Kapitel 2 – Eine aussergewöhnliche Ratssitzung
Kapitel 2 – Eine aussergewöhnliche Ratssitzung
Aurelie
Auf den Fluren, auf dem Weg zum Saal, in dem der Rat jeweils tagte, kam mir plötzlich Leeander entgegen. Abrupt blieb ich stehen. „Leeander? Kann ich dir helfen? Wieso bist du noch hier? Ist der König etwa schon wieder zurück?“ Wieso hörte ich mich eigentlich so erleichtert an, bei diesem Gedanken?
„Nein, der König wird noch einige Tage unterwegs sein. Er hat mich gebeten, ihn zu vertreten und auf Euch achtzugeben.“ Lee deutete den Flur entlang. „Ich wollte Euch gerade zur Ratssitzung abholen. Seid Ihr so weit?“
„Ja“, antwortete ich schlicht und setzte mich wieder in Bewegung. „Wo ist er?“, fragte ich beiläufig, meine Stimme möglichst desinteressiert klingen lasssend.
„Ich fürchte, über die genaueren Umstände kann ich Euch nicht aufklären, Majestät. Aber seid versichert, dass der König nicht lange fort sein wird.“
Erleichtert atmete ich aus. „Dann kommt er wieder“, murmelte ich leise, froh über diesen Umstand. Gleichwohl fürchtete ich mich vor dem Moment, in dem er wieder vor mir stünde. Aber ich konnte dieses Königreich nicht alleine führen … Ich war noch nicht einmal erwachsen und jetzt sollte ich mich den fünf Aasgeiern stellen! Alleine. Ohne ihn. „Bleib bitte an meiner Seite, Lee. Ganz egal wie sie auf dich reagieren.“
„Natürlich. Nichts anderes hatte ich vor.“ Des Grigoroi Mundwinkel zuckten. Während wir die Flure entlang gingen und uns dem Ratssaal näherten, senkte er seine Stimme und beugte sich dabei leicht zu mir. „Im Übrigen hat der König seine alten Berater aus den Ostlanden angeschrieben und ihnen einen Sitz im Rat angeboten.“
„Oh.“ Wieso hatte er mir das nicht gesagt? „Das ist gut. Wann werden sie hier sein?“, flüsterte ich zurück.
„Seine Majestät hat die Briefe erst kürzlich geschrieben. Es kann daher noch einige Tage dauern. Soll ich dennoch damit beginnen und die Quartiere herrichten lassen?“
„Ja. Bitte tu das.“ Und damit war unsere Konversation beendet, denn nun standen wir vor dem Ratssaal. Heute waren allerdings keine Wachen davor platziert. „Hat er etwa alle mitgenommen?“, fragte ich, auf die leeren Plätze neben der Tür deutend.
„Ja, bis auf Elok und mich.“ Leeander nickte beinahe bedauernd, ehe er die Hand auf die Klinke legte. „Bereit?“
Ich schnaufte einmal tief durch und nickte. Elok würde ich wohl später noch kennenlernen. „Bereit.“
Lee öffnete die Tür und erlaubte mir damit den Blick auf eine bereits wild diskutierende Runde an unzufriedenen Ministern. Nur der Minister der Wache, Graf Demos Targes, hielt sich, wie ich auch schon das letzte Mal bemerkt hatte, mit Kommentaren zurück. Entspannt saß er in seinem Stuhl und beobachtete die anderen stumm.
Ihm ähnlich, hielt sich auch der Hohepriester nicht mit dem unwirschen Gelaber der Minister auf, sondern erhob sich ehrerbietig, sobald er mich erblickte.
Zuerst verstummten nur kurz die Gespräche. Dann wurden sie wieder aufgenommen. Meine Anwesenheit nahmen die Minister nur beiläufig zur Kenntnis. Ihre hitzige Debatte schien ihnen wichtiger zu sein, als mich zu begrüßen. Erst, als Leeander neben mir eintrat und die Tür hinter uns geräuschevoll schloss, verstummten die Gespräche endgültig.
Graf Seibling, der Meister der Münze, war der Erste, der die Sprache wiederfand. „Ein Grigoroi hat in diesen Räumlichkeiten nichts zu suchen!“
Innerlich verdrehte ich die Augen. Äußerlich richtete ich mich noch ein Stückchen weiter auf, reckte das Kinn noch ein wenig höher als sowieso schon und ließ meine Gesichtszüge einfrieren. „Er wird mir in dieser Besprechung als Berater dienen“, sagte ich entschieden und schritt zu meinem Platz am Tafelende. Lee zog mir den Stuhl heraus, sodass ich mich setzen konnte. Danach schob er ihn mir wieder richtig hin und positionierte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen seitlich hinter mir.
