Kapitel 7
Der Schnee knirschte unter Cades Schuhen, als er den Hang hinaufstieg und die breite Steintreppe des Herrenhauses erreichte. Die Luft roch nach Kiefer, Frost und mondkaltem Winter. Noch bevor irgendein Rudelmitglied ihn zu Gesicht bekam, öffnete Cade das Mindlink — ein kurzer mentaler Impuls, scharf wie ein Befehl, der durch jeden Wolf des Hauses schnitt:
Konferenzraum. Sofort.
Er musste niemanden einzeln informierten. Wölfe reagierten nicht auf lange Erklärungen, sondern auf Klarheit. Ein Alpha verkündete nicht, warum man kam — der Alpha entschied, dass man kam.
Kaum hatte er den Warmbereich des Eingangs betreten, übernahm Nora bereits Belle, Sie war eine große, quirlige Jugendliche gerade siebzehn geworden, jemand, den Belle sofort ins Herz schließen würde. Und sie war ebenfalls menschlich. Das Rudel fand sie ausgesetzt in seinen Wäldern. Also nahmen sie sie auf.
Belle hing in ihren Armen, erschöpft, unterkühlt, mit diesem Ausdruck, als hätte die Welt ihr die Luft aus der Brust geschlagen. Cade verfolgte mit einem schnellen Seitenblick, wie Nora die Treppe hochstieg und die Tür zu seinem Zimmer öffnete.
Gut. Sicher. Warm. Abschließbar.
Mehr brauchte es für den Moment nicht.
Cade wandte sich ab und ging tiefer ins Haus. Der Flur war breit, die Wände mit Waffenleisten bestückt — traditionelle Messer, Jagdbögen, alte Wolfsrelikte — und über den langen Läufern lagen Bänke aus Fell und dunklem Holz. Die Wärme des Hauses schlug ihm entgegen, begleitet vom leisen Summen vertrauter Rudelgerüche: Wolf, Holz, Leder und Blut.
Als er den Konferenzraum betrat, wartete sein Führungsteam bereits. Niemand fehlte.
Die lange Tafel dominierte den Raum — massives Nussbaumholz, glatt poliert, flankiert von zehn Stühlen. Hinter den Fenstern erstreckte sich der verschneite Wald wie ein stilles Meer. Anwesend waren sein Beta Elias, zwei taktische Beraterinnen, der Heiler, mehrere Kämpferführer und Späher — die Handvoll Wölfe, die ein Rudel zusammenhalten konnten, wenn der Alpha sich gerade nicht im Gebiet befand.
Elias stand am Kopfende, sein Beta und vertrauter, breitschultrig, scharfäugig, mit dem Ausdruck eines Mannes, der alle Szenarien schon einmal durchgerechnet hatte. Sobald Cade den Raum betrat, trat Elias zurück und senkte leicht den Kopf.
Die Gespräche versiegten schlagartig. Nicht aus Angst — aus Rangordnung.
„Alpha“, sagte Elias knapp.
Cade blieb stehen, setzte sich nicht. Seine Haltung allein war Befehl genug. Sein Blick wanderte langsam, prüfend, von einem zum anderen — nicht harmlos, aber auch nicht aggressiv. Ein Wolf, der sein Rudel ansieht und zählt, wer atmet.
„Ich habe jemanden mitgebracht“, begann Cade.
Schon diese fünf Worte erzeugten ein leises, elektrisches Raunen. Kein panisches Gezischel, kein hysterisches Flüstern — sondern dieses subtile Summen, das durch das Rudel ging, wenn etwas Bedeutendes passierte. Wölfe rochen Schicksal, lange bevor Menschen es taten.
„Sie ist meine Gefährtin“, sagte Cade. „Meine wahre Gefährtin.“
Stille.
Die Art Stille, die Orte entmenschlichte. Man hätte eine Schneeflocke fallen hören können.
