Kapitel 14 – Der Traum von einem anderen Ort
Kapitel 14 – Der Traum von einem anderen Ort
Rjna
Hatte ich jemals gekämpft? Jemals meinen eigenen Willen durchgesetzt? Wann zuletzt? Wann war mir die Menschlichkeit aberkannt worden? Wann hatte man begonnen, mich nur noch als nutzbares Objekt zu sehen? Und wie lange war es her, dass ich selbst mehr als das in mir gesehen hatte?
Die ganze Gefangenschaft hindurch hatte ich mich nicht ein einziges Mal gewehrt. Die Zeit dort war vergangen, wie stillgestanden. Im Nachhinein sah ich mich wie im Zeitraffer in dieser Zelle sitzen. Weinend. Schluchzend. Gebrochen. Ich sah, wie ich auf Dregos Bett sass, wie er mich berührte, und ich doch nicht wirklich da war. Wie ein Gefangener in meinem eigenen Kopf, losgelöst von meinem Körper, hatte ich all die Jahre über mich ergehen lassen.
Aber nun …? Mein Inneres fühlte sich wie zerrissen. Als kröche etwas in mir empor, als zerre es an den einzelnen Schichten meines verbarrikadierten Verstands. Es entriss mich meinen Grundfesten und scheuchte die Angst hinfort. Vergangenheit und Zukunft verschwammen zu einer undeutlichen Masse unwichtiger Gestalten. Die Welt wollte mir mein Leben nehmen? Dann nahm ich mir die Welt!
Da war ein Messer an meiner Kehle; Blut rann mir den Hals hinab. Mein Tod war unausweichlich. Das ging mir zumindest durch den Kopf, bevor tiefschwarze Schemen mein Blickfeld einnahmen und kurz darauf alles verschlangen.
Dunkle, rauchige Schwaden bahnten sich ihren Weg durch die Gegend, scheinbar ohne jedes Ziel. Rotes Gestein, bergige Landschaft, abgestorbene Bäume, wohin man blickte. Meine Zehen krümmten sich in heissem Sand; die bleierne Hitze machte die Luft träge und schwül.
Wo war ich? Wo mein Vampirmeister? Getrieben suchte ich nach etwas Vertrautem. Nach Gras, Licht, Wohlbehagen. Nach einem bekannten Geruch oder einem leisen Vogelgezwitscher. Nichts davon erreichte mich. Alles, was es zu sehen gab, war tot. Das einzige Geräusch, das an meine feinen Ohren drang, kam von einem traurig flüsternden Wind, dessen Lied von Sehnsucht und Einsamkeit geprägt war.
Zögerlich bewegte ich mich einige Schritte in die eine Richtung, dann in die andere. Es passierte nichts. Einzig ein drängendes Gefühl der Beklemmung hatte sich in mir eingenistet. Es verlangte, zu rennen, es trieb mich zur Flucht. Wovor? Weshalb? Meine zögerlichen Schritte beschleunigten, nahmen Höhen und Tiefen, liefen über Sand und Gestein, getrieben, allein.
Völlig verschwitzt schreckte ich hoch und fand mich direkt an eine breite, wärmespendende, wohltuende Brust gedrückt wieder. Mit einem tiefen Atemzug roch ich den Geruch meines Vampirmeisters, der sich seit dem langen Ritt in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Augenblicklich wurde ich ruhiger. Erneut nahm ich einen tiefen Atemzug und drückte mein Gesicht fester an seine Brust.
Ein seltsamer Effekt, den er auf mich hatte. Erst recht, wenn man seine hünenhafte Statur bedachte. Er wirkte nach aussen hin kein bisschen beruhigend. Viel eher bedrohlich. Doch in seinen Armen zu liegen, liess mich unfassbar geborgen fühlen. Dabei lag ich nicht nur in seinen Armen, sondern auch halb auf ihm drauf! Oh, Götter!