Ich nickte leicht. Er verhielt sich perfekt. Die Minister könnten an ihm aussetzen, was sie wollten, er hatte mehr Manieren als sie alle zusammen.
„Wir werden diese Verhandlung nicht führen, wenn ein Grigoroi anwesend ist!“, knurrte Graf Eber, Minister des Handels.
Natürlich stimmte Graf Seibling ihm zu. „Ganz recht! Entweder er geht oder wir gehen!“
Einzig der junge Graf Dreidolch, der Diplomat, bemühte sich um Neutralität. „Nun, solange er lediglich ein Berater ist und sich nicht einmischt …“, begann er, da stand Graf Seibling abrupt auf und unterbrach ihn sofort: „Nein! Allein seine Anwesenheit ist eine Beleidigung!“
Ich blieb besonnen und deutete zur Sicherheit auch Lee, ruhig zu bleiben. „Leeanders Anwesenheit steht nicht zur Diskussion. Ich befürchte, ihr habt euren Platz vergessen, Minister.“ Ich stand auf und stützte meine Hände auf dem Tisch ab. „Wer von Euch gehen will, den bitte ich, das zu tun. Ich werde niemanden zwingen, weiterhin im Dienste der Krone zu stehen.“
Graf Seibling schritt bereits zur Tür; die anderen Minister – bis auf Graf Targes und Graf Dreidolch – im Gefolge. Kurz bevor sie den Raum verließen, drehte sich Seibling abrupt um. Seine Stirn war gefurcht; die Lippen zusammengekniffen. „Wollt Ihr damit etwa sagen, dass Ihr uns unserer Posten entheben wollt, wenn wir jetzt gehen?“
„Das habt Ihr gut erkannt, Graf Seibling.“ Ich wandte mich auch an die anderen beiden Grafen, die sich erhoben hatten. „Ihr dürft jetzt gehen. Eure Entscheidung steht.“ Wortwörtlich. „Sämtliche Dokumente, Informationen über Kontakte und Korrespondenzen mit Handels- oder Vertragspartnern werdet ihr mir persönlich abgeben. Und das heute noch.“ Ich setzte mich wieder, schlug die Beine übereinander und legte meine Hände verschränkt auf den Tisch. Meinen Kopf legte ich leicht schief. „Eure Quartiere werdet ihr natürlich augenblicklich räumen. Nach heute Abend will ich euch hier nicht mehr sehen.“
„Das wagt Ihr nicht …!“, knurrte Seibling wütend und lief hochrot an.
Neben ihm fing Graf Achos an zu lachen. „Ihr werdet diesen Tag noch bitter bereuen, Majestät! Dieses Königreich ist ohne seine Minister nicht handlungsfähig. Ihr richtet die Krone zugrunde!“
Seibling hob drohend einen Finger und knurrte wütend: „Ich werde Euch garantiert nicht meine Unterlagen überlassen! Eher zerstöre ich sie!“
„Solltet Ihr das tun, Graf Seibling, werdet Ihr Hochverrats beschuldigt. Was darauf folgt, dürfte Euch klar sein. Und Graf Achos, Eure Königin zu bedrohen, entspricht nun wirklich nicht dem Verhalten, das ich von einem Grafen erwarte. Des Weiteren: Da keiner von Euch mehr länger direkt für die Krone tätig ist, werdet Ihr natürlich eures Grafentitels enthoben. Eure Ländereien gehen an Eure Nachfolger.“ Ich stand auf, schob den Stuhl zurück und ging auf die drei zornigen Grafen zu. Lee dicht auf meinen Fersen. So hätte das nicht laufen sollen, aber immerhin war Ersatz bereits unterwegs. „Graf Leonard Eber, hiermit entziehe ich Euch den Posten des Meisters des Handels, des Ministers des Inneren Rates und Euren Grafentitel sowie das dazugehörige Land.“ Ich streckte meine Hand aus und nahm die Brosche von seiner Weste. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich dem Nächsten zu. „Graf Meldin Achos, hiermit entziehe ich Euch den Posten des Meisters der Stadt, des Ministers des Inneren Rates und Euren Grafentitel sowie das dazugehörige Land.“ Auch hier streckte ich meine Hand aus und griff nach der Brosche.
