Kapitel 33
Asher stand wie erstarrt im Büro.
Der Raum fühlte sich plötzlich zu eng an. Die Luft zu dicht. Sein Schädel pochte, als hätte jemand von innen dagegen geschlagen. Er presste die Handflächen an die Schläfen, atmete schwer aus. Bilder drängten sich in seinen Kopf – Skyes Gesicht, ihre Panik, ihre Stimme. Und dann seine eigenen Worte.
Kalt. Grausam. Endgültig.
„Was habe ich getan…“, murmelte er heiser.
Es fühlte sich an, als hätte ein Schleier auf ihm gelegen. Kein vollständiger Bann, kein klarer Zauber, sondern etwas Subtiles. Etwas, das seine Wut verstärkt hatte, seine Angst geschürt, seine Kontrolle untergraben. Jetzt, da der Moment vorbei war, brannte die Erkenntnis in ihm. Er schaute sich im Taum um. Kael war anwesend gewesen, Ronan auch. Livia war mit Skye angekommen. Starrte ihn fassungslos an, dann ging sie ruhig auf ihn zu. Sie stellte sich geradewegs vor ihm.
Er hatte gerade noch Zeit, ihren Blick zu sehen – blanke Wut, vermischt mit Entsetzen – da klatschte ihre Hand gegen seine Wange.
Ein scharfes, lautes Geräusch.
Asher taumelte einen Schritt zurück, völlig überrumpelt.
„Reiß. Dich. Zusammen!“, fauchte Livia. „Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?!“
Seine Wange brannte, doch der Schmerz war nichts gegen das, was sich in seiner Brust zusammenzog. Die Ohrfeige hatte etwas in ihm gelöst. Wie ein Riss im Nebel.
„Ich…“, begann er, brach ab. Sein Blick flackerte. „Skye…“
„Ist weinend aus deinem Büro gerannt“, schnitt Livia ihm das Wort ab. „Und wenn du auch nur eine Sekunde länger hier stehen bleibst, schwöre ich dir-“
Asher war bereits an ihr vorbei.
Er rannte.
Durch den Flur, vorbei an schockierten Gesichtern, an erstarrten Angestellten. Sein Herz hämmerte, der Wolf in ihm brüllte, jetzt vollständig wach, jetzt endlich klar.
Gefährtin. Gefahr.
Die automatische Tür öffnete sich.
Draußen.
Er sah es noch.
Das Portal, das sich schloss. Die verzerrte Luft. Schwarze Silhouetten. Skyes Gestalt, die im letzten Moment noch kämpfte. Ihn rief.
„SKYE!“
Sein Schrei kam zu spät.
Das Portal kollabierte lautlos.
Asher blieb stehen, keuchend, unfähig, sich zu bewegen. Etwas in ihm riss auf. Roh. Schmerzhaft. Er konnte sie nicht mehr fühlen. Die Verbindung war gekappt.
Dann nahm er eine Bewegung wahr.
Ein Mann kniete einige Meter entfernt auf dem Asphalt und hielt Mira in den Armen. Fremd. Groß. Blasse Haut. Dunkle Kleidung. Und ein Geruch, der nicht hierher gehörte.
Vampir.
Ashers Muskeln spannten sich augenblicklich an. Was machte ein Blutsauger in Kaels Gebiet.
Bevor er reagieren konnte, traten weitere Gestalten aus dem Gebäude hinter ihm: Kael, Livia und Ronan.
Kael blieb abrupt stehen, als er Mira sah. „Livia“, sagte er scharf. „Zu mir.“
Doch Livia hatte nur Augen für ihre Freundin. Dann ging er auf den Fremden zu und fordert ihn auf, Mira herauszugeben.
Der Vampir hob den Kopf, seine Augen blitzten. „Wenn du näher kommst, breche ich dir deine Knochen.“
Kael trat dennoch einen Schritt vor. Seine Stimme war ruhig, aber gefährlich. „Lass meine Schwester los.“
Der Vampir runzelte die Stirn. „Deine… Schwester?“ Er sah zwischen Kael und Mira hin und her. „Ich dachte-“
„Falsch gedacht“, knurrte Kael.
Die Spannung wich augenblicklich aus dem Körper des Vampirs. Seine Schultern sanken. „Dann… dann entschuldige ich mich.“ Sein Griff lockerte sich vorsichtig.
Mira regte sich. Stöhnte leise. „Du lässt mich jetzt runter“, murmelte sie benommen.
Der Vampir starrte sie an, als hätte er gerade ein Wunder gesehen. „Ich habe dich endlich wiedergefunden“, sagte er rau. „Warum sollte ich dich loslassen?“
Mira öffnete die Augen halb. „Weil du mich erdrückst, du Idiot.“
Kael blinzelte. Livia starrte. Ronan hob eine Braue.
„Ihr kennt euch“, stellte Kael fest.
„Offensichtlich“, murmelte Livia.
Asher trat einen Schritt vor. Seine Stimme war rau, ungeduldig, verzweifelt. „Das ist gerade völlig egal. Meine Gefährtin wurde entführt.“
Der Vampir sah zu ihm auf.
Lange.
Dann veränderte sich sein Blick. Er runzelte die Stirn.
„Irgendwas stimmt mit dir nicht.“,
Asher erstarrte. „Was?“
Der Vampir stand langsam auf, ließ Mira widerwillig los, musterte Asher mit einem Ausdruck professioneller Konzentration. „Hattest du Kontakt zu dunkler Magie?“
Asher war sprachlos.
„Wir kommst du darauf?“ Zischte er. Seine Skye war nicht dunkel. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Seine neue Praktikantin. Der Vampir blinzelte „Aber da war etwas. Eine dunkle Nachwirkung. Wie ein Echo.“
Asher fuhr sich über das Gesicht. „Deshalb… deshalb habe ich-“
„So reagiert“, beendete Ronan den Satz. „Ja.“
Ronan trat näher. „Wie sicher bist du dir?“
„Sehr“, antwortete der Vampir. „Ich spüre so etwas bei dir. Es ist schwach aber da. Angstverstärkung. Aggressionsschub. Nichts Starkes – aber genug, um jemanden kippen zu lassen.“
Livia schloss die Augen. „Diese verdammte Hexe.“
Der Vampir verzog den Mund. „Nicht nur sie.“ Er sah sich um, schnupperte leicht. „Dieses ganze Gebäude stinkt nach Hexenküche.“
Asher hob den Kopf. „Was meinst du?“
„Ich meine“, sagte der Vampir und deutete mit einer knappen Bewegung auf die Fassade, „dass hier Runen angebracht wurden. Verstärkerrunen. Sie schieben negative Emotionen an. Misstrauen. Wut. Paranoia.“
Ronan fluchte leise. „Das erklärt einiges.“
„Es war geplant“, sagte Kael hart.
Asher schloss die Augen.
Skye. Ihre Tränen. Sein Verrat.
Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht.
„Sie wollten, dass ich sie wegstoße“, sagte er leise. „Sie wollten, dass sie allein ist.“
Der Vampir nickte. „Und jetzt haben sie, was sie wollten.“
Stille legte sich über den Parkplatz.
Dann ballte Asher die Fäuste.
„Dann holen wir sie zurück.“
Kein Zweifel. Keine Zögerlichkeit mehr.
Der Schleier war gefallen.
Und der Krieg hatte begonnen.
































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