Kapitel 22 – Ein unfreundlicher Begleiter
Kapitel 22 – Ein unfreundlicher Begleiter
Rjna
Ganz langsam kam ich wieder zu mir. Die Dunkelheit war nicht mehr ganz so präsent um mich herum und wich Stück für Stück zurück. Und auch das Gefühl der unsäglichen Hitze wurde von einem angenehm kühlen, sanften Wind, der zärtlich über meine Haut strich, abgelöst. Meine Finger ertasteten rauen Stoff unter mir. Ein Bett? Es war darin so unglaublich bequem gewesen! Aber dafür war die Unterlage doch zu hart. Zudem war da eine Unebenheit, genau unter meinem Schulterblatt. Etwas drückte mir in diese eine Stelle rein, und das, dem Gefühl nach zu urteilen, nicht erst seit gerade eben.
Hatte ich soeben noch gedacht, die Dunkelheit um mich herum weiche? Nun, als ich langsam meine trägen Lieder öffnete, war es um mich herum stockdunkel. Einzig das flammende Lichtspiel eines Feuers erkannte ich im Augenwinkel. Das zarte und zugleich wilde und ungezähmte Flackern und Zucken seiner Flammen. Es erinnerte mich an meinen Traum, obschon ich ihn bereits vergessen hatte. Wie auch bei den meisten anderen Träumen war mir das Bild in einem Moment noch so klar vor Augen, als sähe ich es vor mir, und im nächsten, kaum öffnete man die Augen, war es weg. Das Einzige, was blieb, war eine schleierhafte Erinnerung, die sich vor dem eigenen Verstand laut lachend versteckte.
Eine Stimme brummte leise vor sich hin: „… ist bleich wie eine Leiche. Vermutlich verzogen, aber kränklich. Für Gold verwandelt und dann im Stich gelassen.“
Meine Stirn runzelte sich. Was war passiert? Mein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er Opfer des Getrampels eines tollwütigen Tieres geworden. Bedächtig streckte ich meine Sinne nach meinen Gliedern aus. Zuerst die Finger. Als sich diese schmerzfrei bewegen liessen, fing ich auch an, mit den Füssen zu wippen und auch das schien zu funktionieren. Im nächsten Moment verliess mich meine Geduld und ich setzte mich auf. Oder versuchte es, denn gleich darauf landete ich wieder, vor Schmerz stöhnend, auf dem weichen Stoff.
Was war das gewesen? Immerhin war der unangenehme Druck auf mein Schulterblatt verschwunden. Der befand sich jetzt nämlich zwei Finger weiter unten.
„Oh, du bist wach. Gut“, drang eine abschätzige, männliche Stimme zu mir hin.
Vorsichtig drehte ich den Kopf in die Richtung und erfasste Tadurial, wie er da vor einem kleinen Feuer sass. Wieder bahnte sich ein Stöhnen in meiner Kehle an und so gern ich es auch unterdrückt hätte – meine Muskeln, mein ganzer Körper fühlte sich so fürchterlich ausgelaugt an. „Was ist passiert?“, fragte ich, meine Stimme rau, als hätte ich sie den ganzen Tag noch nicht genutzt. Darauf antwortete Tadurial aber nicht, was mich verwirrt den schweren Kopf heben liess „Wo sind wir?“, versuchte ich es erneut.
Dieses Mal war ein Grunzen die Antwort. War das ein Fortschritt? Nein. Der hasserfüllte Blick, den er mir jetzt zuwarf, liess meine Hoffnung im Erdboden versinken.
Er mochte mich nicht. Zugern wüsste ich, was ich ihm getan hatte, dass er so schlecht auf mich zu sprechen war, doch derlei gehörte zu den Themen, über die es sich nicht zu sprechen schickte.
Mein Blick wanderte weiter, bis ich einen Jungen auf dem Boden neben mir liegen sah. Der Junge sah schlecht aus. Sehr schlecht. Bleich, kraftlos … und er trug einen dicken Verband am Hals. Aber ich erinnerte mich an ihn. Es war der Junge, der im Haus gewesen war, als ich die Treppe hinunterkam. Meister Xelus hatte mich jedoch gleich wieder hochgeschickt, woraufhin ich wieder eingeschlafen war. Ich hatte viel geschlafen in den letzten Tagen.
„Muss man als … Muss ich jetzt mehr schlafen als früher?“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu jemand anderem. Keinesfalls würde ich noch einmal das Wort an Tadurial richten. Xellus war freundlich. Doch durfte ich dabei nicht vergessen, dass er die Ausnahme war. Ich sehnte mir seine Nähe herbei, erwischte mich beim Gedanken, mich gerne wieder an ihn lehnen zu wollen. Und mich sicher zu fühlen.
„Nein“, knurrte Tadurial misslaunig. Überrascht hob ich den Blick. „Akzeptiere, was du jetzt bist. Es ist eine Verbesserung zum erbärmlichen Leben eines Menschen“, fügte er noch leise hinzu.
