Kapitel 24
Asher setzte sich erst, als alle anderen bereits Platz genommen hatten.
Das Abendessen im Rudelhaus folgte keinem festen Protokoll, aber es gab eine natürliche Ordnung. Kael und Livia saßen an der Stirnseite des langen Holztisches. Neben ihnen die Betas, weiter unten Krieger, Heiler, einige Omegas. Stimmen vermischten sich, Besteck klirrte, und der Geruch von warmem Essen lag schwer und beruhigend in der Luft.
Skye saß ein paar Plätze von ihm entfernt, zwischen Cain und Livia. Es war der Platz, der ihr als Frau des Betas zugedacht war – auch wenn Skye das noch nicht wusste. Sie gab sich sichtbar Mühe, ruhig zu wirken. Asher entging kein Detail: wie sie sich erst entspannte, als Cain anfing zu erzählen, wie sie den Blick hob, wenn jemand lachte, wie aufmerksam sie zuhörte, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu drängen.
Sie machte sich gut. Besonders für jemanden, der jahrelang auf der Flucht gewesen war.
„Also“, sagte Kael schließlich und hob sein Glas, „wer fängt an?“
Mehrere Stimmen meldeten sich gleichzeitig. Ein Krieger beschwerte sich über das Training, eine Omega erzählte von einer misslungenen Lieferung, jemand anderes lachte und berichtete von einem Streit zwischen zwei Jungwölfen, der in einem Schlammloch geendet hatte.
Asher hörte zu, aber nur halb. Sein Blick wanderte immer wieder zu einer Person schräg gegenüber.
Der Gamma.
Ronan.
Auf den ersten Blick war er unscheinbar, wenn man ihn nicht kannte. Dunkle Haare, meist zurückgebunden, wache Augen, ruhige Haltung. Kein Angeber. Aber jeder im Raum wusste, dass Ronan derjenige war, der nachts kontrollierte, wer das Territorium betrat. Der wusste, wer sich wo aufhielt. Der Alarm schlug, wenn etwas nicht stimmte. Sicherheit. Ordnung. Grenzen. Im Rudel – und in der Firma.
„Ronan“, sagte Asher schließlich, als eine kurze Gesprächspause entstand.
Der Gamma hob den Blick. „Ja?“
„Ist dir heute etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
Ronan musterte ihn einen Moment zu lange. „Kommt darauf an, was du als ungewöhnlich bezeichnest.“
Asher lehnte sich leicht zurück. „Das neue Personal.“
Kael hob leicht den Kopf, sagte aber nichts. Er ließ sie machen.
Ronan verstand sofort. Sein Blick wurde schärfer. „Du meinst die Neue.“
„Ich meine die Neue“, bestätigte Asher.
Einige Gespräche um sie herum verebbten. Nicht abrupt, aber spürbar. Das Rudel hatte gute Ohren.
„Sie ist heute offiziell eingetragen worden“, sagte Ronan ruhig. „Zugänge, Schlüssel, Systemfreigabe. Alles sauber.“
Asher nickte langsam. „Und wer hat das freigegeben?“
Ronan verzog den Mund. „Genau das habe ich mich auch gefragt.“
„Ich habe einen Vermerk hinterlassen“, fuhr Asher fort. Seine Stimme blieb ruhig, aber fest. „Kein grünes Licht.“
„Ich weiß“, sagte Ronan.
Asher hielt kurz inne. „Du weißt es?“
Ronan nickte. „Ich habe ihn gesehen.“
Kael legte sein Besteck beiseite. „Dann wurde er überschrieben.“
„Oder ignoriert“, ergänzte Ronan.
Asher spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Keine Wut. Eher eine kalte, fokussierte Aufmerksamkeit.
„Und das gefällt dir nicht“, stellte Ronan fest.
„Nein“, sagte Asher. „Tut es nicht.“
Ronan beugte sich leicht vor. „Mir auch nicht. Vor allem nicht, weil sie sich ungewöhnlich verhält.“
„Ungewöhnlich?“, fragte Kael.
„Zu schnell“, antwortete Ronan. „Keine typische Eingewöhnung. Keine Unsicherheit. Sie weiß genau, wo sie hingehört – oder tut zumindest so.“
Asher dachte an das ungute Gefühl im Büro. An die Berührung. An den Moment, in dem sie umgeschaltet hatte, nachdem er sie zurückgewiesen hatte.
„Behalte sie im Auge“, sagte Asher.
Ronan nickte. „Mache ich bereits.“
Skye hatte inzwischen aufgehört zu essen. Asher bemerkte aus dem Augenwinkel, wie ihr Blick zwischen ihm und Ronan hin und her wanderte. Cain hingegen erzählte gerade begeistert einer Omega von seinem geplanten Training.
„Asher hat versprochen, er passt auf“, hörte Asher ihn sagen.
Ein leises Ziehen ging durch ihn. Verantwortung war für ihn kein Wort. Es war ein Zustand.
„Ist sie eine Bedrohung?“, fragte Kael ruhig.
Ronan zuckte mit den Schultern. „Noch nicht.“
„Das ist keine Antwort“, sagte Asher.
