Kapitel 19 – Eran und Aron
Kapitel 19 – Eran und Aron
Cyrus
„Ihr seht doch auch plötzlich lauter tote Bäume, wo vorher noch alles grün war, oder?“, fragte Eran und sah zwischen Aron und mir hin und her.
„Da waren überall Blätter an den Bäumen …“, meinte auch Aron und drehte sich einmal im Kreis.
„Nun wissen wir, woher der Wald seinen Namen hat.“ Ich versuchte, die Umgebung nüchtern zu betrachten. Aber Aron hatte recht. Ich hatte gesehen, wie die Sonne durch die grünen Blätter fiel. Und dann war alles tot. Der Nebel war eine Sache. Aber dann noch die fehlenden Geräusche der Tiere …
Die Stille war kaum auszuhalten. Selbst die Pferde wieherten und schnauften nicht mehr. Ihre Schritte waren völlig lautlos, dabei gab es bestimmt tote Äste auf dem Boden.
„Gehen wir einfach weiter Richtung Osten“, schlug ich vor. Auch, wenn mir eine innere Stimme sagte, ich solle umkehren. Weg von diesem Ort. Raus aus diesem Wald.
Nur langsam wagten wir uns weiter. Eran ging vor, sein Pferd neben ihm. In der Mitte lief ich und Aron bildete die Nachhut. Wahrscheinlich wäre es gewesen, zu reiten, aber ich wollte nicht, dass die Pferde scheuten und uns abwarfen.
„Der Wald ist wie verhext.“ Eran schüttelte leicht den Kopf.
Ich erwiderte nichts darauf. Eigentlich sollte ich abstreiten, dass es Hexen gab. Aber dann müsste ich auch abstreiten, dass sich ein prächtiger, schöner Wald von einem Augenblick zum nächsten in einen völlig toten Wald verwandelt hatte.
Plötzlich stolperte Eran und verlor dabei fast die Zügel aus der Hand. „Wartet! Hier ist etwas!“
Wir schlossen auf. Wortlos nahm ich ihm die Zügel ab. Mittlerweile reichte uns der Nebel bis fast zu den Knien. Deshalb verschwand Eran zur Hälfte im Nebel, als er sich bückte.
„Hier liegt etwas“, meinte er und griff danach. Ein Fuß wurde sichtbar. „Moment.“ Eran tastete sich am Boden weiter und hob kurz darauf einen Körper hoch.
Ich stockte. Es war der Körper eines Knaben. Völlig abgemagert. Die Kleidung hing locker von seinem Körper und seine Hand war so dürr, dass ich jeden Knochen durch die dünne Haut sehen konnte.
Aron trat neben mich und legte den Kopf des Jungen erst nach links, dann nach rechts. Bissspuren befanden sich auf beiden Seiten. Auch an den Handgelenken.
„Er hat mehrmals von ihm getrunken“, stellte ich möglichst sachlich fest und betrachtete den Knaben genauer. Er sah jung aus. Aber bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass es der vermisste Sohn von Tyra sein musste. Die gleiche Nase und auch das Kinn. Die Augen lagen zu tief in den Höhlen.
„Also hat Tyra beide Kinder verloren“, meinte Eran wütend und sprach damit meine Vermutung aus. Die Ähnlichkeit war selbst in diesem abgemagerten Zustand zu erkennen.
„Sollen wir ihn mitnehmen?“, fragte Aron. „Damit sie ihn beerdigen kann?“
„Nein“, entschied ich. Wir sagen ihr die Wahrheit über ihren Sohn, damit sie Gewissheit hat. Aber sie soll ihn so nicht sehen.“
Die Zwillinge nickten zustimmend. Eran legte den leblosen Körper des Knaben behutsam ab. „Ich werde Ashur jeden Knochen einzeln brechen“, knurrte er.
„Zuerst müssen wir Ashur finden“, hielt ich dagegen. Also gingen wir weiter. Die Sonne schaffte es nicht, den Nebel zu vertreiben. Aber sie wies uns den Weg. Wir legten keine Rast ein. Eran und Aron teilten sich ein Kaninchen, ich nahm einen Apfel. Wir wollten sparsam sein, immerhin konnten wir nicht sagen, wie lange wir noch in diesem Wald stecken würden.
