Kapitel 11 – Bleiben noch vier
Kapitel 11 – Bleiben noch vier
Cyrus
Es war schon fast Mittag, als ich den Wald betrat. Die Spuren der Kutsche waren weitläufig verwischt, ebenso die Spuren von Nayara und mir und die der Gruppe. Letzteren folgte ich gerade. Dabei hielt ich einen toten Fuchs an den Läufen und achtete sorgsam darauf, dass sein Blut auf das Blut eines Vampirs tropfte. Es gab nur einen, der bei der Flucht so schwer verletzt worden war.
Dreidolch verlor viel Blut. Es war leicht, dieser Fährte zu folgen, und ich befürchtete, dass der Fuchs bald ausgeblutet war. Nun, es musste reichen. So oder so würde uns das Tier heute Abend ein saftiges Mahl bereiten.
Schritt für Schritt ging ich rückwärts, immer tiefer in den Wald, während ich die Spuren der Gruppe und meine eigenen verwischte. Als ich die ersten Stimmen raunen hörte, war ich bereits ein gutes Stück in den Wald vorgedrungen. Der Fuchs hatte mittlerweile jegliches Blut gelassen. Als ich mich umdrehte, hatte ich ein Schwert an meiner Kehle. Der Vampir hatte sich hinter einen Baum versteckt. Da hatte ich mich wohl zu sehr auf die Stimmen der anderen konzentriert.
Überrascht keuchte ich auf. Nur vorsichtig wagte ich es, auf die drohende Klinge zu spähen. „Besser Ihr nehmt die Waffe runter. Oder wollt Ihr Euren König töten?“
Der Mann, der hinter dem Baum hervorgesprungen war, senkte nach kurzem Zögern das Schwert und trat hervor. Das Emblem der Stadtwache prangte auf seiner Uniform. „Majestät…! Ich sollte niemanden durchlassen. Außer Eurer Hoheit natürlich.“ Er verneigte sich steif.
„Danke, dass Ihr Wache haltet. Wie ist Euer Name?“
„Dilos, Majestät.“
„Nennt mich Cyrus. Eure Treue ehrt Euch. Vielen Dank, dass Ihr Euch uns angeschlossen habt.“
„A…Aber…!“ Der Wachmann sah mich mit großen Augen an und verneigte sich wieder. Worte fand er keine mehr.
Ich klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Ich sorge dafür, dass Ihr später abgelöst werdet.“ Mit einem ernsten Nicken wandte ich mich ab und ging weiter, bis ich auf eine kleine Lichtung stieß. Das kleine Lager sah … erbärmlich aus. Die Minister waren in die wenigen Decken gehüllt, welche wir in der Kutsche gelagert hatten, und saßen zusammengesunken um das klägliche Feuer herum, welches soeben von einem Soldaten der Palastwache entfacht wurde. Ein weiterer Soldat beugte sich mit gerunzelter Stirn über den verletzten, auf einer Decke liegenden Dreidolch. Ihn hatte es bei unserer Flucht am schlimmsten erwischt. Wen ich nicht sah, war der vierte Soldat, der mitgekommen war. Und Nayara.
Ich näherte mich der Wache bei Dreidolch und ließ mich neben ihm auf den Boden sinken. Der Soldat, der Kleidung nach ein Mann der Palastwache, drückte fest auf den Rücken des Ministers. Seine Handschuhe hatten sich mit Blut vollgesogen. Er sah kurz zu mir, dann wieder auf die Wunde, die er zudrückte. „Es sieht schlecht aus, Majestät.“
Ich nickte ernst. Graf Dreidolch hatte bereits das Bewusstsein verloren. Sein Atem ging rasselnd. Sehr wahrscheinlich war Blut in seine Lunge eingedrungen. „Legen wir ihn auf den Rücken. Mit viel Glück fließt das Blut ab und er heilt, bevor er an seinem eigenen Blut erstickt.“
„Mein Finger steckt in seiner Wunde. Ich spüre die Ader direkt an meinem Finger pulsieren. Wenn ich ihn herausziehe, läuft seine Lunge sofort voll.“
Ich fluchte innerlich. Das Blut musste heraus. Ohne, dass weiteres Blut hineinfloss. Ein vorsichtiger Stich mit einer Nadel, oder … „Wo ist die Königin?“
„Auf der Jagd. Almond hat sie begleitet. Sie wollte Blut besorgen.“ Sein Blick schweifte über die geschwächten Minister. „Viel davon.“
„Gut, dann haltet den Finger weiter auf der Wunde und betet zu den Göttern, dass er durchhält.“ Ich stand auf und legte den toten Fuchs neben dem noch recht mickrigen Feuerchen ab. Dann wandte ich mich an die Palastwache, die dabei war, das Feuer zu entzünden. „Wie geht es den anderen Männern?“
In einer angedeuteten Verbeugung neigte er den Kopf. „Müde Majestät. Erschöpft und ausgezehrt. Sie haben kaum zu Essen bekommen. Blut ebenso wenig. Ein Wunder, dass sie noch nicht dem Wahn verfallen sind.“ Bedacht legte er ein weiteres Holzstück auf das noch kleine Feuer. „Seit Ihr mit uns in Kontakt getreten seid, haben wir ihnen regelmäßig Nahrung in den Kerker geschmuggelt. Viel war es leider aber nicht.“
„Es hat dafür gesorgt, dass sie den Weg hierher schaffen. Danke.“ Ich nickte ihm zu. Danach sah ich nach meinen Beratern.
