Kapitel 33

Cade erkannte als Erster, dass etwas nicht stimmte — und es war nicht das Sichtbare, sondern das Ausbleibende, das ihn alarmierte.
Seit Stunden waren sie dem Verfallsstreifen gefolgt. Die kaputten Pflanzen, die verstummten Vögel, das tote Gras unter Schnee — all das bildete eine Spur, die man nicht übersehen konnte. Sie schlängelte sich durch Bäume, über Hügel und durch unterholzfreie Schneisen, als wäre sie eine Krankheit, die sich einen Weg gebahnt hatte.
Doch plötzlich endete die Spur nicht — sie wechselte die Richtung.
Und nicht langsam.
„Halt,“ sagte Cade scharf.
Elias blieb sofort stehen. Asher wenige Schritte dahinter. Skye, die neben Cade in der Hocke war, löste behutsam die Hand vom Boden und stand ebenfalls auf.
„Was gibt’s?“ fragte Asher.
Cade deutete auf den Boden. „Bis vor zehn Metern ging die Spur westwärts. Jetzt geht sie nordöstlich.“
Elias kniff die Augen zusammen. „Als hätte sie… abgebogen?“
„Nein,“ korrigierte Cade. „Als hätte sie es eilig.“
Denn die Verfallszone war plötzlich schmaler — aber auch dichter. Wie das Nadelwerk eines Pfeils statt einer Schlange.
Asher knurrte leise. „Ich dachte, das Ding wandert zufällig.“
„Tut es nicht,“ sagte Skye ruhig. „Zufall sieht anders aus. Zufall hat Dellen. Schleifen. Pausen. Das hier ist… zielgerichtet.“
Cade folgte der Linie mit den Augen, bis sie hinter einer Baumgruppe verschwand. „Geschwindigkeit hat zugenommen.“
Elias berührte einen verdorrten Farn, der beim bloßen Kontakt zerfiel. „Und die Intensität auch.“
Skye nahm einen dünnen Ast vom Boden, ließ ihn fallen und sah, wie er auf der Linie kurz vibrierte — als hätte eine unsichtbare Temperaturdifferenz ihn erfasst.
„Keine Hitze,“ stellte sie fest. „Keine Kälte. Keine klassische Magie. Nur… Entzug.“
„Von Leben,“ ergänzte Cade.
Skye nickte. „Das passt.“
Elias schnaubte. „Ich hasse dieses Wort in diesem Kontext.“
Asher trat ein paar Schritte voraus, bis der Geruch sich veränderte — nicht stark, nur eine minimale Verschiebung, die ein Wolf wahrnahm wie andere Menschen einen Lichtschalter.
„Es riecht nach… weniger,“ murmelte er.
Elias warf ihm einen irritierten Blick zu. „Was heißt das?“
„Weniger Wald. Weniger Boden. Weniger Tier,“ antwortete Asher.




