Kapitel 3

Gegenwart

Skye lag noch auf dem Boden, der kalte Stein presste sich hart gegen ihre Schulter, als sie wieder Luft bekam. Ihr Brustkorb hob und senkte sich stoßweise, jeder Atemzug brannte, als würde er ihre Lungen von innen aufreißen. Für einen Moment bestand die Welt nur aus Rauschen – Blut in ihren Ohren, Schmerz und Dunkelheit, die sie zurückziehen wollte.
Nicht jetzt.
Sie zwang die Augen auf.
Liv.
Der Name traf sie wie ein Schlag. Skye riss den Kopf hoch, auch wenn ihr Körper protestierte. Sie stützte sich auf den Ellbogen, suchte hektisch – und fand sie.
„Renn, Liv“, brachte Skye heiser hervor. „Schnell. Die Verschleierung hat nachgelassen.“
Die Worte kosteten Kraft, die sie kaum noch hatte. Liv erstarrte, Verwirrung in ihrem Gesicht, als hätte sie den Ernst nicht sofort begriffen. Skye schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Nicht stehen bleiben“, flüsterte sie. „Weg von hier.“
Sie wusste nicht, ob Liv es noch hörte. Aber sie sah, wie sie sich bewegte. Wie sie zur Tür stolperte, taumelnd, verletzt – aber auf den Beinen.
Gut. Wenigstens das. Sie musste es schaffen, ansonsten würde die Wolf, nachdem er mit Marek fertig war, eine gnadenlose Jagd auf sie machen. Cain und sie würden sterben.
Skye ließ den Kopf sinken. Sie hatte getan, was sie konnte. Das Band würde ihn rufen. Der Wolf würde seine Gefährtin finden. Der Energiestrahl würde auch den Rest erledigen. Idiotensicher.
Dann spürte sie es.
Marek.
Seine Präsenz schnitt durch die Luft wie eine Klinge. Skye drehte den Kopf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich sein Blick auf sie senkte – kalt, hungrig, voller etwas, das nichts mehr mit Verstand zu tun hatte. Sein irrer Blick blieb kurz auf ihr.
Ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Brust. Kein Laut für menschliche Ohren. Aber Skye hörte ihn. Natürlich hörte sie ihn.
Als Liv außer Sicht war, trat er näher.
Sein Gesicht flackerte, als würde etwas darunter drängen. Seine Augen leuchteten silbern auf.
„Bald bist du dran“, raunte er. Die Stimme weich. Krank.
„Aber erst diese veräterische Schlampe. Und euch werde ich danach auch wieder finden.“
Angst kroch ihr die Wirbelsäule hinauf, lähmend und heiß zugleich. Doch Skye zwang sich, stehenzubleiben. Sie hielt seinem Blick stand, auch wenn ihre Knie zitterten.




Dann war er weg.
Ein Wimpernschlag – und die Luft war leer. Nur das Echo seiner Drohung blieb zurück, hallte in ihrem Kopf nach. Sie hoffte das der Wolf schnell genug war um diese zu Ende zu bringen.
Skye ließ sich schwer zurückfallen und presste die Hand gegen ihre Seite.
Blut.
Zu viel.
Ihre Sicht verschwamm, schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Sie blinzelte sie fort, atmete flach.
„Nein“, murmelte sie. „Nicht jetzt.“
Das hier war ihre Chance gewesen. Ihre einzige. Marek war fort. Die Wölfe würden kommen. Wenn sie blieb, war sie verloren. Sie hatte geholfen, eine schwangere Gefährtin eines Alphas zu entführen – auch wenn sie gezwungen worden war. Für einen Wolf gab es dafür keine Gnade. Obwohl sie sich eine Chanche auf Überleben gegeben hatte, indem sie ihr zur Flucht verholfen hatte.
Sie musste weg.
Jetzt.
Ihr Blick fiel trotzdem auf Belle.
Die echte Belle lag wenige Meter entfernt, reglos. Ihr Körper lag unnatürlich verdreht, dunkle Blutergüsse zeichneten sich bereits unter der Haut ab.
Skye schloss die Augen.
Wenn sie jetzt ging, wäre es sicherer. Für sie. Für Cain. Jede Magie war ein Risiko. Jeder Zauber ein Ruf.
Doch sie blieb.
„Verdammt“, flüsterte sie.
Mit zitternden Fingern riss sie ein Stück Stoff aus ihrem Umhang, kniete sich mühsam neben Belle und presste den Stoff auf die schlimmsten Wunden.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich hätte ihm nie helfen dürfen.“
Sie tastete nach ihrer Magie. Vorsichtig. Nicht zu viel – nur anlehnen. Ein Spalt. Ein Hauch.
Ein schwaches Leuchten flackerte zwischen ihren Händen auf. Kaum sichtbar. Kaum existent.
Skye keuchte, als die Energie durch sie floss – kalt, brennend, erschöpfend. Die Wunden schlossen sich fast vollständig, und das Bluten verlangsamte sich. Die schlimmsten Blutergüsse verblassten.
Genug. Aber je mehr Macht durch sie strömte, desto verlockender wurde es, alles zu heilen. Erst war Belle dran, dann heilte sie die schlimmsten Verletzungen bei sich selbst. Nicht genug aber ausreichend. Sie musste jetzt aufhören. Ihre Magie konnte wie ein Leuchtfeuer gelesen werden. Stopp.
Mehr konnte sie nicht riskieren.
Sie zog die Verschleierung wieder fest um sich, Schicht um Schicht, bis ihre Präsenz erneut im Nichts verschwand. Dann stand sie auf – schwankend, aber entschlossen – und verschwand im Wald. Immer darauf bedacht das niemand ihr folgen konnte.




Zuhause schaffte sie es gerade noch, die Tür zu schließen, bevor sie auf die Couch sank. Sie war so unendlich müde und erschöpft.
„Skye?“ Cain stand im Türrahmen, sofort wachsam. „Du bist verletzt.“
„Es ist nicht schlimm“, sagte sie schnell und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin nur müde. Ein ausgedehnter Schlaf wird mir helfen.“ Skye zwang sich ein Lächeln aufzusetzen.
Er kam näher, musterte sie. „Es hatte mit deinem Bekannten zu tun, oder? Rede mit mir.“
Die Worte trafen sie härter als jede Wunde. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie faltet die Hände vor ihr Gesicht.
Wie sollte sie einem Elfjährigen erklären, was sie getan hatte, um sie beide zu schützen? In welcher Gefahr sie das letzte Jahr gelebt hatten.
Cain sagte nichts weiter. Sie erkannte aber in seiner Gestik das er antworten wollte. Und sein Blick verriet, dass er längst mehr wusste, als er aussprach.
„Soll ich etwas holen?“, fragte er leise.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Setz dich einfach zu mir. Lass mich deine Nähe fühlen. Zeig mir das wenigstens jetzt alles in Ordnung ist.“
Er tat es, rückte näher. Sonst streichelte immer sie seinen Haupt. Jetzt war es anders.
„Alles wird gut“, murmelte Skye, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Ich muss nur schlafen. Dann reisen wir weiter. Wir fangen neu an.“
Cain schwieg einen Moment.
„Das hast du schon mal gesagt“, murmelte er.
Ihr Herz zog sich zusammen. „Ich weiß. Aber diesmal… diesmal meine ich es ernst.“
Er sah sie nicht an. „Okay.“
Wie sie dieses Wort hasste.
Die Erschöpfung zog sie schließlich gnadenlos in die Dunkelheit. Und für einen Moment war sie froh über die Finsternis die sie mit offen Armen in Empfang nahm.

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