Kapitel 16 – Erinnerungen

Kapitel 16 – Erinnerungen

 

Rjna

Das Zwitschern der Vögel schallte durch die kleine Luke, die wir Fenster nannten. Man konnte sie auf und zu kippen und so das kleine Schlafzimmer geringfügig belüften.

Vater war schon auf dem Feld. Mutter liess mich heute länger schlafen. Sie sagte, ich müsse mich ausruhen. Wieso erwähnte sie nicht. Vielleicht lag es an der ungesunden Blässe, die neuerdings meine Haut zeichnete. Mir war warm und dann wieder kalt, immer wieder, aber das tat nichts zur Sache. Wenn Vater mich so sehen würde, würde ich schmerzhaft bestraft. Mutter wahrscheinlich gleich mit, da sie es erlaubt hatte.

Ein Schreien erklang vom Ende des Raums. Fredi. Ich musste aufstehen und meiner kleinen Schwester helfen. Mutter war Wasser hohlen gegangen und hatte damit meine Arbeit übernommen. Ich hoffte nur, Vater würde es nicht bemerken. Sie sollte aber auch schnell wieder zurück sein. Der Brunnen stand in der Dorfmitte, so weit war es nicht.

Schnell drehte ich mich aus den dünnen Laken, die uns als Decke und Matratze zugleich dienten, und setzte mich auf. Sogleich überkam mich ein heftiger Schwindel und kurzzeitig wurde alles schwarz. Offenbar war ich diese Nacht unruhig gewesen, denn die Laken lagen längst nicht mehr an Ort und Stelle. Das Untere, welches sonst über das Stroh gespannt war, legte die Hälfte unseres Bettinhalts frei und das Obere, welches uns als Decke diente, lag mittlerweile neben der Schlafstelle am Boden.

Erneut schrie meine kleine Schwester schrill. Konnte sie denn nicht still sein? Wieso hörte sie nicht endlich auf zu schreien? Die Rufe meiner nahmen kein Ende, meine Sicht klärte sich und so stand ich langsam auf. Sobald ich stand und sicher war, dass meine Beine mich trugen, eilte ich zu ihr. Ich verstand nicht, wieso Mutter und Vater noch ein zweites Kind bekommen hatten. Wir hatten schon kaum etwas zu essen. Aber Mutter sagte, Vater wolle einen Jungen. Einen, der stark würde und ihm auf dem Feld helfen könnte. Als ich Mutter fragte, was Vater dann mit zwei Mädchen vorhabe, hatte sie geschwiegen.

Fredi war nun im Alter eines Kleinkindes. Sie sollte sich wirklich schon besser zu benehmen wissen, als das ganze Dorf zusammenzuschreien! Und wollte ich nicht Vaters Gürtel spüren, sollte ich schleunigst dafür sorgen, dass sie ruhig würde! Sollte sie ihn vor dem ganzen Dorf blamieren …!



Mit zwei schnellen Schritten ging ich auf sie zu, lehnte mich über die hölzerne Krippe und betrachtete den kleinen Menschen darin. Sie sah mir ähnlich, ignorierte man, dass sie einige Jahre jünger war. Grundsätzlich ähnelten wir beide mehr Mutter als Vater. Was ich auch gut fand, denn keineswegs wollte ich aussehen wie ein Berg. Mutter sagte immer, ich solle weiblich sein. Schön, elegant, reizend. Ich solle mich immer damenhaft geben. Das hiess, ich durfte keine Widerworte geben, sollte nur sprechen, wenn Vater es befahl, und musste anmutig gehen. Letzteres schaffte ich nie zu ihrer Befriedigung umzusetzen und auch an Ersteren haperte es, was ich beinahe täglich zu spüren bekam.

„Sei ruhig!“, zischte ich, versuchte es so wie Mutter. Aber jetzt weinte das dumme Balg noch mehr!

Im Unterschied zu meinen dunkelbraunen Haaren fielen ihr ihre in einem hellbraun, oder vielleicht eher einem aschblond, ins Gesicht. Ihre Stupsnase liess ihr kleines, kindliches Gesicht noch jünger wirken und ihre Lippen waren zu einem Jammern verzogen.

Schweigend starrte ich in ihre grossen, hellbraunen Augen. Auch hier waren ihre heller als meine Dunklen. Und doch teilten wir das gleiche Braun. Ich könnte direkt neidisch werden. Was war nur ihr Problem? Sie würde schöner sein als ich es jemals könnte! Insofern Vater sich bei ihr zurückhielt, was er bisher getan hatte! Sie wurde nicht geschlagen, war wunderschön … das Einzige, was wirklich gleich war, war unsere Statur. Bei uns beiden stachen die Rippen hervor, unsere Haut war blass – wobei meine in letzter Zeit noch an Farbe verloren hatte – und unsere Lippen waren spröde.

Seit drei Jahren war sie nun hier auf dieser Erde und machte nichts. Half nichts. Tat nichts. Das Einzige, was sie schaffte, war, Vater zu erzürnen und sich den Konsequenzen zu entziehen. Ich war zwölf und versuchte alles, Vater nicht im Weg zu stehen und doch bekam ich immerzu Strafen!

