Kapitel 23
Kael kam einen Tag früher zurück, als er es geplant hatte.
Nicht, weil sich etwas gelöst hatte.
Sondern weil nichts voranging.
Die Spuren waren kalt. Die Grenzen still. Nichts passierte. Alles drehte sich in Kreis. Weder der Abtrünnige noch eine eindeutige magische Signatur hatten sich gezeigt. Es war, als würde jemand bewusst im Schatten bleiben, auf irgendetwas wartend.
Kael hätte Möglichkeiten gehabt.
Früher waren diese zumindest gegeben.
Es gab eine Zeit, in der ein Rudel bei Bedrohungen wie dieser auf mehr zurückgreifen konnte als Instinkt und Patrouillen. Hexen hatten Grenzen mit Magie verstärkt. Verborgene Energuen konnten von diesen entschlüsselt werden, die selbst ein Wolf nicht wahrnahm.
Aber diese Zeit war schon lange vorbei.
Es gab keine weisen Hexen mehr. Keine Reinheit mehr unter den ihren.
Jetzt gab es nur noch dunkle Zirkel, die sich von schwarzer Magie nährten – Magie, die sich nicht lenken ließ, sondern verlangte. Blutopfer. Jede von ihnen hatte einen Preis. Jede Magie die verwendet wurde, verlangte ein etwas. Und niemand wusste je, ob dieser Preis sofort oder erst später eingefordert wurde. Oder was es war.
Kael hatte trotzdem darüber nachgedacht. Natürlich. Die Sicherheit der Seinen ging über alles.
Dennoch hatte er es verworfen.
Einen Feind mit Hilfe eines anderen potenziellen Feindes aufzuspüren bedeutete, das Rudel in eine Schuld zu treiben, die sich nicht zurückzahlen ließ. Dunkle Hexen handelten nicht mit Informationen – sie handelten mit Bindungen, mit Versprechen, mit Zugriff.
Und Zugriff war etwas, das Kael niemandem gewährte. Nicht auf sein Rudel, auch nicht auf sein Unternehmen.
Also hatten sie andere Wege versucht:
Zuerst hatten sie es auf die klassische Weise versucht.
Erweiterte Patrouillen und verschobene Grenzlinien, sie wollten den Feind gezielt Provozieren. Asher hatte alte Kontakte aktiviert, andere Rudel in anderen Gebieten die vielleicht auch Schwierigkeiten mit so einer Kombination hatten. Doch es kam nichts dabei heraus. Dann wurden die Bewegungsmuster analysiert. Hier konnte auch nicht viel erkannt werden. Es gab auch erst zwei Übergriffe. Orte wurden überprüft, an denen sich Abtrünnige früher gezeigt hatten.
Wieder Nichts.
Also waren sie weitergegangen.
Kael hatte über Wesen nachgedacht, die außerhalb des Rudels standen – Mystische Wesen die für die richtige Bezahlung alles taten. Wesen, die unauffällig zwischen den Menschen lebten.
Sie hatten einen Seher konsultiert, einen der wenigen die es in seiner Stadt noch gab – ein Wesen, das weder alterte noch sich ganz in dieser Welt verankerte. Die Seher sahen eine Mögliche Zukunft, Abweichungen vom eigentlichen Pfad welche möglich waren.
Die Seherin hatte lange geschwiegen, die milchigen Augen auf einen Punkt gerichtet, den nur sie sehen konnte.
Dann hatte sie gesagt – kryptisch wie fast bei jeden Seher:
„Was ihr sucht, ist verschleiert. Nicht verborgen.“
Das war ein Unterschied, ein kleiner Hinweis der nützlich war.
„Diese Spur wurde nicht gelöscht“, hatte das Wesen weiter erklärt. „Sie wurde geändert. Als hätte jemand die Realität selbst überredet, wegzusehen.“
Kael hatte gefragt, ob es der Abtrünnige sein konnte.
Die Seherin hatte den Kopf geneigt.
„Ein Abtrünniger Wolf hat so eine Art von Macht nicht. Die Hexe dagegen schon eher. Doch etwas stimmt daran nicht.“
Mehr konnte die Seherin auch nicht sagen.
Also hatten sie weitergesucht.