Als ich auf Graf Seibling zutrat, fuhr dieser seine Fänge aus. „Das werdet Ihr nicht tun, Kind! Ich stelle hiermit ein Misstrauensvotum! König Alaric erklärte seine Tochter für tot! Ich spreche also mein Misstrauen gegenüber Euch aus. Ihr seid nicht meine Königin! Ihr seid nicht einmal die Person, für die Ihr Euch ausgebt!“
Er machte einen Schritt auf mich zu, aber im nächsten Moment lag er auf dem Boden. Lee hatte sich auf ihn gestürzt. Und zeitgleich hatte sich Graf Targes in Vampirgeschwindigkeit vor mich gestellt. Mit einer Hand schob er mich hinter seinen Rücken, in der anderen hielt er den Griff seines Schwertes; jederzeit bereit, es zu ziehen, um mich zu verteidigen.
Überrascht starrte ich einen kurzen Moment auf den breiten Rücken vor mir. Graf Targes hatte mich beschützt. Er war also nicht nur hier geblieben, weil er die unmissverständliche Drohung, die Grafen zu entlassen, verstanden hatte, sondern weil er wirklich hier sein wollte. Weil er mir treu war. Kurz sprachlos, schüttelte ich den Kopf und kam wieder zu mir. Ich legte eine Hand auf Graf Targes‘ Arm und deutete ihm, mich vorbeizulassen. Was er nur sehr widerwillig tat, und auch erst, als er sich versichert hatte, dass die anderen beiden, ehemaligen Mitglieder des Rates, sich nicht ebenso auf mich stürzen wollten.
Seibling rang noch immer mit Lee, der aber die deutlich bessere Ausbildung genossen hatte.
„Leeander“, ich schluckte, „bring ihn in den Kerker.“ Der Grigoroi richtete sich mit dem wütenden Vampir zusammen auf, hatte ihn aber vollkommen unter Kontrolle. „Euer Misstrauensvotum nehme ich zur Kenntnis, Seibling. Euren Angriff auf mich ebenso. Über Euer Urteil werde ich mich noch mit meinem Rat beraten … allerdings würde ich mir an Eurer Stelle nicht zu viel Hoffnung machen. Auch seid Ihr mit sofortiger Wirkung sämtlicher Titel und Ländereien enthoben. Euer Vermögen geht an die Krone. Eure Nachkommenschaft wird sich ebenfalls vor mir verantworten müssen.“ Ich gab Lee ein Zeichen. Daraufhin drehte er sich um und führte den sich wehrenden Gefangenen zur Tür. Ich ging hin und öffnete sie. Momentan hatte ich einen deutlichen Mangel an Sicherheitskräften, wie mir auffiel. Mir war nicht wohl dabei, Lee allein mit Seibling gehen zu lassen, aber welche Wahl hatte ich schon? Targes mitzuschicken? Und dann mit zwei wütenden Vampiren, einem Jungspund und einem gebrechlichen, alten Geistlichen allein zurückzubleiben? „Danach komm zusammen mit Elok wieder her“, fügte ich noch an Lee gewandt hinzu. Dieser bugsierte den ehemaligen Minister aus dem Raum – noch immer unter starkem Protest.
Sobald ich mir sicher war, dass Lee das wirklich allein regeln konnte, wandte ich mich den anderen beiden Problemkindern zu. „Sonst noch wer, der eine neue Unterkunft im Schloss dem Auszug bevorzugt?“ Beide Männer schüttelten einstimmig den Kopf. „Gut. Dann geht jetzt und packt eure Sachen.“ Verdeutlichend trat ich noch einen Schritt auf sie zu. „Ich will alle, und zwar jedes einzelne Dokument, das mit eurer Tätigkeit hier im Schloss zu tun hatte, heute Abend auf meinem Schreibtisch sehen. Ihr dürft die Unterlagen vor meinen Gemächern an meine Zofen abgeben. Wagt es, ihnen ein Haar zu krümmen und ihr leistet Seibling Gesellschaft. Dasselbe gilt, sollte ich erfahren, dass ihr irgendwelche Informationen oder Gold unterschlagen habt.“ Noch einmal sah ich den beiden Männern eindringlich in die Augen. „Nun geht.“
„Ihr könnt keinen Rat mit einem unerfahrenen Diplomaten und einem wortkargen Soldaten aufrechterhalten, Majestät“, schnaufte Achos, der ehemalige Meister der Stadt. „Ihr werdet kläglich scheitern und dann darum betteln, dass wir dem Rat wieder beitreten!“
Eber, der vorhin noch Minister des Handels gewesen war, ging indes schweigend aus der offenen Tür hinaus. Den Blick gesenkt, die Schultern eingesunken.
