Kapitel 10 – Geschlüpft und ausgeflogen

Kapitel 10 – Geschlüpft und ausgeflogen

 

Cyrus

Ich sah auf dieses kleine Wesen, das auf Aurelies ausgestreckten Händen gelandet war und zu ihr hinauf sah. In ihre rotglühenden Augen. Es hatte sich auf die Hinterläufe gestellt, damit Aurelie es tragen konnte, und reichte ihr so bis zum Kinn. Die großen Flügel waren weit ausgebreitet und versteckten ihren kompletten Oberkörper. Einen Moment sah es sogar so aus, als würde dieses … Ding sie mit seinen Flügeln umarmen wollen. Oder als suche es ihre Wärme.

Schon als wir diesen Raum betraten, hatte das Glühen in ihren Augen angefangen. Und nun war ein weiteres Paar roter Augen hinzugekommen.

„Das ist …“ Ich stockte. Unfähig, das in Worte zu fassen, was hier soeben passierte. Auf den Handinnenflächen der Königin hockte ein Drache. Ein äußerst kleiner und niedlicher Drache. Aber ein Drache! Seine Schuppen waren schwarz wie die Nacht, allerdings von feinen, rubinroten Strichen durchzogen. Rot, wie die Farbe der Ignis-Robur! „Ist das …?“, nahm ich den Faden wieder auf und schluckte trocken. „Ist das Ignis-Robur?“, fragte ich. Meine Stimme klang unnatürlich leise und voller Ehrfurcht. Hielt Aurelie da wirklich einen Gott in ihren Armen? Konnte das hier wirklich sein?

„Nein, bestimmt … nur ein … ein normaler … Drache …“, stammelte Aurelie. „In den Legenden war doch die Rede von mehreren ihrer Art, oder?“

„Nein, immer nur von einem. Ein Drache, ein Einhorn, ein Elf und eine Nymphe“, erwiderte ich. „Vielleicht gab es kurzfristig zwei von ihnen. Das Elternteil und das Jungtier. Aber nie mehr.“

„Oh, verflucht …“, hauchte sie angespannt, sah aber keinen Moment von den rotglühenden Augen des Drachens auf. „In Ordnung, Kleiner. Eh, Kleine. Oder, Eure Göttlichkeit? Eure Drachenheit? Wir … wir, wieso bin ich hier?“ Der Drache blieb stumm und sah geduldig zu ihr auf. Aurelie hingegen wurde immer nervöser. „Also … habe ich dich ausgebrütet? Hast du mich so heiß gemacht, damit ich dich ausbrüten kann?“, wollte sie weiter wissen. „Wieso hast du mir diese Kräfte überhaupt gegeben? Nur, damit du schlüpfen kannst?“ Und wieder bekam sie keine Antwort. „Und … w…wo ist deine Mutter? Es kann doch nicht sein, dass du dem Schoß eines Vampirs … nein, wirklich nicht“, brabbelte sie vor sich her, zuletzt den Blick auf die Größe des Eis gelegt. Aurelie lachte verzweifelt auf. Und trotz der Tatsache, dass sie eine Göttin auf Händen hielt, hatte ihre Unbeholfenheit auch irgendwie etwas Niedliches. Und amüsantes.



„Das hier ist kein Ort für einen Drachen, Aurelie. Wir sollten sie … ähm. Fortschaffen. Vielleicht füttern?“ Ich sah das Wesen ratlos an.

Der Drache schüttelte die großen Flügel aus, dann begann er, sich leicht zu drehen. Vertrauensvoll schmiegte es sich an Aurelies Brust, die ihre Arme instinktiv höher hielt. So bettete sie den Drachen wie einen Welpen auf ihren Arm. Der lange Schwanz hing locker über Aurelies Unterarm und baumelte auf Höhe ihres Bauchnabels.

„Oder Milch geben?“ Die Situation überforderte mich völlig. Was, wenn wir die Göttin mit etwas Falschem fütterten? Wenn wir sie versehentlich vergifteten? „Nein, wohl eher Fleisch. Roh oder gebraten?“ Mir war flau im Magen. Seltsame Anspannung und Aufregung hatten meinen Körper erfasst.

„Wie ist das Ei denn bitte hier hereingekommen? Ein ausgewachsener Drache hätte nie durch die Gänge …“ In dem Moment war ihr wohl der Gedanke gekommen, dass weder ich noch sie eine Ahnung hatten, wie groß oder klein ein ausgewachsener Drache eigentlich war. Vielleicht war Ignis-Robur ja bereits ausgewachsen? Aber wenn ich ehrlich war, bezweifelte ich es.

