Kapitel 16 – Ein Anderer?

Kapitel 16 – Ein Anderer?

 

Evelynn schluckte schwer, richtete ihre Kleidung, setzte sich auf und versuchte, nicht gleich in Tränen aufzugehen. „Musst du nicht. Du musst mir nichts zahlen. Ich will kein Geld von dir.“ Ihre Stimme klang schrecklich dünn. „Aber ein Vertrag wäre keine schlechte Sache. Du wirst von allen väterlichen Pflichten freigesprochen. Und verpflichtest dich dazu, dich von meinem Kind fernzuhalten. Ich will nicht, dass du in ein paar Jahren angelaufen kommst, nur weil du einen Thronerben für deine illegalen Geschäfte brauchst.“

„Reden wir nicht hier darüber.“ Brian ging zur Tür und öffnete diese, um Evelynn wieder den Vortritt zu lassen. „Ich nehme an, Du hattest noch kein Frühstück.“

Eine halbe Stunde später saßen Evelynn und Brian zusammen in einem gemütlichen kleinen Café, das nahezu ausgestorben war. Für das Mittagessen war es zu früh, für den Morgenkaffee zu spät. Die eher altertümliche Einrichtung ließ Evelynn wohlfühlen. Hier hatte eine Frau eingerichtet, das war offensichtlich. Doch so wohlig die Atmosphäre auch war, Evelynn brachte keinen Bissen von dem sicher unglaublich leckeren Schokocroissant runter. Sie konnte es nur anstarren, und das tat sie, denn sie wollte nicht aufsehen. Brian hatte sie mit seiner Forderung verletzt. Sie wusste nicht, was es da noch zu besprechen geben sollte. Er wollte es nicht, sie schon. Als Folge dessen, wollte sie, dass er nicht plötzlich auftauchte und ihr Leben wieder durcheinanderbrachte. Weder wäre das gut für das Kind, noch für Yannis, noch für Evelynn. Sie standen wieder am Anfang. Sie hätte es ihm gar nicht zu sagen brauchen, sie hatte doch schon gewusst, wie es enden würde!

„Also Evelynn. Für dich mag es vielleicht einfach sein, aber so einfach ist das nicht. Wenn du das Kind austragen willst, dann bestehe ich darauf, dich finanziell zu unterstützen, und ich verlange ein Besuchsrecht. Die Alternative ist Abtreibung. Oder willst du es dem Typen von gestern anhängen? Ist es vielleicht sogar seins?“ Brian nahm einen Schluck Cola. Kaffee wäre ihm lieber gewesen, aber der Geruch passte Eve gerade gar nicht. Also nahm er Rücksicht … Welch Ironie. Er nahm Rücksicht auf ihre Übelkeit, wollte aber trotzdem, dass sie abtrieb.



„Dann unterstützt du uns halt.“ Das Croissant sah wirklich gut aus … Die Kruste so blättrig und… Ach verdammt! Sie brauchte das Geld, und wenn sie ehrlich war, konnte sie es gar nicht ablehnen. Wie sonst sollte sie mit zwei Kindern durchkommen?

Brian massierte seine Nasenwurzel. Er wollte mehr als nur finanzielle Unterstützung. Er wollte mehr als nur eine Randfigur sein. „Warum bist du damals abgehauen?“ Das belastete ihn immer noch. Und ihr wieder gegenüberzusitzen, riss diese Wunde nur erneut auf. Wieder und wieder.

„Du hast mich dazu gezwungen, mit fremden Männern für Geld zu schlafen. Das sollte Grund genug sein.“ Evelynn sah auf. „Wie lange wäre es gegangen, bis Yannis begriffen hätte, was ich da getan habe? Er ist jetzt schon weit über dem Niveau seiner Klasse und dabei hat er zwei davon übersprungen! Dann hat er sich dich als Vater gewünscht. Tut er immer noch. Aber du wolltest diese Verantwortung nie!“ Hier und jetzt stieß er sie von sich. Mitsamt seinem Kind. Was wollte er da noch sagen? Es war die Wahrheit. Evelynn atmete tief durch. „Ich habe dir schon einmal gesagt, ich bürde dir diese Verantwortung nicht auf, wenn du sie nicht willst. Ein Kind ist viel Arbeit.“ Aber für sie war es ein noch viel größeres Geschenk.

Brian atmete tief durch und lehnte sich zurück. „Ja, ich wollte ursprünglich einfach nur Kapital aus dir schlagen.“ Am Anfang war es so simpel gewesen. Bevor die Gefühle ins Spiel gekommen waren. Gefühle, die er sich nie hatte eingestehen wollen. Madison hätte seine erste und einzig wahre Liebe bleiben sollen. Alles andere fühlte sich nach Verrat an.

„Ja. Und dann wolltest du mich loswerden. Also bin ich gegangen.“

„Nein. Ich wollte dich aus der Schusslinie schaffen, weil Nish damals wusste, dass ich dich nicht umgebracht habe! Bei meiner Schwester wärst du sicher gewesen und Yannis hätte jemanden zum Spielen gehabt. Aber du bist ja lieber weggelaufen, anstatt meine Hilfe anzunehmen!“

„Sie hat mich Schlampe genannt! Und du hast mich zu einer gemacht.“ Evelynn verschränkte die Arme und schluckte.