Skye nickte langsam. „Absorption. Ohne dafür geschaffen zu sein. Das erzeugt Lücken.“
Cade sah kurz zu ihr. „Du sagst das, als hättest du das schon einmal gesehen.“
„Nicht genau das,“ sagte Skye. „Aber etwas Verwandtes. Als ich besessen war… oder halb besessen… hat Astaroth Energie über mich gezogen. Es blieb keine blühende Spur — nur eine energetische Leere. Das hier ist ähnlich, aber physisch.“
Elias spannte sich an. „Willst du damit sagen, dass das… Ding… etwas Übernatürliches ist?“
Skye schüttelte den Kopf. „Ich sage nur: Es ist kein Zufall und kein Unfall. Es hat Zweck.“
Cade konzentrierte sich wieder auf die Spur. „Wir gehen weiter.“
Sie folgten der Linie weiter bergauf durch dichter werdenden Schnee. Der Wald wurde ruhiger, bis die Ruhe nicht mehr normal war, sondern künstlich. Keine Krähenschreie. Kein Rascheln. Keine Hasenspuren.
Nichts.
Nur das Knirschen der eigenen Schritte.
Nach einer halben Stunde blieb Asher wieder stehen.
„Alpha,“ sagte er leise. „Du musst das sehen.“
Cade trat an seine Seite. Vor ihnen öffnete sich der Wald zu einer Lichtung. In der Mitte stand ein einzelner großer Ahornbaum — oder zumindest das, was noch davon übrig war.
Die Rinde war schwarz und trocken, wie verkohlt, aber ohne Brandspuren am Boden. Die Krone hing wie totes Haar, keine Blätter, keine Knospen — im Frühwinter nicht ungewöhnlich, aber der Stamm war entleert. Nicht morsch. Nicht gefressen. Entleert.
Die Luft roch anders. Leichter. Falscher.
„Fuck,“ murmelte Elias. „Das ist nicht mehr zufällig.“
„Es war hier länger,“ sagte Skye. „Vielleicht Stunden. Vielleicht einen Tag.“
Asher ging zu einem gefallenen Ast und brach ihn durch. Er war trocken wie Porzellan und zersplitterte lautlos.
„Wie weit zur Grenze?“ fragte Cade.
Elias drehte sich nach Nordosten, roch den Wind, schloss kurz die Augen und sagte dann:
„Wenn es diesen Kurs hält… noch eine Stunde bis zum Rand deines Territoriums.“
Cade spannte sich an. Sein Wolf verhielt sich nicht nervös — sondern wachsam, und das war schlechter.
„Was passiert, wenn es weitergeht?“ fragte Asher.
Elias antwortete statt Cade: „Dann ist es in Kaels Gebiet.“
Stille. Und sie war schwer.
„Das kann kein Zufall sein,“ murmelte Asher.




„Nein,“ stimmte Skye zu. „Nichts, was nicht denken kann, bewegt sich so zielgerichtet.“
„Und nichts, was denken will, bewegt sich so zufällig,“ sagte Cade.
Asher runzelte die Stirn. „Willst du sagen, es hat eine Intention — aber keinen Intellekt?“
„Vielleicht,“ antwortete Skye. „Oder es hat einen Zweck — aber keine Erinnerung.“
Cade wandte sich ihr zu. „Was zum Teufel bedeutet das?“
„Es könnte etwas sein, das nur einem Instinkt folgt. Ohne Bewusstsein. Ohne Plan. Aber mit Ziel.“ Skye zeigte auf die Linie. „Und dieses Ziel liegt nicht in deinem Revier.“
Cade starrte in die Richtung, aus der eine leise Brise kam. Kein veränderter Geruch. Kein fremdes Geräusch. Nur eine unheimliche Erwartung.
Nicht auf ihn.
Auf etwas anderes.
„Kael,“ sagte Cade leise.
Elias verstand sofort. „Scheiße.“
Asher verschränkte die Arme. „Skye, bitte sag, dass es irgendeine alternative Erklärung gibt.“
Skye zögerte — und genau das war schon Antwort genug.
„Ich weiß nur eins,“ sagte sie. „Das hier sucht etwas. Und wenn es es bei dir nicht gefunden hat… wird es weiterziehen.“
„Zu Kael,“ beendete Cade.
Elias brummte. „Wir müssen umkehren. Und sie warnen.“
„Nein,“ sagte Cade sofort. Es war kein Befehlston — es war Überzeugung. „Wir folgen weiter. Wenn wir jetzt umkehren, verlieren wir seine Geschwindigkeit. Wir müssen wissen, wie es sich bewegt.“
Asher nickte langsam. „Kael hat Belle. Und Livia. Und Nora. Er wird reagieren. Ich werde ihn über Mindlink informieren.“
Skye sah ihn ernst an. „Kael ist stark. Aber ohne Wissen ist Stärke wertlos.“
Cade wandte sich wieder nach vorn.
„Dann sammeln wir Wissen,“ sagte er. „Und wir holen es ein.“
Er gab das Zeichen weiterzugehen, und sie folgten dem immer schärfer werdenden Verfallskorridor den Hang hinauf.
Und während sie gingen, wurde Cade klar:
Das Ding war nicht nur unterwegs.
Es war auf dem Weg zu einem Ziel.
Und dieses Ziel war nicht irgendein Ort.
Es war ein Rudel.
Und in diesem Rudel war seine Gefährtin.
Das war keine Variable.
Das war ein Problem.
Ein sehr großes.
Und Cade wusste, das war erst der Anfang.

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