Doch es brachte alles nichts, also hob ich sie mir auf den Arm und ging weiter in unseren Wohnraum. Ich wusste, warum sie schrie. Die Suppe gestern Abend war alles andere als sättigend gewesen. Auch ich spürte das Loch im Magen, aber ich wusste es zu ignorieren.

Seufzend ging ich hinaus, Fredi immer noch auf meinem Arm, und lief zu einer alten Buche. Die Rinde an ihr war lose und wie ich es auch immer tat, wenn mich der Hunger plagte, riss ich ein Stück ab und gab es ihr in die kleinen Hände. Der nagende Hunger erledigte den Rest und führte die kleinen Hände zum Mund. Daran würde sie jetzt erst einmal etwas zu beissen haben. Mit einem Seufzer brach auch ich mir ein Stück ab und schob es mir zwischen die Zähne. Lecker war anders, aber besser als nichts war es allemal.



Mit einem leisen Keuchen setzte ich Fredi hinter dem Haus, nahe dem Waldrand, ab, und begab mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Der Jahreszeit entsprechend fand ich vielleicht sogar Bärlauch oder ein anderes Kraut. Viel schöner wären allerdings Pilze oder eine Art Gemüse, etwas, was auch wirklich den Hunger stillen könnte. Doch dafür müsste schon ein echtes Wunder geschehen. Es hatte seit Monden nicht mehr einen Tropfen geregnet, die Ernte verdorrte und welkte. Der letzte Rest fiel den Schädlingen zum Opfer. Ob wir es durch dieses Jahr schafften? Der Winter war vorbei, dementsprechend auch die gefährlichste Zeit, was das Verhungern anging. Aber ohne Ernte und Vorräte standen wir nun nur noch schlimmer da als im Winter.

Natürlich gab es nichts. Wie auch? Aber einen Versuch war’s wohl wert gewesen. Oder auch nicht.

Schon aus einiger Entfernung nahm ich den schweren Atem Mutters wahr, welche gerade mit dem Wasser aus dem Dorf herbei stampfte. Es schmerzte ihr immer der Rücken, weshalb auch ich es war, die diese Arbeit sonst verrichtete. Unsere Hütte lag am äussersten Rand des Dorfes. Dementsprechend weit war es bis zur Dorfmitte. Der Wald lag direkt hinter unserer Hütte, was Vor- aber auch Nachteile mit sich brachte. Zum einen waren wir deutlich schneller im Wald, um uns auf die Suche nach Essbarem zu begeben, zum anderen waren wir der erste Anlaufpunkt für wilde Tiere.

„Mutter!“, rief ich und kam ihr entgegen, bemüht darum, mir nicht anmerken zu lassen, wie schwach ich mich eigentlich fühlte. Jeden Moment könnten meine Beine unter mir einknicken und ich könnte nichts dagegen tun. Schwindel plagte mich bei jeder Bewegung und machte meine Handgriffe ungenau. Mutter der letzten Ellen wegen den Stock mit den Wassereimern abzunehmen, wäre mehr umständlich als hilfreich, also liess ich es bleiben.

„Du solltest im Bett liegen, Rjna“, tadelte Mutter streng. „Du wirst noch krank!“

Krank werden war nicht gut. Meist, wenn jemand krank wurde, besuchte der Priester das Haus und danach brachten die Männer einen Körper nach draussen, um ihn beizusetzen.

Der Priester war mir über alle Massen unheimlich. Immer wenn er mich sah, oder wenn ich allein in unsere kleine Kapelle gegangen war, lächelte er mich breit an und meinte, ich solle mich auf seinen Schoss setzen. Sein Lächeln hatte ich nie erwidert. Es hatte seit dem ersten Mal nicht echt gewirkt. Auf seinen Schoss wollte ich mich auch nicht setzen, aber dem Priester zu widersprechen war eine Sünde und so hatte ich es doch getan.



Nach einigen Malen wurde er immer weniger zurückhaltend. Von da an mied ich die Kapelle, das Haus unserer Götter. Die Kirche war früher ein Ort gewesen, an dem Vater mich nicht hatte züchtigen können. In diesen Momenten war ich vor Vaters Gürtel sicher gewesen. Mittlerweile jedoch zog ich Vaters Gürtel den wandernden Händen des Priesters vor.

 

Es wurde Abend. Mutter und ich waren gerade mit dem Waschen unserer Kleidung fertig geworden, als Vater die Hütte betrat. Er stank.

Mutter spannte sich augenblicklich an und deutete Fredi ins Schlafzimmer zu gehen, doch Vater bestand darauf, dass sie blieb. Als sich Mutter noch mehr verspannte, wurde auch ich unruhig. Was wollte er von Fredi?

„Sag mal, meine Kleine …“ Vaters Stimme hörte sich nicht an wie die seine. Es klang, als versuche er … nett zu klingen. „Wieso hast du heute Morgen so geschrien?“ Gegen Ende nahm Vaters Tonlage immer mehr an Gefährlichkeit zu. Mein ganzer Körper spannte sich an.

