Kapitel 1 – Sklave

Kapitel 1 – Sklave

 

Aurelie

Drei Monate hatte ich im Schlosskerker verbracht. Und drei Monate hatte mich Ashur, mein ältester Bruder, gefoltert, in der Hoffnung, mich doch noch zu einem richtigen Vampir erziehen zu können. Zu einem vollwertigen, ausgewachsenen Vampir. Zu einem Teil der Spezies, die als Einzige in dieser Welt nicht misshandelt, versklavt und das Eigentum eines anderen war. Vampire, die Spezies, die sich an der Spitze der Nahrungskette befand. Vampire, die ihre ungezügelte Lust regelmäßig und ungestraft an ihren Sklaven auslebten. Vampire, die das Blut von Menschen ohne Reue oder Gewissen zu sich nahmen und kaltblütig dafür töteten. Nicht, weil es notwendig wäre, nein. Einfach nur, weil unsere Rasse die Personifikation des Bösen war und Spaß am Leiden anderer fand.

Als Kind der Königin und damit Abkömmling des Königsgeschlechts der Ignis-Robur, hatte ich perfekt zu sein. So wie der Kronprinz, Ashur, der seine Reife mit beispielhaften zweiundachtzig Jahren hinter sich gebracht hatte. Nichts anderes war zu erwarten gewesen von dem gemeinsamen Kind des Königspaares.

Von den Kindern der Königin wurde dasselbe erwartet. Obwohl ich zur Hälfte Mensch war, hätte ich mich spätestens mit einhundert Jahren in einen vollwertigen Vampir verwandeln müssen. Wie auch Alexander es getan hatte.

Mein Zwillingsbruder war nur sieben Minuten älter als ich, jedoch hatte sich seine Reife längst nicht so viel Zeit gelassen, wie meine. Und auch wenn das Vampirgen in mir, der Theorie nach, das Dominantere der beiden sein sollte, blieb ich doch so schwach wie ein Mensch. Ein Vampirkind war, bis es seine Reife durchlaufen hatte, nicht stärker als ein Menschenkind. Es hatte keine Vorteile, keine Sicherheiten, es war schlichtweg schwach. So gesehen war ein Vampirkind sogar noch schwächer als ein Menschenkind, denn es brauchte beinahe einhundert Jahre, um heranzuwachsen. Ein Mensch konnte sich hingegen mit vierzehn Jahren schon mündig nennen und selbst auf sich aufpassen.

„Asha!“

Das hieß Aurelie Nayara Athanasia!

„Wirst du dich wohl sputen!“ Verschlafen blinzelte ich, rieb mir müde die Augen und leckte einmal mit meiner Zunge über meine spröden Lippen. „Ich sagte, du sollst dich sputen!“, fuhr mich die alte Magd an und riss mir zeitgleich die dünne Decke vom Körper.



Blitzschnell schossen meine Arme hoch und umarmten mich selbst. Meine Lippen zitterten und meine Haut nahm die Struktur von Gänsehaut an, als kalte Luft sie streifte. „Gib mir die Decke zurück, du altes Weib!“, fauchte ich, jetzt wach geworden durch die Kälte. Ich sprang auf, strauchelte und ging hechtend zu Boden.

„Geschieht dir ganz recht, du faules Stück!“ Ihre Stimme drang wütend zu mir hinab, als ich noch dabei war, zu verdauen, was gerade passiert war. Stöhnend griff ich mir an den Kopf. Kurz darauf zog ich meine Hand zischend zurück. Das würde eine üble Beule geben – mehr aber auch nicht. Kein Vergleich zu dem, was sie die letzten Monate mit mir gemacht hatten. „Die königliche Familie ist schon auf den Beinen! Jetzt aber hurtig, du bist heute für ihre Zimmer eingeteilt! Danach kommst du in die Küche!“ Mit unermüdlichem Fluchen verließ sie steifen Schrittes das kleine, vollgestopfte Zimmer.

Überall standen Betten, eines am nächsten. Ein kleiner, beschlagener Spiegel, mit einem großen Riss darin, zierte die Wand neben der Tür, durch die die alte Magd soeben verschwunden war, und ein paar Kerzen erhellten den sonst stockdunklen Raum ohne Fenster. Sklaven brauchten schließlich keine Sonne. Wieso auch? Alle hier hatten ein inneres Uhrwerk entwickelt, welches sie immer zur genau rechten Zeit weckte. Alle … außer mir.