Mir wurde heiss. Viel zu heiss! Die drückende Hitze, die tote Umgebung, der Traum holte mich ein und weckte meinen Fluchtinstinkt. Mit aller Kraft stemmte ich mich den Armen entgegen, die mich fest an meinen Vampirmeister pressten. Er rührte sich kein Stück und doch versuchte ich es weiter, denn das Gefühl zu ersticken breitete sich immer mehr, immer drängender in meinen Lungen aus.
„Lasst mich!“, keuchte ich schwer und versuchte weiterhin seinen starken Armen zu entkommen. „Luft! Lass mich!“, schrie ich hysterisch, was dann endlich auch Wirkung zeigte. Vielleicht, weil ich noch nicht einmal mehr die Höflichkeitsform genutzt hatte, vielleicht der Panik in meiner Stimme wegen.
Seine Arme lösten sich sofort. Ich hechtete förmlich aus dem Bett und auf den kleinen Balkon vor dem Zimmer zu. Als ich es geschafft hatte, die Balkontür zu öffnen, rannte ich an die Balustrade, stützte mich ab und holte einige Male tief Luft. Eine leichte, erfrischende Brise wehte um mich herum und brachte meine Haare noch mehr durcheinander, als sie es sowieso schon sein mussten. Nach einigen tiefen Atemzügen strich ich mir schliesslich die widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht, schloss die Augen und genoss den Wind, der um meinen Körper herum peitschte.
Nach wenigen Augenblicken, in denen die Ruhe in meinen Körper zurückkehrte, spürte ich erneut die harte, trainierte Brust meines Vampirmeisters im Rücken, woraufhin ich mich erschöpft an ihn anlehnte. Sein Geruch umfing mich, sodass ich mich instinktiv umdrehte, meine Arme um ihn legte und mich an ihn schmiegte.
„Und? Gehts wieder?“, fragte meines Meisters beruhigende, tiefe Baritonstimme nach einigen weiteren, stillschweigenden Momenten. War da etwa Amüsement herauszuhören?
Da wurde mir klar, dass ich mein Gesicht gerade tief in seiner Brust vergraben hatte. Und Götter, es war ein herrliches Gefühl. Sein Geruch beruhigte mich und gab mir das Gefühl, sicher zu sein. Jetzt war ich beim Kuscheln mit seiner Brust erwischt worden. Aber … wie denn auch nicht, immerhin war er ebenfalls anwesend.
Bestimmt war mein Kopf jetzt hochrot! So konnte ich mich nicht sehen lassen! Folglich … blieb ich genauso wie ich war.
Ein tiefes Lachen ertönte, sodass ich die Vibrationen seiner Brust, an die ich mich noch immer, aus reinen Angstgründen natürlich, wie ein Weltmeister schmiegte, spürte. Ja. Genau. Ich vergrub mein Gesicht nur an seiner Brust, um erstens diesen kuriosen Traum zu vergessen, und zweitens das Schahmzugeständnis meines Körpers zu verstecken. Und ganz inoffiziell auch, weil es mich gut fühlen liess. Weil es mich sicher fühlen liess. Aber letztere beiden Gründe musste er wirklich nicht kennen.
„Weist du“, ertönte seine amüsierte Stimme gemurmelt an meinen Scheitel, „Vampire können nicht rot werden.“ Auf meinen entsetzten Gesichtsausdruck hin, mit dem ich ihm jetzt in die Augen sah, prustete er laut los. „Du hast keinen Herzschlag mehr, meine Kleine. Und auch keine Atmung, so nebenbei bemerkt, aber das ist dir sicher auch schon aufgefallen. Daher kannst du auch nicht mehr rot werden. Generell wirst du eher einen blassen Teint haben …, wobei der vorher wohl auch nicht gross anders war“, letzteres fügte er nachdenklich hinzu.
Wieso hatte ich dann das Gefühl gehabt, zu ersticken?