Herzog Mir schlief tief und fest. Sein Atem und Herzschlag waren gleichmäßig und stabil. Baron Loich rollte sich ächzend auf die Seite und sah mich an. „Ich dachte heute wirklich, ich muss sterben, Cyrus.“
„Es war knapp, Glimdur. Verdammt knapp.“
Müde schüttelte er den Kopf. „Ich hätte wissen müssen, dass ihr uns nicht im Stich lasst. Ihr und die Königin …“
„Wir wären früher zurück gekehrt. Aber Nayara wurde bei unserer Flucht schwer verletzt. Einer der Verräter hat sie von hinten mit dem Schwert niedergestochen. So tief, dass die Klinge am Bauch wieder herauskam.“ Für einen Augenblick verwandelte sich mein Gesicht in eine zornige Fratze. „Sie hatten es auf das Kind abgesehen! Und wollten die Mutter gleich mit zu den Göttern schicken.“
„Verfluchte Verräter!“, zischte er und atmete mehrere Male schwer ein und aus. „Geht es der Königin und … dem Kind gut?“
„Ja, den Göttern sei Dank.“ Ich nickte Baron Loich zu und erhob mich wieder. „Bald gibt es Fleisch. Und hoffentlich auch Blut.“
Der Baron nickte knapp und schloss müde die Augen. Direkt daneben lag Seibling, der sich die Hände auf den Bauch drückte und ununterbrochen zitterte. Er nahm nicht einmal wahr, dass ich mich neben ihn setzte.
„Seibling!“, sprach ich scharf. Aber er reagierte nicht. „Gilead!“, knurrte ich lauter. Seine Hände waren völlig entstellt. Eigentlich müsste man das dringend richten. Aber ob er dazu in der Verfassung war? Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, während er scheinbar durchgehend darum bemüht war, seine Qual nicht laut herauszuschreien. Ich nahm einen der Äste, die rund um das Lagerfeuer lagen, und drückte ihn Seibling zwischen die Zähne. Vermutlich würde er ihn einfach durchbeißen … „Das wird weh tun …“
Nur kurz sah er mich an, dann ging sein Blick wieder durch mich hindurch.
Ich knurrte leise, griff nach seiner rechten Hand und richtete einen Finger nach dem anderen. Teilweise musste ich seine Knochen erneut brechen, da sie bereits falsch zusammengewachsen waren. Tränen schimmerten in seinen Augen. Er keuchte und stöhnte unter den Schmerzen. Bewusstlos wurde er davon allerdings nicht, sodass er die ganze Prozedur über sich ergehen lassen musste. Nur mit Gewalt schaffte ich es schließlich, seinen Kiefer zu lösen und den Stock wieder herauszunehmen. Danach biss ich mir ins Handgelenk und drückte es ihm an die Lippen.
Gierig begann Seibling zu saugen. Seine Fänge traten heraus, aber er hatte noch genug Verstand und Willenskraft in sich, dass er sie nicht in mein Fleisch grub. Dabei verfügte er mittlerweile vermutlich nicht einmal mehr genügend Gift, um mir ernsthaft zu schaden.
Mit einem tiefen Seufzen fielen Seibling die Augen zu und er sank in einen erlösenden Schlaf. Seine Hände, die dick angeschwollen und ganz blau geworden waren, lagen entspannt auf der Decke.
Es würde heilen, dachte ich, mit einem bitteren Beigeschmack im Mund. Die Narben der Folter würden jedoch bleiben. Vielleicht wäre es klug, wenn Nay später mit ihm sprach.