Am späten Nachmittag erregten schwarze Haare, die aus dem Nebel ragten, unsere Aufmerksamkeit. Wir änderten leicht die Richtung und näherten uns unserem Fund. Was immer es war, es bewegte sich leicht. Dabei ging kein Wind. Die Haare sahen außerdem nicht wirklich menschlich aus.
Als Eran dicht davor stand, streckte er eine Hand danach aus. In dem Moment bewegte sich das Ding noch stärker. Ein Pferdekopf! Der verdammte Kopf ragte aus dem Nebel und war völlig verdreckt!
„Was …“, fragte Eran schockiert, aber die restlichen Worte blieben ihm im Hals stecken.
Das Pferd vor ihm wieherte plötzlich laut und bewegte ruckartig seinen Kopf. Dabei stieß es Eran an, dessen Pferd nun scheute. Als es sich aufbäumte, glitten ihm die Zügel aus der Hand. Und im nächsten Moment rannte es an dem unheimlichen Pferdekopf vorbei und verschwand im Nebel.
„Stopp!“, rief Eran dem panischen Tier hinterher und rannte hinterher. Immerhin war der halbe Proviant der Zwillinge auf seinem Pferd.
„Eran! Bleib stehen!“, schrie ich ihm nach. Und tatsächlich blieb er stehen. Dabei war mir nicht bewusst, dass ich den befehlenden Unterton genutzt hatte. „Komm zurück!“, befahl ich nun.
Nur langsam drehte sich Eran um. „Ich kann nicht …!“, rief er über den dichten Nebel hinweg. „Ich stecke fest!“
Ich fluchte leise. Aron war bereits an meine Seite getreten und er reichte mir die Zügel seines Pferdes. Danach suchte er in der Satteltasche ein Seil, das er kurz darauf herausholte. Ein Ende band er sich um die Hüfte, das andere Ende warf er Eran zu.
Der erste Versuch verfehlte Eran nur knapp, sodass Aron das Seil wieder zurückholte und erneut warf. Diesmal griff Eran danach und sofort zog Aron daran. „Fester ziehen!“, rief Eran über den Nebel hinweg. „Der Sog ist zu stark!“, brüllte Eran verzweifelt.
Aron fluchte leise. Er rannte zum nächsten Baum, lief rundherum und spannte so das Seil. Dann stemmte er sich mit aller Kraft dagegen, um seinen Bruder aus dem Nebel zu ziehen.
Ich band die Pferde an einen Ast und ging Aron zur Hand. Gemeinsam zogen wir an dem Seil. Kurz darauf stürzten wir beide zu Boden, sprangen aber sofort wieder auf.
„Eran!“ Aron lief zum Nebel und hob das Seil dabei auf.
„Es ist mir aus der Hand gerutscht!“
Aron warf es erneut. Diesmal brauchte es drei Versuche, bis sein Zwilling das Seil gefangen hatte. Schnell band er es sich um den Oberkörper. Und wieder zogen wir mit aller Kraft daran.
„Eran!“, schrie Aron. Immer tiefer versank Eran im Sumpf. Ganz gleich, wie stark wir zogen, es brachte nichts.
„Eran! Bruder!“, rief Aron. Mittlerweile liefen ihm die Tränen. „Komm schon!“
Indessen war nur noch Erans Oberkörper sichtbar. Die Verzweiflung Arons spiegelte sich in den Augen seines Zwillings. „Ich liebe dich, Aron“, rief Eran mit bebender Stimme. „Finde den Prinzen, töte ihn und bring unseren König aus diesem Wald!“
„Das werden wir zusammen tun!“, schrie Aron. „Du wirst uns dabei helfen!“
„Nein, Aron. Dieser Wald wird mich nicht mehr gehen lassen.“
Plötzlich glitt das Seil durch meine Hände. Ich hörte Aron hinter mir erneut auf den Boden fallen. Vollkommen gelähmt und machtlos sah ich dabei zu, wie Eran seine rechte Hand zum Abschied hob. In dieser hielt er noch den Dolch, mit dem er das Seil durchtrennt hatte.
„Nein! Eran, nein!“ Aron rannte auf die Stelle zu, an der Eran vorhin noch gestanden hatte. Es war nur meinen Reflexen zu verdanken, dass ich Aron rechtzeitig stoppen konnte. Dabei war ich noch wenige Augenblicke zuvor wie gelähmt gewesen.
