Bücher ohne Wahrheiten

Als ich aufwache, ist der Duft verschwunden.
Ich frage mich nicht, warum – vielleicht, weil ich Angst vor der Antwort habe. Doch eine Frage brennt mir im Kopf. Was meinte Martina mit ihrer Definition von Freiheit? Und wieso glaubt sie, wir seien Gefangene unserer Begierden?
„Die spinnt doch“, murmele ich leise und schüttele den Kopf. Wie immer versuche ich, ihre Worte abzuschütteln – doch sie hallen nach. Ich ziehe mich gemütlich an und trete ans Fenster.
Mein Blick schweift hinaus, suchend – nach dem Tyrannen, oder wenigstens einem meiner Vorfahren. Nichts. Kein Laut. Kein Schatten.
Schon lange habe ich keinen von ihnen gesehen. Seltsam.
„Wo sind sie alle hin?“, flüstere ich.
Ich beschließe, die Stille zu nutzen.
Die seltenen Stunden, in denen das Schloss atmet, ohne mich zu erdrücken.
Langsam schlendere ich durch die endlosen Flure,
vorbei an düsteren Porträts und flackernden Kerzen. Die roten und schwarzen Wände wirken heute bleicher, als hätte selbst das Schloss vergessen, zu atmen. Ich träume, während ich gehe. Stelle mir vor, wie es wäre, wenn diese Hallen Leben hätten – Licht, Lachen, Musik.
Ich ignoriere die starren Blicke der Götter an den Wänden, ihre kalten Augen, die jeden Schritt beobachten. Endlich erreiche ich die Hexenbibliothek. Ihr Duft nach alten Seiten und Magie empfängt mich wie eine Erinnerung.
Ich beginne zu suchen – nach Antworten, nach Sinn, nach etwas über Begierde.
Ich ziehe ein Buch nach dem anderen hervor, doch nichts ist das, wonach ich suche. Alles klingt nach alten Regeln, Verboten, Moral – nicht nach Wahrheit. Und trotzdem glaubte ich all dem.
Aber ich gebe nicht auf zu suchen. Ich spüre, dass hier irgendwo etwas verborgen liegt. Etwas, das man mir verschwiegen hat. Die Magie in mir beginnt zu kribbeln, als würde sie mir flüstern, wohin ich greifen soll. Mein Blick bleibt an einem alten, staubigen Band hängen. Sein Einband pulsiert leicht – als würde es mich erkennen.
Ein brennendes Gefühl steigt in mir auf. Ich will es berühren. Ich will wissen, was darin steht. Doch ich halte inne. Ich weiß, was geschieht, wenn ich mich auf die Bücher der Vorfahren einlasse um mehr über sie zu wissen. Nichts Gutes.
„Ich sollte die Ruhe genießen“, sage ich leise zu mir selbst.
„Wenn ich gewisse Bücher anfasse, holt mich das nur wieder Probleme ein.“
Ein kurzer Moment des Mutes vergeht, und ich lehne mich zurück. Leider komme ich ohnehin nicht an alle Regale heran – die oberen Reihen sind versiegelt, geschützt durch uralte Runen. Wenn ich es versuchen würde, würden die Hexentanten mich verfluchen – und das wäre heute eindeutig zu viel Drama. Also lasse ich es sein. Zumindest fürs Erste. Ich denke, ich könnte mal kurz in die Schule gehen – vielleicht finde ich dort Bücher, die mir weiterhelfen. Es ist kein offizieller Schultag, also werde ich Martina nicht sehen. Zum Glück. Gemütlich, in Pantoffeln und meinen bequemen Kleidern, gehe ich durch das Portal. Ich will ja nur schnell in die Bibliothek.
Als ich ankomme, ist es still. Fast niemand ist da.
Nur das leise Knistern der Kerzen und das Rascheln alter Seiten begleiten mich, während ich durch die Reihen gehe. Ich durchsuche die Bücherregale, doch nichts scheint das zu sein, wonach ich suche.
Da höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Ich drehe mich um – die Sekretärin. Ihre Augen mustern mich neugierig, fast zu neugierig.
„Nein!“, sage ich hastig.
Es ist mir zu peinlich. Doch sie lächelt nur geheimnisvoll.
