Kapitel 36
Skye wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte.
Der Käfig bestand aus kaltem, schwarzem Eisen, und über den Stäben zogen sich Runen, die in einem unheimlichen Rot glommen – als würden sie atmen. Der Steinboden darunter war noch grausamer. Er entzogen ihr jede Wärme, jede Kraft, jedes Gefühl von Sicherheit. Zuerst hatten ihre Zähne heftig geklappert, dann war das Zittern schwächer geworden, nicht weil die Kälte nachließ, sondern weil die Erschöpfung stärker wurde.
Irgendwann war ihr Körper einfach in einen dumpfen Zustand zwischen Wachsein und Ohnmacht geglitten. Ein dämmriger Nebel legte sich über ihre Gedanken, benahm ihr jedes Gefühl von Zeit. Die Grenze zwischen Realität und Traum verschwamm, und Skye dämmerte weg.
Diesmal kam keine Dunkelheit mit Schreien. Kein Blutgeruch. Keine Schatten, die nach ihr griffen, wie es so oft in ihren Albträumen gewesen war.
Stattdessen waren da Stimmen.
Zärtlich. Nah. Brennend vertraut.
Ihre Eltern, dachte Skye bestürzt – und sofort zog sich etwas in ihrer Brust zusammen.
„Skye.“
Sie öffnete die Augen – im Traum oder irgendwo dazwischen – und stand plötzlich in einem Wald. In einem Wald, der zu hell war, um real zu sein. Der Wald des Sommers, nicht des Winters. Kein Schnee lag auf dem Boden, keine Kälte brannte in der Luft. Stattdessen drangen Sonnenstrahlen durch das grüne Blätterdach, tanzten über den Waldboden und zeichneten Muster wie flüchtige Runen in goldenem Licht.
Sie kannte diesen Ort.
Colorado. Heimat. Da, wo alles einmal hell gewesen war.
Ein sanfter Wind strich ihr durchs Haar, trug den Geruch von Harz und weichem Gras herüber. Es war eine Version ihrer Vergangenheit, unberührt von Blut und Verfolgung. Skye blinzelte. Ein Teil von ihr wollte weinen, ein anderer wollte sich hineinfallen lassen und nie wieder aufwachen.
„Skye“, wiederholte eine Stimme weicher.
Skye drehte sich – und da standen sie.
Ihre Eltern.
Ihre Mutter trug das gleiche seidige Haar, das Skye früher so gehasst hatte, weil es auffällig war, weil es glänzte und auffiel, während Skye lieber unsichtbar gewesen wäre. Nun aber fühlte es sich an, als würde ihr Herz brechen, weil sie es nie wieder berühren konnte.
„Das ist… nicht real“, flüsterte Skye heiser. Und doch wünschte sie es sich mehr, als sie zugeben wollte.
„Nein“, sagte ihre Mutter sanft, „aber auch nicht gelogen.“
Skye zog reflexartig die Arme um sich, als könnte sie damit etwas schützen, das längst verloren war. „Ihr seid tot.“
„Wir sind nie gegangen“, antwortete ihr Vater ruhig. Er lächelte dieses ruhige, weiche Lächeln, das immer kam, wenn Skye sich selbst verlor. „Nicht aus deinem Herzen.“ Er legte die Hand über die Stelle an ihrer Brust, wo ihr Herz pochte. „Wir sind hier.“
Schmerz drückte gegen ihre Kehle, heiß und scharf wie ein Messer. Skye wollte wegsehen, konnte aber nicht.
„Ich habe Angst“, gab sie leise zu. „Ich habe Angst, dass ich nicht genug bin. Ich habe mein Leben lang nur eines getan: mich versteckt. Verschleiert. Geflohen. Das war mein Alltag.“
Ihre Mutter trat näher, legte eine warme Hand gegen Skyes Wange. Obwohl es ein Traum war, pulsierte die Wärme so stark, dass Skye die Augen schließen musste. Die Berührung war so echt, so vertraut, dass ihr die Kehle brannte.
„Verstecken ist kein Feigsein“, sagte sie. „Es war Schutz. Du hast Cain beschützt. Dich selbst bewahrt. Ihr habt überlebt. Das war Mut.“
Skye öffnete die Augen. Tränen standen darin. „Aber jetzt…“ Sie schniefte. „Jetzt kann ich niemanden schützen. Ich kann nichts außer Magie benutzen, die mich unsichtbar macht. Ich bin nutzlos gegen das, was kommt.“
Ihr Vater schüttelte sanft den Kopf. „Kind, du glaubst, du hättest nur eine Fähigkeit. Aber du besitzt etwas, das unendlich wertvoller ist.“
„Was denn?“, fragte Skye gebrochen.
