Kapitel 8
Belle hatte keine Ahnung, wie viele Treppen sie hochgestolpert war, aber irgendwann hielt Nora vor einer schweren doppelflügeligen Tür aus dunklem Holz an und öffnete sie, als gehörte die ganze Welt ihr.
„Da wären wir,“ sagte sie fröhlich und schob Belle hinein, bevor diese etwas erwidern konnte.
Der Raum war groß, warm und so weit vom Wald-Chaos entfernt, dass Belle kurz dachte, sie sei ohnmächtig geworden und halluciniere: Kamin, Bücherregale, flauschiger Teppich, Fenster mit Blick auf den verschneiten Wald, und ein Bett, das eher ein ganzes Habitat war als ein Möbelstück.
„Das ist Cades Zimmer,“ erklärte Nora, als wäre das eine beiläufige Information wie „Links ist das Gäste-WC“.
Belle blieb stehen. „Sein Zimmer?“
„Ja!“ Nora nickte begeistert. „Er würde nie jemand anderen hier schlafen lassen, also… großes Kompliment eigentlich.“
Sie sagte das mit einem Ton, der so überzeugt war, dass es schwer war, zu widersprechen.
Belle strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die hartnäckig am Schweiß der letzten 24 Stunden klebte. Ihr T-Shirt roch nach Wald, Blut, Angst und einem vollen Jahr Albträumen. Ihre Jeans war zerrissen. Ihre Haut war mit Dreck und Kratzern übersät.
„Ich sehe aus, als wäre ich in einer Müllpresse gelandet,“ murmelte sie.
„Oh nein,“ sagte Nora sofort. „Müllpressen arbeiten sauberer.“
Belle blinzelte. „…wow. Danke?“
„War ein Kompliment!“ Nora hob beide Hände. „Ich bin Nora übrigens! Ich bin auch Mensch. Keine Sorge, du bist nicht allein im Zoo.“
Belle entspannte sich minimal. „Okay. Das ist neu.“
„Mensch sein hier ist wie… hmm… exotisch, aber legal,“ erklärte Nora. „Man wird angestarrt, aber nicht gefressen.“
„Beruhigend.“
„Ja, nicht wahr?“ Nora grinste breit, öffnete eine Tür zum angrenzenden Bad und deutete hinein. „Und bevor du irgendwas anderes tust: baden.“
Belle spähte hinein und sah eine Badewanne, die eher für diplomatische Gipfeltreffen gedacht war.
„Ich bin nicht sicher, ob ich mich mehr schäme oder mehr freue.“
„Freue dich,“ entschied Nora. „Scham ist verschwendete Zeit. Und außerdem—“
Sie betrachtete voller Konzentration Belles T-Shirt, das mal weiß gewesen sein könnte.
„—gibt es keine Rettung mehr für das Ding. Ich gebe ihm noch fünf Minuten Lebenszeit, dann wird es zu Staub.“
Belle wischte sich über das Gesicht. „Hast du auch was gegen Menschen, die… gerade ungefähr alles durchgemacht haben?“
Nora wurde kurz ernst. „Oh, Honey. Hier hat jeder irgendwas durchgemacht. Und manche mehr als sie sollten.“
Das war der erste Satz, der nicht quirlig war — und er traf.
Nora holte sich aber sofort wieder ein Lächeln zurück. „Also. Du badest. Dann bringe ich dir was zum Anziehen. Und morgen bekommst du eine Führung, einen Kaffee, und vielleicht eine Erklärung, warum hier alle aussehen wie nordische Märchenfiguren.“
Belle nickte und fühlte plötzlich, wie ihre Beine schwer wurden. „Danke… Nora.“
„Gern! Vielleicht magst du mich später sogar,“ meinte Nora heiter, während sie zur Tür ging. „Aber falls du gerne beleidigst, Cade wird’s überleben. Das tut er bei allen anderen auch.“
Mit diesem Satz verschwand Nora und ließ Belle allein im Zimmer — mit einem Bett, einem Bad und der ersten echten Möglichkeit zu atmen seit zwölf Monaten. Doch Belle blieb nicht lange weg.
Nora kam einen Augenblick mit Handtüchern und einem Stapel Kleidung ins Zimmer gestapft, noch bevor Belle sich überhaupt orientieren konnte.
„Kleine Planänderung,“ erklärte sie mit der Selbstverständlichkeit einer Flugbegleiterin während Notfallübungen. „Ich gebe dir Hilfestellung. Wenn du umfällst, krieg ich Stress. Und wenn Cade dich so sieht, kriegen wir alle Stress.“
Belle öffnete den Mund — Nora war schneller.