Fest nahm ich Aron in den Arm und drückte ihn an mich. „Es tut mir so leid.“
„Eran…“, schluchzte er. Sein Körper bebte vor Schmerz.
Bestürzt machte ich die Pferde los und zog Aron weiter. Weg von dem Sumpf, der seinen Bruder verschluckt hatte. Mein Pferd folgte von allein, die Zügel von Arons Pferd lagen locker in meiner schmerzenden Hand. Mein eigener Blutgeruch stieg mir in die Nase. Ich musste so stark gezogen haben, dass das Seil in meine Hand eingeschnitten hatte.
„Er wird qualvoll verdursten“, sprach Aron aus, was ich ebenfalls dachte. Als Grigoroi brauchte Eran keine Luft zu atmen. Sein Herz schlug nicht. Aber er brauchte Blut, damit sein Körper funktionierte. Ohne Blut würde sein Körper nur immer schwächer werden, bis er schließlich einen langsamen, schmerzhaften Tod starb.
Wie betäubt ritten wir weiter. Wir wechselten kein Wort mehr miteinander. Nichts würde Aron den Schmerz nehmen, seinen Bruder verloren zu haben.
Als die Sonne untergegangen war, blieben wir an Ort und Stelle, banden die Pferde fest und ich nahm mir etwas von dem Proviant. Trockenfleisch und einen Apfel. Den Rest des Brots spülte ich mit reichlich Wein herunter. Aron hingegen trank nichts. Dabei waren noch Kleintiere an seinem Pferd befestigt. Aber ich konnte ihn verstehen und drängte ihn daher auch nicht dazu, Blut zu trinken.
Die Nacht konnte ich kaum schlafen. Zu sehr quälte mich Erans Tod. Welcher noch nicht einmal tot war, sondern erst in einigen Tagen einsam und allein verdursten würde. Und das unter barbarischen Qualen.
Auch Aron trauerte, obwohl er versuchte, leise zu weinen. Mitten in der Nacht stand ich auf, ging zu ihm und hielt ihn fest. „Es tut mir so unendlich leid.“ Es war selten, dass mir die Worte fehlten. Aber ich wusste auch, dass Aron sie nicht brauchte. Sie würden seinen Bruder nicht zurückbringen.
Nur langsam ging die Sonne wieder auf. Weder Aron noch ich war erholt. Trotzdem richteten wir unsere Kleidung, stiegen auf die Pferde und ritten langsam weiter.
„Ich werde vorreiten. Bleibt bitte mindestens zehn Meter hinter mir“, bat Aron.
Resigniert nickte ich. Falls wir im Moor stecken bleiben sollten, würde er es zuerst bemerken. Dann könnte ich noch rechtzeitig rückwärts gehen. Durch den ganzen Nebel konnten wir den Boden nicht sehen. Das erschwerte den Ritt durch den Toten Wald zusätzlich. Jederzeit könnten wir erneut in einen Sumpf geraten. Aufgrund dessen konzentrierte ich mich auf die gleichmäßigen Schritte meines Pferdes.
„Falls der Kronprinz tot ist, werden wir ihn im Toten Wald nie finden“, sinnierte Aron laut. „Wäre es nicht klüger, den Wald zu verlassen und ihn rundherum absuchen zu lassen? Wenn nach ein, zwei Wochen kein Lebenszeichen von ihm auftaucht, wird er hier drin gestorben sein.“
Mir war klar, dass wir die Nadel im Heuhaufen suchten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ashur auch in einem Sumpf feststeckte und dort versank, war hoch. Dennoch wollte ich unbedingt seinen Leichnam finden. Und doch hatte Aron recht. „Ja. Verlassen wir den Wald“, stimmte ich zu. „Aber ich fürchte, wenn wir zurückkehren, laufen wir in den sicheren Tod. Wir sollten schon über die Hälfte geschafft haben.“
„Dann reiten wir weiter.“
Aron schwieg lange. Erst am Nachmittag richtete er wieder das Wort an mich. „Wenn wir diesen Wald jemals verlassen, habe ich den letzten Wunsch meines Bruders erfüllt.“
Ich reagierte nicht darauf. Denn mir war klar, worauf das hinauslaufen würde. Und daran wollte ich nicht denken. Ich hatte schon Eran verloren und ich wollte Aron nicht auch noch verlieren. Jeder Grigoroi, den ich je erschaffen hatte, war wie ein Bruder für mich. Aber es wäre auch egoistisch, Arons Trauer zu ignorieren. Oder sie mit meiner gleichzusetzen. Denn sie waren Zwillinge gewesen. Sie hatten sich schon den Leib ihrer Mutter geteilt. Sie hatten stets alles zusammen getan. Wie könnte ich jetzt von Aron verlangen, die halbe Ewigkeit ohne Eran zu verbringen?