Meine Motivation, ihn über den Grund für meine bleiche Haut aufzuklären, hielt sich in Grenzen und so blieb ich still. Wie das bei Gefangenschaften so lief, konnte er sich sicher auch selbst denken. Und solange er nicht selbst von der Gefangenschaft erfuhr, würde ich kein Sterbenswörtchen darüber verlieren. „Atmen“, gab ich monoton von mir und hätte mir am liebsten die Hand gegen die Stirn geklatscht. Sehr einfallsreich, Rjna. Wirklich. Grosse Klasse! Am Ende hielt er mich noch für zurückgeblieben oder geistig umnachtet.
Diesmal gluckste er belustigt, ob ab meiner Einsilbigkeit oder aber ab meiner schier offensichtlichen Dummheit, wusste ich nicht. „Ja, du musst nicht mehr atmen. Ausser, du willst sprechen. Dann kommst du nicht drumherum“, fügte er in lehrmeisterlichem Ton hinzu, wobei ich sehr dankbar war, dass er sich nicht über mich lustig zu machen schien.
„Wieso gibt es Vampire?“, traute ich mich schliesslich kleinlaut zu fragen.
Das brachte ihn erneut zum Lachen. Was war denn so lustig? „Das ist die allererste Frage, die du mir seit Tagen stellst?“, fragte er ungläubig nach.
„Ja“, antwortete ich knapp. War das unangemessen gewesen? „Entschuldigt. I…ich wollte nicht…“ Und schon war es wieder genau wie früher, stellte ich traurig fest. Ganz kurz hatte ich keine Angst mehr gefühlt. Für einen kleinen Augenblick war ich einfach ich gewesen und hatte nicht auf Regeln, Stand oder Höflichkeitsformen geachtet. Doch noch während meines erbärmlichen Versuchs einer Entschuldigung wurde ich unterbrochen.
„Wofür entschuldigst du dich?“ Nun hatte mein Meister die Stirn kraus gezogen, sodass sich überall Fältchen bildeten.
„I…ch war, ich war … also …“ Mit aller Zeit der Welt liess er mich herum stottern, auf der Suche nach einer verdammten Antwort. „Ich habe unerlaubt gesprochen“, brachte ich schliesslich leise hervor.
Er schien verwirrt. „Musstest du denn, dort, wo du vorher warst, dafür erst die Erlaubnis erhalten?“ Die Antwort darauf konnte er sich ganz bestimmt denken. Auch war in seiner Stimme keine Neugierde, sondern viel mehr Missgunst, Wut und Enttäuschung herauszuhören. Jedoch konnte ich nicht ansatzweise verstehen, warum er sich aufgrund meiner Antwort derart bemachten sollte. Gleichzeitig führte mich seine Frage in die Vergangenheit zurück – in eine Zeit, die ich vergessen wolle. Denn dort befanden sich Wunden, die weder geleckt noch verschorft waren, geschweige denn geheilt. Dass letzteres irgendwann passieren würde, wagte ich zu bezweifeln.
Lege einfach deine Maske wieder drüber. Die hast du perfektioniert. Keiner kann dir etwas ansehen, sprach ich mir Mut zu. Immer, wenn ich von Vater bestraft worden war oder Drego zu Diensten hatte sein müssen, hatte ich eine Maske über meine Züge gelegt und meinen Geist von meinem Körper distanziert. Ich nannte es Maske, weil sie meine Gefühle und mein Herz, meine Emotionen, mein Ich versteckte und schützte. In diesen Momenten bestand ich aus einer Hülle von Nichts. Sie schirmte den Schmerz ab. Aber wenn ich es jetzt tat, würde mein Vampirmeister es merken?
„Wie ist eigentlich Euer Name, Meister?“
Auf meine Frage hin furchten sich seine Augenbrauen. Mit einem Anflug von Besorgnis sprach er: „Xelus. Du kannst mich Xelus nennen“, und nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Dir ist aber schon bewusst, dass wir irgendwann darüber reden müssen? Auch über gestern.“
„Gestern?“, fragte ich, jetzt ehrlich verwirrt. „Ihr meint, als mir das Messer an den Hals gedrückt wurde?“ Langsam nickte er. „Das war’s doch aber auch schon?“, meinte ich leise. Ich hatte … das Bewusstsein verloren. Demnach hatte er uns gerettet. Ich sollte mich bedanken.
