Kapitel 32
Livia lag im Bett des Penthouses, umgeben von Kissen, Decken – und Kaels unnachgiebiger Aufmerksamkeit. Er saß dicht neben ihr, die Stirn in ernste Sorgenfalten gelegt, eine Hand schützend auf ihrem Bauch, als könne allein seine Nähe alles Unheil abwenden.
Langsam übertrieb er es.
Noch kein menschlicher Arzt hätte ihre Schwangerschaft bestätigen können. Sie fühlte sich nicht anders als sonst. Keine Übelkeit, keine Müdigkeit, nichts. Doch Kael vertraute nicht auf Bluttests oder Geräte. Er vertraute auf seinen Instinkt. Auf das leise, unerschütterliche Wissen um eine zweite Seele in ihr.
Und ja – das erklärte vermutlich auch, warum die Hexe ihren Blick so lange auf Livias Bauch gerichtet hatte.
„Kael“, sagte Livia seufzend. „Ich kann selbst aufstehen.“
„Nein“, erwiderte er sofort. „Du bleibst liegen. Ich hole dir alles, was du brauchst.“
Sie schob sich leicht hoch und sah ihn herausfordernd an. „Der Rudelarzt hat gesagt, dass alles in Ordnung ist.“
„Im Moment“, entgegnete er trocken. „Und das reicht mir nicht.“
Livia musterte ihn lange. „Du bevormundest mich.“
Er hielt ihrem Blick stand, ernst, beinahe verzweifelt. „Ich werde dieses Risiko nicht eingehen.“
Dann, leiser: „Ich will dich nicht verlieren.“
Das traf sie mehr, als sie zugeben wollte. Es war schwer, ihm wirklich böse zu sein, wenn Angst und Liebe so offen in seiner Stimme lagen. Also ließ sie das Thema vorerst ruhen.
„Ich möchte Belle besuchen“, sagte sie stattdessen.
Kaels Kiefer spannte sich augenblicklich. „Das ist keine gute Idee.“
„Warum nicht?“
Er schwieg einen Moment. Dann sagte er leise: „Weil ich dich gerade nicht teilen will.“
Er sah sie dabei nicht an.
Log er?
Livia runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Stattdessen griff sie nach ihrem Handy.
„Ich rufe Caden an.“
Kael legte sofort seine Hand über ihre. „Caden wird sie jetzt nicht ans Telefon lassen.“
Sie zog ihr „okaaay“ extra lang. „Was verheimlichst du mir? Und warum ist Belle überhaupt bei ihm?“
„Ich möchte dich im Moment wirklich nicht teilen.“ Murmelte er vor sich hin. Zog aber langsam seine Hand zurück und ließ ihr den Raum, den Anruf zu tätigen.
Caden ging nach dem zweiten Klingeln ran.
„Was?“ motzte er ins Telefon.
Livia blinzelte, starrte kurz auf das Display, als hätte es sie persönlich beleidigt, dann sammelte sie sich.
„Ich möchte Belle sehen. Ich möchte jetzt vorbeikommen“, sagte sie ohne Umschweife.
„Nein“, kam es prompt. „Sie muss sich erholen. Sie schläft.“
„Ich-“
„Livia“, unterbrach er sie scharf. „Nein. Im Übrigen sind alle Unterlagen für die Fusion unterschrieben. Ich lasse dich aus dem Vertrag, damit du bei Ardent bleiben kannst.“
Sie runzelte die Stirn über den abrupten Themenwechsel und sah Kael an. Er rollte nur genervt mit den Augen.
Dann hörte sie eine Stimme im Hintergrund.
„Ist das Liv?“
Belle.
„Belle!“, rief Liv ins Telefon. „Caden, sie ist wach!“ zischte Livia ins Telefon.
„Selbst wenn“, erwiderte er stur. „Sie muss sich ausruhen.“
„Gib mir dieses verdammte Telefon“, fluchte Belle im Hintergrund.
„Ja, gib ihr-“
Die Leitung war tot.
Er hatte einfach aufgelegt.
Livia starrte auf das Handy, dann auf Kael. Die Verwirrung war groß.
„Ich habe gesagt, dass es keine gute Idee ist“, meinte er ruhig. „Er wird seine Gefährtin in nächster Zeit nicht teilen wollen.“
Sie seufzte tief. „Dein Ernst? Seine Gefährtin? Du warst am Anfang nicht so schlimm.“
„Ich weiß“, sagte Kael trocken. „Aber ich habe dich auch nicht halbtot in einem dunklen Wald gefunden.“
Livia ließ sich zurück ins Kissen fallen. „Werwölfe“, murmelte sie unzufrieden.
