Kapitel 14 – Einzug
Kapitel 14 – Einzug
Aurelie
Cyrus war so ein Dummkopf! So ein arroganter Misthaufen! Wieso konnte er nicht einmal … sich nicht einmal auf meine Ideen einlassen? Es war hier einfach zauberhaft! Überall waren Gänge, die sich verzweigten und mir das Gefühl gaben, ich würde mich auskennen. Was keineswegs der Fall war. Aber so verstrickt, wie die zu Hause waren sie nicht. Zum guten Glück, sonst hätte ich mich bei meiner kurzen Erkundung hoffnungslos verloren.
Die Gänge waren breit und gut begehbar, abgesehen davon, dass sie im dunkeln lagen. Außerdem maßen die Wände sicher drei oder vier Meter höhe. Neugierig und mit einem faszinierten Lächeln auf den Lippen, legte ich meine Hand an die Wand. Etwas bröckelte. Wie alt mochten diese Gemäuer sein? Wie tief führten sie hinunter und wer hatte sie erbaut?
Kopfschüttelnd ging ich weiter, eine Flamme stets in meiner linken Hand aufrechterhaltend. Eigentlich musste ich dringend damit aufhören. Ich hatte heute schon einiges meiner Macht verbraucht – zudem mich der Aufwand von vor zwei Tagen immer noch schlauchte. Ich wollte hier nicht ohnmächtig werden. Aber genauso wenig wollte ich die Flamme erlöschen lassen oder meiner Erkundung ein Ende bereiten. Es war das Einzige, was mich davon abhielt, an die vorherigen Ereignisse zu denken.
Immer wieder tauchte das Bild vor mir auf, wie Cyrus sich blind vor Wut auf Gilead stürzte, nur weil wir Spaß zusammen hatten. Und dabei hatte es sich noch nicht einmal um Spaß zu zweit gehandelt! Wir hatten lediglich darüber fantasiert, was einmal war, zu wiederholen, nur mit Lyssa als viertem Glied. Denn – und das war sowohl Gilead als auch mir klar – Cyrus würde nicht wollen, dass ich weitere sexuelle Erfahrungen ohne ihn sammelte. Auch wenn es mich ein klein wenig danach verlangte, auch wenn der Drang dazu da war, war mir gleichzeitig ebenso bewusst, dass auch ich es nicht akzeptieren könnte, würde er ohne mich mit einer anderen Frau das Bett teilen.
Eine Träne kugelte mir die Wange runter. Schnell wischte ich sie weg und schritt weiter. Viele der Abzweigungen waren verschüttet. So auch unzählige Hohlräume in der Wand, in denen einst sicher Türen gewesen waren. Aber das Holz hatte sich längst zersetzt.
Neugierig trat ich um eine Ecke, ging ein paar Schritte und erspähte aufgeregt ein Zimmer, welches nicht verschüttet war. Ich trat hinein. Mein Kopf bewegte sich in alle Himmelsrichtungen. Hinter mir befand sich der Eingang, zu meinen Seiten war absolut nichts und auch an der Decke war nichts Auffälliges zu finden. Höchstens vielleicht die Tatsache, dass die Decke noch intakt war. Vor mir jedoch war eine interessante Steinkonstruktion, die eigentlich nur ein Kamin sein konnte. Einer, mit sehr … eigentümlicher Form, aber doch war seine Funktion klar, denn ein Rohr, geschlagen aus dem Stein der Wand, führte nach oben hin weg.
Ein Grinsen breitete sich auf meinen Lippen aus. Einige Male sprang ich aufgeregt auf und ab, drehte mich dabei selbst im Kreis und sang: „Ich habe ein Kaminzimmer gefunden!“ Es war herrlich solch alte, unergründete Gemäuer zu entdecken! Mit der Berufung Königin hatte ich definitiv danebengegriffen. Andererseits war ich nur aus diesem Grund hier …
Ich machte mich auf den Weg zurück zur Gruppe. Zum Eingang, wenn man das so nennen konnte. Und ich war entschlossen, Cyrus’ kindischem Getue nicht einfach so nachzugeben. Gilead schlief bei mir. Allein schon um seiner Sicherheit Willen. Und Cyrus? Den verbannte ich auf die nicht existente Couch!
„Nay, ernsthaft … Du kannst das hier nicht ernsthaft in Erwägung ziehen!“
Gilead räusperte sich. „Ich finde, das ist eigentlich keine schlechte Idee. Lediglich ein ordentlicher Ein- und Ausgang fehlt.“
Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Ich habe ein Kaminzimmer gefunden. Aber ich bezweifle, dass der Kamin noch funktioniert. Außerdem etwas, was einst eine Küche gewesen sein könnte und dann einige leere Räume. Die können alles gewesen sein. Schlafzimmer, Studierzimmer, vielleicht war das eine oder andere eine Bibliothek!“ Aufgeregt verlagerte ich mein Gewicht vom einen auf den anderen Fuß. „Hier ist alles so alt! Was ist es wohl gewesen? Vor … vor Äonen!“
„Das erklärt die muffige Luft.“ Almond rappelte sich auf. „Der Kamin ist sicher verstopft. Das sollte sich aber beheben lassen. Ich schaue mir das direkt mal an, wenn Ihr mir zeigt, wo.“
Aufgeregt – fast hüpfend – ging ich vor. Die ganze Zeit leuchtete ich unsere Umgebung aus, was mir mittlerweile spürbar zu schaffen machte. „Gleich hier“, erklärte ich, als wir den Raum betreten hatten und das merkwürdige Steinkonstrukt vor uns lag. Ein kaltes Schaudern durchlief meinen Körper und die Flamme in meiner Hand erlosch. Bibbernd schlang ich meine Arme um mich. „Verdammt …“, hauchte ich erschöpft.
„Majestät?“
Ich hatte kalt. Bitterkalt. Wo war Cyrus? Wieso wärmte er mich nicht? Wieso war er nicht da? Müde suchte ich mir meinen Weg an die Wand, lehnte mich daran an und ließ mich erschöpft zu Boden gleiten. Meine Arme um meine angewinkelten Beine geschlungen, legte ich meinen Kopf auf meinen Knien ab und schloss die Augen. Meine Wahrnehmung flackerte, meine Augen fielen zu, ohne jegliches Zutun meinerseits.
Als mein Bewusstsein wieder zu mir zurückkehrte, schreckte ich auf, die Bilder eines herzzerreißenden Albtraumes noch direkt vor Augen. Cyrus hatte mich verlassen. Im Wachzustand mochte ich noch so selbstbewusst erscheinen, was unsere Beziehung anging, aber würde er mich wirklich verlassen … ich wüsste nicht weiter. Und mein Unterbewusstsein war sich dieser Angst sehr wohl im Klaren. Doch um mich herum war es warm. Arme lagen um meine Taille, mein Kopf ruhte auf einer Brust. Ehe mein Kopf sich überhaupt Gedanken machte, nuschelte ich schon: „Cyrus?“
„Der ist weg“, flüsterte Gilead mir zu. „Es passte ihm gar nicht, dich bei mir zu lassen. Aber jemand anderes kam noch weniger infrage.“
Dann waren das Gileads Hände, die mir Wärme spendeten? Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du?“
„Er hat sich mit Hilfe von Esteran und Dilos wieder aus dem Loch ziehen lassen, um in der Siedlung eine Leiter besorgen zu gehen.“ Gilead streichelte mir sanft ein paar Haare aus der Stirn. „Joe und Loich sind jagen. Die anderen leisten Targes und dem Pferd oben an der Einsturzstelle gesellschaft. Nur wir beide und Almond sind hier unten. Der versucht den Kaminschacht zu reinigen.“
„Irgendwelche Neuigkeiten?“, kam es mir wenig hoffnungsvoll über die Lippen. Doch wie erwartet, schüttelten beide Männer den Kopf, ehe sie in dem unterirdischen Komplex verschwanden.
Informationen von der Hauptstadt drangen nur spärlich zu uns durch. So wurde mittlerweile behauptet, wir, das Königspaar, seien im Schloss und wären angeblich schwer krank. Daher hätten wir die Führung des Goldenen Reiches in die Hände des Hohepriesters gelegt, der unseren Willen ausführen würde. So, wie auch die Hinrichtung der Berater und Minister angeblich auf unseren ausdrücklichen Wunsch hin stattfinden sollte.
