Kapitel 34

Skye kam hart auf.
Nicht auf Boden – auf Stein. Kalt, feucht, unnachgiebig. Der Aufprall raubte ihr für einen Moment die Luft, presste sie ihr brutal aus der Lunge, ließ Sterne vor ihren Augen tanzen. Sie krümmte sich, keuchte, rang nach Atem, bis ihre Lungen endlich wieder arbeiteten. Als sie einatmete, schmeckte die Luft alt. Moderig. Schwer von etwas Metallischem, das ihr sofort den Magen zusammenzog. Blut. Altes Blut. Und frisches.
Sie war nicht mehr in der Stadt.
Allein dieser Gedanke traf sie mit verzögerter Wucht. Keine Geräusche von Verkehr. Kein Summen von Elektrizität. Keine vertrauten Gerüche. Nur Stein, Fackelrauch und diese allgegenwärtige, kranke Magie, die sich wie ein Film über ihre Haut legte.
Der Ort war … falsch.
Die Halle, in der sie lag, war groß und gleichzeitig erdrückend. Hohe, gewölbte Decken aus schwarzem Stein spannten sich über ihr wie ein drohender Himmel. Tiefe Risse durchzogen das Gestein, aus ihnen sickerte ein schwaches, rötliches Licht, als würde der Stein selbst bluten. Oben an der Kuppel befand sich ein einzelnes Fenster. Eigentlich eine klare Lichtquelle – doch durch die grauen, schweren Wolken darüber drang kaum Helligkeit. Das Tageslicht wirkte matt, kraftlos, beinahe erstickt.
An den Wänden flackerten Fackeln. Ihre Flammen tanzten unruhig, zuckten in Richtungen, für die es keinen Wind geben dürfte, als würden unsichtbare Atemzüge sie streicheln. Der Boden war übersät mit Symbolen: Kreise, Spiralen, Runen, die sich überlappten, ineinandergriffen, sich gegenseitig verstärkten. Einige waren alt. Sehr alt. In den Stein geätzt, abgenutzt von Zeit und Ritualen. Andere wirkten frisch – roh, noch dunkel glänzend, als wären sie erst vor Kurzem mit Blut nachgezogen worden.
Hier fanden Opferungen statt.
Und Skye lag genau unter der Kuppel. Im Zentrum des größten Kreises.
Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken.
Das hier war kein improvisierter Unterschlupf. Kein hastig errichtetes Versteck. Keine Zuflucht auf der Flucht.
Das war ein Kultort.
Langsam, vorsichtig, hob Skye den Blick. Erst jetzt nahm sie die anderen wahr.
Die Hexen standen verteilt im Raum. Fünf … nein, sechs. Vielleicht mehr, verborgen im Schatten der Säulen. Ihre Körper bewegten sich unruhig, zuckend, als folgten sie einem Rhythmus, den Skye nicht hören konnte – oder nicht hören wollte. Einige murmelten vor sich hin, flüsterten Wortfetzen, Silben, die sich falsch anfühlten, verdreht, verdorben. Andere lachten leise. Ein hohles, verzerrtes Lachen, dem jede Wärme fehlte.




Eine wiegte sich hin und her, die Augen glasig, die Lippen zu einem dauerhaften Grinsen verzogen. Eine andere fuhr sich immer wieder mit den Fingern über die Arme, riss alte Narben auf, ohne es zu bemerken, ohne Schmerz zu zeigen. Blut lief ihr über die Haut, tropfte auf den Boden – und die Runen unter ihr begannen schwach zu leuchten.
Verrückt.
Das waren sie alle.
Nicht im umgangssprachlichen Sinn. Sondern wirklich. Gebrochen. Zerstört. Verdorben von Magie, die zu lange, zu tief, zu falsch benutzt worden war. Skye kannte diesen Zustand. Sie hatte ihn bei anderen gesehen. Bei denen, die den Preis nicht mehr ertrugen – oder ihn nicht mehr sehen wollten.
„Sie ist wach“, sagte eine Stimme.
Skye hob langsam den Kopf.
Und dann sah sie sie richtig.
Elena.
Nein.
Nicht Elena.
Der Name, der ihr in den Sinn kam, traf sie wie ein Schlag in die Magengrube.
„Maeve …“, flüsterte sie.
Die Frau trat aus dem Schatten, als hätte sie nur darauf gewartet, erkannt zu werden. Dunkles Haar, das früher weich gewesen war, jetzt strähnig, leblos. Ihre Züge waren noch immer vertraut – dieselbe Nase, derselbe Mund – und doch entstellt durch etwas, das von innen heraus fraß. Ihre Augen leuchteten unnatürlich, ein fahles Rotbraun, als hätte sich das Licht selbst darin verirrt und keinen Ausweg mehr gefunden.
Maeve lächelte.
„Du erinnerst dich“, sagte sie sanft. Viel zu sanft für diesen Ort.
Skye zog instinktiv die Knie an den Körper. Ihr Herz pochte schmerzhaft. „Du warst meine Freundin“, sagte sie leise. „Als wir noch ein ganzer Koven waren. Zumindest dachte ich das.“
Maeves Lächeln wurde breiter. Stolzer. Besitzergreifend.
„Ich war deine Schwester“, korrigierte sie ruhig. „Wir haben zusammen gelernt. Zusammen gelacht. Du hast mir beigebracht, wie man Heilkreise sauber schließt. Wir waren Schwestern im Geiste – auch wenn wir noch jung waren.“
Bilder stiegen in Skye auf, gegen ihren Willen. Maeve, jünger, mit offenen Haaren, wie sie über einem Buch gebeugt saßen. Kerzenlicht. Lachen. Maeves Tränen, als ihr erster Zauber schiefging. Wie Skye ihre Hand gehalten hatte, ihr versichert hatte, dass Fehler Teil des Lernens waren.
„Du hast mir vertraut“, fuhr Maeve fort, während sie langsam um Skye herumging. „So wie ich dir vertraut habe.“