Dann kamen die Reaktionen — sichtbar, aber kontrolliert:
Zwei der jüngeren Jäger grinsten breit und stießen sich mit den Ellenbogen an. Für Wölfe war eine Gefährtin kein romantisches Detail — es war Schicksal, Bestimmung, Macht. Eine Gefährtin bedeutete: der Alpha war gesichert. Das Rudel war gesichert.
Eine taktische Beraterin — Mara, schwarze Locke im Nacken, analytisches Gesicht — stieß hörbar den Atem aus, als hätte jemand ein Rätsel gelöst, das sie seit Jahren beschäftigte.
Andere spannten sich an. Nicht aus Eifersucht — sondern aus politischer Vorsicht. Besonders Jonas, hochgewachsen, Sohn eines Betas eines verbündeten Rudels, verschränkte die Arme. Er war gekommen um Formalitäten zu klären. Musste während seiner Abwesenheit erschienen sein.
„Mit wem?“ fragte er ruhig.
Es war keine neugierige Frage. Es war die Art Frage, bei der man prüfte, ob jemand eine Granate auf den Tisch gelegt hatte.
„Mit Belle“, sagte Cade.
Ein kollektives Einatmen folgte — unkoordiniert, überrascht. Manche wurden hellhörig — andere blass.
„Belle ist menschlich“, stellte Jonas fest.
Keine Beleidigung — nur Definition.
„Ja“, sagte Cade.
„Und sie hat keinen Rang“, warf Mara ein. Ihre Stimme schnitt scharf wie ein Dolch.
„Noch nicht“, erwiderte Cade.
Das ließ die Traditionalisten nicht los.
Jonas schob die Zunge gegen die Innenseite der Backe — ein Zeichen, dass er rechnete.
„Du weißt, dass mein Silberborn Rudel sich seit Monaten darauf vorbereitet, eine Verbindung einzugehen.“
Cade sah ihn an, als wäre diese Erinnerung aus einem fremden Leben.
„Silberborn hat gewartet, mein Alpha hat gewartet, seine Tochter …“, sagte er. „Ich habe nie zugesagt.“
„Aber sie werden es als Affront sehen“, fuhr Jonas fort, immer noch kontrolliert. „Es ging um eine Allianz. Um Stabilität. Nicht nur rudelpolitisch — auch wirtschaftlich. Wir hatten bereits Unternehmensfusionen in Planung. Es war vorgesehen, Ressourcen zu bündeln, Filialen zu erweitern…“
Elias sah Cade an. Ein kurzer Blick — sachliches Interesse, kein Urteil.
Cade nickte minimal. „Deswegen habe ich damals Livia in unsere Firma geholt“, sagte er. „Und nicht nur deswegen.“
Ein kurzes Zucken ging durch mehrere Gesichter — sie kannten Livia aus dem Büro, aber nicht den Hintergrund. Das kam später.
Jonas atmete durch. „Wir sahen es als Blutbund.“
„Dann sollen sie es bedauern“, sagte Cade ruhig.
Keine Drohung, kein Brüllen — dafür diese lautlose Härte, vor der Wölfe von selbst den Kopf senkten.
„Wir reden von einem Rudel mit dreimal so vielen Kämpfern, wir sind ein Gewinn für euch“, erinnerte Jonas.
„Und wir reden von einem Alpha, der sich nicht kaufen lässt. Und welcher gelernt hat: Mehrzahl gewinnt keine Kämpfe.“
Elias löste sich aus seiner Position und sagte klar: „Eine Gefährtin ist kein Diplomatieobjekt. Nicht bei Wölfen.“
Jonas öffnete den Mund, schloss ihn wieder, rieb sich über den Nacken, ein Zeichen für: verstanden, aber nicht glücklich.
Mara hob erneut die Stimme. „Sie ist menschlich. Kann ein Mensch überhaupt Luna sein?“
Cade ließ sich Zeit — nicht für Effekt, sondern für Klarheit.
„Wenn sie meine Gefährtin ist, ist sie bereits Luna. Mit Rang. Mit Schutz.“
„Und mit Verantwortung“, ergänzte Elias. „Was viele vergessen.“
Stille. Dann fügte Cade hinzu:
„Und Livia ist jetzt Luna des Ardent-Rudels.“
Mara sog scharf Luft ein. Jonas blinzelte. Elias ließ einen leisen Pfiff hören.