Drei Wochen waren vergangen. Meine Wunden, teils verheilt, teils noch nicht einmal ansatzweise dabei, erschwerten mir die harte, ungewohnte Knochenarbeit zusätzlich. Jedoch war es um ein Tausendfaches besser als der Kerker. Oder das, was Ashur da mit mir gemacht hatte. Er hatte mich zu einem verfluchten Sklaven degradiert! Zu einem Sklaven!

Bisher konnte ich mich vor den Grigoroi und Vampiren verstecken, die ihre Befriedigung in den Sklavenquartieren zu stillen suchten. Ich mochte nicht, was sie da mit den Frauen taten. Oder mit den Männern. Allerdings wusste ich auch, dass ich nach meiner Reife nicht anders sein würde. Alle Vampire unterlagen diesem extremen Drang nach Befriedigung, sobald sie erst einmal ins Erwachsenenalter eingetreten waren. Treue und Monogamie waren Worte, die in unserer Gesellschaft auf Verachtung trafen. Ob vor oder in der Ehe, spielte keine Rolle. Vampire nahmen sich, was und wen sie wollten. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Königin von einem Menschen geschwängert worden war – Alexanders und meinem Vater. Vermutlich verrotteten seine Knochen aber längst unter der Erde und wurden zu Staub. Was hätte wohl der König gesagt, wenn Mutter unseren Erzeuger in einen Grigoroi verwandelt hätte? Der Gedanke allein, sandte einen Schauder der Angst durch meinen friedenden Körper hindurch.



Wer uns gezeugt hatte, war am Ende aber auch unwichtig. Wichtig war, dass wir vom Königshaus abstammten. Vampire bekamen so selten Kinder, dass jedes Einzelne ein Geschenk war. Mit einem Menschen war die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit erhöht, was aber auch nur in eine Richtung funktionierte. Eine menschliche Frau hätte keine Chance, ein Vampirkind auszutragen. Dafür war sie zu schwach und der Vampir in ihr zu gefährlich. Dennoch kam es nicht selten vor, dass Frauen, die den Versuch wagten, ein Vampirkind auszutragen, an inneren Blutungen verstarben. Und bedauerlicherweise kam es unter den Sklavinnen durchaus zu solchen Fällen, denn jeder Versuch einer Abtreibung war strengstens verboten. Vampire galten als heilig, und wer versuchte, einem der ihren, noch dazu einem Ungeborenen, zu schaden, würde teuer dafür bezahlen.

Seufzend rappelte ich mich hoch und rieb mir die Stirn, wobei sich mein Gesicht schmerzhaft verzog. Schnell schnappte ich mir die kratzige, beige Tracht aus Leinenstoff und warf sie mir über den Kopf. Das Nacht- und Unterhemd behielt ich an.

Auch wenn ich die alte Magd nicht besonders leiden konnte und sie mich jeden Morgen ohne Nachsicht oder Anstand weckte – wenn auch erst, wenn alle anderen bereits gegangen waren – war ich ihr im Endeffekt doch dankbar dafür. Denn wenn ich nicht zur Arbeit erscheinen würde, bekämen das die Grigoroi mit, welche meiner Familie treu dienten. Zu ihren Obliegenheiten gehörte auch das Bestrafen ungehorsamer Sklaven. Und nur, weil ich einst den Titel Prinzessin trug, hieß das nicht, dass sie mich anders behandelten als einen anderen Sklaven. Das hatte mir Ulras, der Ranghöchste von ihnen, schnell klargemacht. Er war es auch gewesen, der mich aus dem Kerker geschleppt hatte. Aber nicht, bevor mir mein Bruder einen neuen Namen gegeben hatte. Asha.

Der Grigoroi hatte mir verdeutlicht: Sollte ich mich in meiner neuen Rolle als Sklavin nicht zeitnah einfinden, würde ich weitere liebreizende Wochen im Kerker verbringen. Und das galt es unter allen Umständen zu verhindern.

