Kapitel 1 – Tragödie

Kapitel 1 – Tragödie

 

Aurelie

Leise seufzend, öffnete ich die Augen. Meine Hand strich der braunhaarigen Schönheit, die es sich im Schlaf auf meiner nackten Brust gemütlich gemacht hatte, zärtlich über den Rücken. Ihr langes, lockiges Haar, welches ihr bis zur Hüfte reichte und so ziemlich das Gegenteil des Meinigen war, lag wild verstreut auf meinem Bauch. Meine Brust wurde immerhin als Kopfkissen missbraucht, aber so unbequem wie man denken mochte, war es gar nicht.

Die Nähe war schön. Lyssa drängte nicht und es passierte, was sich ergab. Hatten wir beide Lust, dann verwöhnten wir uns gegenseitig, und wenn nicht, dann sprachen wir über die Götter und die Welt. Politik, Liebschaften, Erfahrungen, Freundschaften, alles Mögliche. Immer wieder geriet sie ins Schwärmen, wenn ihr ihr einstiger Verlobter in den Sinn kam, woraufhin es jedoch nie besonders lange dauerte, bis sie traurig verstummte und sich eine unangenehme Schwermütigkeit im Raum breitmachte. Deswegen versuchte ich, das Thema zu vermeiden.

Mit Cyrus wollte es sich irgendwie nicht so recht einspielen. Immer wenn er zu mir kam, und das war nach dem Ball jede einzelne Nacht gewesen, wollte er mich beschlafen. Ich hingegen hatte mehr das Bedürfnis zu kuscheln, mich mit ihm zu unterhalten und die Kluft, die noch immer unausweichlich zwischen uns klaffte, Stück für Stück zu schließen. Aber er schien das anders zu sehen. Und seine Ungeduld mit mir hatte ihn schließlich wieder zu den anderen Vampirinnen ins Bett getrieben.

Bei dem Gedanken durchfuhr ein schmerzender Stich meine Brust. Leise seufzend regte sich Lyssa, hob den Kopf und sah durch die vielen Strähnen, die ihr wirr ins Gesicht hingen, zu mir auf. „Was ist denn los?“, fragte sie verschlafen, woraufhin ein langes Gähnen folgte, wofür sie ihren Kopf zur Seite drehte.

„Tut mir leid, Lys. Ich wollte dich nicht wecken.“ Lyssa hatte, wie ich in den letzten Wochen bemerken durfte, ein abartig gutes Gespür, wenn es um Gefühle anderer ging.

Noch einmal gähnte die Vampirin und machte es sich daraufhin wieder auf meiner Brust bequem. „Machst du weiter?“, fragte sie leise, woraufhin ich lächelnd wieder damit begann, auf ihrem Rücken Kreise zu ziehen. Eine Weile herrschte Stille und sie tat uns beiden gut. Genauso wie uns auch ein Bad nach der gestrigen Nacht mehr als gelegen käme.



„Ich habe an ihn gedacht“, gestand ich irgendwann leise. „Eigentlich zeigt er mir mit seinem Verhalten nur, was ich schon weiß“, murmelte ich. „Er will mir ein Kind einpflanzen, damit die Thronfolge und meine Blutlinie gesichert sind. Alles andere, alles Emotionale zwischen uns scheint ihn mehr als alles andere zu langweilen.“

„Männer sind anders, was das angeht“, seufzte Lyssa. „Naja, die meisten von ihnen zumindest. Sie genießen zwar auch unsere Nähe, nur meist lieber in Form von Intimität.“ Ein nachdenklicher Ausdruck breitete sich auf ihren Zügen aus. „Auch dem König reicht es manchmal, nur bei dir zu liegen. Oder er bleibt bei den anderen Frauen länger als nötig. Was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass er dir unbedingt ein Kind machen will. Das dauert Jahrhunderte. Wenn er das nicht so verbissen angehen würde, wäre er sicher zärtlicher.“

Ich könnte ihr jetzt sagen, ich wäre die letzte Ignis-Robur. Aber das würde ihr das Schicksal ihres Kindes offenbaren. Und das wollte … konnte ich ihr nicht antun. „Er hat den Thron frisch übernommen“, seufzte ich stattdessen. „Er will sich absichern.“