„Huuner“, antwortete Fredi, die den Ernst der Situation nicht ansatzweise verstand.

„Und wieso hat dir deine Mutter kein Essen gemacht?“ Vater war wütend, das war offensichtlich. Aber es war eine viel gefährlichere Wut, als die, die er sonst an uns auslebte. Denn er war die Ruhe schlechthin. In seinen Augen sah man förmlich das Brodeln unter der Oberfläche, doch das schien Fredi entweder zu ignorieren oder nicht zu bemerken.

„Mutti weg.“ Kurz überlegte sie. Ich hätte ihr am liebsten den Mund zugehalten. „Riri schlafen.“

Langsam drehte sich Vater zu mir um. In seinen Augen flammte die Wut. Langsamen Schrittes kam er auf mich zu. Mein Atem ging schneller, meine Knie zitterten, mein Herz hörte für einen Moment zu schlagen auf. „Frederike, schau jetzt ganz genau zu. Das passiert, wenn du wieder so laut schreist“, warnte Vater und gab mit einer Bewegung in seine Lieblingsecke seine Absichten kund.

Folgsam begab ich mich zur Wand, zog mich aus, kniete mich hin und legte meine Hände an die Wand. Schwer atmete ich aus und bereitete mich geistig auf das vor, was jetzt unweigerlich kommen würde. Was sollte ich auch sagen? Ich hatte es verdient. Ich hatte Mutters Befehl befolgt, doch sie war nicht unser Familienoberhaupt. Und dieses hatte mir nicht erlaubt, länger zu schlafen.



Ich hörte, wie Vater seinen Gürtel löste, vernahm, wie er Mutter anschnauzte, dass sie die Hände von Frederikes Augen nehmen solle – sollte sie sich nicht auch eine Züchtigung wünschen. Ich hörte, wie er hinter mich trat, den Gürtel mit einem schleifenden Geräusch hinter sich herziehend.

Keinen Laut. Das war das höchste Gebot. Das wusste ich. Und dann ging es los. Ich spürte Schlag um Schlag, Hieb um Hieb, Stich um Stich. Nach den ersten zehn vernahm ich einen lauten Aufschrei. Hatte ich geschrien? Nein. Meine Lippen waren derart aufeinandergepresst, sie konnten sich nicht unbemerkt geöffnet haben.

Ich hörte, wie Vater sich umwandte. Bestimmt blickte er zu Mutter und Fredi. Beide mussten sich im Türrahmen zum Schlafzimmer befinden, in das Fredi zuvor noch gehen sollte. „Was war das?“, grollte Vaters Stimme mächtig und furchteinflössend durch den Raum.

Erst war es still. So still, man hätte ein Blatt fallen hören. Das war nicht gut. Er hatte eine Frage gestellt! Doch dann erbarmte sich Fredi einer Antwort. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, sie hätte es nicht getan.

„Das darfst nicht tun!“, schrie die Dreijährige Vater voller Inbrunst entgegen. Keine Höflichkeit, keinen Anstand, nichts. Mutter und ich schwiegen still und beteten stumm um Gnade für meine Schwester. Doch sie war noch nicht fertig. „Du darfst nicht …“ Weiter kam sie nicht, denn nun deckte, den Geräuschen nach zu urteilen, Mutters Hand Fredis Mund zu. Mein Blick blieb starr auf die Wand vor mir gerichtet, so wie es sein musste. Wieso nur hatte sie eingegriffen? Wieso, wieso, wieso? Das machte doch alles nur schlimmer!

„Frederike, du nimmst jetzt den Platz deiner Schwester ein“, befahl Vater mit seelenruhiger Stimme.

Mit meiner Ruhe war es jetzt allerdings vorbei. „Nein!“, schrie ich und drehte mich noch im selben Atemzug um, um ihm direkt in die Augen zu sehen. Sie hatte sich für mich eingesetzt! Ich würde nicht zulassen, dass sie für meine Unfähigkeit bestraft wurde!

Vater sah mich an, als wäre ich ein wahres Wunder. Aber keineswegs ein Gutes. „Du gibst mir Widerworte?“, fragte er ungläubig nach, die Augenbrauen am Haaransatz oben.

„Ja“, erwiderte ich, die Stimme kraftvoll, aber bar jeder Emotion. Nicht Fredi! Dafür war sie zu jung, zu unschuldig! Ausserdem zweifelte ich, ob ich danach noch eine Schwester hätte, liesse ich das jetzt zu.



Mutter warf mir einen erschrockenen Blick zu, senkte jedoch das Haupt und unterwarf sich ihrem Gemahl. Wie immer war von ihr keine Hilfe zu erwarten.

„Frederike, geselle dich zu deiner Schwester.“ Diese Ruhe in seiner Stimme …

„Nein!“, schrie ich. „Vater“, versuchte ich einzuwenden. „Bitte nicht!“ Mein Mut wich einem Flehen. Doch es sollte nicht erhört werden.

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