Fast tat er mir leid. Ihn so gebrochen zu sehen, tat mir regelrecht im Herzen weh. Aber auch er hatte ständig gegen sämtliche neue Ideen gehalten, sie abgetan, als wären sie nur Schwachsinn. Noch dazu hatten alle drei die Sklavenabschaffung alles andere als befürwortet. Vermutlich … wäre es sogar recht schlau, einmal eine kleine Delegation zu ihren Anwesen zu schicken und zu kontrollieren, dass dort auch wirklich keine Sklaven mehr arbeiten mussten.
Mein Blick hing an den beiden Männern, die sich vom Saal entfernten, Achos arrogant und das Kinn selbstsicher erhoben, Eber in sich zusammengesunken und demütig. Dann fiel die Tür ins Schloss und beförderte mich wieder ins Hier und Jetzt.
Drei Augenpaare lagen abwartend auf mir. Tief atmete ich ein. Und aus. Schloss dabei die Augen und ignorierte, dass ich noch immer vor Leuten war, vor denen ich keine Schwäche zeigen durfte. Wenn ich Glück hatte, wirkte es nur so, als wolle ich mich beruhigen, um wieder sachlich denken zu können. Tatsächlich war ich aber immens müde. Meine Brust schmerzte. Vermutlich war das Korsett nicht richtig geschnürt. Außerdem trommelten meine Schläfen regelrecht gegen die Haut.
Als ich mich wieder zentriert hatte und die kalte Maske wieder meine Züge beherrschte, warf ich einen Blick in die Runde. Bis auf den Hohepriester saß niemand mehr. Graf Zyrill Dreidolch stand vor seinem Stuhl, hatte die Arme auf dem Tisch vor sich aufgestützt und machte große Augen. Graf Demos Targes hatte meine Seite nicht verlassen. Ich wandte mich dem älteren Grafen zu und zwang meine Lippen zu einem dankbaren Lächeln. „Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, Graf Targes. Für Euren Mut, Euer schnelles Handeln und allem voran für Eure Treue.“
Der Graf nickte knapp. „Was gedenkt Ihr nun zu tun?“
„Nun, zuallererst sollten wir uns wohl über Seiblings Zukunft unterhalten. Ich möchte das Thema vom Tisch haben. Und da er versucht hat, mich anzugreifen“, Ich setzte mich wieder auf meinen Platz und sah die beiden verbliebenen Minister sowie den Hohepriester an, „schlage ich den Tod vor.“
Der junge Graf Dreidolch weitete entsetzt die Augen. „Was? Ist das nicht ein wenig übertrieben?!“
Auch Graf Targes hatte sich mittlerweile wieder gesetzt. „Nein, es ist genau das richtige Strafmaß für einen Hochverräter, der zudem noch die Königin angreifen wollte. Ich schlage vor, ihn zu hängen.“
„Hängen? Aber diese Strafe ist für Diebe und Mörder! Für Menschen!“, rief Graf Dreidolch schockiert.
„Und Ihr denkt, wir wären mehr wert als sie?“, fragte ich Graf Dreidolch scharf. „Seibling hat schon gemordet. Ich war dabei. Ich habe schon mehr als einmal gesehen, wie er einen Menschen bis zum Tode ausgesaugt hat.“ Zahlreiche Bankette, bei denen ich als Sklave gedient hatte, hatten mir mehr als genügend Gelegenheiten geboten, dergleichen zu beobachten. „Des Weiteren hat er auch schon Gold unterschlagen. Gold der Krone. Zwar kann ich es ihm noch nicht nachweisen, aber in seinen Unterlagen wird sich zweifellos der Beweis dafür finden lassen. Abgesehen davon, dass ich den Beweis noch nicht einmal brauche. Versuchter Königsmord ist Grund genug, ihn zu hängen.“ Ich nickte Targes zu. „Ich bin damit einverstanden.“
Der junge Graf schluckte trocken, nickte dann aber apathisch. Mittlerweile war er ein wenig blass um die Nase geworden. „Ich bin einverstanden“, seufzte er leise und wenig überzeugt. Er kam mir vor, wie ein Kleinkind, welches soeben von seiner heilen Welt in die Reale geworfen worden war.