„Ja, wahrscheinlich. Deswegen hat er auch den Harem übernommen.“ Lyssa kuschelte sich noch etwas mehr an mich. „Ich wünschte nur, wir hätten außerhalb des Harems noch ein Leben. Es war grausam von Alaric, dass er unseren Familien erzählt hat, wir seien tot. Meinst du, der neue König lässt uns irgendwann hier raus? Aber wie erklären wir dann, wo wir all die Jahrhunderte waren? Was sage ich meinem Verlobten nach all der Zeit? Bestimmt hat er eine Frau und schon ein Kind … und ich werde keinen Mann mehr finden.“

„Aber nicht doch!“ Eng legte ich meine Arme um sie und drückte sie noch näher an meinen Körper. „Vampire halten doch sowieso nichts von Monogamie. Das ist der Grund, wieso ich hier drin bin, aber auch der Grund, wieso du draußen problemlos einen Gatten finden wirst. Wenn du das willst.“

Was folgte, war Stille. Lyssa weilte in ihren Gedanken zweifellos bei ihrem ehemaligen Verlobten, ich bei Cyrus, der sich gestern weder zu mir gelegt noch sich hatte blicken lassen. Bei mir. Seine Beine hatten ihn direkt zu ihnen geführt!

Lyssa schreckte auf. „Naya, du wirst heiß!“, quiekte sie und rappelte sich auf. Als sie mir in die Augen sah, erstarrte sie einen Moment, dann lächelte sie sachte. „Er wird schon noch zur Vernunft kommen, glaub mir. Sobald er erkennt, was er an dir hat.“ Sie kletterte aus dem Bett. „Ich gehe mich mal waschen …“



Er würde schon noch zur Vernunft kommen. Sie hatte recht. Oder? Ich hörte Ines und Fenna kichern. „Ich glaube, ich habe einen neuen Rekord aufgestellt!“, verkündete sie mit quietschender Stimme.

„Meinst du, weil er gestern so schnell gekommen ist?“

Die beiden Frauen kicherten wieder. „Auch“, prustete Fenna. „Aber hast du gemerkt, wie schnell er wieder hart geworden ist und noch mal wollte?“

Ines seufzte tief. „Dieser Mann ist ein Traum. Bedauerlich, dass er so eine verschrobene, ausgetrocknete Frau hat.“

„Bedauerlich?“, fragte Fenna und lachte laut. Ihre Stimmen waren längst kein verhaltenes Flüstern mehr. „Die Königin bringt es im Bett einfach nicht. Ich würde mich an seiner Stelle auch lieber zu uns legen.“

„Ja, sie ist total verklemmt. Und will nicht wie ein Tier gefickt werden.“

Wieder lachten die beiden Frauen. Mein Atem stockte. Dann kamen mir Tränen. Das hatte er nicht getan … das hatte er nicht gesagt …! Meine Unterlippe begann zu beben und mein Atem wurde schniefend. Meine Kehle trocknete vollkommen aus. Keine Sekunde später trockneten meine nass gewordenen Augen schon wieder und blanke Wut machte sich in mir breit.

Er hatte sich also wirklich bei ihnen beschwert?! Darüber, dass ich prüde wäre! Ich war nun mal kein Tier! Was war sein Problem? Dass ich mich ihm nicht mit jeder Faser meines Seins unterordnete?! Die Beine breit machte, wann immer er Lust hatte, ganz gleich, ob es mir gleich erging?! Sollte er sich doch selbst wie ein Tier nehmen lassen, wenn er das wollte! Sicher wäre einer seiner Grigoroi dazu bereit, es ihm zu besorgen!

Wütend krallten sich meine Hände in die Bettdecke. Meinen Kopf hatte ich in mein Kissen gedrückt. Ich schrie vor Zorn. Lediglich gedämpft durch das Kissen drangen die Laute an mein Ohr und machten mich nur noch wütender. Ich hatte mich ihm hingegeben! Und anstatt sich über den Fortschritt zu freuen und Geduld zu zeigen, bevorzugte er es, sich wieder in anderen Frauen zu versenken und ihnen zu sagen, ich wäre prüde?! Verklemmt?!

Wie lange ich dabei war, meinen Frust hinauszuschreien, konnte ich später nicht mehr sagen. Ich wusste nur, mir wurde wohlig warm und mein Körper entspannte sich irgendwann. Das laute Knistern im Kamin beruhigte meine Sinne und mein Gemüt gleichermaßen. Das Husten im Hintergrund drang nicht zu mir hin. Solange zumindest nicht, bis das Bett unter mir zusammenkrachte und mich in den Trümmern zurückließ.