„Weißt du“, sagt sie mit dieser sanften, unheimlich ruhigen Stimme,
„viele kommen hierher, um Antworten zu finden. Aber Antworten sind trügerisch. Manchmal führt die Suche nicht zur Wahrheit, sondern ins Verderben.“
Ich starre sie an, ohne etwas zu sagen.
Sie tritt einen Schritt näher.
„Suchen heißt, gegen den Strom zu schwimmen. Und irgendwann…“– sie senkt ihre Stimme –„irgendwann hört man auf zu kämpfen und lässt sich einfach treiben.“
Mir läuft ein Schauer über den Rücken.
„Ich… ich finde schon, was ich brauche“,
murmele ich und wende mich ab.
Sie nickt nur, dieses seltsame, wissende Lächeln noch immer im Gesicht. Ihre Augen folgen mir, bis ich den Raum verlasse. Ihr Blick klebt an meinem Rücken, wie eine unsichtbare Hand, die mich festhält. Ich gehe den Flur entlang, schneller, als ich wollte. Ich will nachdenken, doch mein Kopf ist leer. Alles in mir schreit nach Ruhe – und nach Antworten. Aber nichts ergibt Sinn.
Warum weiß ich so viel und doch nichts?
Warum haben fast alle dieses falsche Lächeln?
„Alle lügen mich an“, murmele ich.
„Alle!“
Wut steigt in mir auf. Ich stampfe durch den Korridor, rede vor mich hin, bis ich um die Ecke biege – und direkt in jemanden hineinlaufe.
Ich pralle hart gegen ihn.
„Oh!“ – Ich stoße den Atem aus.
„Danny?“
Als mein Körper mit Danny zusammenstößt, zucke ich erschrocken zurück. Er steht da, mit einem Buch in der Hand, die Augen weit aufgerissen.
„Jemea?!“
Für einen Moment starren wir uns beide an, erschrocken, verwirrt. Dann huscht ein unsicheres Lächeln über sein Gesicht.
„Du bist ja früh unterwegs.“
Ich versuche zu lächeln, doch meine Stimme zittert.
„Ja… ich wollte nur kurz… nach etwas suchen. Außerdem schon vergessen Danny, hier gibt es keine Zeit.“
Sein Blick fällt auf das Buch, das er in der Hand hält. Ich erkenne den Titel nicht, aber irgendetwas an dem goldenen Symbol auf dem Einband lässt mein Herz schneller schlagen. Für einen Moment verliere ich völlig den klaren Gedanken – denn seine Augen … diese tiefen, blauen Augen – sie fangen mich ein. Obwohl er vom magischen Niveau weit unter mir steht, finde ich ihn einfach süß. Gefährlich süß. Er wirkt genauso nervös wie ich. Er lächelt unsicher, versucht Blickkontakt zu halten, doch jedes Mal, wenn sich unsere Augen treffen, schaut er schnell wieder weg.
Sein Herz schlägt schneller – ich spüre es.
„Danny was suchst du hier?“, sage ich lauter, als ich wollte.
Er lacht leise und zuckt mit den Schultern.
„Ich bin öfter hier. Ich hab‘ zu Hause keine Bibliothek, also muss ich hier lernen.“
Dann schaut er mich direkt in die Augen.
„Aber was machst du hier?“
Ich erröte sofort. Wie soll ich ihm erklären, dass ich eigentlich nach etwas über Begierde gesucht habe? Ich stottere, suche nach Worten – aber bevor ich etwas sagen kann, winkt er ab.
„Schon gut“, sagt er sanft. „Du musst es mir nicht sagen.“
Er lächelt. Und dieses Lächeln ist so ehrlich, dass mir kurz der Atem stockt.Dann fragt er, fast flüsternd:
„Hast du noch was vor?“
Ich schüttele schnell den Kopf.
„Nein!“
Er grinst. „Willst du was trinken?“
„Ja, gerne“, sage ich und versuche, gelassen zu klingen, obwohl mein Herz rast.
„Aber was gibt’s hier schon zu trinken?“
Danny lehnt sich ein wenig vor, sein Blick plötzlich selbstbewusster.
„Ich kenne da einen kleinen Laden um die Ecke. Die machen den besten Erdbeershake, den du je getrunken hast.“
Ein Erdbeershake! Perfekt.