„Cyrus!“ Aron war mit seinem Pferd stehen geblieben, sodass ich neben ihm stoppte. „Bitte gewähre mir einen schnellen Tod, wenn wir diesen Wald verlassen haben.“
Obwohl es mir unendlich schwerfiel, legte ich eine Hand an Arons Schulter und nickte. „Ich verspreche es dir“, murmelte ich. Obwohl sich meine Augen mit verräterischen Tränen füllten, unterbrach ich den Blickkontakt nicht. Allerdings schaffte ich es nicht, noch etwas zu sagen. Meine Stimme würde brechen und mir den Dienst versagen, das spürte ich. Ich würde einen weiteren Bruder verlieren. Töten, was ich einst erschaffen hatte. Und doch war es das Richtige.
Am Abend lichtete sich der Nebel endlich. Und mit einem Mal trugen die Bäume wieder herrlich grüne Blätter. Vögel sangen in den Bäumen und irgendwo trommelte ein Specht gegen einen Baum. Auch das Röhren eines Hirsches war zu vernehmen.
Wir suchten eine kleine Lichtung und stiegen von den Pferden, die wir das saftige Gras zwischen den Bäumen fressen ließen. Mein Bestand an Äpfeln war fast aufgebraucht, da ich damit auch die Pferde gefüttert hatte. Immerhin waren wir bereits zwei ganze Tage in diesem Nebel gefangen.
„Morgen sollten wir diesen Wald endlich verlassen können“, seufzte Aron und zeigte die Andeutung eines Lächelns. Als würde er sich darauf freuen, morgen schon durch meine Hand zu sterben.
Ohne diesen Nebel konnten wir nun auch endlich wieder sehen, wohin wir ritten, daher… Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich an das Pferd im Sumpf zurückdachte. Es musste Ashurs Pferd gewesen sein. Das bedeutete, Ashur war wesentlich langsamer vorwärtsgekommen als Aron und ich. Und das hieß wiederum, wir müssten ihn bald aufgeholt haben!
Insofern Ashur denn noch lebte. Es konnte durchaus sein, dass er Erans Schicksal teilte. Jedoch traute ich diesem verdammten Vampir mehr Glück als Verstand zu! Nach einer kurzen Pause erhob ich mich wieder. „Reiten wir noch ein Stück. Ich bin nicht müde und der Mond scheint hell genug.“
Mitten in der Nacht rasteten wir erneut. Erschöpft stieg ich vom Pferd, setzte mich mit dem Rücken an einen Baum und sah durch das dichte Blätterdach hindurch zu den Sternen. Ignis-Robus flackerte stark. Das hatte ich bisher noch nie bei einem der vier Leitsterne gesehen. Ob Ashur irgendwo im Sterben lag? Oder war Aurelie etwas passiert?
Obwohl ich Lee und Elok bei ihr gelassen hatte, machte ich mir Sorgen. Sie war noch so jung und unerfahren. Warum hatte sie zwei Minister zum Tode verurteilt? Was war bloß während meiner Abwesenheit geschehen? Ging es ihr gut?
Meine Augen fielen zu. Ein unruhiger Schlaf, durchsetzt von Angst und Pein, zog mich in seinen Bann. Sorgen und Trauer quälten mich diese Nacht. Ich sah Eran, wie er vom Toten Wald verschluckt wurde. Selbst das irre Kichern Ashurs hallte in meinem Kopf.
Schließlich wurde ich wach, weil ich etwas an meiner Kehle spürte. Schlagartig öffnete ich meine Augen. Als ich in das vor Wut und Hass verzerrte Gesicht Ashurs blickte, war ich sofort hellwach. Und da realisierte ich erst, dass mir dieser Mistkerl eine Klinge an den Hals drückte.
