Kapitel 23 – Spekulationen und Vorurteile
Kapitel 23 – Spekulationen und Vorurteile
Tadurial
Dieses Mädchen trieb mich noch in den Wahnsinn! Gerade kuschelte sie sich völlig unangebracht in Xelus’ Arme und weinte sich die Augen aus, wobei sie mich heute Morgen noch in die Knie gezwungen hatte! Und das nur mit einigen wenigen Worten! Ein einziger Befehl und ich hatte vor ihr gekniet wie der dümmste Lakai!
Ich fühlte mich masslos gedemütigt, zudem ich strenggenommen Verrat begangen hatte! Aber das war meine geringste Sorge. Xelus würde sie nicht verraten und damit auch mich nicht. Dafür empfand er jetzt schon viel zu viel Zuneigung für seinen neuen Schützling. Viel mehr ängstigte mich die Macht, die sie gestern scheinbar ohne jede Anstrengung über mich ausgeübt hatte.
Das nächste Sorgen Bündel waren ihre Augen. Strahlend Orange, wie geschmolzenes Kupfer, wie heiss brennendes Feuer! Das Leuchten unserer Augen war ein Zeichen dafür, dass wir auf unsere Macht zurückgriffen. Zeitgleich verrieten wir uns dadurch an die Vampire. An die Gesellschaft. Wenn ich meine Magie anwandte und sie dabei stark beanspruchte, fingen auch meine Augen leicht grün an zu leuchten, aber grüne Augen hatte ich auch so. So wie meine ganze Familie sie gehabt hatte. Ihre jedoch nahmen eine völlig neue Farbe an! Dazu kam die Intensität des Leuchtens … es war mir schlichtweg unerklärlich!
Als Vampire konnten wir, durch unsere stetig grösser werdende Machtbasis, eine Energiequelle anzapfen, wie es uns als Mensch niemals möglich gewesen wäre. Somit war es nur logisch, dass sich unsere magischen Kräfte mit der Verwandlung zum Vampir verstärkten.
Aber zum einen sollte das bei einem Jungvampir noch keinen grossen Unterschied machen, denn die Macht kam ernst mit fortschreitendem Alter, zum anderen verstand ich nicht, welche Art von Macht in ihrer Magie lag.
Dabei war das noch längst nicht alles, was mich an diesem Mädchen störte. Xel’s neuer Schützling verbarg mehr Geheimnisse als die Götter und der König zusammen und war nicht bereit, sie mit uns zu teilen! Und Xelus fragte nicht einmal nach! Er akzeptierte es ohne Wenn und Aber, wenn sie nicht von sich aus kam, um mit ihm über etwas zu reden! Und er wollte sie mit in die Königsstadt nehmen! Sie könnte, wer weiss, was sein! Sie könnte eine Attentäterin sein, die den König ermorden sollte. Ungewöhnlich für eine Frau, aber nicht undenkbar! Zumindest nicht, wenn sie aus Mornem stammte.
Was mich allerdings am meisten schockiert hatte, war mein Name.
„Dreh. Dich. Um. Tadurial Terrosque.“
Ich sprach nicht von meinem Erstnamen. Ich sprach von meinem Familiennamen. Den, den ich mit meinem menschlichen Leben vor fast 2500 Jahren abgelegt hatte. Nie wieder hatte ich ihn benutzt oder auch nur erwähnt. Das tat ich, um einerseits meine noch menschliche Familie zu schützen – falls denn noch jemand von ihnen lebte – und andererseits wiederum, um mich selbst zu schützen. Sollte bekannt werden, dass ich aus einer Magierfamilie stammte, wüsste niemand, welche und wo er suchen sollte. Und sollten Nachkommen meiner Verwandten entdeckt werden, kannte keiner meine Verbindung zu ihnen.
Würde ich entdeckt, wäre das ein Skandal. Und sehr wahrscheinlich das Ende meines Lebens. Im Ansehen des Königs wäre ich sofort weniger Wert als die Fussmatte zu seinen Füssen, erführe er von meiner magischen Herkunft oder meinen Gaben. Magier waren nun mal nicht beliebt, und wenn sie von den Mundus, Magier-Jägern, gefangen wurden, wurden sie entweder sofort getötet oder als Sklaven versteigert. Welches davon geschah, war rein von der Macht des Magiers abhängig. War man in den Augen der Mundus zu mächtig, wurde man augenblicklich exekutiert. Ganz nach dem Motto: Was sich im Notfall nicht schnell beseitigen liesse, wird jetzt schon eliminiert.