„Sie hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, was du mir bedeutet hast! In ihren Augen warst du nur eine meiner vielen Huren! Bevor ich auch nur irgendwas erklären konnte, warst du weg und Amber drängte mich dazu, dich ziehen zu lassen!“



„Was ich dir bedeutet habe?“ Jetzt verstand Evelynn gar nichts mehr. Wollte er sie verarschen? Ihr einen Schock verpassen, damit sie eine Fehlgeburt erlitt? Sie schüttelte den Kopf. „Willst du mir sagen, so gehst du mit Frauen um, die dir etwas bedeuten? Prostitution? Beinahevergewaltigung – wenn ich dich an den Beginn deines Kidnappings erinnern darf? Demütigung, wann immer möglich …“ Die Liste war verdammt lang. Umso schlimmer wog es, dass sie damals, und auch erst letztens, freiwillig mit ihm geschlafen hatte.

„Ja, ich weiß! Ich habe zu viele Fehler gemacht, das weiß ich selbst. Und mit jedem Tag, den du und Yannis länger bei mir wart… Ich habe immer stärker mit mir und gegen meine Gefühle kämpfen müssen. Als Nish das Underdog von seinen Männern angreifen ließ, bin ich vor Angst fast gestorben.“ Brian seufzte tief und strich sich mit einer Hand durch das Gesicht. „Aber ich kann schon verstehen, wenn ich bei dir unten durch bin und du nur mit mir gevögelt hast, um mich umzubringen.“

Evelynn entkam ein Grunzen. „Na, so war das auch wieder nicht.“

„Und wie war das mit dem Typen gestern? Was läuft da zwischen euch und seit wann?“

Evelynn lehnte sich zurück. „Lass mich überlegen … das läuft seit … etwa einem Jahr. Genau. Da habe ich angefangen, im Kinderkrankenhaus zu arbeiten.“

Brian nickte leicht, trank sein Glas leer und griff nach seinem Autoschlüssel. „Okay.“ Das Kind könnte seines sein. Warum also zog Evelynn mit ihm so eine scheiß Show ab? „Dann will ich euch nicht weiter im Weg stehen. Ich bringe dich noch nach Hause und dann sehen wir uns erst wieder, wenn das Kind da ist.“ Brian stand auf.

Evelynn blieb sitzen. „Seitdem hat er mir den Hof gemacht, unaufhörlich und verdammt nervtötend. Aber er ist mein Vorgesetzter und theoretisch wohl ein ganz lieber Kerl, also kann ich ihm schlecht die Meinung geigen.“

„Aber du kannst mit ihm in die Kiste springen und essen gehen.“ Brian schüttelte den Kopf und zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. „Aber schon klar … Dir ist der Job wichtig, deswegen machst du nicht Schluss mit ihm.“ Brian legte einen zwanzig Dollar-Schein auf den Tisch.

„Mein Gott, Brian! Nervtötend muss in deinen Ohren ja geradezu unglaublich angetan klingen, nicht?! Ich bin nicht mit ihm in die Kiste gesprungen und ich bin auch nicht freiwillig mit ihm essen gegangen! Das waren zwei Arbeitskolleginnen, die mich reingelegt und das Date organisiert haben!“ Wieso regte sie sich eigentlich so auf? Wollte sie nicht, dass er ging?



Brian zwang sich, sachlich zu bleiben und legte beide Hände auf die Stuhllehne. „Bist du Single, Eve? Oder willst du nur einen Ring am Finger, um ihn eifersüchtig zu machen?“

Evelynn lachte auf. „Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Beziehung, Brian!“ Und das hatte sie ihm gerade ins Gesicht gesagt. Na, großartig. Beschämt sah sie weg. „Es ist nicht so einfach, einen Typen zu finden, der es mit mir aushält und Yannis gern ein Vater wäre. Und dann, immer wenn ich in eine Situation gerate, wo eine Beziehung möglich wäre, muss ich überlegen, ob das mit Yannis vereinbar ist, und das ist es zumeist halt eben nicht, und deshalb …“

Langsam atmete Brian auf. Er war eifersüchtig. Verdammter Mist. So richtig eifersüchtig. „Mit uns hätte es klappen können…“ Unschlüssig glitt sein Blick durch das leere Café. Sie hatten nicht über die Bedingungen geredet, wie sie das finanziell und zwischenmenschlich nach der Geburt regeln wollten. Aber bis dahin hatten sie ja noch ein paar Monate. Und dann würde er auf einen Vaterschaftstest bestehen. Danach könnten sie reden. „Komm, ich bringe dich nach Hause.“

Evelynn biss sich auf die Lippe. „Nicht nötig.“ Ein solches hatte sie nämlich nicht mehr. „Ich … setz mich einfach wieder beim Frauenarzt ab, dann nehme ich von dort aus das Motorrad.“

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