„Doch“, entgegnete Ronan gelassen. „Es ist die einzig ehrliche.“
Asher nickte langsam. „Dann halten wir es so. Keine offenen Maßnahmen. Keine Konfrontation. Aber volle Beobachtung. Ich will wissen, was sie will.“
„Verstanden“, sagte Ronan.
Livia beugte sich leicht vor. „Und das Rudel?“
Asher sah zu Skye. Dann zu Cain. Dann zurück zu Livia. „Das bleibt vorerst unter uns.“
Ronan lehnte sich zurück. „Gut. Unruhe ist das Letzte, was wir jetzt brauchen.“
Das Gespräch versandete wieder im allgemeinen Stimmengewirr. Jemand lachte. Brot wurde weitergereicht. Das Leben im Rudel ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Asher nahm sein Besteck wieder auf. Sein Hunger war verschwunden. Er aß trotzdem, mehr aus Gewohnheit als aus Appetit. Seine Aufmerksamkeit blieb wach, glitt durch den Raum, registrierte Bewegungen und Stimmungen. Der Gamma hatte sich zurückgezogen, Kael sprach mit einem Krieger, Cain erklärte lautstark, warum er morgen definitiv nicht weinen würde – selbst mit Muskelkater.
Und dann hörte Asher es.
Nicht, weil jemand laut sprach. Sondern weil er gelernt hatte, auf Zwischentöne zu achten.
Ein paar Plätze weiter hatte sich Livia zu Skye geneigt. Ihre Stimme war freundlich, aber verschwörerisch gedämpft – der Tonfall einer Frau, die etwas plante, das Spaß machen sollte.
„Morgen“, sagte Livia, „gehen wir einkaufen.“
Skye blinzelte. „Einkaufen?“
„Ja“, bestätigte Livia. „Du kannst doch nicht ewig in geliehenen Sachen herumlaufen.“
Asher spannte sich kaum merklich an.
Skye sah sich kurz um, dann beugte sie sich näher zu Livia. Ihre Stimme war so leise, dass menschliche Ohren sie kaum hätten wahrnehmen können. Seine jedoch schon.
„Ich…“, begann sie zögernd, „ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann.“
Da war es. Dieser eine Satz, der alles verriet, ohne dass sie es wollte.
In Asher zog sich etwas zusammen. Kein Mitleid. Ein scharfer Impuls. Besitz, Verantwortung, Instinkt. Sie gehörte zu ihm. Punkt. Und damit war Geld kein Thema mehr.
Er wollte gerade den Mund öffnen.
„Das ist kein Problem“, sagte Livia sofort – zu schnell, um Zufall zu sein. „Wir nehmen einfach Kaels Kreditkarte.“
Einen Herzschlag lang herrschte Stille.
Dann verschluckte sich Kael hörbar an seinem Wasser.
Er hustete, stellte das Glas ab und sah Livia mit geweiteten Augen an. „Wir— was?“
Livia sah ihn vollkommen unschuldig an. „Du hast doch nichts dagegen, oder?“
Kael starrte sie an. „Du willst meine Kreditkarte—“
„Unsere“, korrigierte sie sanft.
Asher musste sich zusammenreißen, um nicht zu grinsen.
Skye war inzwischen knallrot. „Ich wollte wirklich nicht—“
„Skye, bitte“, winkte Livia ab. „Das ist keine Wohltätigkeit. Das ist Grundausstattung.“
Kael rieb sich über das Gesicht. „Ihr wisst, dass ihr gerade über mich hinweg entscheidet.“
„Ja“, sagte Livia fröhlich. „Das tun wir. Außerdem steht bald unsere Hochzeit an, und ich nehme nur meine Brautjungfer mit zum Shoppen.“
Skye erstarrte. Ihre Augen wurden groß. „Brautjungfer?“
Cain kicherte laut.
Asher lehnte sich zurück und beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Belustigung und Erleichterung. Er hatte den Satz bereits auf der Zunge gehabt: Ich zahle das. Du gehörst zu mir.
Gut, dass Livia schneller gewesen war. Weniger Druck. Weniger Besitzanspruch. Mehr Raum für Skye, das anzunehmen, ohne sich klein zu fühlen.
Skye nickte schließlich zögerlich. „Nur… nur das Nötigste.“
„Natürlich“, sagte Livia. „Und vielleicht eine Jacke. Und Schuhe. Und etwas Warmes. Der Winter kommt. Und für die Hochzeit.“
Kael stöhnte leise. „Ich sehe schon, wie das endet.“
Asher beugte sich zu ihm. „Du wirst es überleben.“
Kael warf ihm einen schiefen Blick zu. „Du findest das lustig.“
„Ein bisschen“, gab Asher zu.
Skye sah kurz zu ihm herüber. Ihre Augen trafen seine. Dankbarkeit lag darin. Und Unsicherheit. Aber kein verletzter Stolz. Kein Rückzug.
Asher hielt ihren Blick einen Moment länger als nötig und nickte kaum merklich.
Gut, dachte er.
Lass sie nehmen, was sie braucht. Der Rest kommt später.







































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