Ich nicke, und wir verlassen gemeinsam den Gang der Bibliothek. Draußen weht ein kühler Wind durch meine Haare, die Luft riecht nach Regen und Magie. Danny bemerkt meine Unsicherheit und versucht, das Schweigen zu brechen.
„Was hast du heute so gemacht ?“, fragt er vorsichtig. „vor der Bibliothek.“
Ich zögere.
„Nur… chillen und zuhause gesucht über magische Artefakte.“
Es ist nicht ganz die Wahrheit, aber nah genug, um nicht zu lügen. Danny nickt langsam.
„Magische Artefakte sind faszinierend. Jedes hat eine Geschichte. Und manche Geschichten sind gefährlicher, als man denkt.“
Seine Worte hallen in mir nach weil es so anfängermässig auf mich wirkt, während wir weitergehen. Der kleine Laden, den er erwähnt hat, ist hell erleuchtet – bunte Lampen, gemütliche Sofas, warme Farben. Eine freundliche Frau hinter der Theke lächelt uns an.
„Zwei Erdbeershakes, bitte“, sagt Danny mit einem charmanten Lächeln.
Ich setze mich ans Fenster, er sitzt vis-a-vis.
Der Duft von Süsse und frischen Erdbeeren erfüllt den Raum. Unsere Knie berühren sich leicht – zufällig, oder vielleicht auch nicht. Ich merke, wie meine Atmung schneller wird. Danny sieht mich an, zögerlich, fast prüfend.
„Du bist anders, Jemea“, sagt er leise.
„Anders… wie?“ frage ich vorsichtig.
Er lächelt und sagt:
„Wie jemand, der zu viel weiß – und trotzdem nichts weiß und noch träumt.“
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.
Die Worte hängen in der Luft, wahr, süß und schwer zugleich. Ich trinke einen Schluck vom Shake – er schmeckt nach Sommer, nach etwas, das ich längst vergessen glaubte: Leichtigkeit.
Und in diesem Moment weiß ich – das ist nicht einfach nur ein Treffen.
Irgendwie spüre ich Dannys Blick auf mir.
Er beobachtet mich – unaufdringlich, aber konstant. Ich frage mich, warum. Es macht mich nervös, und gleichzeitig fühle ich mich seltsam lebendig. Er bemerkt, dass mir die Situation peinlich wird, und lacht leise.
„Sorry, aber du siehst heute einfach zu harmlos aus!“, neckt er mich.
„Was ist das – rosa Katzenpantoffeln, Zweiteiler mit kleinen Bubble-Herzen und ein lila Schleifenhaarband? Mit deiner Schuluniform wirkst du immer so streng. Kein Wunder hängst du nur mit Martina rum.“
Er machte diesen Witz, und ich weiß nicht, ob ich lachen soll oder einfach ernst bleiben.
Doch ich entscheide mich, einen zurückzugeben.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und kontere:
„Ach ja? Und du mit deinen naiven Anfänger-Sternen solltest lieber aufpassen, dass du in meinem Umfeld nicht draufgehst.
Der Stärkere frisst den Schwächeren, weißt du?“
Zu meiner Überraschung lacht er laut – ehrlich, warm – und plötzlich platze ich auch los.
Unsere Gespräche werden immer lockerer, verspielter … vertrauter. Es ist, als würde ich zum ersten Mal mit jemandem wirklich ich selbst sein.
Nicht wie bei Martina, wo jedes Lachen gespielt ist, jedes Wort vorsichtig. Während unseres Gesprächs hält Danny immer wieder meine Hand, fast unbewusst. Seine Finger sind warm, seine Nähe beruhigend. Dann setzt er sich zu mir legt er sogar den Arm um mich – nicht fordernd, einfach sanft, beschützend. Diese weiche Zuneigung… ich habe so etwas noch nie gespürt. Die Zeit rast an uns vorbei, als wäre sie in einem Zauber gefangen.
Und ehe ich mich versehe, ist es schon wieder Zeit, zurückzugehen. Danny begleitet mich bis zum Portal.
„Bis bald“, sage ich mit einem Lächeln. „Und vergiss nicht, mich zu holen!“
Er zwinkert mir zu. „Versprochen.“


































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