Kapitel 30
Belle wachte spät auf. Nicht durch Motorengeräusche, keine Stimmen im Flur, keine aufmerksame Alarmbereitschaft im Hinterkopf. Es war schlicht — Stille. Und Stille war etwas, das sie seit Wochen nicht mehr erlebt hatte, zumindest nicht in dieser weichen, unaufdringlichen Form.
Das Gästezimmer war warm, Sonnenlicht brach sich über den Vorhängen und warf goldene Streifen über Decke und Kissen. Sie roch Holz, Kräuter, und etwas, das an Kaminrauch erinnerte. Es brauchte keine volle Sekunde, um zu wissen, dass sie bei Kael war — und nicht bei Cade.
Ihr Körper fühlte sich noch seltsam schwer an, aber nicht auf die unangenehme Art. Eher so, als hätte sie zum ersten Mal seit längerem wieder wirklich geschlafen. Ihre Hand glitt an ihren Hals, über die Stelle, an der Cade sie gestern Nacht geküsst hatte. Sie war immer noch empfindlich — heiß und vertraulich.
Die andere Seite des Bettes war kalt.
Natürlich war er gegangen. Genau wie angekündigt.
Belle schloss kurz die Augen und atmete tief aus. Dann setzte sie sich auf, rieb sich über das Gesicht und murmelte in das leere Zimmer hinein:
„Okay. Du bist nur hier, weil du ‚sicherer‘ bist. Nicht weinen.“
Sie weinte nicht. Sie war keine Person, die bei Dingen weinte, die sie verunsicherten — sie wurde eher zornig oder still. Heute war es ein merkwürdiger Mix aus Sorge, Frustration und… ja, auch Wut. Auf Cade, auf die Situation, auf diese Bedrohung, über die er nicht sprach.
Sie schlüpfte in Leggings und ein übergroßes Shirt, band sich die Haare hastig zurück und verließ das Zimmer.
Der Flur war ruhig. Keine Stimmen, keine hektischen Schritte, alles wirkte, als hätte das Haus einen eigenen, langsameren Rhythmus. In der Küche fand sie schließlich Livia — im Schlafanzug, Haare zerzaust, ein Berg Pancakes vor sich, während sie sich gerade den nächsten Bissen genehmigte.
„Guten Morgen!“ rief Livia, als hätte sie Belle schon seit einer Stunde erwartet.
Belle blieb stehen, und für einen Moment fühlte es sich an wie früher — wie Heimkommen. „Guten Morgen“, antwortete sie und setzte sich an den Tisch.
„Setz dich und iss mit mir“, befahl Livia mit vollem Mund. „Ich bin schwanger, also alles was ich sage, ist Gesetz.“
Belle zog eine Braue hoch. „Das ist keine Regel.“
„Doch“, sagte Livia ernst. „Seit gestern. Ich führe ein neues System ein.“
Belle schmunzelte kurz, atmete dann ein und wusste, dass jetzt der richtige Moment war. Wenn sie es nicht sofort sagte, würde sie es gar nicht sagen — und Livia war die Art Mensch, die Wahrheit durch Mauerwerk roch.
„Liv? Ich muss dir etwas sagen, bevor du mich mit Essen weichkochst.“
Livia hielt inne, Gabel in der Luft. „Gut oder schlecht?“
„Kompliziert“, sagte Belle.
„Kompliziert ist meistens gut, solange niemand stirbt“, erklärte Livia. „Also red.“
Belle starrte kurz auf eine Erdbeere auf ihrem Teller, als müsste sie sich Mut daraus ziehen. Dann sagte sie langsam:
„Cade meinte vorgestern Nacht, dass er mich… geschwängert hat.“
Die Gabel fiel nicht herunter — aber sie stoppte in der Luft und blieb absolut still. Livia starrte Belle zwei sehr lange Sekunden an, die sich eher wie zehn Minuten anfühlten.
Dann ließ Livia sich dramatisch auf den Barhocker fallen, schlug sich beide Hände vor den Mund und rief:
„WAS?!“
Belle zuckte zusammen. „Bitte leiser. Oder wenigstens ohne Sirenenalarm in menschlicher Form.“
„Belle!“ Livia beugte sich nach vorne. „Das ist— das ist— DU BIST— also vermutlich auch— schwanger?!“
Belle nickte zaghaft. „Vielleicht. Eventuell. Theoretisch. Es ist möglich.“
„Und bevor du fragst: Ja, wir haben— ja, es war— und nein, ich wusste nicht— und nein, ich habe keine Ahnung— und—“
Weiter kam sie nicht. Livia lehnte sich quer über den Tresen und umarmte sie wild.
„Oh mein Gott, wir werden zusammen Disneyland überfallen! Mit Kinderwagen! Und Snacks! Und—“
Belle schob sie sanft zurück. „Wir wissen es nicht mal sicher.“ Doch insgeheim wusste sie das sich Cade nicht irrte weil, … Werwolf!