Es wurde überall gemunkelt, das Königspaar sei verrückt geworden. Mittlerweile zweifelte man sogar daran, dass die Hinrichtung von Meldin und dem alten Seibling rechtens gewesen war. Angeblich seien schon dies erste Anzeichen von Wahnvorstellungen der Königin gewesen.
Aufständische, die schon damals versucht hatten, die geistig verwirrte Königin vom Thron zu stoßen, hätten diesmal die Hinrichtungen der Minister stoppen können. Sie würden sogar regelmäßig beim Hohepriester vorsprechen und verlangen, dass das Königspaar abgesetzt werden sollte. Und so gingen die Gerüchte weiter und ein endloses Meer aus Lügen flocht sich in den Köpfen der Menschen und Vampire.
Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete und wieder einmal mehr in die endlose Dunkelheit vor mir starrte, dauerte es nicht lange und ich begann, mich aus Cyrus’ Armen zu winden. „Hör auf zu klammern, Cyrus! Ich muss mal!“
Ein verschlafenes Stöhnen hinter mir verkündete, dass mein Verbundener erwacht war. „Am Abend soll ich dich halten und am Morgen klammere ich …“
„Das Kind drückt mir halt auf die Blase!“
Er ließ los. „Wie laufen die Gespräche mit Targes?“
Ein unzufriedenes Knurren entschlüpfte mir. „Er will nicht einsehen, dass wir ihn brauchen. Er hält sich für überholt und unnütz. Ein Mann, der sowohl mir als auch unserem Kind mehrfach das Leben gerettet und für uns gekämpft hat!“ In Windeseile stand ich auf den Beinen und begann damit, mir Hemd und Hosen überzuwerfen.
Cyrus brauchte etwas länger, tat es mir aber schliesslch gleich, kam er auf mich zu und schritt an meiner Seite aus der Dunkelheit hinaus in den Wald, der soeben den Sonnenaufgang begrüsste. „Ich habe überlegt, ob er nicht mit den Soldaten trainieren könnte. Vielleicht gibt ihm das wieder das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Cyrus, wusch sich grob und begann damit, sich anzukleiden. „Aber er wird eine aktiviere Rolle benötigen. Herumsitzen und warten wird nicht helfen.“
„Er könnte auch mich unterrichten.“
„Nach deiner Schwangerschaft können wir darüber reden.“ Cyrus schüttelte den Kopf. „Zudem wären auch das nur wenige Stunden am Tag. Er braucht eine Beschäftigung, die ihn den ganzen Tag auf Trab hält. Er muss sich gebraucht fühlen.“
Mürrisch stampfte ich mit dem Fuß auf. „Nichts da! Ich will nur aufgrund der Schwangerschaft nicht all die Fortschritte der letzten Zeit im Sand verlaufen lassen! Und er trifft mich ja nicht, wenn wir kämpfen, das würde er nie! Aber …“, ich seufzte, „ja, du hast recht. Auch die Soldaten könnten mit ihm üben. Und trotzdem füllt das keinen ganzen Tag. Wir müssen hier eine gewisse Struktur hineinbringen. Bisher ging es ums Überleben. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir unser Königreich zurückbekommen.“
„Wir sollten die Männer als Spione einsetzen, die sich umhören. Auch wenn sie dadurch mehrere Tage oder Wochen fort sind. Aurillia und Boris mögen sich erstaunlich gut schlagen, aber wir könnnen nicht alles ihnen überlassen. Sie sind trotz allem Menschen. Targes können wir nicht als Spion nehmen, selbst verkleidet würde ihn jeder erkennen. Bei den Soldaten sieht das jedoch anders aus.“
„Denkst du? Auch verkleidet könnten ihre Freunde sie erkennen.“
„Aber Freunde werden sie nicht verraten. Hoffentlich. In der Stadt sollten die Palastwachen auch nicht von Anwohnern erkannt werden. Bei Dilos sieht das wiederum anders aus. Als ehemalige Stadtwache wäre das zu gefährlich. Dilos und Targes werden für unsere Sicherheit hier zuständig sein, während die anderen in der Stadt sind.“
Ich nickte. Kaum hatten wir uns ein Stück vom Eingang entfernt, liess ich die Hose runter und hockte mich hinter einen Baum. Stöhnend gab ich dem Druck nach.





























































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