Kapitel 31

Der Wald hatte sich verändert.
Nicht sichtbar im ersten Augenblick, sondern in der Art, wie die Luft selbst reagierte. Es war diese feuchte, zu schwere Stille, die Cade als erstes auffiel. Keine Spuren, keine Geräusche, und selbst der Schnee schien sich langsamer abzusetzen, als wolle er nicht stören.
Cade ging voraus, Elias an seiner rechten Seite. Asher und Skye folgten leicht versetzt dahinter. Keiner sprach ohne Grund — sie hörten, tasteten, rochen. Und je tiefer sie den Hang hinaufkletterten, desto unangenehmer wurde das Gefühl in Cades Nacken. Das war kein Wald, der schlief. Das war ein Wald, der schwieg.
Seit Stunden verfolgten sie dieselbe Spur: eine Linie aus sterbender Vegetation und verendeten Tieren. Keine sichtbaren Wunden, kein Blut, keine Kampfspuren. Nur leere Körper, deren Herz aufgehört hatte, ohne erkennbaren Grund zu schlagen. Für einen Wolf oder Hexe war das unnatürlich. Für Cade war es ein Rätsel, das dringend eine Lösung brauchte.
„Keine Aasfresser,“ murmelte Elias, als sie an einem Reh vorbeikamen, dessen Augen noch halb offen waren. „Nicht mal Krähen.“
Cade nickte nur, aber der Gedanke war der gleiche: keine Krähen, keine Füchse, keine Raben — nichts, das sich normalerweise zuerst an Aas bediente. Die Natur mied diesen Ort, und das war schlimmer als jede sichtbare Bedrohung.
Die Spur führte weiter bergauf, die Bäume lichteten sich, und dann veränderte sich die Landschaft abrupt. Vor ihnen öffnete sich eine felsige Schneise, an deren Ende ein steiler Abhang begann. Skye blieb nicht stehen, um zu schauen — sie blieb stehen, weil ihre Magie es tat. Ihr Körper spannte sich, bevor ihre Gedanken überhaupt folgten.
Asher blieb ebenfalls stehen. Und er blieb nicht stehen wegen der Aussicht, sondern weil er diesen Ort kannte.
„Hier,“ sagte er, und seine Stimme hatte nicht die übliche Beta-Ruhe. „Der Abhang. Vor zwei Monaten.“
Cade brauchte keinen Kalender, um zu verstehen, was das bedeutete. „Der Kampf mit Marek.“
Asher nickte. „Kael hat ihn weiter in dieser Richtung getötet.“ Asher zeigte mit der Hand Richtung Wald.
Cade trat an den Rand, ohne Angst und ohne Hektik. Er bewegte sich wie jemand, der jeden Winkel eines Waldes lesen konnte. Unter ihnen lag die Schlucht: Felsen, Geröll, Schnee, gefrorene Äste. Keine unnatürlichen Muster. Keine Runen. Keine verkohlten Stellen. Kein Ritual. Einfach nur Natur.




Er erinnerte sich an diesen Tag. Kael gegen Marek, Livia hinter Kael, Belle kam stolpernd aus dem Wald, und Cade am Rand eines Kampfplatzes, das nicht seines war. Marek war ein Gestaltwandler gewesen, unfassbar anpassungsfähig, gefährlich und moralisch indifferent. Aber er war kein Dämon, kein Magier, kein Unsterblicher. Kael hatte ihn getötet wie einen Wolf tötet: direkt, effizient, ohne Zögern.
„Kael hat Marek getötet?“ fragte Cade, obwohl er die Antwort kannte. Es ging nicht um Wissen — es ging um Bestätigung.
„Ja,“ sagte Asher ruhig. „Kehle rausgerissen. Ich stand daneben. Kein Atem, kein Puls, keine Restbewegung. Tot.“
Elias knurrte leise. „Warum wurde er nicht verbrannt?“
Das war keine zufällige Frage. In der übernatürlichen Welt war Verbrennen die Methode, um Dinge endgültig zu beenden: Dämonenwirte, Zirkelopfer, Untote, Vampire, Sukkubi — alles, was wieder aufstehen konnte oder wiederbelebt werden konnte.
Asher zuckte mit einer Schulter. „Er war kein Vampir oder ähnliches. Er war ein Gestaltwandler. Die sind biologisch. Sie sind kein Höllenbestand. Die verwesen und bleiben tot. Also war es kein Thema.“
Cade verstand die Logik. Gestaltwandler gehörten zur physischen Welt, nicht zur metaphysischen. Sie brauchten keine rituelle Entsorgung. In neunundneunzig von hundert Fällen blieb ein toter Gestaltwandler genau das: tot.
Skye war diejenige, die leise wiederholte: „War.“
Elias drehte sich zu ihr. „Was meinst du damit?“
Skye blickte nicht auf die Männer. Ihre Augen waren auf die Schlucht gerichtet, ihre Haltung angespannt und gleichzeitig lauschend — wie eine Antenne, die auf etwas abgestimmt war, das andere nicht hören konnten.
„Ich sehe keine Leiche,“ sagte sie.
Cade beugte sich weiter vor. Der Schnee unten war unversehrt. Keine dunklen Flecken, keine Knochen, keine Reste von Kleidung oder Gewebe. Selbst wenn Tiere den Körper gefressen hätten, hätten sie Spuren hinterlassen. Aber hier war nichts. Gradlinig, sauber — falsch.
„Wann warst du zuletzt hier?“ fragte Cade.
„Vor etwa vier Wochen,“ antwortete Asher. „Sein Körper lag unten. Verwest, aber intakt. Keine Tiere, keine Krähen. Seltsam, aber nichts, das uns damals Sorgen machte. Jetzt… ist er weg.“