„Ich habe es doch gesehen, Mädchen. Also sag, wer hat dir sowas beigebracht? Wo hast du das gelernt?“
Unverhohlen starrte ich ihn an und sorgte für mehr Abstand, um Meister Xelus richtig in die roten Augen sehen zu können. Bisher hatte ich seine Wärme und den Komfort seines Körpers noch zu sehr genossen, nun wurde mir das Thema aber zu heikel und ich brauche dafür meinen Kopf. Wach. Nicht kurz vor dem Einschlafen, wohl und geborgen. Allem voran aber, weil ich wirklich keine Ahnung hatte, wovon er sprach. „Ich weiss nicht, wovon Ihr sprecht“, sagte ich tonlos und sah verwirrt zu ihm hoch.
Seine Stirn runzelte sich irritiert. „Woran erinnerst du dich?“
Woran ich mich erinnerte? „Ich spürte das Metall an meiner Kehle. Erst …“ Eigentlich wollte ich ihm nur sehr ungern von meiner Gefühlswelt berichten. Das hätte nämlich noch deutlich mehr Fragen über genau diesen Teil meines Lebens zur Folge, welchen ich wirklich unter allen Umständen vergessen wollte. Ausserdem war das auch gar nicht angebracht. Er war so gut wie ein Fremder – an dessen Brust ich gerade noch gelegen hatte, aber davon abgesehen – man sprach nicht über seine Gefühlswelt. Das gehörte sich einfach nicht und geschah höchstens im geschützten Kreis der Familie.
„Erst …?“, fragte er mit strengem Tonfall nach.
Eifrig überlegte ich, was ich ihm antworten könnte. „Erst war ich verängstigt.“ Ich schluckte. „Ich spürte Blut an meiner Kehle hinunterlaufen und dann … war da nichts mehr. Das war’s.“ Aber war da nicht … der Traum? Verwirrt runzelte sich meine Stirn.
„Ich glaube, du verschweigst mir da ein brisantes Detail, über das du nicht sprechen möchtest“, setzte Meister Xelus streng an. Er schien eine ehrliche Antwort zu erwarten.
„Ich … ich kann mit Euch nicht darüber reden. Über solche Dinge spricht man nicht. Das gehört sich nicht“, gestand ich ihm, in der Hoffnung, er liesse es endlich bleiben. Offensichtlich ein Trugschluss, denn jetzt konnte ich die Rädchen in seinem Kopf förmlich rattern hören.
„Worüber, denkst du, kannst du nicht mit mir reden?“, fragte er, wobei die Worte anfangs nur dünn über seine Lippen kamen. Was er sich jetzt wohl dachte? „Kleine …“
„Rjna.“ Sofort spannte sich mein Körper an. Ich hatte ihn unterbrochen.
„Was?“
„Verzeiht! Ich wollte ni…!“
„Bei den Göttern, hör doch auf, dich zu entschuldigen!“ Seine Stimme war lauter geworden.
Reflexartig schnellten meine Arme hoch und schützten meinen Kopf vor dem erwarteten Schlag. Doch der blieb aus. Vorsichtig linste ich durch meine Arme und sah mich einem vollends schockierten Vampirmeister gegenüber.
Sanft ergriff er meine Unterarme, führte sie von meinem Gesicht weg und sah mich mit einer Mischung aus stählernem und sanftem Gesichtsausdruck an. „Kleine, hat man dich geschlagen? Zu Hause?“
Das war nichts, was ich beantworten würde. Wieso fragte er das? Er hatte mich unbekleidet im Wald gesehen! Solche Narben stammten sicher nicht vom Zwiebeln schälen! Also drehte ich meinen Kopf nach rechts zu einer überaus interessanten, sterbenslangweiligen Hauswand und hielt den Blick stur darauf gerichtet. Ich fühlte mich, zugegeben, wie ein uneinsichtiges Kleinkind. Aber dass ich über meine Vergangenheit spräche, konnte er vergessen.