„Das bedeutet“, murmelte Elias, „dass die Fusion sowieso steht.“
„Korrekt“, sagte Cade. „Wir brauchen keine zweite Verknüpfung.“
„Wir sollten sie kennenlernen“, sagte Jonas nach kurzem Schweigen.
Kein Widerstand — nur Pragmatismus. Das war intelligentes Rudelverhalten.
Cade nickte. „Das werdet ihr.“
„Und Silberborn?“ fragte Mara.
„Silberborn wird erfahren, was sie betrifft“, sagte Cade. „Und dass sie nicht verhandelbar ist.“
Keine Drohung. Nur Mathematik.
Cade legte die Hand flach auf den Tisch — eine Geste, die das Thema abschloss.
„Belle bleibt. Sie lebt hier. Sie wird geschützt. Punkt.“
Keine Diskussion. Keine Nachträge.
Das Rudel reagierte nicht wie eine Fernsehmeute. Sie brüllten nicht. Sie warfen keine Stühle. Sie verstanden.
Das war nicht Hollywood — das war Rudel.
Man sah die Erleichterung, die Neugier, die Angst, die Berechnung. Alles gleichzeitig, aber leise.
Die Versammlung löste sich wie ein Rudel auf — geordnet, ruhig, keiner drehte Cade den Rücken zu, keiner drängelte, keiner flüsterte laut. Elias blieb als Letzter.
Er wartete, bis die Tür schloss, dann sagte er:
„Mensch.“
„Ja.“
„Gefährtin.“
„Ja.“
Elias nickte langsam. „Das erklärt, warum du aussiehst, als würdest du gleich jemanden zerreißen.“
„Das hätte ich auch am liebsten“, sagte Cade ruhig. „Aber Kael kam mir zuvor.“
Elias hob eine Braue. „Was genau ist passiert?“
Cade exhalierte einmal durch die Nase — kein Seufzen, eher ein kontrollierter Druckabfall.
„Du weißt, dass ich Livia in die Firma geholt habe.“
Elias nickte. „Natürlich.“
„Es stellte sich heraus, dass ein verrückt gewordener Gestaltwandler hinter ihr her war. Deswegen der Einbruch. Deswegen die Überfälle.“ Sein Ton veränderte sich minimal. „Und er hatte ihre beste Freundin ein Jahr lang gefangen. Um an Livia heranzukommen.“
Elias’ Gesicht veränderte sich. Heiler blickten so, wenn sie Verletzungen sahen, die niemand bemerkt hatte.
„Und diese Freundin ist Belle“, schloss Cade.
„Verdammt“, murmelte Elias — ohne Lautstärke. Nur als Fakt.
Cade fuhr fort: „Ich habe sie im Trubel gefunden. Ich habe sie mitgenommen. Und jetzt gehört sie mir.“
Elias blinzelte. Nicht schockiert — nur neu ausgerichtet.
Dann griff er zum Wasserglas, trank, stellte es ab, lehnte sich zurück.
„Und?“
Cade sah Richtung Treppe, wo Belle wahrscheinlich gerade das Fenstermaß abschritt und Fluchtwege berechnete.
„Sie riecht nach Feuer und Widerspruch. Und sie weint nicht. Sie ist taff, stark, ungebrochen.“
Ein langsames Grinsen breitete sich über Elias’ Gesicht.
„Das wird spaßig.“
„Ich weiß.“
Dann drehte Cade sich um und ging den Flur entlang, leise, zielstrebig.
Unten wartete sein Rudel darauf, Fragen zu stellen.
Oben wartete seine Gefährtin darauf, das Fenster als Fluchtoption zu testen.
Er mochte beides.
Er mochte besonders, dass Belle nicht aufhörte zu kämpfen.
Und er mochte noch mehr, dass sie jetzt ihm gehörte.



































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