Elias schnaubte. „Tiere schleppen keine 80-Kilo-Wandler über Felsen und lassen nichts zurück.“
„Krankenwagen auch nicht,“ murmelte Cade spöttisch.
„Hexen erst recht nicht,“ fügte Skye hinzu. „Wenn Hexen ihn mitgenommen hätten, gäbe es Rückstände: Salz, Blutspuren, Brand, Symbole, Haare, irgendwas. Aber hier gibt es nichts. Gar nichts.“
Cade sah über seine Schulter zurück in den Wald. Eine breite Schneise aus totem Boden zog sich bis zu diesem Punkt — als wäre jemand mit schwarzer Farbe durch den Wald gegangen und hätte alles darunter getötet.
„Diese Zone hat uns hergeführt,“ sagte er schließlich. „Wie eine Linie.“
Elias nickte, der Soldat in ihm schaltete sofort.
„Eine Bewegungsrichtung,“ sagte er. „Von unserem Revier weg.“
„Oder zu ihm,“ korrigierte Asher. „Vielleicht entstand dieser Scheiß nicht im Wald, sondern hier. Hier, wo Marek gestorben ist.“
Skye ließ sich in die Hocke sinken und legte die Handflächen knapp über den Schnee. Sie berührte nichts — sie spürte. Keine Tinte, kein Ritual, keine Zauberformel. Nur ein Summen unter der Oberfläche, das Cade nicht hören konnte, aber sehen konnte — in ihren Augen, die schärfer wurden.
Nach ein paar Sekunden richtete sie sich langsam wieder auf.
„Hier war Tod,“ sagte sie. „Alter Tod. Verwesung. Das ist normal. Aber darunter… etwas anderes.“
„Was genau?“ fragte Elias.
„Bewegung,“ sagte Skye. „Keine Schritte. Keine Wärme. Keine Krallen. Nur Verlagerung.“ Sie suchte nach einem besseren Wort und fand keins. „Der Tod ist nicht verschwunden — er wurde mitgenommen.“
Asher verschränkte die Arme. „Von wem? Oder von was?“
Skye hob eine minimal angespannte Schulter. „Vielleicht von niemandem. Vielleicht von etwas. Aber sicher nicht von Tieren.“
Elias hob das Kinn. „Wunderbare Optionen.“
Skye kniete erneut, berührte diesmal den Boden — nur mit zwei Fingerspitzen — und schloss die Augen. Sie blieb so lange reglos, dass selbst Cade kurz den Atem anhielt.
Dann öffnete sie die Augen wieder und sah direkt zu ihm.
„Das hier ist keine Hexerei,“ sagte sie. „Kein Zirkel, kein Vampir, Aber es ist auch kein Tier. Und kein Mensch. Vielleicht Dämonenmagie oder Höllenenergie?“
„Was bleibt noch?“ fragte Cade.
Skye sah ihn an, ohne wegzuzucken.




„Ein Wirt.“
Die Stille danach war anders. Keine gewöhnliche Stille — eine Stille, in der selbst der Wald zuhörte.
Asher war der Erste, der das Unausgesprochene laut machte:
„Du meinst, Marek läuft wieder herum?“
„Nein,“ sagte Skye fest. „Dafür ist es zu kontrolliert. Ein wiederbelebter Körper macht Chaos. Er jagt, er frisst, er rennt. Hier passiert nichts davon. Das ist keine Wiederbelebung. Das ist… Entwendung. Nutzung. Eine Hülle.“
„Ein Körper als Behälter,“ sagte Cade ruhig.
„Oder Transportmittel,“ ergänzte Skye. „Oder… Nahrung. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Wäre Marek wirklich wieder lebendig, würden wir es riechen, hören und fühlen.“
Elias rieb sich über den Nacken. „Marek war ein Arsch, aber er war kein wandelndes Todesfeld.“
„Genau deshalb,“ sagte Skye, „ist das dort unten nicht Marek. Nicht sein Wille. Nicht sein Instinkt.“
„Sondern sein Körper,“ vollendete Cade.
Skye nickte.
Cade blickte zurück in den Waldkorridor, der sich wie ein langer schwarzer Finger in Richtung Territorium zog.
„Also ist das Ding, das sich Richtung Revier bewegt, wahrscheinlich Mareks Körper.“
„Ja,“ sagte Skye. „Oder etwas, das ihn braucht. Für einen Zweck, den ich noch nicht erkenne.“
Asher stützte die Hände an die Hüften. „Es tötet alles, was es berührt. Aber nicht intelligent. Es jagt nicht. Es versteckt sich nicht.“
„Weil es kein Tier ist,“ sagte Skye. „Und kein Mensch. Und kein Wolf.“
Cades Wolf war hellwach, aber nicht panisch. Es war die Wachsamkeit eines Alphas, der beides dachte: Verteidigung und Jagd.
„Dann haben wir zwei Aufgaben,“ sagte Cade ruhig. „Erstens: Wir finden sein Ziel. Zweitens: Wir verhindern, dass es unser Territorium erreicht.“
Diesmal widersprach niemand.
Denn mehr gab es in diesem Moment nicht zu sagen.

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