Erschrocken rappelte ich mich wieder auf und öffnete zum ersten Mal wieder die Augen. Und was ich sah, brachte mein Herz zum Stillstand.

Das Bett hatte noch am längsten durchgehalten. Die Vorhänge waren weg, alle Gewänder verbrannt, sonstige Gegenstände verkohlt, wenn nicht gar geschmolzen. Auch ich trug nichts mehr am Leibe, doch das war in dieser Situation einerlei. Denn, während ich mich bei dieser Hitze um mich herum pudelwohl fühlte und mich am liebsten wieder hingelegt hätte, hörte ich von außerhalb meines Schlafabteils schweres Keuchen, Schreie und Hilferufe. Und so gern ich mich auch wieder hingelegt hätte, wurde auf mir langsam die Luft zu knapp. An der Decke hatte sich haufenweise schwarzer Rauch gesammelt, der sich immer mehr anhäufte. Beim nächsten Atemzug hustete ich bitterlich. Meine Augen tränten und ich lernte: Auch wenn ich gegen Feuer selbst offensichtlich immun war, gegen seine Auswirkungen war ich es nicht.

Lyssa! „Gute Göt…ter … nein!“ Schnell eilte ich aus dem Raum. In der Mitte, dort, wo einst die Kissen gelegen hatten, blieb ich stehen. Es war alles weg. Alles verbrannt oder brannte noch immer lichterloh. „Lyssa!“, schrie ich mit der wenigen Luft, die meine Lungen noch erreichte. Ich lief zur Tür des Harems. Dort lagen zwei Körper am Boden und husteten, jedoch nur noch schwach. Ein Körper, ich meinte, Aralie zu erkennen, hatte sich an die Tür gelehnt und die Augen geschlossen.

Atmete sie noch?, ging es mir panisch durch den Kopf. Einen kurzen Moment blieb ich stehen. Lyssa war nicht hier! Ich drehte um und rannte ins Badezimmer. „Ly…“ Ein Hustenanfall unterbrach mich. Kleider, die ich mir vor den Mund hätte halten können, um mich vor dem Rauch zu schützen, trug ich keine mehr. Das Einzige, was meinen Leib noch zierte, waren Narben und Rus.

Auch unser Badezimmer war von den Flammen nicht verschont geblieben. Lyssa selbst schien aber noch grösstenteils unverletzt. Sie hatte sich mit den Wasserreserven einen kleinen Sicherheitskreis geschaffen, der die Flammen – meine Flammen – auf Abstand halten sollte. Um besser atmen zu können, hatte sie sich am Boden zusammengekauert.

Als sie mich bemerkte, wie ich durch die Flammen auf sie zu stolperte, schrie sie mit tränenden Augen: „Naya, hör auf damit! Bring es unter Kon…trolle!“ Auch sie hustete stark.



„Ich weiss nicht wie!“, schrie ich zurück. „Wir müssen hier raus!“ Beim nächsten Mal, wo ich einzuatmen versuchte, war da kein Sauerstoff mehr. Hustend streckte ich Lyssa meine Hand hin. Wir mussten hier raus!

Doch meine Freundin schüttelte panisch den Kopf und deutete auf die Flammen, die sie einkesselten und geradezu nach ihr zu lechzen schienen. Ich sah mich um, aber das Denken fiel mit jedem Moment schwerer. Mein Blick fiel auf den letzten, halb vollen Wasserkessel. Entschlossen griff ich danach, hob ihn hoch und leerte ihn über ihrem Kopf aus. Wieder streckte ich ihr meine Hand hin. Bitte!, formten meine Lippen lautlos.

Lyssa hielt sich eine Hand vor den Mund und hustete schwer. Sie zog ihr Kleid hoch und drückte den nassen Stoff vor ihr Gesicht. Ihre Augen waren gerötet. „Luft …!“, krächzte sie. Und nach längerem Zögern griff sie endlich meine Hand. Dabei kroch sie auf allen Vieren näher zu mir.

Ich zog sie hoch, deutete ihr, die Luft anzuhalten und rannte mit ihr so schnell wie möglich in die Abstellkammer. Mit meinem Körper schirmte ich sie so gut wie möglich vor den Flammen ab. Lyssa wirkte mehr als unsicher. Sie verstand nicht, wieso ich ausgerechnet in die Abstellkammer flüchtete, wo es, sehr zu unserem Leidwesen, so gut wie keine Stelle gab, die nicht von hungrigen Flammen besetzt war.