Etwas rumpelte laut. Als ich mich umdrehte, erkannte ich hinter mir einen Durchgang, der in die Dunkelheit führte. Der Durchgang, durch den wir den Raum betreten hatten, der sich hinter Aurelie befinden sollte, war weg.

Aurelie seufzte. „So war es das letzte Mal auch. Ich schätze … die neu geschlüpfte Göttin hat gesprochen.“ Aurelie ging vor, hielt dann aber plötzlich inne. „Wärst du so nett und schiebst das Skelett, das da vorn irgendwo liegt, beiseite, ehe ich ein drittes Mal in meinem Leben darüber stolpere?“

Ich ging zu der Wand und nahm eine der Fackeln, die lichterloh brannten. Damit ging ich vor und leuchtete in den Gang hinein. Etwas weiter vorne sah ich das Skelett und schob es mit den Füßen etwas beiseite. „Du kannst!“, meinte ich und leuchtete zurück. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn nun sah ich, wie unwirklich der Geheimgang eigentlich aussah.

„Hum.“ Aurelie sah sich überrascht um. „Kannst du die hier lassen? Dunkel war es mir lieber.“ Sie ging vor und zwängte sich mit dem Drachenkind im Arm an dem alten Knochenhaufen vorbei. Kaum hatte sie den Raum verlassen, erloschen sämtliche Fackeln – inklusive der in meiner Hand – und das Schleifen von Stein erfüllte die Gänge. „So geht es auch“, murmelte sie und begann mich zu führen.



Zwar reichte sie mir keine Hand, aber sie warnte, wie immer, vor Stufen, Anstiegen und Senkungen. Sowohl das Schleifen ihrer Hand der Wand entlang, als auch das leise Hallen ihrer Schritte gaben mir Orientierung. Nach einer Weile fing sie auch schon wieder an, zu summen.

Ich folgte schweigend. Hatte es jemals einen Vampir gegeben, der Ignis-Robur schlüpfen sah? Oder einen anderen Gott? Wie konnte es sich fortpflanzen? Nun, es war ein Gott. Da gab es sicher ganz eigene Gesetze. Vielleicht brauchten Götter keine Partner dafür. Vielleicht hatten sie in sich sowohl weibliche als auch männliche Fortpflanzungsorgane vereint. Mein Kopf schwirrte. Nicht jeder meiner Gedankengänge, die binnen der nächsten halben Stunde meinen Kopf passierten, ergab einen Sinn.

Als sich endlich eine Tür öffnete und frische Luft meine Lungen füllte, atmete ich tief und erleichtert auf. Mittlerweile war es schon dunkel draußen. Wie lange waren wir in den Gängen gewesen?

„Aure…Nayara?“, fragte ich verwirrt, als sie einfach weiterlief, ohne sich ein einziges Mal nach mir umzudrehen oder sonst etwas zu tun. Die Tür zum Geheimgang ließ sie einfach offen. Als ich erkannte, wo wir waren, zog ich sie zu und eilte meiner Gemahlin hinterher. „Naya…ra?“ Der Name klang noch unglaublich fremd auf meiner Zunge. Trotz meiner Versuche, mit ihr zu sprechen, lief sie einfach weiter. Wieso hatte sie uns überhaupt nach draußen geführt? Erst am See hielt sie an.

Der Drache sprang von ihren Armen und reckte seinen Kopf. Ein seltsamer, hoher Ton schallte über den See hinweg. Aurelie blieb wie festgewachsen stehen und auch ihr Blick ruhte auf dem See. Durch den Mond wurde die Oberfläche beleuchtet, sodass ich jede noch so kleine, seichte Bewegung auf dem Wasser sehen konnte.

Ignis-Robur … Ich hob meinen Kopf. Es wunderte mich nicht, dass der Stern sein Licht in dieser Nacht besonders hell zur Erde hinab sandte. Aber auch die anderen Sterne strahlten heller. Oder bildete ich es mir nur ein?

Wieder gab Ignis-Robur einen hohen Ton, ein Fiepen von sich. Aufmerksam beobachtete ich den Drachen, der nun aufgeregt am Seeufer auf und ab lief. Immer wieder blieb er kurz stehen und sah in eine bestimmte Richtung.



Mit meinen Augen folgte ich seinem Blick. Am Westufer, nur etwa zweihundert Meter von uns entfernt, konnte ich drei schemenhafte Gestalten stehen. Nur die glatte Oberfläche des Sees trennte uns. Sie wirkten so fern und doch so nah. Ich konnte nicht einmal sagen, ob sie noch am Ufer oder bereits im Wasser standen. Sie rührten sich nicht.

„Siehst du das auch, Nay?“ Ich stupste sie an und nun drehte auch sie den Kopf. Ihre Augen leuchteten noch immer strahlend rot.

Der Drache gab zum dritten Mal das Geräusch von sich. Die Gestalten jenseits des Sees schienen zu glühen. In Grün, Silber und Weiß.

Ich kniff meine Augen fest zusammen. In der Mitte, die größte Figur, sah auf den ersten Blick aus wie ein Pferd. Und bei den Göttern, ich könnte schwören, ich bildete mir ein, auf seiner Stirn ein Horn zu sehen. „Heilige Götter“, hauchte ich. „Kann das sein?“ War das Ora-Fides? Etwas anderes war unmöglich. Immerhin hatten Pferde keine Hörner. Und das Silber war eindeutig seine Farbe. Das da vorn war mein Gott! „Bitte sag mir, dass ich das nicht träume.“ Vorsichtig legte ich eine Hand auf Aurelies Schulter und sah sie eindringlich an.

Wo ihr Blick bisher fast schon apathisch auf mir gelegen war, drehte sich ihr Kopf nun langsam wieder zu den Gestalten hin. Ich sah sie schlucken, dann ging sie auf ein Knie und senkte den Kopf.

Ignis-Robur fiepte erneut und lief den Gestalten entgegen. Bevor sie am See ankam, spannte sie ihre Flügel, schlug damit mehrmals unsicher auf und ab und hob schließlich mit zwei letzten, kräftigen Flügelschlägen vom Boden ab.

Sofort folgte ich dem Drachen in den See, bis ich bis zum Oberkörper im Wasser stand. Zu groß war die Angst, dass das junge Tier seine Kraft verlor und in den See stürzte. Es war doch gerade eben erst geschlüpft! „Höher!“, rief ich laut, weil Ignis-Robur immer mehr an Höhe verlor und drohte, in den See zu stürzen. „Du musst höher fliegen! Komm, du schaffst das!“

Erleichterung flutete meinen Körper, als der Drache sicher auf der anderen Seite des Sees am Boden landete, seine Flügel ausschüttelte und auf die drei Gestalten zuging.

Das Einhorn trat einen Schritt vor, sodass es direkt vor dem kleinen Drachen stehen blieb. Sein Kopf senkte sich herab. Es sah aus, als würde Ora-Fides Ignis-Robur begrüßen. Auch der Drache richtete sich zu der Begrüßung auf, sodass es von hier aus aussah, als legten sie ihre Stirnen aneinander.



Er wurde hell. Geblendet schloss ich die Augen. Zusätzlich legte ich einen Arm vor mein Gesicht und senkte den Kopf. Für einen kurzen Moment erstarb jedes noch so leise Geräusch. Und dann war alles wieder wie vorher.

 

Als ich die Augen öffnete, blickte ich in das besorgte Gesicht von Timmok. „Majestät?“

Meine Kehle war wie ausgetrocknet. Ich brauchte einige Zeit, bis ich mein Zimmer erkannte. Jemand lag neben mir. Instinktiv zog ich diese Person näher an mich heran und kuschelte mich an sie. „Nicht jetzt“, beschwerte ich mich.

Aurelie regte sich neben mir und seufzte leise. Ihr nackter Körper schmiegte sich unter der Bettdecke perfekt an meinen. Eine Hand hatte sie auf meine Brust gelegt, ihr Kopf ruhte an meiner Schulter.

„Cyrus!“, schimpfte Timm.

Ich brummte undeutlich. Alles in mir sträubte sich dagegen, den neuen Tag zu beginnen. „Was ist denn?“

„Du wolltest die Reitstunde heute früher starten, weil noch die Ratssitzung ist.“

Erneut brummte ich auf. Aurelie räkelte sich neben mir und wurde ebenfalls wach. „Oh“, murmelte sie.

„Kümmere dich um Boris. Gilead kann seiner Schwester helfen, sollte sie noch Lust haben. Wir kommen nach.“

Timmok entfernte sich leise. Allerdings dachte ich nicht im Traum daran, jetzt das Bett zu verlassen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare