Kapitel 18 – Der Tote Wald
Kapitel 18 – Der Tote Wald
Cyrus
Wir ritten den ganzen Nachmittag durch. Als die Sonne sich anschickte, unterzugehen, suchten wir einen geeigneten Rastplatz. Eran zog den Jungen von meinem Pferd hinunter; kurz darauf stieg ich selbst ab. Aron band derweil die Pferde fest und Eran fesselte die Füße und Handgelenke unseres unfreiwilligen Gastes.
„Wie ist dein Name, Junge?“
Er saß auf dem Boden und sah wütend zu mir auf. Allerdings erkannte ich auch Angst in seinem Blick. Diese versuchte er jedoch tunlichst zu verbergen. „Man nennt mich den König der Straße!“, verkündete er, das Kinn gereckt.
Sofort fiel mein Blick auf seinen Hals. Dort, wo die Halsschlagader unter seiner Haut vor Aufregung deutlich sichtbar pochte. Der Junge sollte sein Glück besser nicht herausfordern.
Nachdem die Pferde versorgt waren, entzündeten Eran und Aron ein kleines Feuer. Ich schnappte mir einen Apfel, biss herzhaft hinein und setzte mich zu dem Jungen, der in den vergangenen Minunten jede noch so kleine Bewegung von mir oder meinen Grigoroi mit Adlersaugen verfolgt hatte. „Also … Straßenkönig. Sag mir, warum hast du versucht, mich zu bestehlen?“
Sein Blick heftete sich auf meinen Apfel. Ich drehte ihn leicht in meiner Hand herum und biss erneut zu. „Oder soll ich dich lieber Straßenköter nennen?“
„Ich bin kein Köter!“, entgegnete der Junge energisch.
Ich schmunzelte und biss erneut in den saftigen Apfel. Ich kaute genüsslich und suchte mir schon die nächste Stelle, in die ich beißen wollte. „So? Weißt du, was der Unterschied zwischen einem König und einem Köter ist?“
„Natürlich!“, behauptete er. „Ein Köter nimmt, was ihm gegeben wird! Aber ein König sucht selbst aus, was er will. Und nimmt es sich!“
Ich lachte leise. Der Junge gefiel mir. Offenbar hatte er seinen ersten Schock überwunden und zeigte sich nun kampfeslustig. Manchmal verwechselten die Menschen aber Stolz und Mut. „Ich verrate dir noch einen Unterschied“, meinte ich und biss erneut ab. Ein wenig Fruchtsaft lief über mein Kinn, welchen ich mit dem Handrücken wegwischte. „Ein Köter bettelt. Ein König nicht.“ Mit den Worten hielt ich den halben Apfel, eine Armlänge vom Gesicht des Jungen entfernt und musterte ihn amüsiert.
Die Augen des Jungen wurden schmal. „Ich habe nicht gebettelt“, entgegnete er bestimmt und wandte den Kopf ab. Seine Augen jedoch zuckten immer wieder zum Apfel in meiner Hand und straften seine Worte Lüge.
Derweil der kleine Köter mit seiner Sturheit beschäftigt war, wandte ich mich Eran und Aron zu. Sie würden die Nacht jagen gehen müssen. „Einer bleibt hier und passt auf, dass der Köter keinen Mist macht.“
Sie nickten unisono.
„Gut. Und jetzt schüttelt den Kleinen mal ordentlich aus.“
Eran grinste, zog den Jungen hoch und packte dessen Knöchel. Kurz darauf hing dieser kopfüber. Seine lockigen, dunkelblonden Haare berührten fast das Gras. Obschon er laut protestierte, schüttelte Eran ihn hin und her, sodass das Gold aus den Taschen des Jungen fiel. Münze um Münze landete im Gras unter ihm.
„Hey! Das ist meins! Ihr habt kein Recht dazu!“, brüllte er wild, sein Kopf dunkelrot.
„Oh“, ich schmunzelte, „darf ich deine eigenen Worte zitieren? Ein König sucht sich selbst aus, was er will. Und er nimmt es sich.“ Ich nickte Aron zu, der die Münzen aufhob. Danach stellte Eran den Jungen wieder auf die Füße und durchsuchte vorsorglich noch einmal alle Taschen. Dabei fand er auch das kleine Messer, mit dem er meinen Goldbeutel aufgeschnitten hatte.