Scheiße!, fluchte ich stumm, spürend, wie mich meine Kraft immer mehr verließ. Langsam, aber sicher tauchten schwarze Flecken in meinem Sichtfeld auf und meine Beine drohten unter meinem Gewicht zusammenzubrechen. Aber ich konnte nicht! Ich musste Lyssa retten! Und ich durfte ebenso wenig sterben! Aber wenn ich sie durch diese vielen Flammen zog, würde sie verbrennen. Sie hätte keine Chance! So kamen wir nicht in die Gänge!

Ein schwacher Luftzug wehte mir um die Nase. Ich hörte Stimmen. Schritte. Lyssa brach neben mir zusammen. Ein Hustenkrampf schüttelte ihren Körper durch. Plötzlich packten mich von hinten starke Arme und zerrten mich von Lyssa weg.

Nein!, wollte ich schreien. Ich konnte sie nicht zurücklassen! Doch anstatt mich zu wehren, hustete ich lediglich noch stärker. Bald darauf verließ mich jegliche Körperspannung. Der Husten wurde schwächer, und dann wurde meine Welt schwarz.



 

Als ich meine Augen wieder aufschlug, fühlte ich mich wie im Auge eines Sturms. Um mich herum wuselte es, als befände ich mich in einem Ameisenhaufen. Hastige Schritte drangen zu mir hin, Rufe, schwere Atemzüge und daraufhin ausgestoßene Flüche. Wild umschmeichelte frische Luft mein Gesicht und machte das Amen gleich um ein Vielfaches attraktiver.

Süchtig holte ich Luft, hustete gleich darauf aber heftig. Danach ging mein Atem flach, aber stetig, wenn auch jeder einzelne Atemzug unfassbar anstrengend war. Sobald ich das Gefühl hatte, wieder richtig atmen zu können, machte ich mich daran, meine Augen zu öffnen. Denn diese brannten abartig.

Ein Stückchen weiter hörte ich ein scharfes, hustendes Einatmen. Daraufhin schweres Husten, gefolgt von noch mehr panischem Luftholen.

„Sie lebt!“, rief jemand aus.

Die Augen zu einem kleinen Schlitz geöffnet, spähte ich nach rechts, dahin, wo die Stimme hergekommen war. Da kniete Timm … und vor ihm lag eine keuchende, rasselnd Atem holende Frau mit langen, angesenkten, braunen Haaren und einem rundlichen, herzförmigen Gesicht.

„Lyssa!“, krächzte ich, rappelte mich hoch auf alle Viere und krabbelte schwankend auf sie zu. Dabei fiel eine Decke von mir, die mich bis dahin bedeckt gehalten hatte. Ich schnappte nach der Decke, wickelte sie um mich und krabbelte weiter. Meine Glieder gaben unter mir nach, kaum hatte ich sie erreicht. Als ich zu sprechen ansetzen wollte, wurde ich erneut von einem schweren Hustenanfall überrumpelt. Ein Wunder eigentlich, dass meine Lunge noch in mir war. „Lys…! Dir geht’s gut“, stellte ich erleichtert fest und drückte meine Stirn an ihre. „Dir geht’s gut“, raunte ich, mehr für mich als für jemand anderen.

„Legt sie auf den Balkon. Macht ihr Platz zum Atmen.“ Cyrus‘ Stimme klang erschöpft. Irgendwo zu meiner Linken. Umständlich drehte ich den Kopf.

Da lagen die anderen Frauen. Ihre Haare teilweise verbrannt. Die Kleidung, die Haut. Es stank fürchterlich. Cyrus kniete über einer Frau. Fenna? Ines? Ich konnte sie gar nicht erkennen. Nur, dass sich Cyrus immer wieder vorbeugte, seinen Mund über ihren legte und sie küsste. Nein, korrigierte ich mich gedanklich. Er drückte Luft in sie. Ihr Brustkorb hob sich immer wieder leicht. Galderon, Ikzil, Elok und noch ein Grigoroi waren da und taten dasselbe bei anderen Frauen.



Lyssa wurde weggezogen. Sofort wollte ich nach ihr greifen, aber meine Hand glitt ins Leere. Timm stand am Balkon und hielt Lyssa in den Armen. Umständlich kroch ich zu ihnen rüber. Luft! Noch mehr frische Luft, die ich gierig in meine schmerzenden Lungen sog.