Ein Schamane war hinzugezogen worden – ein alter Mann aus dem Norden, der mit Geistern, deren Erinnerungen und den Resten von Macht sprach, die an Orten hafteten. Sowie in ihrem Fall. Seine Rituale waren langsam, mit der Erde verbunden, fern von jeder Hast.
Er hatte lange geschwiegen, Rauch über die Stelle geweht, an der die Energie kaum noch spürbar war aber dennoch präsent.
Dann hatte er den Kopf gehoben und gesagt:
„Der Zauber ist rein.“
Asher hatte die Stirn gerunzelt. „Rein?“
Der Schamane hatte genickt.
„Sie ist nicht dunkel, sondern hell. Sie greift nicht nach Macht, sondern verhält sich eher ruhig umd gelassen. Diese Magie hier ist nichg gewaltsam sondern sanftmütig ohne Hintergedanken.“
Er hatte den Blick auf Kael gerichtet.
Sanftmütig, rein ruhig, gelassen?
Was?
„Das ist ungewöhnlich.“ meinte Asher.
„Ungewöhnlich wie?“, hatte Kael gefragt.
„Schwarze Magie frisst alles um einen herum auf. Man kann sagen das dort wo schwarze Magie gewirkt wird, nichts mehr blühen kann“, hatte der Schamane ruhig erklärt. „Sie hinterlässt nur tote Erde. Und hier ist alles saftig grün. Grüner und bewucherter als an anderen Stellen.“
Ein unangenehmes Schweigen war gefolgt.
Schließlich hatten sie jemanden gerufen, den Kael nur widerwillig konsultierte: eine befreundete Elfe. Elfen waren habgierige kleine Biester aber die besten Jäger die es gab.
Sie hatte die schwachen Rückstände untersucht, kaum mehr als ein Echo, welches geblieben war.
Ihr Urteil war leise, aber eindeutig gewesen.
„Das ist kein Werk schwarzer Magie“, hatte sie gesagt. „Nicht in der Form, die ihr warscheinlich kennt.“
Asher hatte gefragt, was das bedeute.
Die Elfe hatte erst gezögert, doch dann trotzdem erklärt:
„Schwarze Hexen sind voll vun dunkler Magie. Ich hätte hier eine Art reißen spüren müssen.“
Sie hatte auf die kaum wahrnehmbare Spur gedeutet.
„Das hier ist… eher unschuldig. Rein, weiß.“
Kael hatte den Blick gehoben. „Weiße Magie.“ meinte er dann.
Die Elfe hatte langsam genickt.
„Oder etwas, das sie vielleicht auch imitiert. Immerhin gibt es keine weißen Hexen mehr.“
Das Problem war offensichtlich.
Es gab keine weißen Hexen mehr. Eben von der Elfe nochmals ausgesprochen.
Die alten Zirkel waren ausgelöscht worden – systematisch und brutal. Schwarze Hexen hatten sie gejagt, aus Angst vor genau dieser Art von Macht. Weißmagie konnte verschleiern, ohne zu zerstören. Schützen, ohne zu binden. Lenken, ohne Spuren zu hinterlassen.
Und genau das machte sie gefährlich in den Augen der Schwarzmagier.
„Wenn das wirklich weiße Magie ist“, hatte Asher gesagt, „dann sollte es niemanden mehr geben, der sie wirken kann.“ Das war offensichtlich.
Die Elfe hatte ihn angesehen.
„Oder jemand will, dass ihr genau das glaubt?“
Seitdem war Kael schlecht gelaunt.
Zum Teil, weil ihnen die Optionen ausgegangen waren –
Und zum anderen, weil jede Antwort neue Fragen aufwarf.
Der Abtrünnige war möglich.
Die Hexen ebenso.
Vielleicht arbeiteten sie nicht zusammen, was unwahrscheinlich war.
Vielleicht war Unsicherheit das Ziel. Heute konnte er diese Frage nicht beantworten.
Und mit diesem Gewicht in der Brust war Kael einen Tag früher als geplant ins Penthouse zurückgekehrt.
Nicht, weil sich etwas gelöst hatte oder die Schwierigkeiten gelöst hatten,
Sondern weil er Livia nicht länger im Unklaren lassen konnte.





































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