Ich nahm das Messer an mich und schnitt damit ein großzügiges Stück aus dem Apfel an einer Stelle, wo ich noch nicht abgebissen hatte. Als Aron den Jungen wieder in eine sitzende Position gedrückt hatte, hielt ich dem Knaben das Stück vor den Mund.
Seine Nasenflügel bebten. „Ihr verfluchten Vampire macht einfach alles immer kaputt! Ich esse sicher nicht aus der Hand eines Blutsaugers!“ Er biss die Zähne zusammen. „Ich bin kein Köter!“ Stolz reckte er seinen Kopf und präsentierte mir damit erneut seine Halsarterie voller Unwissen.
Ich aß das Stück selbst, dann biss ich erneut in den Apfel. Ich ignorierte ihn ein paar Augenblicke, blendete das verheißungsvolle Pochen seines Herzens aus und konzentrierte mich auf die Frucht in meinen Händen. Als ich fertig war, stand ich auf und ging zu meinem Pferd. Auf dem Weg dorthin warf ich den Kern weg und wischte die Finger an der Hose ab. Bei meinem Pferd angekommen, griff ich nach der zusammen gerollten Decke und einem weiteren Apfel. Zurück am Feuer legte ich beides auf den Boden. Dann löste ich das Seil von den Handgelenken des Jungen, fesselte sie aber vor seinem Bauch wieder zusammen. Anschließend drückte ich ihm den Apfel in die Hand.
„Majestät. Eran wird die erste Wache halten“, informierte mich Aron. Er verneigte sich und auf mein Nicken hin verschwand er im nahe gelegenen Wald.
„Wo geht er hin?“, fragte der Junge leise.
„Iss den Apfel. Danach beantworte ich dir die Frage vielleicht.“
Da es noch hell war, versorgte Eran die kleineren Tiere, die uns später vielleicht noch als Nahrung dienen würden. Sobald blutleer, ließen sich die Tiere über dem Feuer braten – so hätte ich beide meiner Nöte abgedeckt. Ich nahm die Karte, die wir bei unserem letzten Halt beim Bauernhof erhalten hatten, und betrachtete sie genauer. Der Tote Wald war nur wenige Stunden von hier entfernt. Es wäre am klügsten, mit den ersten Sonnenstrahlen aufzubrechen. Dann hätten wir den ganzen Tag Zeit, um dort nach Spuren von Ashur zu suchen.
Nachdenklich hob ich den Blick und musterte den Jungen aus den Augenwinkeln, der gierig den Apfel verspeiste und versuchte, einen Blick auf die Karte zu erhaschen. Ihn würde ich auf keinen Fall mitnehmen, das wäre sein Todesurteil. Zudem könnte er mir indirekt noch nützlich sein.
Nachdem er mit dem Apfel fertig war, reichte ich ihm die Decke. „Hier. Leg dich hin und schlaf.“
„Aber es ist noch hell!“, maulte er. Auf meinen mahnenden Blick hin, hob er trotzig das Kinn. „Ich bin gar nicht müde!“
„Hinlegen und Augen zu!“, knurrte ich unzufrieden.
„Du willst mich doch nur beißen, wenn ich schlafe!“
Ah, daher wehte also der Wind. Der Kleine hatte Angst und zeigte damit, dass er ein wenig Verstand besaß. Wäre er noch so klug gewesen, mich nicht schamlos mit dem Du anzureden, hätte ich ihm vielleicht sogar versichert, dass dies nicht geschehen würde. Andererseits mochte ich seine vorlaute Art. Sie erinnerte mich irgendwie an die freche Zofe Aurelies.
Ich beugte mich ein Stück zu ihm vor und drückte ihm die Decke in die Hand. „Wer sagt denn, dass ich damit warte, bis du schläfst?“
Der Junge schnappte heftig nach Luft, nahm die Decke an sich und wickelte sie um seinen Körper. Dabei achtete er genaustens darauf, seinen Hals zu bedecken.
„Und jetzt hinlegen!“, befahl ich und der Junge gehorchte. Aber kaum lag er, bekam er Schluckauf und fing an, zu hicksen. Beinahe hätte ich angefangen, zu lachen. Damit er mein Grinsen nicht sehen konnte, stand ich auf und ging rüber zu Eran.