„Vorsicht“, mahnte Timm, half mir hoch und setzte mich neben Lyssa auf den Boden. Dann verschwand er kurz und kam mit einer großen Decke wieder, die er über uns legte. Anschließend drückte er uns jeweils ein Glas voll Wein in die Hand und legte vor mir Hemd und Hose ab – beides zweifellos von meinem Gemahl. „Langsam durch die Nase atmen“, riet uns Timm, dann war er schon wieder weg.

Ungelenk streifte ich die Kleidung über. Danach griff ich gierig nach dem Glas. Ich musste mich ermahnen, in kleinen Schlucken zu trinken. Anderenfalls würde meine trockene Kehle heftig rebellieren, das kannte ich bereits aus meiner Zeit im Kerker.

Nach zwei kleinen Schlucken stellte ich das Glas ab. Es fühlte sich nicht an, als wäre der Rauch und das Kratzen in meiner Kehle weg, aber es war besser. Selbst mit dem trockenen Geschmack von Wein auf der Zunge. Lyssa war hingegen noch immer schwer damit beschäftigt, zu atmen.

„Lys, hier …“ Ich hob das zweite Glas an und führte es vorsichtig an ihre Lippen. „Nein, nur kleine Schlucke“, sagte ich, als sie mehr wollte und das Glas mit ihren eigenen Händen zusätzlich versuchte zu kippen. Auch kleine Schlucke taten bei einer ausgetrockneten Kehle schon weh genug.

Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie hustete wieder, weshalb ich das Glas wegnahm. Erschöpft schloss sie die Augen und legte sich auf den Boden.

Es vergingen Minuten oder vielleicht Stunden. Irgendwann hatte Timm Blut vorbeigebracht. Lyssa und ich saßen auf dem Boden des Balkons meiner Gemächer und starrten hinaus auf die Stadt. Immer wieder hüstelte einer von uns, doch unsere Kehlen hatten sich glücklicherweise größtenteils beruhigt.

„Du bist draußen“, merkte ich leise an.

„Ist es hoch genug?“, fragte sie. Ihre Stimme klang kratzig und rau.

„Wie bitte?“

„Wenn ich springe …“ Sie unterbrach sich und hustete wieder leicht. Langsam krabbelte sie auf Händen und Knie zum Balkonsims.

Ich riss die Augen auf. „Nein!“, rief ich laut und strapazierte meine Stimmbänder damit über, sodass nicht mehr als ein klägliches Quietschen meinen Mund verließ. Schnell griff ich vor und packte Lyssa am Bein. „Wieso?“, krächzte ich. „Ich dachte, du wolltest wieder draußen sein?“



Mit aller Kraft stemmte sie sich auf die Beine. „Merkst du es nicht?“, fragte sie mit Tränen in den Augen. „Nur wir sitzen hier!“ Ihre Beine knickten ein und sie landete wieder auf dem Hintern. „Sie sind tot! Sie sind alle tot! Und jetzt wird er zu mir kommen! Weil er nur dein Nein respektiert! Ich will das nicht mehr!“ Wieder zog sie sich hoch und lehnte den Oberkörper mit zittrigen Beinen über die Brüstung.

„Lyssa, nein! Ich kann dir hier raushelfen! Ich kann dich von hier wegbringen! Du kannst leben! Zu deiner Familie gehen! Zu deinem Verlobten!“ Auch ich stemmte mich mithilfe der Wand auf meine Beine. „Und ehe er zu dir geht, akzeptiere ich ihn, aber mach das nicht!“, flehte ich mit Tränen in den Augen.

Schwerfällig drehte sie sich zu mir um. Ihre Augen waren ein Meer aus Tränen. „Ich kann doch zu niemandem gehen. Alle denken, ich wäre tot.“ Dicke Tränen liefen über ihr verdrecktes Gesicht. „König Alaric hat mich getötet … Ich bin doch schon längst tot …“

„Nein“, hauchte ich. „Nein, bist du nicht!“ Ich ging zu ihr rüber und nahm ihr Gesicht in meine Hände. Meine Knie zitterten, aber es war mir egal. Tief schaute ich ihr ins Gesicht. Dann legte ich sanft meine Lippen auf ihre, löste mich gleich darauf wieder und lehnte meine Stirn an ihre. „Du bist nicht tot. Und wenn deine Familie das glaubt, dann beweist du ihnen das Gegenteil. Du bist stark. Niemand, der sich selbst richtet, Lys. Denk nur an deinen Verlobten.“ Ich schluckte, hustete und sprach weiter: „Denk nur daran, wie er auf dich wartet.“ Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass da auch noch ein Kind auf sie wartete? Aber das wäre gelogen gewesen, und diese Lüge brachte ich nicht über meine Lippen.