Später am Abend lagen sie eng aneinandergeschmiegt im Bett. Kaels Arm lag fest um sie gelegt, sein Atem ruhig und gleichmäßig an ihrem Haar.
„Wie stellst du dir unsere gemeinsame Zukunft vor?“, fragte sie leise.
„Jetzt, da ich anscheinend meinen Job los bin?“, fügte sie trocken hinzu.
Kael schwieg einen Moment, dann griff er in die Schublade des Nachttisches.
Als er seine Hand öffnete, lag darin ein schlichter Ring – ein warmer Goldton, in der Mitte ein klarer Diamant, der das Licht sanft einfing.
Livias Atem stockte. Er war wunderschön.
„Ich möchte, dass du meine Frau wirst“, sagte Kael ruhig. „Nicht aus Pflicht. Nicht wegen des Bandes. Sondern weil ich mein Leben mit dir teilen will.“
Tränen stiegen ihr in die Augen. „Kael…“
„Wenn du möchtest“, fuhr er fort, „bekommst du einen Job in meiner Firma. Du kannst arbeiten, solange es dir gut tut. Ich weiß, dass du Ablenkung brauchst. Etwas Eigenes. Und ich will dir dabei nicht im Weg stehen.“
Livia war zu Tränen gerührt.
„Es gibt noch mehr, das du wissen musst“, sagte er leise. „Meine Welt ist nicht sterblich wie deine. Ich altere langsamer. Und eines Tages möchte ich dich mit meinem Biss – einer echten Markierung – an mich binden. Dein Leben würde sich mit meinem verweben.“
Sie legte ihre Hand auf seine. „Ich habe keine Angst vor deiner Welt. Ich habe Angst davor, dich zu verlieren.“
Er zog sie näher an sich. „Dann verliere ich dich nie.“
„Warum machen wir das nicht gleich?“, fragte sie leise.
„Der Biss kann schmerzhaft sein“, antwortete er sanft. „Und du sollst dich ausruhen. Ich möchte dich nicht verletzen.“
Ihr Herz zog sich vor Glück zusammen.
Ein paar Tage später, als sie wieder auf den Beinen war, nachdem Kael endlich erlaubt hatte das sie aufstehen durfte, versammelte sich das Rudel. Kael stellte Livia offiziell vor – als seine Luna, seine Gefährtin und die Mutter seiner künftigen Kinder.
Zustimmendes Murmeln ging durch den Raum. Die Blicke waren respektvoll.
Dann entließ Kael alle – bis auf Asher.
„Die Hexe?“, fragte Kael ruhig.
Asher spannte sich an. „Verschwunden. Sie ist aus dem Haus weg. Aber sie entkommt mir nicht.“ Er zog ein Stück ihres Umhangs hervor. „Ich habe ihren Duft verinnerlicht.“
„Warum?“, fragte Livia vorsichtig. „Sie wurde gezwungen. Lasst sie in Ruhe. Und wenn sie einfach gegangen ist ging es ihr wohl gut genug.“
Ashers Augen verdunkelten sich. Seine normale Waldgrüne Farbe glich eher zwei schwarzen Kohlestücken
Für einen flüchtigen Moment glaubte Livia auch, etwas anderes darin zu sehen – Sehnsucht? Schmerz? Doch es war sofort wieder fort.
„Niemals“, zischte er nach einem Moment.
Er drehte sich abrupt um, stürmte hinaus und schlug die Tür so heftig zu, dass die Bilder an den Wänden wackelten.
Livia sah Kael unsicher an. „Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich… sie tut mir einfach nur leid.“
Kael legte den Arm um sie und grinste leicht.
„Keine Sorge. Er wird ihr nichts tun. Wenn überhaupt, wird er sie ziemlich beschäftigen. Vorzugsweise Zwischen den Laken. Immer und immer wieder. Bis unser Kleines einen Spielkameraden hat. Zumindest hoffe ich in nächster Zeit, damit das Alter stimmig ist.“
Livia riss die Augen auf. „Oh.“
Kael beugte sich zu ihr, hob ihr Kinn an und küsste sie lang und intensiv.
„Uns stehen aufregende Tage bevor.“
Ende Buch 1







































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