Kapitel 32

Belle hätte nicht gedacht, dass ein Haus mit so vielen Zimmern sich so schnell anfühlen konnte, als wäre es zu klein für drei Frauen mit zu vielen Fragen. Und doch war genau das der Fall.
Nach dem Frühstück — oder eher: nach dem ersten Frühstück, denn Livia aß inzwischen wie ein sehr höflicher Baby-Drache — hatte diese sich mit entschlossener Miene und einem Notizblock bewaffnet in Kaels Büro verabschiedet. Nicht aufbrausend, nicht schreiend, sondern mit genau jener Mischung aus Freundlichkeit und taktischer Sturheit, mit der eigentlich nur Schwangere und Anwältinnen Berge versetzen konnten.
„Ich gehe ihn ausquetschen,“ hatte sie gesagt — und es hatte sich nicht wie ein Scherz angehört.
Kael hatte kein einziges Mal die Tür zuknallen lassen, kein Knurren war zu hören gewesen, nicht einmal ein Widerwort. Stattdessen drangen gedämpfte Stimmen nach außen, gelegentlich unterbrochen von Livias sehr bestimmtem: „Kael. Blickkontakt.“
Und irgendwann wandelte sich das gelegentliche Stöhnen in einen deutlich kontinuierlicheren Klang, bei dem Belle rot wurde und sich ernsthaft fragte, wie genau Livia es schaffte, Informationen einzufordern, während ihr Mann offensichtlich dabei war, ihr sehr enthusiastisch zuzustimmen.
Belle hätte gelacht, wenn ihr Herz nicht gleichzeitig ein wenig zu schwer gewesen wäre. Cade war weg, und die Kombination aus Ungewissheit und Stille war schwerer zu ertragen, als sie erwartet hatte.
Sie saß inzwischen mit Nora auf dem breiten Ledersofa im Wohnzimmer, weit weg von der Geräuschkulisse, während draußen leise Schnee fiel und die Kamine voll befeuert brannten. Das Haus roch nach Holz, Kaffee und Geborgenheit — ein Geruch, den Belle seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. Ihr Leben bestand seit langem aus Konferenzräumen, Büros, Maschinenhallen und sterilem Gray-Scale-Interior.
Nora saß mit angezogenen Knien neben ihr und starrte aus dem Fenster, als versuchte sie, dem Schneefall etwas zu entlocken.
„Glaubst du, Livia schafft das?“ fragte sie schließlich.
Belle schmunzelte. „Livia könnte einem Drachen seinen Schatz abverhandeln, während sie ihm gleichzeitig erklärt, warum die Steuerlast für Höhlen völlig unverhältnismäßig ist.“
Nora gluckste leise. „Ja… das stimmt.“




Dann senkte sich wieder Stille über den Raum. Nicht unangenehm — eher wie etwas, das erwartete, gefüllt zu werden.
Belle bemerkte, dass Nora mit den Fingern nervös am Saum ihres Pullovers spielte.
„Du bist unruhig,“ stellte Belle fest.
„Ich bin immer unruhig,“ murmelte Nora. „Ich wurde im falschen Jahrhundert geboren. Ich wäre besser als Reisejournalistin in einem Cabrio aufgehoben worden.“
Belle hob eine Braue. „Cabrio? Reisejournalistin?“
Nora nickte ernst. „Ja. Cabrio, Sonnenbrille, Notizblock. Und eine dieser schönen, alten Taschen, die aussehen, als hätte man sie auf einem Pariser Flohmarkt gestohlen.“
Belle blinzelte einmal, dann lachte leise.
Nora warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was? Ist das so abwegig?“
„Nein,“ sagte Belle. „Ich war nur überrascht. Ich dachte, du magst Stabilität. Du bist seit Elias dich als Kind gefunden hat bei ihm.“
„Ich nicht,“ sagte Nora sofort. „Ich möchte die Welt sehen. Ich möchte lernen. Studieren. In Städten leben, in denen niemand weiß, wer ich bin. Ich möchte…“ Sie suchte nach einem Wort und fand schließlich: „…leben.“
Belle betrachtete sie einen Moment. Nora war jung, neugierig, impulsiv — aber auch voller innerer Glut. Eine, die rannte, wenn alle anderen stehen blieben.
„Du willst studieren?“ fragte Belle.
Nora nickte. „Mode-Design. Ich liebe Stoffe, Schnitte, Körperformen. Ich liebe, wie Kleidung Menschen verändert. Cade nennt es ‚Ästhetik‘ — aber das ist zu kühl. Für mich ist es… Sprache.“
Belle lächelte. „Das hast du schön gesagt.“
Nora wurde rot. „Danke. Das sagt sonst nie jemand.“
Belle lehnte sich zurück. „Also? Was hält dich auf?“
Nora lachte kurz auf, aber es klang bitter. „Mein Leben? Der Wald? Mein Beta?“
Belle hob wieder eine Braue. „Dein Beta?“
Nora verdrehte die Augen. „Elias. Cade’s Beta. Er…“
Sie brach ab, als hätte sie bemerkt, dass jedes Wort verletzlich klang.
Belle half mit einem sanften: „Er beschützt dich.“
Nora nickte. „Er erstickt mich. Manchmal jedenfalls.“
Belle dachte an Elias — an seinen kontrollierten Blick, seine Ruhe, seinen Instinkt immer zwischen Tür und Gefahr zu stehen. Sie konnte sich gut vorstellen, wie das auf einen Menschen wirkte. Auf Nora wirkte.
„Woher kommt das?“ fragte Belle. „Dieser Schutz?“