„Schön“, sagte ich ruhig. „Das Urteil können wir theoretisch schon morgen vollstrecken. Ich habe nicht die Männer, den Kerker bewachen zu lassen. Allerdings …“ Ich wurde nachdenklich.
„Meine Königin?“, sprach Graf Targes nach einer Weile. „Alles in Ordnung?“
„Ja“, murmelte ich. „Ich überlege nur gerade, was besser wäre. Eine öffentliche Hinrichtung oder eine geschlossene. Bei der Öffentlichen müssten wir auch die Anklagepunkte veröffentlichen. Versuchter Königsmord ist keine Kleinigkeit. Es könnte Aufstände verursachen. Aufstände gegen mich. Und momentan ist unsere Abwehr erheblich geschwächt.“ Außerdem, so fiel mir siedend heiß ein, war Ashur noch da unten. Und da war niemand, der ihn bewachte. Zerrissen biss ich mir auf die Lippe. „Um die Hinrichtung kümmern wir uns ein anderes Mal. Ich werde dafür sorgen, dass er bewacht wird. Graf Targes, ich würde Euch bitten, zusätzlich zu der Wache, für einige Tage über die Stadt zu wachen und somit einen Teil der Aufgaben von Achos zu übernehmen. Die Unterlagen dazu werden Euch selbstverständlich ausgehändigt; die Aufgabe ist auch nur vorübergehend. Ein paar Tage. Ich selbst werde mich indessen um den Handelsbereich kümmern. Was den Posten der Münze angeht, ist ein Minister dafür sowieso unnötig, wenn die Krone augenscheinlich kein Vermögen mehr besitzt.“ Kurz war ich versucht, zum Hohepriester zu schauen, um mich seiner Zustimmung zu vergewissern, aber ich hatte zu viel Angst davor, dass es nicht so sein könnte. Und Kritik seinerseits ertrüge ich momentan nicht. Dafür war ich zu aufgewühlt.
„Selbstverständlich, Eure Majestät, ich werde mich um die Stadt kümmern. Und, mit Verlaub, Graf Dreidolch ist ein hervorragender Mathematiker. Er kann sich die Aufzeichnungen von Seibling ansehen.“
Ich sah zu Dreidolch. „Schafft Ihr das? Ihr werdet viel nachrechnen müssen. Ich will wissen, wie viel Gold er die letzten Jahrhunderte unterschlagen und für sich selbst abgezweigt hat. Seine Aufzeichnungen darüber werden so formuliert sein, dass es nicht sofort auffällt.“ Im Geiste notierte ich mir die Möglichkeit, ihm einfach die Zunge zu lockern. So würde ich vielleicht schnellere Resultate erzielen. Doch gleichzeitig erschütterte mich mein eigener Gedanke zutiefst. War ich Ashur jetzt etwa so ähnlich geworden? Nein. Nein! Niemals! Er … ihm hatte das Spaß gemacht! Er hatte es getan, obwohl ich mir nichts … nicht wirklich, etwas zu Schulden hatte kommen lassen! Ich war nicht wie er!
Graf Dreidolch nickte und versicherte mir, dass er sich die Unterlagen nach bestem Wissen und Gewissen ansehen würde. Dennoch schnürte sich mir die Kehle zu. Ich fühlte mich falsch. Mein Gedanke war falsch gewesen! Mit möglichst fester Stimme sagte ich schließlich: „Vielen Dank für Eure Treue, meine Herren. Die nächste Sitzung halten wir in zwei Tagen ab. Graf Targes, ich erwarte Euch morgen früh in meinen Gemächern, um die Aufzeichnungen von Achos abzuholen. Graf Dreidolch, Ihr werdet gleich noch von Leeander zum Arbeitszimmer von Seibling geführt werden. Die Unterlagen, die er auf seinem Gut hat, werden wir beschaffen müssen, bevor etwas von seiner Verhaftung nach außen dringt.“ Und das bedeutete sofort. Verdammt!

























































Kommentare