Skye spürte, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog. „Du hast dich abgewandt“, sagte sie. „Du hast dich etwas hingegeben, das dich zerstört.“
„Nein“, widersprach Maeve ruhig. „Du bist gegangen. Du hast uns verlassen, als wir angefangen haben zu verstehen. Du bist einfach mit den anderen gegangen, ohne zurückzuschauen.“
„Verstehen was?“, fragte Skye und hob den Blick. „Dass ihr Menschen opfert? Dass ihr euch selbst zerstört?“
Maeves Augen blitzten. „Dass Macht ihren Preis hat. Und solange wir bezahlen, ist alles gut.“
Skye schüttelte den Kopf. „Ihr seid es aber nicht, die den Preis bezahlen.“
Maeve grinste. Süffisant. Verloren.
Zwei der anderen Hexen traten näher. Eine begann leise zu singen – eine Melodie ohne Worte, schief und falsch, die Skye sofort in den Knochen spürte. Ihre eigene Magie regte sich reflexhaft, wollte antworten, wollte schützen. Doch augenblicklich legte sich etwas Kaltes um sie. Fesseln. Unsichtbar, aber unerbittlich.
„Nicht doch“, sagte Maeve amüsiert. „Wir brauchen dich ganz.“
Sie beugte sich näher. „Du bist noch so rein. Kein Fleck auf deiner Seele. Erst dachten wir, wir brauchen auch deinen Bruder. Aber mit dir … wird es reichen.“
Skye schluckte hart. Wenigstens Cain war sicher. Bei dem Rudel. Bei Livia. Bei Kael. Sie klammerte sich an diesen Gedanken, auch wenn Ashers grausame Worte in ihr nachhallten. Sie hoffte, dass sie Cain beschützen würden.
Zwei Hexen packten sie grob, zerrten sie auf die Beine und führten sie zu einem Käfig aus schwarzem Metall. Die Stäbe waren mit Runen überzogen, die pulsierend aufleuchteten, als Skye näherkam. Ein Gefängnis, geschaffen für Hexen. Für sie.
Als die Tür hinter ihr zuschlug, hallte das Geräusch durch die Halle wie ein Urteil.
Skye sank auf die Knie.
Maeve trat vor den Käfig, kniete sich hin, bis sie auf Augenhöhe waren. „Du wirst uns retten“, sagte sie fast zärtlich. „Morgen.“
„Wovor?“, flüsterte Skye, obwohl sie die Antwort längst kannte.
Maeves Stimme senkte sich. Ehrfürchtig. Verzückt. „Vor dem Tod unseres Gottes.“
Skye schloss die Augen.
„Wir werden Astaroth zurückholen“, sagte Maeve. „Er war einst mächtig. Ein König der Tiefe. Und er verlangt nur eines.“
Maeve legte die Hand an den Käfig. „Reines Blut.“




Skye öffnete die Augen. Angst schnürte ihr die Kehle zu.
„Du wirst geopfert“, sagte Maeve ruhig. „Beim morgigen Blutmond. Er wartet schon so lange. Dein Blut wird das Siegel brechen. Und dein Tot ihn zurückholen.“
Die anderen Hexen begannen zu lachen. Einige klatschten. Eine weinte vor Glück.
Skye zog die Arme um sich, zitternd.
Asher, dachte sie verzweifelt.
Und gleichzeitig:
Bitte … komm nicht.
Denn tief in sich wusste sie:
Wenn er sie fand, würde dieser Ort in Blut untergehen.

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