Kapitel 38
Der SUV schnitt stundenlang durch die Nacht, und während draußen Wald und Straße wechselten, die Sonne am Horizont wieder aufging, blieb drinnen etwas unverändert: Stille. Keine neutrale Stille, keine, die aus Müdigkeit entstand – sondern die Sorte, die aus scharfen Kanten bestand, an denen sich jeder schon einmal geschnitten hatte.
Elias fuhr. Beide Hände fest am Lenkrad, als könnte er es sonst nicht halten. Sein Geruch war Schuld – kalt, dick, schwer. Cade saß daneben, Blick nach draußen, aber jeder Sinn auf den Rücksitz gerichtet, wo Belle an ihm lehnte und Nora hinter Elias saß, halb zur Scheibe gedreht, den Kopf auf die Knie gelegt.
Dreimal setzte Elias an, etwas zu sagen, und dreimal starb es in seinem Hals. Es gab Männer, die zu feige zum Kämpfen waren. Elias gehörte nicht dazu. Er war nur einer von denen, die es nie gelernt hatten, um Vergebung zu bitten.
Nach zwei Stunden war es Belle, die als Erste Luft in die Situation ließ. „Jemand sollte irgendwann reden.“ Keine Anklage. Kein Spott. Nur Fakt.
Nora hob den Kopf nicht. Sie war so still, dass Cade sie nicht hörte – und dass war bei Menschen selten. Elias’ Gesicht verzog sich schmerzhaft, dann stieß er die Worte aus wie etwas Heißes.
„Es tut mir leid.“
Noras Finger krampften um die Stofffalte ihrer Hose, aber sie sagte nichts. Kein „schon gut“, kein „du hast recht“, nicht mal ein Zucken. Nur Stille, die schlimmer war als jedes Schreien.
Cade griff nicht ein. Nicht im Auto. Nicht, wenn die Wunde noch frisch und alles, was man sagte, Salz war. Als die Grenzpforten zum Bennett-Gebiet aufgingen, die Wachen salutierten und die Barrieren sich zurückzogen, spürte man plötzlich Bewegung in der Luft. Nicht körperlich. Nur das leise Gefühl, dass nun keine Ausflüchte mehr möglich waren.
„Wir sind da,“ sagte Cade ruhig.
Bevor der Motor aus war, öffnete Nora die Tür, sprang hinaus und rannte fast über den Hof zum Rudelhaus. Keine Tränen, kein Blick zurück. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, kein Knall – nur dieses dumpfe, endgültige Geräusch, das bedeutete: Bitte nicht folgen.
Elias blieb stehen, halb aus dem Wagen, halb davor. „Ich hab’s versaut,“ brachte er hervor.
„Ja,“ sagte Cade ohne Zögern. „Hast du.“
Elias zuckte, aber widersprach nicht.
„Willst du wissen, was schlimmer ist?“, fragte Cade.
Elias antwortete nicht – das war Zustimmung.
„Du hast ihr nicht zugetraut, dass sie überlebt.“ Das saß. Elias’ Schultern sanken. „Ich wollte sie schützen,“ sagte er, rau.
„Und stattdessen hast du ihr gesagt, dass sie nichts wert ist, wenn du sie nicht trägst.“ Elias schloss die Augen. Kein Argument. Kein Rechtfertigen mehr. Nur Schuld.
Cade ließ ihn stehen und ging zum Haupthaus. Innen wartete Myron, einer seiner Heiler. Sein Blick war hellwach, seine Stimme professionell. „Der Geruch der Verwesung wurde an der Westgrenze bestätigt.“
„Kein Kontakt,“ sagte Cade. „Wir aktivieren Bannkreise Stufe Drei.“
Myron nickte. „Wir machen Runenplatten bereit. Ich brauche nur dein Wort.“
„Volle Weitergabe. Und es wird keine Panik verbreitet.“
„Wir hatten noch nie Panik, bevor alles vorbei war,“ murmelte Myron und verschwand.
Zwanzig Minuten später stand Cade im großen Saal vor seinem engsten Kreis aus Spähern, Heilern und Wächtern. Keine langen Reden, keine Dramatisierung. „Wir hatten Kontakt mit einem Fragment eines Wesens namens Astaroth,“ sagte er. „Der Körper, den es benutzte, ist zerstört. Das Fragment nicht.“
Ein Wächter hob die Hand. „Wie bekämpft man etwas, das keinen Körper braucht?“
„Man gibt ihm einen,“ sagte Cade. Keine Reaktionen, nur Aufmerksamkeit. „Wir wissen es noch nicht. Wir stehen mit Kael Ardents Rudel in Verbindung. Sie haben eine weiße Hexe und sie werden ins helfen etwas zu finden, womit wir ihn vernichten können.“
Niemand fragte weiter. Sie hörten zu und verarbeiteten das gesagte. Für heute reichte das.
„Bis auf Weiteres bleibt niemand allein, niemand unbewaffnet, und niemand am Rand des Territoriums ohne Schutz. Menschen schon gar nicht.“
Zustimmendes Nicken, ein leises Knurren, dann löste sich die Versammlung auf.
Als alle gegangen waren, blieb Elias im Türrahmen stehen, Hände zu Fäusten geballt. „Ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll,“ sagte er leise.
„Mit Wahrheit,“ sagte Cade.
Elias lachte bitter. „Welche davon? Dass ich sie fast verloren hätte? Dass ich…“ Er verstummte, aber das Wort lag noch im Raum.
Cade sah ihn lange an. „Irgendwann musst du ihr es sagen.“
„Sie ist Mensch,“ presste Elias hervor.
„Und du bist Wolf. Wenn das nicht funktionieren würde, gäbe es keine Rudel mehr.“
Elias’ Stimme brach fast. „Sie wird mich hassen.“
„Nein. Sie wird dich lieben. Wenn sie es nicht schon tut. Das Band wird euch zusammenführen.“
„Und wenn ich falle?“
„Dann steht sie mit jemand anderem auf, und du wirst zusehen müssen.“
Das war keine Grausamkeit. Es war die einzig ehrliche Antwort.
„Ich versuche es morgen,“ murmelte Elias.
„Heute.“ Elias schluckte, nickte, und verschwand.
Cade blieb zurück. Seine Wolfssinne hatten sich beruhigt, aber sein Kopf nicht. Er ging den Flur entlang, wo Belle vor seinem Büro stand, die Hände in den Taschen, die Augen wach.
„Alles geregelt?“ fragte sie.
„Für den Moment.“
„Und Nora?“
„Sie ist Verletzt. Nicht körperlich. Aber …“
Belle nickte traurig. „Ich gehe später zu ihr.“
„Gib ihr Luft.“
Sie dachte kurz nach. „Und du?“
Cade betrachtete sie, ließ den Wolf für einen Moment durch den Blick scheinen — nicht mit Hunger, nicht mit Macht, sondern mit dem einfachen, schmerzhaft klaren Bedürfnis: bleib bei mir.
„Ich brauche nur, dass du hier bist,“ sagte er.
Belle trat näher, ohne zu zögern. „Das bin ich. Für immer.“
Und manchmal reichten drei Worte aus, um einen sehr alten Wolf durch eine sehr dunkle Nacht zu tragen.







































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