Ein Blick in den Spiegel zeigte mein kurzes, weißblondes Haar. Dank meines Brud… des Kronprinzen hatte ich sie mir fast bis zum Haaransatz abschneiden müssen. Noch immer erschreckte mich das Gefühl, wenn ich mit meinen Händen durch mein Haar fuhr und es schlicht nicht mehr da war. Ich fühlte mich so furchtbar … nackt. Zu den weißblonden Haaren leuchteten mir meine bernsteinfarbenen Augen matt entgegen; durch meine eingefallenen Wangen stachen meine Wangenknochen unnatürlich stark hervor.



Die hölzerne Tür sprang auf und ließ mich erschrocken zusammenzucken. Eine junge Frau kam herein; ihr langes, rotes Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr über die Schulter hing. Irina war wirklich eine Schönheit, wie sie im Buche stand. Ihr Körper war kurvig, ihr Gesicht symmetrisch und strahlend. Nicht ein Makel war zu finden. Sogar ihre Nase war einfach perfekt und wirkte nicht ansatzweise deplatziert. Und im Gegensatz zu allen anderen Sklaven, die noch sehr gut im Kopf hatten, wer ich einmal gewesen war, war sie mir freundlich gesinnt. Und eine Freundin hatte ich momentan, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, bitter nötig.

„Ach, da bist du!“, rief Irina aus und hastete zu mir hinüber. Kaum war ich in Griffnähe, zog sie mich in eine feste Umarmung. Mein Gesicht legte ich dankbar in ihre Halsbeuge. Trotz allem war ich noch ein Kind. Zuwendung war wichtig für mich, und momentan war sie die Einzige, die bereit war, sie mir zu geben.

„Ich habe dich schon gesucht! Wieso bist du noch hier? Komm, die alte Gisela wird sonst wütend! Wir müssen in die Küche!“

Schön wär’s, dachte ich mir. „Nein, ich habe den Auftrag, die königlichen Gemächer zu putzen …“, nuschelte ich leise.

„Oh, nein. Schon wieder? Wie lange denn noch? Wieso müssen sie auch immer so auf dir herumtrampeln?“, fragte sie sorgenvoll und nahm mit prüfendem Blick mein Gesicht zwischen ihre Hände – zeitgleich sah ich ihr die aufkommende Wut an. Generell war Irina sehr temperamentvoll. Dass sie von den Grigoroi nicht längst zu Tode gestraft worden war, glich einem Wunder.

Einmal atmete ich tief durch, ehe ich ihr zunickte und wir eilend die Kammer verließen. Nach wenigen Schritten bog sie, mir ein ermutigendes Lächeln zuwerfend, in den Gang in Richtung Küche ab, während ich mich auf den Weg zu einer der Abstellkammern machte. Dort schnappte ich mir die ganzen Utensilien, die ich zur Reinigung der Räume brauchen würde, und machte mich schwer schluckend auf den Weg zu den königlichen Gemächern.

Meine Familie hatte mich verstoßen, weil ich mit einhundert und zehn Jahren noch immer nicht meine Reife hinter mich gebracht hatte. Weil ich eine Schande für unsere Familie war. Dennoch behielten sie mich im Blick, ließen mich ihre Räume säubern, ihnen das Essen servieren, und das alles nur, um mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu schikanieren.



Zögerlich und mit gesenktem Haupt betrat ich das Schlafzimmer des Königs, die Putzutensilien hinter mir herschleifend. Das Holz knarrte unter meinen Füßen und ließ mich zusammenzucken, ehe ich realisierte, dass ich selbst die Ursache des Geräuschs war. In diesem Zimmer hatte ich mich noch nie wohlgefühlt. Das hatte sich mit meiner Degradierung auch nicht geändert. Die schweren dunkelroten Vorhänge, die großen Fenster und die dunklen Möbel, welche trotz der Sonderanfertigung mehr als unpersönlich wirkten, versetzten meinen Körper wie immer in einen angespannten Zustand.

Schnell brachte ich meine Aufgaben hinter mich. Ich machte das Bett, wischte Staub, räumte die Dinge auf, die extra für mich liegen gelassen worden waren – wusste ich doch ganz genau, dass er seine Finger bei meinen Aufträgen mit im Spiel hatte. Nach dem Zimmer des Königs folgte das von Mutter, welches seinem gleich gegenüberlag. Es besaß kein Stück mehr Persönlichkeit als das des Königs, war ihr Herz doch genauso kalt wie seins.

