Kapitel 22

Das Training endete abrupt.
Nicht mit einem lauten Ruf oder einem scharfen Befehl, sondern mit einer knappen, eindeutigen Geste von Asher. Die Jungwölfe lösten sich sofort auf. Einige ließen sich erschöpft in den Sand fallen, andere liefen noch unruhig umher, voller überschüssiger Energie, die sie nicht sofort loswurden.
Cain rannte bereits zu einer Gruppe Kinder, die ihn ohne Zögern in ihr Spiel aufnahmen. Skye blieb stehen und sah ihm nach.
Er lachte.
Dieses helle, ungezwungene Lachen hatte sie lange nicht mehr gehört. Es zog ihr kurz das Herz zusammen – nicht vor Schmerz, sondern vor Erleichterung. Er war sicher. Für diesen Moment zumindest.
Asher trat neben sie. Seine Präsenz war ruhiger als noch während des Trainings, weniger angespannt, aber weiterhin aufmerksam.
Er schickte sie kurz hoch, damit sie sich wärmere Kleidung anziehen konnte, als sie wieder runter kam, fragte er:
„Bereit?“
Skye nickte. „Ja.“
Der Weg in die Stadt fühlte sich unwirklich an. Nicht wegen der Umgebung – die war normal. Straßen, Häuser, Autos, Menschen. Sondern wegen der Tatsache, dass sie einfach da war. Ohne zu rennen. Ohne ständig Entfernungen zu messen oder Fluchtwege zu zählen. Sie achtete noch immer darauf, wo sie saß und wer vorbeiging, aber diese Wachsamkeit war gedämpft. Nicht verschwunden, nur leiser.
Das Café lag an einer Straßenecke, mit großen Fenstern und warmem Licht. Kein schicker Ort. Aber sauber, ruhig und unauffällig. Asher hielt ihr die Tür auf und ließ sie zuerst eintreten. Skye registrierte es. Diese kleinen Gesten. Nicht aufdringlich, nicht fordernd. Selbstverständlich. Fast höflich. Es ließ etwas in ihr weich werden.
Sie setzten sich an einen Tisch nahe dem Fenster.
Erst jetzt merkte Skye, wie erschöpft sie wirklich war.
Nicht körperlich. Zumindest nicht nur. Es war diese leise Müdigkeit, die sich erst zeigte, wenn man nicht mehr fliehen musste. Das Café war klein, warm, unauffällig. Helles Holz, ein paar Pflanzen an den Fenstern, leise Musik im Hintergrund. Menschen saßen an Tischen, redeten, lachten oder schwiegen. Alltäglichkeit in ihrer reinsten Form. Pärchen. Familien. Alleinstehende.
Sie hatten den Platz gewählt, ohne lange zu überlegen. Ein Tisch am Rand, mit Blick auf die Straße. Ein kleines Maß an Kontrolle für sie – aber nichts Offensichtliches.




Skye legte die Hände um die warme Tasse, die Asher ihr hingeschoben hatte. Kaffee. Schwarz, mit viel Milch. Genau so, wie sie es am Vortag erwähnt hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sich das merken würde.
„Du schaust“, stellte er fest.
Sie blinzelte. „Wie bitte?“
„Du schaust, als würdest du das hier abspeichern“, sagte er ruhig. „Als hättest du Angst, es könnte gleich wieder weg sein.“
Skye sah sich noch einmal um. Dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Vielleicht tue ich das.“
Er lehnte sich zurück. „Warum?“
Sie überlegte kurz. „Weil es … normal ist.“
Asher verzog leicht den Mund. „Normal ist relativ.“
„Für mich ist es neu“, entgegnete sie. „Einfach irgendwo zu sitzen, ohne Fluchtplan. Ohne ständig zu prüfen, wer hereinkommt.“
Er nickte langsam, ein Hauch von Bedauern in seinem Blick. „Das hört nicht sofort auf.“
„Ich weiß.“ Sie nahm einen Schluck. „Aber es ist … angenehm.“
Eine Weile schwiegen sie. Nicht unangenehm. Eher vorsichtig.
„Wie war deine Kindheit?“, fragte Skye schließlich.
Asher hob eine Braue. „Du bist sehr direkt.“
„Du hast mich gestern ausgetrickst, um an Antworten zu kommen“, erwiderte sie ruhig. „Jetzt bin ich dran. Ich mache es wenigstens offensichtlich.“
Ein ehrliches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Ich fand meine Herangehensweise sehr appetitlich.“
Sie errötete. „Asher.“
„Schon gut.“ Er hob abwehrend die Hände. „Antwort.“
Er dachte kurz nach. Dann sagte er: „Sehr strukturiert.“
Skye verzog das Gesicht. „Das ist keine Antwort.“
„Doch“, entgegnete er. „Nur keine romantische.“
Er stützte die Unterarme auf dem Tisch. „Ich bin im Rudelhaus aufgewachsen. Viele Regeln. Viel Training. Wenig Wahlmöglichkeiten.“
„Hattest du Geschwister?“
„Nein.“ Eine kurze Pause. „Aber viele Gleichaltrige. Das ersetzt einiges. Und lässt anderes fehlen.“
„Was denn?“
„Individuelle Fehler“, sagte er trocken. „Man fällt im Rudel weniger auf. Aber man lernt schneller, sich anzupassen.“
Sie nickte langsam. „Und deine Eltern? Leben sie noch?“
Er zögerte. „Sie waren das vorherige Beta-Paar. Die rechte Hand von Kaels Vater … und Mutter.“
Skye runzelte die Stirn. „Warum das Zögern?“
„Weil es nicht an mir ist, diese Geschichte zu erzählen.“