Mein Grigoroi nickte mir zu, nahm ein paar Äste trockenen Holzes und warf sie ins Feuer. „Das Wetter scheint auf unserer Seite zu stehen. Seit dem heftigen Regen steht keine Wolke mehr am Himmel.“
Ich stimmte ihm zu. „Wird Zeit, dass endlich der Sommer kommt. Ich vermisse es, im See zu schwimmen und nachts im Freien zu schlafen.“
Eran gluckste. „Erinnerst du dich noch daran, als du wach geworden bist, weil eine Bache mit ihren Jungtieren neben dir gegrast hat?“
Der Schluckauf des Jungen hatte aufgehört. Stattdessen lauschte er nun neugierig unseren Worten.
„Ja“, gestand ich und klopfte meinem Grigoroi auf den Rücken. „Ihr habt auf den Bäumen gesessen und konntet euch kaum halten vor Lachen.“
Eran prustete direkt los. „Ich habe noch keinen Vampir so schnell laufen sehen!“
Selbst der Knabe kicherte leise, versuchte aber, die Laute in der Decke zu verstecken.
„Wirst schon sehen, Eran. Wenn wir im Toten Wald sind, wird mir das von Vorteil sein.“
Der Grigoroi nickte ernst. Auch der Junge verstummte, holte aber noch einmal scharf Luft. Sein Herz stolperte und schlug dann umso schneller.
„Aron wollte noch mal nach Spuren sehen, bevor er jagen geht. Ich traue diesem verdammten Vampir nicht.“
Ashur. Ich hatte verboten, im Beisein von Fremden diesen Namen zu nennen.
„Glaubst du“, begann Eran, „er würde absichtlich eine falsche Fährte in den Wald legen, um uns dort hineinzulocken?“
„Nein. Er weiß nicht, dass wir ihm folgen. Dafür hat er zu viel Vorsprung. Zudem er kein Mann ist, der an Mythen glaubt. Für ihn sind es Märchen.“
Eran brummte nachdenklich. „Jedes Märchen hat einen wahren Kern.“
„Dem stimme ich zu. Allerdings ist er viel zu sehr von sich überzeugt. Sein Stolz blendet ihn. Er glaubt, so mächtig zu sein, dass ihm nichts etwas anhaben kann.“ Und doch musste ich damit rechnen, dass Ashur klug genug war, uns an der Nase herumzuführen. Ich traute diesem widrigen Prinzen alles zu. Und trotzdem … Ashur würde nicht an die Legenden des Toten Waldes glauben. Nur feige Schwächlinge würden sich in seinen Augen nicht trauen, diesen Wald zu betreten. Für ihn war es die perfekte Fluchtmöglichkeit.
„D…da komme ich aber nicht mit!“
„Du sollst schlafen, hab ich gesagt!“, entgegnete ich scharf. „Dein Blut schmeckt nicht, wenn du nicht ausgeruht oder verängstigt bist!“
„Ich mag es hingegen, wenn sie jammern“, meinte Eran amüsiert.
Ich stand auf und ging auf den Knaben zu. „Hat dir im Übrigen niemand gesagt, dass es unhöflich ist, Erwachsene zu belauschen?“
„Wer hätte mir das denn beibringen sollen, he?“, konterte er wütend.
„Deine Eltern“, entgegnete ich. Die hatte er aber offenbar nicht mehr. Oder er war von Zuhause ausgerissen. Vielleicht hatten seine Eltern ihn auch weggegeben, weil sie zu viele Kinder bekommen hatten. „Oder das Leben. Erfahrungen sind ein guter Ratgeber.“ Ich wandte mich wieder von dem Jungen ab. Es interessierte mich nicht, woher er kam oder warum er als Dieb auf der Straße lebte. Zurück bei Eran vertieften wir uns in ein belangloses Gespräch, bis der Knabe endlich eingeschlafen war. Und obwohl ich auf die Rückkehr von Aron warten wollte, schlief ich mitten in der Nacht ein.
Nur kurz wurde ich wach, als Aron zurückkehrte und sein Bruder loszog, um noch einmal ausreichend Blut zu trinken. Als ich das nächste Mal wach wurde, dämmerte es langsam.
Gähnend warf ich das restliche Holz auf das Feuer, das die Grigoroi für mich die Nacht über am Brennen gehalten hatten. Danach nahm ich die Karte und steckte sie dem Jungen zu. Er würde mithilfe ihrer zurückfinden. Oder zu jedem anderen Ort. Das überließ ich ihm. Zudem ließ ich ihm noch ein paar Münzen und zwei Äpfel zurück. Mit etwas Glück würde er erzählen, wohin ich ging. Das sollte meine Grigoroi zu mir rufen.