Beschämt biss ich mir auf die Unterlippe. Es stimmte, er hatte recht. Für mich war das noch immer ein unrealistischer Traum. Vermutlich lag ich im Fieberwahn, kurz vorm Tod. Sicher befand ich mich auch noch immer unten im Kerker, nur darauf wartend, von Drego wieder angefordert zu werden und endlich der Gnade des Todes entgegenblicken zu können. Das wäre in der Tat wünschenswert. Auch wenn dieser Traum hier nicht nur seine schlechten Seiten hatte. Überwiegend natürlich schon. Aber da war beispielsweise Meister Xelus, der sich wirklich um mich sorgte. Das war ein Teil dieses Traums, den ich gern in Erinnerung behielte, wenn ich das nächste Mal in der Zelle erwachte. Denn um mich gesorgt hatte sich beileibe noch nie wirklich jemand. Es war einfach ein zu schönes Gefühl, welches ich nicht schon wieder missen mochte. Und doch war mir bewusst, dass ich irgendwann erwachen würde. Doch bis dahin würde ich versuchen, diesen Traum in vollen Zügen zu geniessen. Abgesehen von den negativen Aspekten. Den Albträumen in diesem Traum.
Eine lange Zeit lag ich einfach nur da. Tief in Gedanken versunken, starrte ich in den Himmel empor, blickte direkt in das endlose und unglaublich atemberaubende Sternenzelt empor.
Ein Mensch. Ein Junge. Oder ein junger Mann. Schnellen Schrittes ging ich auf ihn zu, riss seinen Kopf zur Seite und versenkte meine Fänge in seinem Fleisch.
Bestürzt fasste ich mir an den Kopf. War das …? Ein schwerer Kloss bildete sich in meinem Hals, zu gross, als dass ich ihn hätte hinunterschlucken können. War das … eine … Erinnerung gewesen? Nein!
„Ta…Tadurial?“ Mühevoll lenkte ich meine Stimme an dem Kloss in meinem Hals vorbei. „Was … was ist gestern p…pass…siert?“ Meine Stimme bebte. Bei jedem Wort dünkte es mich schwerer, es über meine Lippen zu bringen. Sollte ich das wirklich getan haben? Hatte ich wirklich einen Menschen gebissen? Mich von seinem Blut ernährt? So, wie es Drego immer wieder mit mir gemacht hatte? Hatte ich dem Jungen solche Schmerzen zugefügt? Freiwillig? Obgleich ich das doch nie hatte tun wollen?
Mein ganzer Körper zitterte vor Angst und Scham. Hatte ich die Kontrolle verloren? Dabei gab ich mir solche Mühe, dem Blutdurst zu widerstehen!
„Tad ich… Rjna!“
Hastig drehte sich mein Kopf zur Seite. Meister Xelus kam gerade aus dem dichten Gestrüpp gestampft, eine Hirschkuh über der Schulter tragend.
Mein erster Gedanke troff nur so vor Erleichterung. Er war zurück! Der zweite, mein Blick glitt zu der Hirschkuh zurück, liess mich schwer schlucken. Oh, bitte nicht. Ich hatte bereits eine Befürchtung, was jetzt kommen würde. Aber wieso war dann der Herzschlag der Hirschkuh noch deutlich zu vernehmen?
Mein Blick musste Bände gesprochen haben, denn im nächsten Moment erklärte mein Meister: „Wir können uns nicht von Toten ernähren. Tiere, wie Menschen, müssen, während wir trinken, noch atmen, ansonsten haben sie keinen Atem mehr im Blut und es wird für uns ungeniessbar.“
Ich verstand nichts. Stumm nickte ich, doch meine Gedanken schweiften. Zu gestern, oder wann auch immer das gewesen war. Und zu dem Jungen, den ich angegriffen hatte. Ob er noch lebte?
Auf meinen reservierten Gesichtsausdruck hin legte Meister Xelus die Hirschkuh auf dem Boden ab und kniete sich zu mir hin. „Wie geht es dir?“, fragte er fürsorglich, wofür er von Tadurial einen übel gelaunten Blick zugeworfen bekam.
„Ich …“ Wenn ich ehrlich war, hatte ich keine Ahnung, wie es mir ging. „Ich weiss es nicht“, stellte ich also zittrig fest, woraufhin mir auch schon die ersten Tränen in die Augen stachen. Was hatte ich nur getan? Doch auch wenn die Tränen nicht fielen, hatte Meister Xelus sie längst bemerkt und nahm mich fürsorglich in den Arm. Was ich zuliess. Es fühlte sich gut an, in den Armen von jemandem zu liegen, der einen mochte und sich um einen sorgte. Ein warmes Gefühl blühte in mir auf und liess mich, mich unwillkürlich tiefer in seine Umarmung schmiegen. Womit hatte ich so einen fürsorglichen Meister nur verdient?





































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