Zuletzt ging ich zu Graf Targes. Er war abgemagert, schien aber ansonsten guter Verfassung zu sein. Bis auf die blauen Flecken im Gesicht, die jeder der befreiten Männer trug, schien er keine ernsten Verletzungen zu haben. Vermutlich hatten die Soldaten eine gewisse Skrupel gehabt, ihn zu foltern.
Der alte Mann sah zu mir auf, als ich mich neben ihn setzte. Allerdings sagte er kein Wort, sondern senkte sofort wieder den Blick.
„Wie geht es Euch?“
Er schüttelte den Kopf. „Ihr hättet mich sterben lassen sollen.“
„Das kommt nicht infrage!“, tönte es aus dem Wald heraus. Nayara trat aus den Bäumen – an ihrer Seite ein Vampir, ebenfalls ein Soldat der Palastwache, der einen prächtigen Hirsch über der Schulter trug und schwer schnaufte. Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. Erleichterung überkam mich, als ich meine Verbundene gesund und unverletzt wieder vor mir stehen sah. Aber nicht nur das. Sie sah aus wie eine wahre Kämpfernatur. „Blut! Das Tier lebt noch, also ist es trinkbar, wenngleich es scheußlich schmecken wird.“
Graf Targes schüttelte entschieden den Kopf. „Zuerst müssen die anderen versorgt werden. Ich brauche nichts.“
„Seibling wurde von mir schon versorgt und Herzog Mir schläft.“ Ich sah zu Nayara und der Palastwache. „Gehbt Baron Loich etwas, sollte er noch wach sein.“ Umständlich stand ich auf. Es hatte mich mehr Kraft gekostet, als bisher angenommen, Seibling zu versorgen. Trotzdem schleppte ich mich zu Graf Dreidolch und dem Mann an seiner Seite. Der Atem des jungen Vampirs ging immer flacher. Er kämpfte um jeden Atemzug. Ihm Blut zu geben, würde sein Leiden nur verlängern. „Nehmt den Finger heraus und legt ihn auf den Rücken.“
„Aber…“
„Nein, kein Aber.“
Ich stand auf und ging auf Nayara zu, die Baron Loich gerade dabei helfen wollte, von dem Hirsch zu trinken. „Wir müssen reden, Nay. Jetzt.“ Ich nahm ihre Hand und zog sie ein paar Schritte weg.
„Was ist los?“ Ihr Blick ging besorgt an mir vorbei zu Dreidolch. Leise flüsterte sie: „Er schafft es nicht, oder?“
„Es ist Blut in seiner Lunge. Eine Möglichkeit wäre …, dass wir sein Blut den anderen geben, damit sie schneller heilen.“
Ihre Augen weiteten sich, Entsetzen widerspiegelnd. „Ich …“ Sprachlos klappte ihr Mund auf und zu. Sein Blut … den anderen geben … das grenzt an Kannibalismus!“
„Wenn er sowieso stirbt, könnten wir damit wenigstens die anderen Minister stärken! Sein Blut würde mehr helfen als das des Hirsches.“ Ich legte beide Hände an ihre Oberarme. „Sieh sie dir an! Wir müssen weiter! Aber sie können sich kaum auf den Beinen halten!“
Hysterisch lachte sie auf. „Du spinnst. Du spinnst!“ Windend entledigte sie sich meines Griffes und lief auf Dreidolch zu. Neben ihm ging sie in die Knie und nahm seine Hand in ihre. Ihre Lippen bewegten sich, sodass es aussah, als würde sie beten. Eine einsame Träne fiel von ihrer Wange.
Der Soldat, der auf der anderen Seite des Todgeweihten kniete, warf ihr einen mitleidigen Blick zu. Ich folgte etwas langsamer und setzte mich neben sie. Vorsichtig legte ich einen Arm um sie, merkte aber sofort, wie sie sich verspannte. „Es wäre ohnehin zu spät“, murmelte ich leise. Mein Blick glitt über die Minister und Soldaten. Hätten sie überhaupt von Dreidolch getrunken? Und was wäre ich für ein König, wenn ich das zugelassen, geschweigedenn von ihnen verlangt hätte? „Ich werde ein Loch ausheben, in dem wir ihn begraben können.“






























































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