Wir schwangen uns auf die Pferde und ritten los. Unterwegs informierten mich die Zwillinge, dass ganz eindeutig Spuren in den Wald führten. Hufabdrücke eines Pferdes und die leichten Abdrücke eines Kindes. Der entführte Sohn Tyras vermutlich.
Es dauerte nicht lange, bis wir den Toten Wald erreichten. Jedoch konnte ich nicht verstehen, warum er so hieß. Wir betraten ihn. Und die erste Stunde lang herrschte erwartungsvolles Schweigen. Wir folgten den Spuren eines Pferdes. An einer Stelle, an der sie sich verlor, stieg ich ab und ging stirnrunzelnd in die Knie.
„Wie alt ist Tyras Junge?“, fragte Eran.
„Vierzehn, sagte sie“, meinte Aron.
Eran trat neben einem gut sichtbaren Fußabdruck und verglich die Größe. „Sieht gut gewachsen aus. Aber er ist besorgniserregend leicht.“
Aron kommentierte: „Tyra selbst sah mir auch nicht besonders wohlgenährt aus.“
„Die Menschen im Goldenen Reich wurden einfach viel zu lange ausgebeutet. Es wird Jahre dauern, bis der Wohlstand bis zum kleinsten Mann durchdringt.“
Wir nahmen die Pferde an den Zügeln und gingen weiter. Die Spuren wurden wieder deutlicher. Am späten Nachmittag fanden wir gar die Überreste eines kleinen Lagerfeuers. Ermutigt ritten wir weiter, bis der Abend hereinbrach. Und noch immer wirkte der Wald völlig normal. Auch die Pferde und Kleintiere in den Käfigen verhielten sich ruhig.
Im Dunkeln gingen wir weiter, bis meine Müdigkeit siegte. „Nur ein paar Stunden“, wies ich die Zwillinge an und legte mich hin. Im Stillen schimpfte ich mich selbst aus, weil ich die Decke bei dem Jungen gelassen hatte. Mitten im Wald war der Boden kälter und feucht.
Als ich geweckt wurde, war meine Kleidung klamm und ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Es war immer noch dunkel. „Was ist los?“, fragte ich alarmiert und stand auf.
Es gab keinerlei Umgebungsgeräusche mehr. Keine Vögel, die in den Bäumen saßen und zwitschern. Kein Heulen von Wölfen oder andere Geräusche von Tieren. Nicht einmal Wind, der durch die Blätter strich. Nichts.
„Auf einmal war alles still“, flüsterte Eran. Und selbst seine Stimme schien, als hätte der Wald sie verschluckt.
„Gehen wir ein paar Schritte“, entschied ich. Die Pferde scheuten, als wir nach ihren Zügeln griffen. Die Kleintiere in den Käfigen waren dagegen ganz still und saßen ruhig da.
„So was habe ich noch nie erlebt.“
Ich stimmte Aron innerlich zu. Nur langsam gingen wir weiter, bis wir sahen, wie sich die Sonne den Weg durch das dichte Blätterdach der Bäume kämpfte. Wir schwiegen. Nicht einmal die Schritte der Pferde waren zu hören, obwohl sie direkt neben uns gingen. Je mehr die Sonne sich durch das dichte Geäst kämpfte, desto stärker wurde der Nebel auf dem Waldboden sichtbar. Und mit jedem Schritt wurde er dichter.
„Unheimlich“, kommentierte Eran. Kaum war seine Stimme verklungen, veränderte sich der Wald. Die Bäume waren tot, bestanden nur noch aus knorrigen Ästen, die keine Blätter mehr trugen. Nur der Nebel war nach wie vor auf dem Boden und wurde immer dichter.
„Der Boden ist feucht und kalt und die Sonne geht auf. Dabei ist es normal, dass Nebel entsteht“, erklärte ich in einem befangenen Versuch, weiterhin logisch zu denken.
„Klar. Und wie erklärst du die toten Bäume?“, grummelte Aron.
„Oder die Tatsache, dass nicht mal mehr Vögel trällern?“, ergänzte Eran.
Ich hob die Schultern. Ja, dieser Ort war mit einem Mal unheimlich. Nur kurz sah ich über meine Schulter. Hinter uns lagen ebenfalls nichts als Nebel und tote Bäume. Ein … nein, der Tote Wald.




















































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