„Kein ‚aber‘. Kommt später. Hinterher kannst du meckern.“
Sie führte sie ins Badezimmer, drehte das Wasser auf, ließ Wärme und Dampf den Raum füllen, und es roch nach Kräutern und Seife.
„Ich setze mich da drauf,“ sagte Nora und deutete auf den Hocker. „Gleich hier.“
Belle schnaubte. „Warum?“
„Weil du gerade aussiehst, als würde ein Windstoß reichen, damit du ohnmächtig wirst. Badewanne + Ohnmacht = schlechte Presse.“ Belles Mundwinkel zuckten. Sie mochte Nora irgendwie. Also zog sie sich aus und sank dann ins Wasser, die Muskeln zogen sich zusammen und lösten sich gleichzeitig. Es tat weh, aber es war die Art Schmerz, die an Heilung erinnerte.
Nora saß auf dem Hocker, direkt neben der Wanne, die Knie angezogen, und betrachtete sie nicht neugierig, sondern sachkundig.
„Also,“ begann Nora, „ich bin Nora. 17. Mädchen für alles. Seit zwölf Jahren hier. Praktisch adoptiert.“
Belle blinzelte. „Adoptiert?“
„Yep.“ Nora spielte beiläufig mit einem Handtuchzipfel. „Mit fünf im Wald ausgesetzt. Elias’ Eltern haben mich aufgenommen. Ich bin ein Menschwie ich vorher schon gesagt habe, also keine Sorge, ich verwandle mich nicht im Vollmond oder so. Ich kümmere mich um Gäste, Essen, Wäsche, Chaos und —“ sie deutete auf Belle „— sehr kaputte Frauen in Badewannen.“
Belle musste lachen. Es klang kratzig und alt und trotzdem gut.
„Und du?“ fragte Nora.
„Belle. 22. Anwältin.“
Noras Augen wurden groß. „Oh mein Gott. Eine echte Anwältin? Wie im Fernsehen?“
„Nicht ganz so glamourös,“ gab Belle zurück. „Mehr Papierkram, weniger Skandale.“
„Skandalpotenzial hast du trotzdem,“ murmelte Nora trocken und schob Belles Haar aus ihrem Gesicht. „Deine Lippen sind aufgeplatzt und dein Blick sagt ‚Ich beiße zurück‘.“
Belle hob eine Braue. „Bin ich so durchschaubar?“
„Nur wenn man nicht blind ist,“ sagte Nora und begann vorsichtig warmes Wasser über Belles Schultern zu gießen. „Du siehst aus, als hätte dir seit Monaten niemand geholfen. Und als würdest du trotzdem niemanden darum bitten.“
Belle schluckte. „Ich… war lange allein.“
Nora antwortete ruhig, ohne Mitleid und ohne dramatisches Flüstern:
„Ja. Das sieht man. Nicht riecht — sieht.“
Belle sah sie an, überrascht von dieser Ehrlichkeit.
„Ich mag dich,“ sagte Nora schließlich. „Du schreist nicht. Und du jammerst nicht. Du bist einfach wütend.“
Belle ließ ein brüchiges Lachen entweichen. „Das ist… besser?“
„Oh ja,“ sagte Nora überzeugt. „Jammern ist peinlich. Wut ist effizient.“
Dann griff sie nach Shampoo. „Kopf nach hinten.“
„Wag es,“ murmelte Belle, aber sie tat, was ihr gesagt wurde.
Nora wusch ihr vorsichtig die Haare, massierte den Nacken leicht — nicht professionell, aber warm und menschlich.
„Warum bist du so nett zu mir?“ fragte Belle irgendwann leise.
Nora zuckte mit den Schultern. „Weil du neu bist. Und weil hier niemand allein badet, der kurz davor war zu sterben. Ist eine Regel. Hab ich erfunden, aber trotzdem eine Regel.“
Belle schloss die Augen. „Danke.“
„Bitte,“ sagte Nora und lehnte sich zurück. „Und wenn du abhauen willst — nicht durch die Fenster. Die sind alt und du stirbst. Und dann krieg ich wieder Stress.“
Belle lachte — das erste echte Lachen seit Monaten.
Noras Mundwinkel hoben sich.
„Gut,“ sagte sie. „Noch fünf Minuten. Dann zieh ich dich da raus und steck dich in was Warmes. Und dann musst du essen. Cade hat Babysitterpflichten übernommen, aber ich mach den spaßigen Teil.“
Belle sank tiefer in die Wärme. Schloss die Augen und genoss die leichte Massage von Nora.
Es war kein Zuhause.
Aber es war nicht mehr Krieg.
Und das war ein Anfang.






































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