Vorsichtig, aber bestimmt griff er mit beiden Händen nach meinem Gesicht und richtete es so aus, dass ich ihn ansehen musste. Jedoch liess ich meine Augen sofort nach unten gleiten. Der Boden schien mir doch auch äusserst …. „Kleine ich …“
Wieder unterbrach ich ihn, nun aber mit einer Geste meiner Hand, welche ich hob und zugleich mein Gesicht seinen Händen entzog. „Ich heisse nicht Kleine“, stellte ich mit bestimmtem Tonfall klar. Diesen Spitznamen ertrug ich nicht. Nicht nach allem, was geschehen war. Zeitgleich überkam mich das Schaudern. Was war nur in mich gefahren? Wie redete ich denn mit ihm? Ich schluckte schwer. Noch hatte er mich nicht unterbrochen. Noch hatte er mich nicht geschlagen. Sollte ich weitersprechen? Wie lange ginge das mit diesen Spitznamen noch so weiter, täte ich es nicht? Räuspernd klärte ich meine Kehle. „Mein Name ist Rjna. Ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mich nicht dauernd als …“ Kurz musste ich schlucken. „’Kleine‘ oder ‚Mädchen‘ bezeichnetet.“ Beides hatte er schon getan, beides hatte ich in meiner Vergangenheit einmal zu oft gehört.
Entgegen meiner Erwartungen schlich sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen; seine Mundwinkel hoben sich an. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sah er doch gleich viel sympathischer aus. „Rjna“, sprach er den doch recht seltenen Namen aus, als ob er ihn noch nie gehört hätte. „Nun gut. Rjna. Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
Konnte er mich nicht einfach in Frieden lassen? Kaum verriet ich ihm meinen Namen, nutzte er ihn gegen mich? Doch ich zügelte mein inneres Gefühlschaos, wissend, dass ich nicht das Recht besass, ausser Fassung zu geraten. „Von welcher Frage … sprecht Ihr?“ Ich hatte seine Frage vergessen. Ein Fehler. Ihn zu bitten, sie zu wiederholen, wäre gewagt, und doch lag es mir auf der Zunge. Hatte mich die Zeit im Kerker wirklich so sehr verändert? War ich derart dreist geworden? Hatte ich denn jeden Überlebensinstinkt verloren?
Meister Xelus’ stahlharter und unnachgiebiger Blick durchdrang mich, sodass meine Hände zu zittern begannen. Augenblicklich senkte ich den Blick, der bis gerade eben noch auf seine roten Augen gerichtet gewesen war. Meine Beine waren kurz davor, unter mir nachzugeben, und mein Körper sandte eine Panik aus, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte. Die Macht, die in diesem Moment von meinem Meister ausging, war ungeheuerlich, um nicht zu sagen angsteinflössend, aber das war es nicht, was ich empfand. Respekt, ja. Zweifellos. Aber ich spürte, trotz der enormen Reaktion meines Körpers, keine Angst.
„Rjna, hat man dich zu Hause geschlagen?“, fragte er erneut, diesmal mit erschreckend herrischer Stimme. So hatte er noch nie zu mir gesprochen. Und es war auch keine normale Frage; es war ein Befehl. Gerade als ich mir eine Ausrede einfallen lassen wollte, fügte er grimmig hinzu: „Wage es nicht zu lügen!“
Ich schluckte schwer. Meine Hände zitterten wie Espenlaub. Um nicht ganz so schwach auszusehen, verschränkte ich sie schnell hinter meinem Rücken. „Ich habe kein zu Hause“, erklärte ich bedacht und war, abgesehen von der panischen Reaktion meines Körpers, die Ruhe selbst.