Sie ließ es dabei bewenden. „Wie waren sie?“
„Freundlich. Und streng zugleich. Aber sie waren immer für mich da.“
Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht, bevor er weitererzählte.„Meine Mutter hat einmal den gesamten Speisesaal lahmgelegt.“
Skye blinzelte. „Wie bitte?“
„Ich war vielleicht zehn“, begann er. „Mein Vater hatte gerade eine besonders lange Ansprache über Disziplin gehalten. Ruhe. Haltung. Respekt.“
Ein schiefes Lächeln zog über sein Gesicht. „Und dann hat meine Mutter demonstrativ einen Stuhl zurückgezogen, sich hingesetzt und gesagt: Wenn du fertig bist, möchtegern Alpha, sag Bescheid. Das Essen wird kalt.“
Skye prustete los. „Das hat sie wirklich gesagt?“
„Vor dem ganzen Rudel“, bestätigte er trocken. „Mein Vater war kurz davor, im Boden zu versinken. Selbst unser damaliger Alpha musste lachen.“
„Und du?“
„Ich habe versucht, nicht zu lachen“, sagte Asher. „Und bin grandios gescheitert.“
Skye lachte leise, schüttelte den Kopf. „Ich mag deine Mutter.“
Asher sah sie einen Moment lang an, sein Blick weich. „Ich auch.“
Für einen Augenblick fühlte sich alles leichter an. Dann atmete er einmal tief durch. „Sie sind früh gestorben.“ ihr Lächeln verflog.
„Das tut mir leid, Asher.“
„Es ist nicht deine Schuld.“ Er sah sie ruhig an. „Mein Vater starb, als er seinen Alpha beschützte. Meine Mutter folgte kurz darauf ihrem Gefährten.“
„Sie hatten eine starke Bindung.“
„Skye“, sagte er leise. „Wölfe binden sich ein Leben lang. Gefährten trennen sich nicht.“
Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, ließ sie innehalten.
„Was meinst du mit Gefährten?“, fragte sie schließlich.
Er zögerte kaum merklich. „Der Partner eines Wolfes.“ sie dachte es würde mehr kommen, mehr Erklärungen, doch eine folgenschwere Stille legte sich über den Tisch, bevor Asher sie durchbrach.
„Genug über mich. Jetzt bist du wieder dran. Wie hast du es geschafft, Cain allein großzuziehen?“
Ein weiches Lächeln erschien auf Skyes Gesicht. „Er war immer der Lauteste. Der, der Fragen gestellt hat. Der, der nie verstanden hat, warum man sich verstecken muss.“
Sie erzählte ihm von kleinen Dingen. Davon, wie sie Cain Lesen beigebracht hatte. Wie sie gelernt hatte, mit wenig auszukommen. Wie Verantwortung zu etwas Alltäglichem geworden war.




Das Gespräch floss weiter. Kleine Dinge. Unwichtige Dinge. Lieblingsessen. Dinge, die sie vermisst hatte, ohne sie benennen zu können. Dinge, die Asher immer als selbstverständlich betrachtet hatte.
Dann klingelte sein Handy.
„Entschuldige mich kurz“, sagte er und nahm ab.
Seine Haltung veränderte sich während des Gesprächs. Er wirkte angespannter. Sein Blick ging ins Leere.
„Alles okay?“, fragte Skye, als er wieder auflegte.
Er blinzelte, als würde er erst jetzt wieder im Raum ankommen. „Ja. Nein. Vielleicht.“
„Das klingt nicht beruhigend.“
Er rieb sich über den Nacken. „Es gibt … ein Problem in der Firma.“
„Was für eins?“
„Eine Neueinstellung.“
Skye runzelte die Stirn. „Das klingt nicht dramatisch.“
„Wäre es auch nicht“, sagte er ruhig, „wenn es korrekt gelaufen wäre.“
Er erklärte ihr von der Bewerberin. Von seinem unguten Gefühl. Vom Vermerk. Und davon, dass sie trotzdem eingestellt worden war.
„Dann hat jemand deine Entscheidung ignoriert“, sagte Skye leise.
„Oder bewusst übergangen“, bestätigte er.
„Und jetzt?“
„Ich finde heraus, wer das war. Und warum.“
„Und sie?“
„Ich beobachte sie.“
Skye sah ihn lange an. „Du bist gerade sehr … hier.“
Er hob fragend den Blick.
„Nicht nur der Wolf. Nicht nur der Beta. Sondern jemand, der Verantwortung trägt. Und misstraut.“
Ein kurzer Atemzug. „Ja.“
„Ich kenne dieses Gefühl.“
Er sah sie an. „Das dachte ich mir.“
„Sag mir, wenn es gefährlich wird.“
Sein Blick war ernst. Fest.
„Das verspreche ich dir.“
Und Skye wusste nicht warum – aber sie glaubte ihm.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare