Kapitel 12 – Gut kauen, mein Schatz

Kapitel 12 – Gut kauen, mein Schatz

 

Aurelie

Vorsichtig strich ich mit der angefeuchteten Ecke der Decke über Gileads schweißnasse Stirn. Cyrus hatte ihm in meiner Abwesenheit die Finger gerichtet. Und aus eigener Erfahrung wusste ich, wie zimperlich er dabei handelte. Gileads Finger hatten alle möglichen Farben angenommen. Nur die richtige, die Haut normalerweise aufwies, die fehlte.

Cyrus war, mit Unterstützung aus unserer kleinen Garde, noch immer mit dem Ausheben eines Grabes beschäftigt. Ohne Schaufel war das gar nicht so leicht. Traurig glitt mein Blick zu Dreidolch hinüber. Cyrus hatte sich kaum zu mir gesetzt, da hatte er aufgehört zu atmen. Immerhin … war es schmerzlos gewesen.

Ich schniefte leise, blickte mit tränenverhangenen Augen wieder zu Gilead und legte meine Hand auf seine Wange. „Na komm … Wach auf, Gilead. Es gibt zu essen …“ Wie makaber der Gedanke, jetzt essen zu wollen. Aber die Ratsmitglieder mussten sich dringend stärken. Gileds Herz schlug regelmäßig. Eine Tatsache, die mich beruhigte. Was mich hingegen alles andere als ruhig stimmte, waren Targes’ Gedanken, die man ihm fast schon im Gesicht ablesen konnte. Vorsichtshalber hatte ich veranlasst, alles, was als Klinge verwendet werden konnte, aus seiner Reichweite zu schaffen. Und doch war mir klar, dass, wenn er es darauf anlegte, die Männer der Wache keine Chance gegen ihn hätten. Selbst unbewaffnet war er besser als jeder einzelne unter ihnen. Nicht umsonst war er ihr General gewesen.

Gilead stöhnte leise und öffnete blinzelnd die Augen. Wild huschten sie umher, bis sein Blick mich fixierte. „Naya…“, hauchte er kraftlos.

„Gilead.“ Ein schwaches Lächeln zuckte über meine Mundwinkel. „Du wirst wieder, verstanden? Wir kriegen dich wieder auf die Beine.“ Meine Stimme war leise und besorgt. „Es gibt Fleisch. Kannst du sitzen? Tierblut haben wir ebenfalls zur Genüge. Wenn du willst, darfst du aber auch meines haben.“ Ich errötete, als mir erst bewusst wurde, wie sehr ich dazu bereit war, etwas derart Intimes mit ihm zu teilen, ohne Vorbehalt und Zögern.

„Ich hatte… Blut…“, krächzte er mit schwacher Stimme. Er versuchte sich aufzurichten Ich hatte… Blut …“, krächzte er mit schwacher Stimme. Er versuchte sich aufzurichten, allerdings konnte er sich mit seinen Händen nicht abstützen und kippte wieder zur Seite.



Sorgsam nahm ich ihn in den Arm und zog ihn mit mir hoch. Sobald er stabil saß, ließ ich ihn vorsichtig los. „Geht es so?“

Er nickte schwach, den Blick über das Lager gleiten lassend. Bei Dreidolchs Leichnam blieb er hängen und warf mir einen fragenden, entsetzten Blick zu, den ich nur mit einem traurigen Kopfschütteln zu beantworten vermochte.

Ich drehte mich zum Feuer um, griff – unter den erschrockenen Blicken der Wachen – nach dem heißen Fleisch, das darauf brutzelte, und drehte mich damit zurück zu Gilead. „Es ist noch heiß. Du musst es noch ein wenig abkühlen lassen“, sprach ich leise. Die fassungslosen Blicke der Wachen brannten mir im Rücken.

„Ich kann es nicht essen, Majestät. Ich kann es nicht mal … halten.“ Gilead senkte den Blick und schluckte schwer. „Ich sollte zurück ins Schloss, um Sharifa und Lyssa zu retten. Stattdessen kann ich nicht mal Messer und Gabel halten. Ich bin ein Krüppel.“

„Nicht doch.“ Sanft legte ich meine Hand unter sein Kinn und hob seinen Blick. „Sharifa und Lyss sind beide bei einer befreundeten Bauernfamilie untergekommen. Es geht ihnen gut. Sie sind in Sicherheit. Boris hat sie am Tag des Überfalls geistesgegenwärtig aus dem Schloss gebracht.“

Gileads Augen wurden groß; sein Mund öffnete sich in Fassungslosigkeit. „Den Göttern sei Dank …!“, hauchte er bekommen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er fing an zu weinen. Seine Schultern bebten heftig. Unbedarft legte er den Handrücken seiner rechten, verkrüppelten Hand an seine Stirn, in dem Versuch, seine Tränen zu verbergen.

Kopfschüttelnd legte ich einen Arm um ihn. „Gilead“, sprach ich ruhig. „Es wird alles gut. Es tut mir so leid, dass es so lang gedauert hat. Dass wir euch in der Angst lassen mussten, sterben zu müssen. Es tut mir so leid.“ Mit meiner Hand fuhr ich ihm durch das fettige Haar, über den Nacken hinunter zu seinem Rücken und streichelte ihm in kreisenden Bewegungen darüber. „Es ist alles gut. Sie sind in Sicherheit.“

Ich hielt ihn fest, und ließ ihn weinen, während sich die Welt um uns herum weiter drehte. Nur langsam beruhigte er sich wieder und holte mehrmals tief Luft. „Ich bin ein Krüppel …“ Er schloss die Augen und beugte seinen Oberkörper vor. Zeitgleich knurrte sein Magen.



„Ich will nicht lügen.“ Mit einem nickischen Lächeln auf den Lippen, das meine Betrübtheit überschatten sollte, legte ich meine Hand unter sein Kinn und drückte es hoch. „Jetzt gerade, ja. Aber deine Hände werden wieder gesunden, Gil. Außerdem war dein Kopf stets begehrenswerter als deine Hände. Wobei ich auch denen nie abgeneigt war …“ Ich zwinkerte ihm zu. „So, und jetzt lass mich dir helfen, zu essen.“ Mit meinen Händen hielt ich ihm das abgekühlte Fleisch vor die Nase.

Zaghaft biss Gilead davon ab und lehnte sich dabei zögerlich an mich. Kaum hatte er fertig gekaut, fragte er: „Weiß dein Gatte, was zwischen uns war?“

„Ja. Ich habe es ihm gesagt.“

„Und … wie war seine Reaktion? Ich hätte ja gedacht, er bricht mir den Hals und nicht, dass er meine Finger richtet.“ Wieder biss er von dem Stück Fleisch ab und hätte es mir dabei beinahe aus der Hand gerissen.

Ich brauchte einen Moment, um zu antworten. „Er wollte wissen, ob ich dich liebe.“ Ich biss auf meiner Unterlippe herum. „Ich habe ja gesagt. Denn auf eine gewisse Art und Weise liebe ich dich. Du hast dich in mein Herz geschlichen und es zum Teil erobert, noch ehe ich meine Reife hinter mich gebracht habe. Doch dann hat er es gestohlen und zu seinem gemacht. Vielleicht auch schon davor. Ich weiß nicht wann …“ Ich schüttelte den Kopf. Das war nicht die rechte Zeit, um sich Melancholien hinzugeben. „Das bedeutet jedoch nicht, dass du mir egal bist.“ Ich lehnte mich vor und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ganz und gar nicht.“

„Die Zeit mit dir ist auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, erneut …“ Er nahm das letzte Stück Fleisch aus meinen Fingern und leckte mir anschließend über den Daumen. „Aber erst muss ich wieder gesunden.“

Die Zunge, die meinen Daumen in einer scheinbar so unschuldigen Geste liebkoste, ließ mich erschaudern. Gleichzeitig musste ich schmunzeln. Wenn er bereits wieder mit anderen Körperteilen als seinem Kopf denken konnte, war bestimmt alles wieder im Lot.

Ein hörbares Räuspern ließ Gilead den Kopf heben und mich den Kopf herumdrehen. Cyrus setzte sich zu uns und hob dabei seine verdreckten Hände. „Fütterst du mich auch?“

Ich grinste. „Selbstverständlich. Kleine Kinder muss man füttern. Kleine, eifersüchtige Kinder, Verletzte und Alte. Ich hole dir ein Stück Fleisch.“ Ich stand auf und konnte, trotz der aktuellen, schrecklichen Situation, fast nur lachen.



Mit einem weiteren, flammend heißen Stück kam ich zurück zu den beiden Männern. Gilead hatte sich mit Cyrus’ Hilfe wieder hingelegt. „Möchtest du noch ein wenig ruhen? Dann lassen wir dich allein.“

„Wenn ich ehrlich bin, so ist mir die Gesellschaft gerade sehr lieb. Vor allem das zusätzliche Herz zu hören, gibt Kraft“, erwiderte Gilead. „Die Schwangerschaft steht dir gut.“

Ich ließ meinen Blick schweifen. Dreidolchs Leichnam war mittlerweile verschwunden. Das hatte ich gar nicht mitbekommen. Mein Kopf schüttelte sich leicht. Dreidolch hatte das nicht verdient. So jung. Nicht viel älter als ich selbst. Er hätte noch Jahrtausende vor sich gehabt.