Einige Gänge weiter kam ich zu den Zimmern meiner Brüder, dem des Kronprinzen, Ashur und dem meines Zwillings, Alexander. Er hatte die Reife im Alter von sechsundneunzig erreicht und war seitdem ein vollwertiger, erwachsener Vampir. Eine Tatsache, die seither einen Keil zwischen uns trieb.

Schnell schlüpfte ich in das Zimmer von Alexander, in der Gewissheit, dass meine Familie gerade bei einem ausladenden Frühstück saß, während ich mir erst den Rücken buckelig schuften musste, ehe ich gegen Mittag einen Teil ihrer Reste vorgesetzt bekam. Melancholisch schweifte mein Blick durch das Zimmer meines Zwillingsbruders, mit dem ich mir einst den Bauch unserer Mutter geteilt hatte. Nichts hatte uns früher trennen können, nicht bis er die Reife durchlebt hatte zumindest. Danach wollte er sein eigenes Zimmer und ich bekam den Raum nebenan. Von da an war ich jeden Abend zu den schmerzerfüllten Schreien einer Frau eingeschlafen. Manchmal auch zu denen eines Mannes. Es war grausig. Erwachsene Vampire … waren der Inbegriff der Bosheit. Vielleicht war es diese Erkenntnis, die mich vor dem letzten Schritt durch die Reife hindurch bewahrte.

Wir hatten uns entfremdet, schneller, als es die Zeit, die wir Seite an Seite gestanden hatten, eigentlich hätte erlauben dürfen. Doch als ich mit einhundert, vier Jahre nach seiner Reife, noch immer keine Anzeichen meiner Reife zeigte, war der Spalt, der sich zwischen uns beiden gebildet hatte, zu einer schier unüberbrückbaren Schlucht geworden. Zehn weitere Jahre hatte man, mit immer schärfer werdenden Blicken, ungeduldig darauf gewartet, dass ich endlich zu einer der ihren würde. Mit einhundertzehn hatte es dem König endgültig gereicht. Man hatte mich in den Kerker gesteckt und gefoltert, in der Hoffnung, so doch noch meine vampirische Seite zu wecken. Dass ich nun hier, in einem kratzigen, braunen Kleid aus ungefärbten Leinen und mit einem Putzlappen in der Hand im Zimmer meines einst besten Freundes und Bruders stand, zeugte von der Schwere meines Versagens.



„Machst du deine Arbeit immer so zuverlässig?“, drang unversehens eine mahnende Stimme an mein Ohr, die Stimme unverwechselbar jenem gehörend, dem auch meine Gedanken gerade noch gegolten hatten.

„Alex!“, hauchte ich erschrocken, den Kopf in Überraschung erhoben. Mein Blick kreuzte seinen, doch seiner wirkte hart. Härter noch als schon die vergangenen Jahre hindurch.

Desinteressiert drehte er sich wieder zum Spiegel. „Asha“, erwiderte er kalt.

Bei Nutzung meines Sklavennamens zuckte ich zusammen. Ich hatte ihn die letzten drei Wochen oft genug zu hören bekommen, aber das hier war mein Bruder …

„Besser, du gewöhnst dich an den Namen. Das hier ist keine vorübergehende Bestrafung. Du wirst niemals wieder mehr sein als ein Sklave.“ Sein Kinn war in einer mir fremden Arroganz erhoben, als er einen Fussel von seiner Schulter wischte.

War er schon immer so gewesen? Hatte ich es nur nie bemerkt, weil sein Verhalten nicht mir gegolten hatte? War ich wirklich so blind gewesen? Mir war schon früh klar geworden, dass meine Familie nicht besonders freundlich oder gutherzig war. Dennoch hatte ich sie nie so gesehen wie jetzt.

Alex drehte sich zu mir um und stand binnen weniger als einer Sekunde vor mir. Eine Fähigkeit, die mit der Reife einherging. Mit hocherhobenem Haupt blickte er zu mir hinab, ehe er eine seiner Hände auf meine Schulter legte. Sein Gesicht blieb bei der Geste gänzlich unbewegt. Mir hingegen lief ein kalter Schauer die Wirbelsäule hinab, sodass ich am liebsten zurückgewichen und seine Hand somit abgeschüttelt hätte. „Pass auf, wenn du zu Ashur gehst.“ Mit diesen Worten rutschte seine schwere, große Hand von meiner Schulter und ich stand alleine im Raum.

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