Kapitel 40

Skye atmete wieder.
Asher hielt sie fest, als könnte sie im nächsten Moment erneut zwischen seinen Fingern verschwinden. Zu lange hatte sie reglos dagelegen, zu lange war jeder Herzschlag ein Kampf gewesen. Jetzt hob sich ihre Brust wieder, ihre Lider flatterten – Leben kehrte in ihre Augen zurück.
Er atmete rau aus.
Er war erleichtert. Sehr sogar.
Skye brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo sie war. Dann sah sie sich um – und erstarrte. Ihr Gesicht wurde schlagartig rot. Asher folgte ihrem Blick irritiert.
„Warum… ist hier jeder Mann nackt?“
Asher blinzelte, diesmal bewusster.
Kael stand ein Stück entfernt – nackt.
Ronan daneben – ebenfalls nackt und bemüht, es zu ignorieren.
Weitere Rudelmitglieder versuchten, ihre Würde zu bewahren, mit wenig Erfolg.
Jetzt ergab Skyes Reaktion Sinn. Für das Rudel war das normal – nach einer Verwandlung zerreißten die Kleider zwangsläufig. Für Skye jedoch nicht.
Und dann traf ihn ein anderer Gedanke: Skye sah fremde Männer nackt.
Ein tiefes, warnendes Knurren rollte durch seine Brust, bevor er eine Hand hob und sie über Skyes Augen legte, als könne er sie so vor irgendetwas schützen.
„Wie… warum…?“, fragte Skye in seine Handfläche.
„Bei der Verwandlung zerreißen die Kleider“, erklärte Asher mit hörbar verkniffenem Ton.
Kael schnaubte nur. Ronan sah beiseite. Für sie war es Alltag. Skye jedoch starrte gegen Ashers Handfläche, als könne sie nicht glauben, dass das ein logistischer Bestandteil ihres Lebens war.
„Könnt ihr euch… irgendwas anziehen?“, fragte sie hilflos.
„Wir haben nichts“, brummte Kael. „Kleidung überlebt die Verwandlung nicht.“
„Dann verwandelt euch zurück“, knurrte Asher.
Kael, Ronan und der Rest gehorchten sofort und nahmen wieder Wolfsgestalt an. Fell war zumindest eine Form der Bedeckung. Damit war das Problem fürs Erste gelöst.
Erst jetzt bemerkte Asher, wie sehr Skye zitterte. Ihre Lippen waren blass, ihre Finger eiskalt. Der Adrenalinschub verflog, und die Erschöpfung griff nach ihr.
Asher verfluchte sich.
Er hätte Kleidung mitbringen müssen. Eine Decke. Irgendetwas.
„Verdammt“, murmelte er. „Ich hätte-“
Cassian unterbrach ihn schweigend. Er zog seinen Mantel aus, trat näher und legte ihn Skye um die Schultern. Sie zog den Stoff dankbar enger.




Cassian musterte sie einen Moment lang, als hätte er etwas Wertvolles hergegeben. Asher knirschte mit den Zähnen – jetzt roch sie nach Vampir. Sein Instinkt hätte den Mantel am liebsten in Stücke gerissen.
Doch als Skye erneut fröstelte, hob Asher nur kurz die Hand, hielt jedoch inne und seufzte.
„Nur heute.“
Sie war frisch markiert – so würde es eine Weile bleiben. Hoffentlich kam sie damit zurecht.
Skye berührte ihren Hals, genau dort, wo die Bisswunde gewesen war. Sein Zeichen brannte warm. Sein Duft hatte sich tief in ihre Haut gelegt, für jeden Wolf unverkennbar.
„Asher…?“
„Zu Hause“, sagte Asher ruhig. „Wir reden zu Hause darüber.“
Cassian nickte knapp. „Dann sollten wir aufbrechen.“
Der Rückweg ins Rudelgebiet verlief zügig. Kael und Ronan liefen in Wolfsgestalt voraus, Asher und Cassian führten Skye zwischen sich. Cassian hielt sich an den Schatten, ließ sie tanzen und werfen. Skye beobachtete alles – aufmerksam, aber still.
Sobald sie das Rudelgebiet erreichten, brach die Stille.
„Skye!“ Livia rannte auf sie zu, schlang die Arme um sie und begann zu weinen. Kurz darauf erschienen Mira und Cain – letzterer jubelte so laut, dass Asher die Ohren klingelten.
„Und beim nächsten Mal komme ich auch mit auf eine Rettungsmission!“, verkündete Livia sofort.
Kael, inzwischen wieder angezogen und halbwegs sortiert, erstarrte. Sein Blick glitt über Livia – und blieb an ihrem Bauch hängen.
„Das kannst du vergessen“, sagte er ruhig.
„Was? Wieso?“, stieß Livia hervor.
Kaels Kiefer spannte sich. „Ich bringe meine schwangere Gefährtin nicht in Gefahr.“
Livia schnaubte empört. „Hättest du besser aufgepasst.“
Mira verstand zuerst, sah zu Cassian hinüber, und ihr Ausdruck veränderte sich. Skye schwieg – sie war noch immer blass und zitterte leicht.
Cassian räusperte sich. „Wir hatten einen Deal.“
Kael verzog das Gesicht, wollte widersprechen, schluckte jedoch seinen Einwand und akzeptierte es. Widerwillig.
Ronan trottete davon, vermutlich auf der Suche nach Kleidung. Das Rudel folgte. Kael griff nach Miras Arm, wollte sie zurückhalten, doch Cassian stellte sich vor sie.
Ein einziger Blick reichte.
Kael ließ sie gehen.
Dann verschwanden Cassian und Mira gemeinsam.