Cyrus strich mir sachte über den Arm. „Morgen werden wir ausschwärmen und eine vernünftige Bleibe suchen.“

Ich war gefangen in einem Schleier aus in sich verschwimmenden Farben und Gestalten. Dann blinzelte ich, das Wasser löste sich aus meinen Augen und eine warme Hand an meiner Wange fing es auf. Cyrus nahm mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. „Es wird besser. Immer, wenn du am tiefsten Punkt bist, geht es wieder bergauf. Es lohnt sich, zu kämpfen.“

Ich nickte schwach. Worte brachte ich keine über die Lippen. Noch immer waren unsere Grigoroi weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Im Schloss, gefangen … Ich schniefte, schüttelte den Kopf und löste mich von Cyrus. „Na los.“ Mühselig zwang ich ein Lächeln auf meine Lippen und hob das Fleisch, das ich für ihn geholt hatte, auf Mundhöhe. „Mund auf, abbeißen und dann gut kauen, mein Schatz.“

 

Als sich alle im Lager zur Ruhe legten, brach für Cyrus, der die erste Wache übernehmen wollte, der Dienst an. Mit einem kurzen Kuss auf meine Stirn verabschiedete er sich von mir, ehe er sich ein Stück vom Lager entfernt auf die Lauer legte.

Ich atmete tief durch. Wären da noch Loich, Mir und Targes, um die ich mich kümmern sollte. Wobei erstere beiden schliefen. Und Letzterer nur so tat, als ob.

„Demos“, sprach ich sanft, als ich mich neben ihn gekniet hatte, und legte eine Hand auf seine, die auf seinem Bauch ruhte. Noch nie hatte ich ihn beim Vornamen genannt. Auf gewisse Art fühlte es sich verboten an. Aber auch gut. Es schaffte Nähe, die hier in diesem kalten Lager fehlte. „Ich weiß, Ihr schlaft nicht.“



Der alte Mann brummte leise und drehte sich um, sodass er mir den Rücken zudrehte. „Ich bin aber müde“, entgegnete er fast schon trotzig.

„Wie sagtet Ihr? Ich verhielte mich manchmal noch wie ein Kind?“ Es kam keine Antwort und so seufzte ich nach einiger Zeit tief. „Ich bin Euch für so unglaublich viel zu Dank verpflichtet, Demos. Ich weiß nicht einmal, wie ich ihn ausdrücken könnte.“

„Ihr wisst nicht, was Ihr da sagt.“ Seine Stimme zitterte. „Bitte, geht.“

„Wisst Ihr, Ihr gehört zu meinem Volk. Und ich habe geschworen, für dieses zu sorgen. Euch geht es nicht gut. Also ehe ich mich selbst zur Ruhe lege, und glaubt mir, das möchte ich sehr gern, will ich sichergehen, dass es Euch in der Nacht nicht plötzlich einfällt, einem der Soldaten das Schwert zu entwenden und Euch damit selbst zu richten. Ihr habt nichts gegessen, das habe ich gesehen. Und wenn Ihr jetzt vorhaben solltet, Euch auszuhungern, so lasst Euch gesagt sein, dass ich das nicht zulassen werde.“

„Ihr tätet besser daran, mich sterben zu lassen. Gewährt einem alten Mann diesen Wunsch. Und gebt die Nahrung den jungen, kräftigen Männern.“

„Nahrung haben wir genug.“ Langsam konnte ich es nicht mehr hören. Er war mir längst kein einfacher Berater mehr. Viel eher zählte ich ihn zu meiner Familie! „Einem alten Mann … der in meinen dunkelsten Stunden für mich da war, wie ein Vater es gewesen wäre. Vergesst es, Demos. Ihr werdet leben! Ich weiß, die Qualen einer Gefangenschaft sind schwer, grausam und nicht zu vergessen. Aber darüber hinweggekommen kann man sehr wohl! Das ist kein Grund einfach aufzugeben und das Handtuch zu werfen! Ich will das Königreich nicht führen, wenn Ihr nicht mehr an meiner Seite seid und uns mit Wort und Tat zur Seite steht!“

„Ich weiß nicht, ob ich das noch kann, Majestät. Nach allem, was passiert ist …“ Graf Targes drehte sich auf den Rücken und sah mich an. „Ihr tragt die Zukunft in Euch. Ihr seid die Gegenwart. Ich bin die Vergangenheit und werde schon bald vergessen sein. Ich bin alt, Majestät.“

Mir stiegen Tränen in die Augen, meine Stimme entsprechend bedrückt entgegnete ich: „Euer Lebensabend mag nahen. Aber noch ist er nicht da. Und ich akzeptiere nicht, dass ihr ihn herbeisehnt.“ Inbrünstig schüttelte ich den Kopf, stand auf und holte ein großes Stück Fleisch von der Glut. Auffordernd streckte ich es ihm hin. „Es mag nicht mehr ganz so saftig sein, aber darum nicht weniger gut.“



Der Graf setzte sich tatsächlich auf und nahm mir resignierend das Fleisch aus der Hand. „Ich mache das hier für Euch, Majestät.“ Er nickte mir zu und biss von dem Stück Fleisch ab.

Erleichtert legte ich eine Hand auf seiner Schulter ab und schluckte. „Und ich bin Euch ausgesprochen dankbar dafür.“

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