„Naya! Alle denken, ich sei tot! Es gibt niemanden, der auf mich wartet! Und meine Tochter werde ich auch nie wieder sehen, weil sie jetzt andere Eltern hat!“ Ihre Stimme bebte und sie sah wieder nach vorne. Mühsam hob sie ein Bein. Dabei strauchelte sie, kippte zur Seite weg und stürzte zurück auf den Balkon.

Eine Person eilte herbei und zog sie von der Brüstung weg. Cyrus umklammerte sie mit beiden Armen.

Lyssa wollte wirklich sterben? Meine Beine trugen mich nicht länger und ich sackte, mich an der Brüstung abstützend, zu Boden. Ich sah auf, sah, wie er sie umklammerte und sah gleichermaßen bereits, wie er sie gegen ihren Willen nahm. Nein. Ich schüttelte den Kopf. Das würde ich nicht zulassen.



Lyssa schrie, weinte und schlug auf ihn ein, als sie erkannte, wer sie da von der Brüstung wegzog.

Cyrus setzte sich an der gegenüberliegenden Wand auf die Decke am Boden. „Beruhige dich!“, rief er, seine Arme fest um das zarte Wesen, meine Freundin, geschlungen.

Aber Lyssa schlug weiter auf ihn ein, schrie immer lauter, bis sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und schrecklich anfing zu weinen.

Mit stoischer Miene ließ der König die Schläge über sich ergehen und hielt sie einfach nur fest. Sein Blick glitt in die Ferne und erst, als Lyssa sämtliche Kraft verlor und an seiner Schulter herzzerreißend weinte, streichelte er ihr behutsam über den Rücken. Sein Hemd war am Oberkörper und den Armen verkohlt und teilweise verbrannt. Durch die Brandlöcher sah ich gerötete, teils sogar blasenwerfende Haut durchschimmern. Seine Hände sahen nicht besser aus.

Ich schluckte schwer. Somit wäre wohl geklärt, dass der Blutschwur nicht auch noch unsere Kräfte verbunden hatte. „Du musst trinken“, sagte ich rau, kroch zu ihnen und streckte ihm meinen Arm aus. Er zitterte vor Schwäche.

„Später. Du hast dich verausgabt und musst dich schonen.“ Sein Blick ging zu Lyssa, die immer noch weinte. „Und was machen wir jetzt?“

„Du kannst ihr versichern, dass du sie nicht gegen ihren Willen nimmst. Das wäre ein guter Anfang.“

Sein Blick durchbohrte mich beinahe. „Schön. Ich suche mir eine andere Frau, die das Bett mit mir teilt. Der Harem ist zerstört. Es wird Wochen dauern, es wieder wohnlich zu machen. Muss ich dich bis dahin anketten?“

Lyssa weinte immer noch und reagierte nicht. Vermutlich dachte sie, er würde mit mir reden. Redete er etwa mit mir? Ich biss mir auf die Innenseite der Wange. Dann beschloss ich, die Frage zu ignorieren, denn die Antwort wäre bei uns beiden – seines Erachtens – mit ‚ja‘ ausgefallen. Immerhin würde ich mich nicht davon abhalten lassen, nach Möglichkeit nach Gilead sehen zu gehen. Und ich traute es Lyssa im Moment tatsächlich zu, dass sie noch einmal einen Versuch wagen würde.

„Wieso brauchst du den jetzt noch? Willst du etwa erneut eine ganze Heerschar an Vampirinnen einkerkern? Weil sie nicht monogam leben? Was vollkommen normal ist. Sodass selbst das männliche Geschlecht kein anderes Verhalten an den Tag legt?“ Ich sprach in einem unverholen passiv-aggressivem Tonfall. Er wollte sich einfach jemand anderen suchen! Natürlich, ersetze mich einfach schon wieder! Anstatt, dass er uns Zeit gäbe. Wieso wollte ich das überhaupt? Was trieb mich dazu, mir eine gemeinsame Zukunft mit ihm zu wünschen? Er war ein Scheusal! Und die Wahl seiner Partnerinnen war durchweg katastrophal! Stutenbissige, halsabschneiderische Huren!



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