„Details! Können später kommen!“ Livia klatschte begeistert in die Hände. „Ich mache heute drei Tests für mich and du… machst das, was man eben macht, wenn man mit einem Wolf geschlafen hat. Weiß nicht, Kräutertee trinken? Oder meditieren? Oder warten? Keine Ahnung.“
Belle öffnete gerade den Mund, um irgendeine Art pragmatische Einordnung einzubringen, als plötzlich die Küchentür aufging und Nora hereinplatzte — Mantel halb offen, Haare verwuschelt, Wangen rot gefroren, aber der Ausdruck war eindeutig empört.
„Ich wurde hier gelassen!“, verkündete sie, als wäre sie Opfer eines Staatsverbrechens.
Livia hob eine Augenbraue. „Ähm… Hallo?“
„Hallo“, sagte Nora hastig und setzte direkt wieder an: „Ich wurde hier gelassen! Asher ist einfach verschwunden und hat mich hier gelassen! Und Cade hat Belle hier gelassen! Und Nora darf nicht mit! Aber Skye — die kleine Hexenprinzessin mit ihren Zaubern und dem mystischen Haarschwung — durfte natürlich mit!“
Belle warf Livia einen Blick zu. Livia blinzelte. Dann:
„Warte — Skye ist auch mit?“
„Ja! Natürlich!“ Nora warf empört die Hände in die Luft. „Die Hexe! Mit den Zaubern! Und den dramatischen Latinumsprüchen und den tiefen Blicken! DIE durfte mit! Und ich? Ich? Ich bin Mensch! Also bleibe ich hier!“
Belle seufzte. „Ich erkenne ein Muster.“
„Ein sexistisches Muster“, fügte Nora wütend hinzu. „Oder ein speciesistisches. Oder beides! Jedenfalls unfair!“
Livia stemmte die Hände in die Hüften. „Also gut. Lass uns das zusammenfassen: Kael hat mir gesagt, ich solle hierbleiben, weil ich schwanger bin. Asher hat dir gesagt, du sollst hierbleiben, weil du Mensch bist. Und Belle wurde hiergelassen, weil— wie war das— sie auf Cade hört?“
Belle hob eine Braue. „Das habe ich nie gesagt.“
„War die kurze Version“, sagte Livia.
Nora ließ sich schwer an den Tisch sinken. „Und warum dürfen die Männer immer alles?“
Belle nippte an ihrem Kaffee. „Weil Wölfe Risiko oft als Machtfrage sehen. Und Macht gehört für sie nicht ‚in die Küche‘, sondern ‚in den Wald‘.“
Nora runzelte die Stirn. „Das klang gerade sehr… nach Anwältin.“
„Weil es eine Präzedenzanalyse war“, sagte Belle nüchtern.
Livia nickte. „Gut. Ich gehe ihnen hinterher. Wenn Kael denkt, ich setze mich einfach aufs Sofa und stricke Babydecken bis zur Geburt, hat er sich geschnitten. Ich bin schwanger, nicht immobil!“
Nora sprang sofort auf. „Ich komme mit! Und ich schreie Asher an! Und Cade vielleicht auch! Und—“
Belle hob eine Hand. „Nein.“
Beide froren auf der Stelle ein — wie Schneeflocken im Zeitraffer.
„Nein“, wiederholte Belle ruhig, aber fest. „Wir wissen nicht, wohin sie gegangen sind. Wir wissen nicht, was im Wald ist. Und selbst wenn ich Cade anschreien möchte — ich widersetzte mich ihm nicht blind. Nicht, wenn er Schutzgründe hat.“
Nora verschränkte die Arme. „Das ist langweilig und verantwortungsbewusst.“
Livia ließ sich wieder sinken. „Und frustrierend.“
Belle nickte. „Ich weiß. Ich hasse es ebenfalls. Aber Schutz bedeutet manchmal: warten.“
Eine unangenehme Pause entstand.
Livia war die Erste, die sie brach.
„Also… was tun wir dann?“
Belle sah von einer zur anderen. Der Kloß im Hals wurde wieder größer, aber diesmal fühlte er sich nicht nur nach Angst an — sondern nach Verantwortung.
„Wir fangen an herauszufinden, was wir überhaupt wissen.“
Nora runzelte die Stirn. „Wir wissen gar nichts.“
„Noch nicht“, korrigierte Belle. „Aber wir sind drei Frauen, die sehr schlecht darin sind, still zu sitzen.“
Livia grinste. „Richtig.“
Nora grinste schief. „Extrem richtig.“
Belle lächelte — klein, aber echt.
„Also beginnen wir mit dir, Liv. Du erzählst uns alles, was seit meinem Verschwinden passiert ist. Mira, Skye, die Hexen, Asher, Kael, Vampirgeschichten — alles.“
Livia holte Luft, sah für einen Moment älter und gleichzeitig lebendiger aus als noch zuvor, und sagte dann:
„Okay. Aber zuerst gibt es Frühstück. Und danach werde ich Kael so lange bearbeiten, bis er Informationen ausspuckt.“
Belle stöhnte, Nora jubelte, und Livia stand auf, um den nächsten Schwung Pancakes zu holen.
So begann der Tag.
Nicht leise — sondern mit Chaos.
Mit Freundschaft.
Mit einem Hauch von Angst.
Und dem Gefühl, dass sie zusammen stärker waren als allein.
Und das war, unter den gegebenen Umständen, ziemlich viel.





























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