Kapitel 5

Die Bedienung verschwand wieder zwischen den Tischen, und erst da merkte Livia, dass sie unbewusst den Atem angehalten hatte.

Sie löste die Schultern langsam, ließ den Blick über den Tisch gleiten. Die Stimmung war… ruhig. Unerwartet ruhig. Es folgten keine neugierigen Blicke, keine offensichtliche Bewertung oder Abwertungen. Eher das Gefühl, in einen Kreis geraten zu sein, der sich kannte – gut genug, um keine Masken tragen zu müssen.

Livia sah sich die Runde genauer an und versuchte jeden hier ein wenig einzuordnen. Ihr Blick blieb erst an Mira hängen.

Meine Schwester. Hatte er gesagt.

Livia hatte dies zur Kenntnis genommen und die Information abgespeichert und nicht weiter darüber nachgedacht. Sie konnte nicht glauben wie ihr ein Stein vom Herzen gefallen ist, als sie ihn das sagen hörte. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken warum sie so erleichtert war. Ihr stand es nicht zu. Sie war in keiner irgendwie gearteten Beziehung mit Kael aber dennoch, als sie Mira da so umwerfend dasitzen sah, hatte sich Liv verspannt und ein nie gekanntes Unmutsgedühl überkam sie.

Sie war nie eifersüchtig gewesen, Liv wusste gar nicht das sie dazu fähig war. Als sie zu Beginn Ihrer Beziehung mit Ihren Ex Derekt ausgegangen war, wurde er auch oft von irgendwelchen fremden Frauen angemacht. Er lächelte stets zurück und flirtete auch gerne. Aber nie hatte Liv das Gefühl gehabt deswegen aus der Haut fahren zu müssen. Im Gegenteil, es hatte sie nie wirklich interessiert. Vielleicht ahnte sie damals schon wie sehr sich Derek verändern würde. … und alles was danach geschah … sie wollte nicht darüber nachdenken. Dieser Teil ihrer Vergangenheit war vorbei.

Liv konzentrierte sich wieder auf Mira.

Jetzt, mit etwas Abstand, ergab es allersings plötzlich Sinn.

Die Art, wie Mira sich bewegte – selbstverständlich, ohne Scheu, ohne das leiseste Bedürfnis, sich zu beweisen. Die Freiheit in ihrem Lächeln. Und diese besondere Mischung aus Nähe und Respekt, die sie Kael entgegenbrachte.

Nicht Unterordnung.

Eher eine Art Bewunderung.

Wie Familie. Eine kleine Schwester die zu Ihren großen erfolgreichen Bruder aufsah.

Livia ließ den Blick noch einmal über Mira gleiten. Anfang zwanzig, schätzte sie nun klarer. Jung – aber nicht unerfahren. Eher so, als wäre sie früh in Verantwortung hineingewachsen und hätte gelernt, sich in Kaels Welt zu behaupten, ohne sich darin zu verlieren.



Und Kael?

Er behandelte sie anders als die anderen. Kaum sichtbar – ein Bruchteil weniger Spannung in seiner Haltung, ein minimal schnelleres Reagieren auf ihre Worte. Kein Beschützen im klassischen Sinn. Eher Vertrauen.

Das erklärte auch, warum Mira sich so frei bewegte. Warum sie sprach, ohne abzuwägen. Warum sie lachte, ohne sich umzusehen.

Sie saß noch nicht lange hier aber dennoch konnte sie sich ein genaues Bild zwischen den Geschwistern machen.

Livia spürte, wie sich ihr Bild von dieser Runde weiter verschob.

Das hier war kein zufälliges Abendessen unter Kollegen.

Es war ein Kreis, der Bestand hatte.

Und sie saß mitten darin.

Der Gedanke war… ungewohnt.

Rechts von ihr saß Daniel. Größer, breite Schultern, ruhige Bewegungen. Sein Blick war aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Jemand, der mehr beobachtete als kommentierte. Livia kannte diesen Typus – Menschen, die Prozesse im Blick hatten, Risiken abwogen, bevor sie Entscheidungen trafen.

Asher wirkte jünger, schlanker, mit einem fast gelangweilten Ausdruck, der nicht ganz zu seinen scharfen Augen passte. Er sagte wenig, aber wenn, dann präzise. Einer von denen, die man leicht unterschätzte, wenn man nur auf den ersten Eindruck achtete.

Sie alle hatten etwas gemeinsam, das Livia nicht sofort benennen konnte. Keine Anspannung. Keine Konkurrenz untereinander. Es fühlte sich… geschlossen an.

„Also“, sagte sie schließlich und hob den Blick, „ihr arbeitet alle für Ardent Industries?“

Mira nickte. „In unterschiedlichen Abteilungen.“

„Finanzen“, ergänzte Daniel ruhig.

„IT und Sicherheit“, sagte Asher knapp.

Livia registrierte es automatisch, sortierte die Informationen ein.

Schlüsselbereiche, dachte sie. Interessant. Man könnte als sagen das sie hier mit der Chefetage zu Abend aß.

„Dann sitzen hier ja gleich mehrere Schnittstellen der Fusion“, bemerkte sie sachlich. „Das erklärt einiges.“

Daniel lächelte leicht. „Sie sind sehr direkt.“

„Berufskrankheit“, erwiderte Livia trocken.

Mira lachte leise. „Das schätze ich.“

 

 

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare