Kapitel 13 – Ein Streit mehr
Kapitel 13 – Ein Streit mehr
Cyrus
Zwei Tage brauchten wir, bis unsere Gruppe fit genug war, um weiterzureisen. Das Pferd nutzten wir, um die Decken, Felle und das getrocknete Fleisch zu transportieren. Eine Hütte hatten wir nicht gefunden. Keine Bleibe mit einem Dach über dem Kopf, daher hatten wir uns entschlossen, tiefer in den Wald zu gehen. Aber auch das war keine Lösung auf Dauer. Zumindest würden wir hier weder verhungern noch verdursten. Aber auch kein Stück vorwärtskommen, wenn es darum ging, unseren Thron zurückzugewinnen.
Ich führte das Pferd weiter und warf einen Blick über meine Schulter. Nayara ging immer noch neben Gilead her. Eine heftige Welle der Eifersucht durchströmte mich, sodass sich mein Griff um die Zügel festigte. Sofort wandte ich den Blick wieder nach vorne und atmete mehrmals tief durch. Trotzdem blieb die Eifersucht.
Als ich das nächste Mal einen Blick nach hinten wagte, hatte sie sich bei ihm eingehängt und flüsterte ihm soeben etwas ins Ohr, was ich nicht verstehen konnte. Als sie sich wieder entfernte, zwinkerte er ihr verschwörerisch zu. Zusammengepresster Lippen wandte ich mich wieder nach vorne. Sie hatten einst ein Verhältnis. Und ganz offensichtlich war sie noch immer an ihm interessiert. Diese Erkenntnis jagte mir einen schmerzhaften Stich durchs Herz, welcher mich zischen ließ. Mir sah fragend zu mir hinüber – schnell schüttelte ich den Kopf und murmelte ein halblautes ‚Alles gut.’
Doch bei dem Flüstern sollte es nicht bleiben. Irgendwann begann mein Glied verdächtig zu zucken, war kurz davor, regelrecht unangenehm in der Hose zu werden. Und das ganz sicher nicht, weil ich den Gedanken, Nayara könnte sich ihm wieder zuwenden, zugetan war!
Das war genug. Ich gab Herzog Mir die Zügel in die Hand, ging mit schnellen Schritten auf Seibling zu und schlug meine Faust mit voller Wucht in seinen Magen. „Sie ist mein Weib! Mein Weib!“, schrie ich dem Mann entgegen, der sich unter Schmerzen krümmte. Mein Blick huschte kurz über die überraschten Gesichter der anderen Männer. Männer! Nayara war die einzige Frau in dieser Runde und niemand sollte glauben, sich ihr nähern zu dürfen. Niemand! Aus diesem Grund schlug ich erneut zu, diesmal noch fester, sodass Seibling den Halt verlor und auf alle Viere stürzte. Wie besessen setzte ich ihm nach, schlug ihn zu Boden und drehte ihn auf seinen Rücken, um ihm ins Gesicht zu schlagen. „Lass deine Finger von ihr! Sie ist meine Frau!“
„Cyrus!“ Nayara keuchte, dann begann sie damit, mich an meiner Schulter von ihm wegzuziehen. Ich bewegte mich keinen Millimeter. Stattdessen schlug ich weiter. „Cyrus, du engstirniger, idiotischer, eifersüchtiger Taugenichts, geh von ihm runter!“
„Nur, wenn er schwört, dich nicht mehr anzufassen. Nie wieder!“ Ich schlug erneut zu, ohne Seibling auch nur die Gelegenheit zu geben, zu antworten. Blut benetzte meine Hand und aus einer Platzwunde an der Wange Seiblings rann Blut. „Niemand packt meine Frau an! Niemand!“, schrie ich und ließ meine Faust erneut in sein Gesicht preschen.
„Das reicht!“ Nays Hände umklammerten mich von hinten und zogen. Als das nichts brachte, wurden ihre Arme heiß. Und heißer. Ich knurrte und meine Fangzähne drückten sich heraus. Wollte sie ihren Geliebten retten? Mich vor all den Männern zurechtweisen? Wollte sie, dass jeder Mann hier sah, dass ich ihr nachgab?
Der Stoff meines Hemdes fing bereits an zu brennen und ich spürte, wie dosiert und doch gezielt sie das Feuer einsetzte. Würde sie es wirklich wagen? Ich ließ von Seibling ab und riss mich von Nayara los. Dabei torkelte ich zwei, drei Schritte beiseite. Eine blinde Wut packte mich. Ich kämpfte verzweifelt dagegen an.
„Ich habe dir meine Liebe geschworen, ich trage dein Kind unter meinem Herzen, du besitzt alles von mir! Ist dir das nicht genug?!“ Ihre Augen glühten noch immer in hellem Rot. Einen Moment lang starrte sie mich wütend an, dann warf sie sich neben Seibling zu Boden und begann, seinen Brustkorb nach Verletzungen abzutasten.
Diese blinde, alles vernichtende Wut war immer noch in mir. So tief wie das grundlegende Verlangen, Blut zu trinken. Sie raubte mir beinahe die Sinne und die Fähigkeit, klar zu denken. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich ab, ging zum Pferd und nahm Herzog Mir zu die Zügel ab. Ich ging weiter. Die Männer hingegen blieben stehen und starrten mir nach. Es war mir gleichgültig. Sie würden schon folgen.
Ich hörte Nayara seufzen. Tief und traurig. „Dilos und Almond, helft mir bitte. Man hat gesagt, ich dürfe nicht mehr zu schwer tragen. Die anderen gehen mit ihm, wir kommen nach.“
Schritte hinter mir bezeugten, dass die Männer auf sie hörten und mir folgten. Kurz darauf war Herzog Mir wieder an meiner Seite. „Dieser Gewaltausbruch wäre nicht nötig gewesen. Die Männer hätten es niemals gewagt, sich der Königin zu nähern. Nicht auf diese Weise.“
Ich zog meine Oberlippe hoch. Meine Fangzähne waren immer noch ausgefahren. „Das will ich hoffen!“ Aber wir waren Vampire. Die Lust würde irgendwann stärker werden als die Vernunft.
Irgendwann blieb ich stehen und sah zu meiner Rechten. Der Wald lichtete sich dort und ich erkannte schwach die Umrisse einer Siedlung. Mit einem Grunzen, das seinen Ursprung in meinen noch immer stark gereizten Nerven fand, zog ich das Pferd nach links, weiter in den Wald hinein.
„Langsam, Cyrus. Sonst kommt dein Weib nicht nach“, mahnte Herzog Mir.
„Wir müssen sowieso die Richtung ändern.“ Widerwillig verlangsamte ich meine Schritte.
Wir gingen eine Weile. Entfernten uns vom Dorf. Noch immer gab es kein Zeichen von Nay. Was, wenn sie uns nicht mehr fand, weil ich beschlossen hatte, die Richtung zu ändern? Was, wenn ihr etwas passiert war? In einem Moment machte ich mir noch Sorgen um sie, im nächsten durchdrang ein spitzer, erschrockener Schrei den Wald.
Ich fluchte gepresst und drückte Herzog Mir erneut die Zügel in die Hand. Diesmal hatte ich keine Lust verspürt, sondern Angst. Die anderen Soldaten blieben bei Graf Targes, dessen Verfassung es noch nicht zuließ, sich besonders schnell zu bewegen, während ich mit Baron Loich durch den Wald rannte.
Bald schon kamen wir bei der Quelle des Schreckenslauts an. Ein Loch mit sicher zwei Metern Durchmesser klaffte mitten im Wald. Mein Atem stockte. Vorsichtig näherte ich mich dem Rand und spähte hinunter. „Nay? Bist du verletzt?“ Mir wurde schlecht vor Sorge. Wie tief waren sie gestürzt? Hatte sie sich verletzt? Ging es dem Kind gut?
„Cyrus? Nein, so tief ist es nicht …“, schallte es irgendwo aus der Dunkelheit. Geräusche ertönten von unten, ehe ich sah, wie sie in den beleuchteten Teil des Loches kletterte und gegen die Sonne anblinzelnd hinaufspähte. „Dem Kind geht es, denke ich, gut. Gilead hingegen hast du eine Rippe gebrochen. Ihm geht es nicht besonders, aber er wird es überleben.“ Geblendet hielt sie sich eine Hand vors Gesicht. Wenn sie dort hingefallen war, wo sie jetzt stand, dann waren das in etwa zwei Meter freier Fall. „Und Almond hat sich vermutlich die Hand verstaucht. Bleibt oben und tretet vom Loch zurück. Ich werde mich hier unten erst einmal umsehen.“ Leiser fügte sie hinzu: „Kann ja nicht sein, dass hier ein Loch im Boden ist und nichts weiter. Wäre ja langweilig.“
Oh, Götter. Ich sah die neugierigen Rädchen in ihrem Kopf regelrecht glühen vor Anstrengung. Erkunden wollte sie das Erdloch, unglaublich diese Frau!
„Gut, dann schauen wir, was wir als Seil benutzen können, um euch wieder hochzuziehen!“ Ich beugte mich vorsichtig vor, sah jedoch nur das Geröll, auf dem sie stand. „Pass bitte auf!“ Ich wandte mich an Baron Loich. „Wartet hier, Glimdur. Ich hole die anderen zurück.“
Wenige Minuten später standen wir alle um das Loch herum und sahen hinunter. Natürlich fehlte von Nayara jede Spur, da sie wohl losgegangen war, um die Umgebung zu erkunden. Einer der Wachen hatte sich bereits eine Decke genommen und riss diese in lange Streifen, um die Teile später aneinanderknoten zu können.
Dilos erschien im sichtbaren Teil des Loches. „Majestät? Die Königin hat darauf bestanden, hier unten zu bleiben.“ Als wäre er absolut nicht einverstanden mit ihrer Entscheidung, schüttelte er den Kopf. „Sie findet es spannend. Wir haben Wände entdeckt. Es scheint, hier war einst eine Art Bergwerk. Irgendetwas, was Menschen oder Vampire dazu veranlasst hat, unter der Erde einen Gang zu bauen. Jedoch besteht Einsturzgefahr! Aber … die Königin hat das nicht interessiert!“
Unwillkürlich verdrehte ich die Augen. Wahrscheinlich fühlte sie sich wieder wie ein Kind, das geheime Gänge erkunden durfte. So war es auch im Schloss schon gewesen. Diese kindliche Freude, die ihr diesen Glanz in die Augen trieb, ließ sie Gefahren völlig ausblenden. „Sie soll nicht zu weit gehen!“ Das war das Einzige, was ich tun konnte. Ich wandte mich Esteran zu, dem dritten Soldaten der Palastwache, der uns bei der Befreiung der Minister geholfen hatte. Dieser hatte mittlerweile die langen Bahnen der Decke zu einem Seil verknotet. „Ich steige damit herunter. Dann sehen wir, ob es stabil genug ist.“
Baron Loich und der Wachmann hielten das Seil, während ich mich vorsichtig hinunterhangelte. Den letzten Meter sprang ich. Nur kurz sah ich mich um. Glatte Wände. Wie konnte das sein? Insgeheim wäre ich Nayara am liebsten hinterhergegangen. Aber ich musste die Leute hier rausholen. „Gut. Zuerst der, der nicht verletzt ist“, meinte ich und sah zu den beiden Soldaten.
Joe, ein Soldat der Palastwache, trat vor und nahm das Seil. Er konnte ohne Probleme daran hochklettern. Bei Almond war es schwieriger. Ihm musste ich das provisorische Seil um den Oberkörper binden. Mit der gesunden Hand hielt er sich am Seil fest.
„Gut, zieht ihn rauf!“
Almond griff mit seiner gesunden Hand nach oben. In dem Moment riss der Stoff und er stürzte wieder die zwei Meter in die Tiefe. „Ah …“ Ächzend richtete sich der Soldat auf, wobei er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Rücken rieb, auf den er gefallen war. „Verdammt!“
Schnelle Schritte waren zu hören, die meine Aufmerksamkeit auf die Dunkelheit rechts von mir lenkten. Erst erkannte ich nur ein kleines, flackerndes Licht, dann Nayara, die eine Flamme auf ihrer Hand entzündet hatte. Freudestrahlend kam sie auf uns zugelaufen. „Es ist unglaublich!“ Stolpernd kam sie vor mir zum Stehen. „Wieso … bist du hier unten?“
„Damit ich helfen kann, die Leute wieder aus dem Loch zu ziehen“, merkte ich trocken an und zeigte dabei auf die am Boden liegende Hälfte des gerissenen Seils. „Wir müssen hier wieder raus.“ Wobei mich schon interessierte, was sie denn so verzückt hatte.
Sie verschränkte die Arme. „Um uns alle hier rauszuholen?“ Die Betonung lag unüberhörbar auf ‘alle’.
Mein Blick fiel auf Seibling, der mich düster anstarrte. „Ich richtete ihm die Finger und gab ihm anschließend mein Blut. Als Dank dafür macht er dir schöne Augen.“ Ich schnaufte. „Aber ja, ich will jeden hier herausholen.“
„Er hat mir keine schönen Augen gemacht.“ Sagte sie und wich meinem Blick aus. Natürlich. Mühselig unterdrückte ich ein Knurren. „Auf jeden Fall … Wieso bleiben wir nicht einfach hier? Der Komplex hier unten ist riesig! Es gibt unglaublich viel, was ich noch nicht gesehen habe! Wir müssten nur dafür sorgen, dass wir eine Möglichkeit haben, wieder herauszukommen, um zu jagen!“ In ihrem Kopf breitete sich sichtlich eine Idee ungesunder Größenordnung aus.
„Ja, natürlich. Und bringen wir das Pferd hier herunter? Zuerst mit den Vorderbeinen oder dem Arsch?“
Sie verdrehte die Augen. „Wenn du dich damit meinst, dann mit den Vorderbeinen. Mit etwas Glück fällst du auf den Kopf und gibst für ein paar Augenblicke Ruhe.“ Entschlossen drehte sie sich um. „Ich suche mir derweil mein und Gileads Schlafzimmer aus. Irgendjemand muss ihn ja pflegen. Jetzt noch mehr als vorher. Du kannst indessen ja weiter mürrisches Kind spielen und ohne Lösung oder Idee durch die Weltgeschichte wandern.“ Mit diesen Worten drehte sie sich, die Haare dramatisch durch die Luft werfend, um und verschwand wieder in der Dunkelheit.























































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