Kapitel 23

Die Fahrt zurück zum Rudelhaus verlief ruhig.
Der Wagen glitt gleichmäßig über die Straße, die Stadt zog langsam an ihnen vorbei. Die Sonne stand bereits tief, warf lange Schatten über Gehwege und Dächer, obwohl es erst später Nachmittag war. Asher fuhr mit einer Hand am Lenkrad, entspannt, aber aufmerksam. Skye saß neben ihm, den Blick nach draußen gerichtet. Sie sagte nichts, doch ihre Haltung war deutlich weniger angespannt als noch am Morgen. Für einen flüchtigen Moment wirkte sie beinahe glücklich.
„Es wird bald kälter“, meinte Asher nach einer Weile. „Man riecht es schon.“
Skye blinzelte und sah zu ihm. „Ja“, sagte sie leise. „Die Luft fühlt sich anders an.“
Er nickte. „Es ist fast Dezember. Vielleicht gibt es dieses Jahr viel Schnee.“
Ein zartes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich hoffe es.“
Asher warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du magst Schnee?“
„Ich liebe ihn“, antwortete sie ohne zu zögern. „Alles wird leiser. Versteckt. Für einen Moment fühlt sich die Welt … sauberer an. So weiß und rein.“
Er verstand mehr, als sie aussprach.
„Wie habt ihr früher Weihnachten verbracht?“, fragte er dann bewusst beiläufig.
Skye schwieg einen Moment. Ihre Finger verschränkten sich ineinander. „Nicht besonders festlich“, sagte sie schließlich. „Cain hat sich jedes Jahr auf einen Baum gefreut.“
Asher sagte nichts. Er wartete.
„Und jedes Jahr habe ich gesagt, dass wir uns keinen holen können“, fuhr sie fort. „Dass es zu teuer ist.“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch etwas darin zog sich zusammen. „Er hat dann immer genickt. So getan, als wäre es ihm egal.“
Sie schüttelte den Kopf. „Aber es war ihm nicht egal.“
Ashers Herz zog sich zusammen, und er umfasste das Lenkrad etwas fester.
„Ich habe ihm trotzdem immer ein Geschenk besorgt“, sagte sie leise. „Etwas Kleines. Gebraucht. Manchmal kaputt, aber repariert.“ Sie atmete aus. „Und jedes Mal hatte ich das Gefühl, versagt zu haben. Weil es nichts Schönes war. Nichts, das ein Kind wirklich haben sollte.“
Asher nahm kurz den Blick von der Straße und sah sie an. „Du hast nicht versagt“, sagte er ruhig. „Weihnachten ist das Fest der Familie.“
Sie lachte leise, ohne Humor. „So hat es sich trotzdem angefühlt. Das meine ich mit Versagen.“




„Du hast ihn beschützt“, entgegnete er ruhig. „Und du hast ihn durchgebracht. Das ist mehr, als viele schaffen.“
Skye wandte den Blick wieder nach draußen. Die Straße führte bereits in Richtung Wald. „Vielleicht“, murmelte sie. „Aber ich habe mir trotzdem jedes Jahr gewünscht, ihm einfach mal etwas schenken zu können, ohne Angst zu haben, dass er es vielleicht ablehnen könnte.“
Asher schwieg einen Moment.
Dann sagte er leise: „Dieses Jahr wird anders.“
Sie sah ihn an. Fragend. Hoffnungsvoll. Vorsichtig.
Der Wagen bog auf den Weg zum Rudelhaus ein, der Wald rückte näher, dunkler und zugleich schützend.
Asher wusste es. Dieses Weihnachten würde besser werden. Sie waren ein großes Rudel. Und er würde dafür sorgen, dass Skye und Cain das schönste Weihnachtsfest bekamen, das sie sich jemals hätten vorstellen können. Die restliche Fahrt verlief schweigend, als sie auf dem Hof einbogen bemerkte Asher es, noch bevor sie aus dem Auto ausstiegen.
Cain stand nicht einfach nur dort. Er rannte.
Viel zu schnell für jemanden, der eigentlich erst vor Kurzem begonnen hatte, sich hier sicher zu fühlen. Seine Schritte waren hastig, seine Energie aufgeladen, sein Blick fest auf Skye gerichtet.
„Skye!“
Asher blieb automatisch einen halben Schritt zurück und ließ ihr Raum. Das war nicht sein Moment. Cain prallte beinahe gegen sie, klammerte sich an ihre Taille, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da war.
„Du glaubst nicht, was passiert ist!“, sprudelte es aus Cain heraus, noch außer Atem.
Skye reagierte sofort. Sie legte beide Hände in sein Haar, zog ihn sanft näher an sich, musterte sein Gesicht. „Langsam“, sagte sie ruhig, routiniert. „Was ist los?“
Cain richtete sich auf, die Augen groß vor Aufregung. „Die anderen! Die aus dem Rudel. Sie haben gefragt, ob ich morgen beim Training mitmachen will!“
Asher beobachtete die Veränderung augenblicklich.
Nicht bei Cain – bei Skye.
Ihre Schultern spannten sich kaum sichtbar an. Ihr Blick glitt kurz zu Asher, dann sofort zurück zu ihrem Bruder. Zu schnell. Zu wachsam.
„Beim Training?“, wiederholte sie langsam. „Bei den Jungwölfen?“
Cain nickte so heftig, dass seine Haare wippten. „Ja! Aber nur zugucken zuerst. Oder ein bisschen mitmachen. Nicht kämpfen oder so.“