Nora zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht genau. Seit ich denken kann. Schon als er mich im Wald gefunden hat — er war immer da. Nicht in einem romantischen Sinne,“ fügte sie hastig hinzu, „sondern wie ein großer Bruder, der überzeugt ist, dass die Erde aus Minen besteht und ich barfuß bin.“
Belle schnaubte. „Bilder malen kannst du.“
„Danke,“ sagte Nora trocken. „Und… ich hab ihm nie gesagt, dass ich mich beworben habe.“
Belle hielt inne. „Beworben?“
Nora nickte, diesmal leiser. „Bei einer Uni in Mailand. Mode-Design. Schwerpunkt Schnitttechnik und Textil. Ich habe vor einem Monat die Bewerbung abgeschickt. Und niemand weiß davon.“
Belle öffnete den Mund, schloss ihn wieder — nicht aus Schock, sondern aus Respekt.
„Du hast Mut,“ sagte sie schließlich.
Nora lachte heiser. „Nein. Hätte ich Mut, wäre ich schon längst weg.“
„Nein,“ korrigierte Belle sanft. „Hätte Elias kein Bedürfnis, dich zu schützen, müsstest du deinen Mut nicht ständig verstecken.“
Nora starrte sie mit einem Ausdruck an, in dem Dankbarkeit und Schmerz gleichzeitig lagen.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Flur.
Livia trat ein, Haare zerzaust, Wangen gerötet, Notizblock in der Hand — und sah aus, als hätte sie entweder ein Gerichtsverfahren gewonnen oder sehr guten Sex gehabt. Vielleicht beides.
„Ich habe alles,“ verkündete sie triumphierend.
Nora sprang sofort auf. „Und?“
Livia wedelte mit dem Block. „Setzt euch. Das ist kein Stehmaterial.“
Die beiden setzten sich wieder aufs Sofa, während Livia gegenüber Platz nahm, den Block vor sich aufschlug und tief durchatmete.
„Also,“ begann sie, „was Cade und Kael nicht sagen wollten: Es gibt im Wald eine Verfallszone. Pflanzen sterben. Tiere fallen um. Keine Spuren von Kampf. Keine Bisse. Keine magischen Rückstände. Keine Hexenzirkel. Kein Dämonenzeug.“
Nora runzelte die Stirn. „Und?“
„Kael kennt den Ort,“ fuhr Livia fort. „Und Asher auch.“
Belle hob den Kopf. „Warum?“
Livia tippte mit dem Stift auf die Seite. „Weil es derselbe Ort ist, an dem Marek gestorben ist.“
Belle atmete scharf ein. „Der Gestaltwandler.“
„Ja,“ sagte Livia. „Kael hat ihn vor zwei Monaten getötet. Den Körper in eine Schlucht geworfen.“
Belle schloss kurz die Augen. Bilder flackerten vor ihrem inneren Auge auf — Livia verletzt, Kael wie ein Berserker, Mareks höhnisches Grinsen.




„Und jetzt kommt der echt beschissene Teil,“ sagte Livia und sah sie ernst an. „Asher hat vor vier Wochen noch die Leiche gesehen. Stark verwest, aber intakt. Heute ist sie weg. Nicht angefressen. Nicht ausgegraben. Nicht verschleppt. Weg.“
Nora starrte sie an. „Weg wie… verbrannt?“
„Nein,“ sagte Livia. „Weg wie… gestohlen.“
Belle spürte einen kalten Zug zwischen den Rippen.
„Und das Ding, das im Wald Pflanzen tötet,“ flüsterte Nora, „ist das… Marek?“
Livia schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht in dem Sinn, dass ‚Marek lebt‘. Skye glaubt, dass Mareks Körper ein Wirt ist. Jemand… oder etwas benutzt ihn.“
Belle sah auf ihre Hände hinab.
Ein Wirt. Ein Körper.
Das war eine völlig neue Kategorie.
Livia sah sie an. „Cade ist draußen, um herauszufinden, was es ist und wohin es will. Und Kael hat versprochen, dass ihr beide hierbleibt, weil dieses Ding sich Richtung Cades Territorium bewegt.“
Belle schloss die Augen für einen Moment, spürte ihr Herz schneller schlagen und sagte leise:
„Dann hoffe ich, sie sind schneller.“
Niemand antwortete.
Denn manche Sätze standen auch ohne Antwort im Raum.

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