlaf.
Asher lächelte schwach. „Guten Morgen.“
Sie blinzelte, sah sich kurz um – dann entspannte sie sich wieder. Kein Zusammenzucken. Kein instinktives Zurückweichen.
„Ich habe… durchgeschlafen“, stellte sie überrascht fest.
„Ich weiß“, antwortete er ruhig. „Du hast nicht einmal gezuckt.“
Ein kleines, vorsichtiges Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Das ist neu.“
Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Für mich auch.“
Sie lagen noch einen Moment so da. Keine Eile. Kein Drängen. Nur ein stilles Einvernehmen, dass dieser Morgen ihnen gehörte.
„Du hast gesagt, ich darf heute bei den Jungwölfen zuschauen“, sagte Skye schließlich.
„Ja“, bestätigte er. „Wenn du willst.“
Sie nickte, dann zögerte sie kurz. „Und danach… Kaffee?“
Asher schnaubte leise. „Und Kuchen.“
Sie lachte – leise, echt, unangestrengt. Ein Laut, der ihm direkt unter die Haut ging.
Asher wusste: Der schwierige Teil lag noch vor ihnen.
Die Fragen. Die Wahrheit. Das, was sie verfolgte.
Aber nicht heute Morgen.
Heute durfte sie bleiben.
Und er durfte lernen, sie nicht festzuhalten – sondern zu begleiten.

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