Skye ließ die Hände sinken. „Cain, das ist keine gute Idee.“
Asher sagte nichts. Noch nicht. Er kannte diesen Tonfall. Er hatte ihn oft gehört – bei Wölfen, die zu früh Verantwortung tragen mussten. Bei Menschen, die gelernt hatten, dass Sicherheit jederzeit zerbrechen konnte.
Cain verzog das Gesicht. „Aber warum nicht? Ich will doch nur—“
„Es ist gefährlich“, unterbrach Skye ihn leise, aber bestimmt. „Du kennst sie kaum. Du weißt nicht, wie das hier läuft.“
Jetzt trat Asher einen Schritt näher.
„Skye“, sagte er ruhig, ohne Druck. „Niemand zwingt ihn.“
Sie sah ihn scharf an. „Das sagst du.“
„Ich meine es auch so“, entgegnete er. „Wenn er mitmacht, dann unter meiner Aufsicht. Und nicht im vollen Training.“
Cain drehte sich blitzschnell zu ihm. „Wirklich?“
Asher nickte. „Wirklich. Du würdest nicht kämpfen. Du würdest aufwärmen, beobachten, vielleicht ein paar Übungen. Und wenn ich sage, es reicht, dann ist Schluss.“
Skye verschränkte die Arme. „Du erwartest ernsthaft, dass ich dir das einfach glaube?“
Asher hielt ihrem Blick stand. „Ich verspreche es.“
„Versprechen sind schnell gemacht.“
„Dann nenn es eine Zusicherung“, sagte er ruhig. „Als Beta. Und als jemand, der sehr genau weiß, wie fragil Vertrauen ist.“
Cain sah zwischen ihnen hin und her. Dann setzte er seinen letzten Trumpf ein.
„Bitte, Skye“, sagte er leise. „Ich will doch nur dazugehören. Ein bisschen.“
Treffer.
Asher musste sich zusammenreißen, nicht zu grinsen. Oh Luna. Cain hatte Talent.
Er sah, wie Skye schluckte. Wie sie einen Moment brauchte, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Er kannte diesen Blick inzwischen – den inneren Kampf zwischen Beschützen und Loslassen. Cain und er hatten sie genau dort, wo sie sie haben wollten.
„Ich werde vorsichtig sein“, fügte Asher mit ernster Miene hinzu. „Ich behandle ihn nicht wie einen Jungwolf. Sondern wie das, was er ist. Dein Bruder.“
Skye schloss kurz die Augen. Atmete ein. Atmete aus.
Bingo.
„Okay“, sagte sie schließlich.
Cain strahlte. „Du bist die Beste!“
Sie hob sofort den Finger. „Und sobald ich sage, es reicht—“
„Hör ich auf“, versprach er prompt, viel zu schnell.
Skye wandte sich wieder Asher zu. „Und du…“
„…halte mein Wort“, beendete er ruhig den Satz.




Sie musterte ihn einen langen Moment. Prüfend. Als würde sie abwägen, ob sie gerade eine Falle betrat – oder einen Schritt nach vorn machte.
Dann nickte sie. Einmal. Knapp.
„Morgen“, sagte sie leise. „Aber ich bin dabei.“
Asher neigte leicht den Kopf. „So wollte ich es.“
Cain jubelte leise, drehte sich um und rannte davon – vermutlich, um es den anderen Kindern sofort zu erzählen.
Skye sah ihm nach. Dann drehte sie sich langsam zu Asher um.
„Ihr habt euch abgesprochen.“
Asher hob unschuldig eine Augenbraue. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Skye schnaubte leise. „Natürlich nicht.“
Er hielt ihrem Blick noch einen Moment stand, dann seufzte er kaum hörbar und hob beschwichtigend die Hände. „Gut. Teilweise.“
Sie verschränkte sofort die Arme. „Aha.“
„Er hatte mich heute morgen schon angesprochen“, gab Asher ehrlich zu. „Nach dem Training. Sehr höflich. Sehr entschlossen. Als du dich fertig gemacht hast, kam er kurz zu mir.“ Ein kaum merkliches Lächeln zuckte über seine Lippen. „Ich habe ihm gesagt, dass er deine Zustimmung braucht.“
Skye musterte ihn. „Und dann?“
„Dann hat er genickt, ‚Ja, Beta‘ gesagt“, Asher ahmte den ernsten Tonfall nach, „und fünf Minuten später wahrscheinlich angefangen, sich zu überlegen, wie er dich weichklopfen kann.“
Skye schüttelte den Kopf. „Großartig. Jetzt verschwören sich also mein kleiner Bruder und ein Beta gegen mich.“
„Ich würde es eher Teamarbeit nennen“, erwiderte Asher trocken.
„Zu wessen Vorteil?“
„Zu Cains“, sagte er ohne Zögern. Dann, leiser: „Und vielleicht auch zu deinem.“
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ihr Blick blieb an ihm hängen, suchend.
„Ich werde wirklich vorsichtig sein“, fügte Asher ruhig hinzu. „Ich würde ihn niemals in Gefahr bringen. Nicht für Training. Nicht für das Rudel. Und ganz sicher nicht, um dir etwas zu beweisen.“
Skye atmete langsam aus. „Wenn ihm auch nur ein Haar—“
„Dann darfst du mir den Kopf abreißen“, unterbrach er sie sachlich.
Sie blinzelte. „Sehr beruhigend.“
Ein Hauch von Humor lag in seiner Stimme. „Ich bin erstaunlich kopffest.“
Trotz sich selbst verzog sie den Mund. Kein richtiges Lächeln – aber nah genug.
„Ihr seid unmöglich“, murmelte sie.
Asher zuckte mit den Schultern. „Willkommen im Rudel.“




„Ich weiß noch nicht“, erwiderte sie trocken, „ob ich dir danke oder dir morgen Vorwürfe mache.“
Ein schiefes Grinsen zog über sein Gesicht. „Beides halte ich aus.“
Und für einen Moment – nur einen – wirkte Skye, als müsste sie sich ein Lächeln verkneifen.

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