Zurück blieben Asher und Skye.
Asher legte eine Hand zwischen ihre Schulterblätter und führte sie in ihr gemeinsames Zimmer. Dort ließ er sie sanft auf das Bett sinken. Erst als die Tür ins Schloss fiel, fiel ein Teil der Anspannung von seinen Schultern.
Sie mussten reden.
Er führte sie zur Couch, setzte sich neben sie und begann zu sprechen.
„Du sollst die Wahrheit kennen“, sagte er leise. „Über mich. Und über uns.“
Skye schwieg, zog den Mantel enger um sich und sah ihn aufmerksam an.
„Ich war damals noch jung und fand eine Hexe“, begann er. „Ihr Duft verzauberte mich und ich folgte ihr außerhalb des Rudelgebietes. Dann fand ich heraus, wie verdorben sie war… sie war nicht wie du. Sie war mächtig und verloren. Ich war jung und dumm genug, ihr zu vertrauen. Es endete… schlecht. Sie wollte mich benutzen, um zu töten. Also tötete ich sie. Das hat mich geprägt.“
Skye senkte den Blick, runzelte die Stirn. „Das tut mir leid.“
„Das muss es nicht. Es ist lange her. Du bist die Erste, der ich das erzähle.“
Skye hob den Kopf, beugte sich vor und berührte seine Wange mit der Hand. Dann gab sie ihm einen sanften Kuss und murmelte: „Ich vergebe dir.“
Das ließ ihn lächeln. Kurz nur, aber ehrlich. Dann fasste er sich für den nächsten Teil.
„Dann musst du verstehen“, fuhr Asher fort, „dass Gefährten nichts Harmloses sind. Es ist die Bindung der Seelen zweier Personen. Instinkt. Wenn ein Wolf wählt, dann für immer. Und der Paarungsbiss… ist das Siegel.“
Er sah sie ernst an. „Ich hätte warten können. Vielleicht hätte ich es sollen. Aber Astaroth war in dir… ich konnte dich nicht verlieren.“
Skye schwieg einen Moment, bevor sie leise fragte: „Habe ich jetzt keine Wahl mehr?“
Asher schüttelte den Kopf. „Doch. Immer. Ich werde dich nie zwingen. Die Bindung bedeutet nicht Besitz – sie bedeutet Schutz und Loyalität. Dass wir das Leben miteinander teilen.“
Skye atmete langsam aus. „Und was… bedeutet es für uns?“
Asher schluckte. „Es bedeutet, dass du meine Gefährtin bist. Und dass ich dir immer treu ergeben sein werde.“
Eine Pause folgte – schwer und ehrlich.
Skye sah ihn lange an, die Finger noch immer fest im Mantel verkrallt. Dann sagte sie ruhig:
„Ich dachte, du hättest mich gewählt, weil wir uns zueinander hingezogen fühlen.“




Asher sah sie sanft an. „Nun, das haben Gefährten so an sich. Sie fühlen sich angezogen, und der eine kann ohne den anderen kaum sein. Aber es ist nie endgültig. Der eine kann den anderen ablehnen. Allerdings… ist es schwer. Unvorstellbar. Man ist nur noch eine leere Hülle, weil der andere Teil der Seele fehlt.“
Skye blinzelte, überrascht von der schlichten Wahrheit darin. Dann atmete sie leise.
„Dann bin ich froh, dass du mich gewählt hast.“
Asher senkte den Blick für einen einzigen Herzschlag. Dann zog er sie behutsam an sich.
Und diesmal ließ er sie nicht mehr los.

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