„Unversehrtheit“, sagte er. „Deine weiße Seele.“
Skye starrte ihn an, überrascht von dem Wort.
„Dunkle Magie nährt sich von Schuld, Gier und Hass“, fuhr er fort. „Sie zersetzt. Sie vergiftet. Du aber hast dich all dem entzogen. Das macht dich zu etwas, das sie fürchten. Und gleichzeitig zu etwas, das sie opfern wollen.“
Er sprach den Namen nicht aus, aber Skye spürte ihn. Astaroth. Der Dämon, den sie wiederbeleben wollten. Der Grund, warum sie hier war.
„Ich will mutig sein“, sagte Skye leise. „Und kämpfen. Aber ich kann nicht kämpfen. Und sterben will ich auch nicht. Ich möchte Cain nicht allein lassen. Ich möchte ihn aufwachsen sehen. Ich möchte…“ Ihre Stimme brach. „Ich möchte die Liebe erleben, die ich gerade erst kennenlernen durfte.“
Ihre Mutter lächelte traurig, aber stolz. „Mut bedeutet nicht, dass man keine Angst hat. Mut bedeutet, dass man handelt, obwohl man Angst hat.“
Skye schüttelte den Kopf. „Wie soll ich irgendjemanden beschützen? Ich weiß nicht einmal, ob ich es wert bin.“
Unter der Oberfläche nagten Worte, die nicht ihre waren – Ashers Worte im Büro, kalt und hart. Doch dann blitzte ein Gesicht in ihrem Geist auf: Maeve. Maeve, die sie früher Schwester genannt hatte. Und plötzlich wusste sie etwas, das sie zuvor nicht verstanden hatte.
„Maeve“, murmelte sie. „Sie verstärkt Gefühle.“
Ihre Mutter legte sanft beide Hände an Skyes Wangen und zwang sie, hinzusehen.
„Du bist es wert, weil du liebst.“
Ihr Vater trat an die andere Seite, legte eine warme Hand auf ihre Schulter. „Und weil du für die kämpfst, die du liebst. Und weil du geliebt wirst.“
Etwas in Skye vibrierte. Kein Feuer, kein Sturm – aber ein Funke. Ein hartnäckiger Funke, der sich weigerte zu sterben.
„Ich bin allein“, flüsterte sie. „Ich schaffe das nicht.“
Ihre Eltern tauschten einen Blick. Kein bedauernder – ein wissender.
„Niemand kämpft allein“, sagte ihre Mutter. „Nicht wirklich.“
„Und manchmal“, sagte ihr Vater leise, „fordern großer Mut und große Liebe Opfer. Aber du trägst sie nie umsonst.“
Skye schniefte. „Ich will nicht sterben.“
„Du sollst leben“, sagte ihre Mutter bestimmt. „Leben, schützen, wirken.“
Ihr Vater neigte den Kopf. „Skye.“
„Ja?“, flüsterte sie.
„Er kommt.“
Skye blinzelte. „Wer?“
Ein Windstoß fegte durch den Wald, Blätter tanzten auf, und das Licht flackerte wie eine Kerze im Sturm.
„Der, der dich sucht“, sagte ihre Mutter. „Der, der dich sieht.“
„Und der, der für dich brüllt, weil er dich liebt“, ergänzte ihr Vater.
Dann verblasste der Wald.
Das Licht riss auf.
Skye schreckte auf.
Der Käfig war wieder da. Die Fackeln. Die Kälte. Der modrige Geruch nach altem Blut und feuchten Steinen. Ihr Körper war wieder schwer und kalt, ihr Atem sichtbar in weißen Wolken. Der Käfig knirschte, als sie sich langsam aufsetzte.
Nur zwei Hexen waren in der Halle. Sie saßen am Rand, summten ein Kinderlied – aber es war zu langsam, zu falsch, wie eine Melodie, die nie für die Welt gemacht war.
Skye zog ihre Beine eng an den Körper und legte die Stirn gegen das Metall. Ihre Hände zitterten – nicht nur vor Kälte. Sondern wegen dem, was sie gesehen hatte. Wegen dem Funken, der sich in ihrer Brust festgesetzt hatte.
Ganz klein.
Aber da.
„Asher…“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Komm bitte nicht allein.“
Dann hob sie den Blick und sah durch das hohe Rundfenster über ihr.
Der Himmel war grau, und zwischen den Wolken segelten die ersten Schneeflocken herab. Weiß, ruhig, still.
Skye atmete ein.
Schnee.
Vielleicht war das alles, was ihr blieb.
Aber es war genug, um sie zu stärken. Für das, was kommen würde.





































Kommentare