Meister Xelus schien verwirrt. Seine Augenbrauen furchten sich; um seinen Mund zogen sich feine Linien. Nach einer ganzen Weile, in der er mich eingehend studiert hatte, fuhr er fort; nahm meine Antwort, wie sie war, selbst wenn seine Frage damit unbeantwortet blieb. Mein Körper hatte sich mittlerweile glücklicherweise wieder beruhigt. Man hätte meinen können, ich hätte mir das Zittern nur eingebildet, wären da nicht meine Beine gewesen, die sich noch leicht unsicher in ihrem Stand anfühlten.
„In Ordnung. Kommen wir nochmal zu gestern. Dieser Vorfall … du sagtest, du könntest über etwas nicht sprechen, aber ich versichere dir, als dein Vampirmeister bin ich immer für dich da. Du kannst mir alles anvertrauen und seien deine Sorgen noch so klein. Kleine …“ Jetzt warf ich ihm einen vorwurfsvollen Blick entgegen, woraufhin er sich korrigierte: „Rjna, du bist jetzt so etwas wie meine Tochter. Bitte vertraue dich mir an.“
Mein Verstand fühlte sich an, wie leergefegt. Eine Tochter … Vater war der absolut letzte, dem ich irgendwelche Sorgen anvertraut hätte. Wäre der absolut letzte gewesen …, korrigierten mich meine Gedanken. Stumm stand ich da. Mir entglitten, jeglicher Fassung beraubt, meine Gesichtszüge.
Meister Xelus’ Augenbrauen wanderten Besorgnis ausstrahlend tiefer. Vielleicht war mein Blick angeekelt, oder aber komplett nichtssagend. Ich schwieg, wusste nicht, wie ich mit Gesagtem umgehen sollte. Ich konnte praktisch zusehen, wie er zwischen Geduld und Pflicht hin und her schwankte. Einerseits schien es ihm unangenehm, mich ausquetschen zu müssen, andererseits war da ein Grund, wieso er es tat.
„Wieso wollt Ihr unbedingt diese Dinge von mir wissen?“, stellte ich zaghaft infrage. Ich sah zwar ein, dass er, wenn er sich ernsthaft um mich kümmern wollte, ein paar Dinge über mich wissen sollte, allerdings verstand ich nicht, wieso er sich eigentlich überhaupt mit mir abgab. „Wieso interessiert Ihr Euch für mich? Wieso habt Ihr mich im Wald gerettet?“, sprudelte es weiter aus mir heraus. Seine Mimik schwankte minimal, fand aber schnell zu seiner ursprünglichen Härte zurück.
Dennoch antwortete er, in einem Tonfall, der keinen Zweifel an der Echtheit seiner folgenden Aussage zuliess: „Mein innerer Vampir hat dich vom ersten Moment als seinen Abkömmling akzeptiert.“ Seiner Artikulation nach zu urteilen, erklärte das alles. Tat es aber nicht! Ich verstand nach wie vor absolut nichts! Das musste ihm auch aufgefallen sein, denn nun führte er aus: „Kl… Rjna, es ist so: Ein jeder Vampir hat einen sogenannten inneren Vampir. Der männliche innere Vampir ist enorm fürsorglich. Wenn er sich also einmal dazu entschieden hat, auf jemanden aufzupassen, dann lässt er von diesem Plan auch nicht mehr ab. Wir haben leider keine herkömmliche Meister-Schützling-Bindung, da nicht ich es war, der dich verwandelt hat. Aber diesem Instinkt in mir ist das egal und er hat dich als seinen Abkömmling beansprucht.“
Ich stolperte einen Schritt zurück. Da sagte er, sein innerer männlicher Vampir hätte mich als seinen Abkömmling beansprucht? Als seine Tochter? Aber Töchter wurden geboren, nicht beansprucht! Langsam spürte ich Panik aufkommen. Das sollte alles nicht sein! Ich sollte nicht das sein, was ich war! Das sollte es gar nicht geben! Ich sollte auch nicht mehr leben! Wieso hatte Grinsebacke mir das angetan? Vermutlich, um mich zu quälen. Und ich hatte im letzten Moment wirklich in Betracht gezogen, er könnte einer der Guten sein.




































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