So wurde aktiv Angst unter den Magiern gesät, mit dem Ziel, sie durch diese zu kontrollieren. Kein Magier würde einen Aufstand wagen, wenn er genau wusste, welcher Schrecken ihn erwarten würde. Der Tod oder die Sklaverei.
Wurden Magier aber von Wachen oder Soldaten des Königs erwischt, mussten sie ihm als ’niedere Arbeiter‘ dienen. Was bedauerlicherweise nur ein anderes Wort für Sklave war.
Aber ich war aber abgeschleift. Sie hatte mich Terrosque genannt! Weder mein Vampirmeister, der mich dazumal verwandelt hatte, noch sonst irgendjemand wusste von diesem Namen. Also wie …? Wie konnte ein dahergelaufenes kleines Jungvampirmädchen meinen Familiennamen kennen? Hatte sie eine Ahnung, in was für Schwierigkeiten ich dadurch kommen konnte?
Verstohlen schielte ich zu ihr hinüber. Sie hatte sich fest in Xelus’ Arme geschmiegt und schien dort auch wunschlos glücklich. Die Augen hatte sie geschlossen, die Wange an seine Brust gedrückt. Immer wieder atmete sie tief seinen Geruch ein, als würde dieser sie beruhigen. Dass das nur bei einer echten Meister-Schützling-Verbindung funktionierte, kümmerte sie offenbar herzlich wenig.
Es gab so viel. So viel Ungeklärtes über sie. So viele Geheimnisse! Zwei Dinge konnte ich aber mit Bestimmtheit sagen. Erstens: Sie hatte sich als Mensch äusserst mangelhaft ernährt. Denn selbst ein Kind war schwerer als dieses Mädchen. Und zweitens, zwar war das nur eine Vermutung, aber eine begründete allemal: Die letzten Jahre ihres menschlichen Daseins hatte sie nicht an der Sonne verbracht. Ihre Haut war blasser als meine, wobei meine allein durch die vampirische Regeneration schnell wieder in ihren vorherigen Zustand finden würde. Sie jedoch musste als Mensch schon so blass gewesen sein.
Vermutlich hatte sie als Mensch unter einer schweren Krankheit zu leiden gehabt. Es erklärte beide Punkte, sowohl das mangelnde Gewicht als auch die Blässe. Und auch ihre nun an den Tag gelegte Weinerlichkeit, sowie dieses verzogene Verhalten, wenn es ums Blut trinken ging. Auf dem Boden zu schlafen, war sie sich nicht gewohnt, so wie sie sich da vorher auf dem Umgang gewunden hatte. Als ob sie besseres gewohnt wäre.
Vermutlich war sie in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden – vielleicht niederer oder sogar hoher Adelsstand. Schwächlich geboren, aber immer wieder aufgepäppelt. Natürlich war sie durchgehend im Bett gelegen und vermochte daher auch nicht viel zu essen. Dazu kam, dass man sie, gerade wegen der angeborenen Kränklichkeit, völlig verzogen hatte, was der Grund dafür war, weshalb sie sich jetzt so benahm. Vermutlich hatte ihre Familie irgendeinem Vampir ordentlich viel Gold angeboten, damit er sie verwandelte, auf dass sie gesunden würde. Nach der Verwandlung liess er sie im Wald stehen.
Wundern tat es mich nicht. Es gehörte sich zwar nicht, seinen Abkömmling einfach so allein zu lassen, denn der Grossteil der alleingelassenen Jungvampire überlebte das erste Jahr nicht. Doch das war wohl auch das Ziel gewesen.
Ein weiterer Gedanke, der daran gleich anknüpfte, fand sich zum Thema ihrer Kräfte. Wenn sie so starke magische Kräfte besass, könnte das für ihren menschlichen Körper zu viel gewesen sein. Das wäre auch eine die Erklärung für die Gebrechlichkeit. Die Magie musste ihren Körper praktisch jeglicher Energie beraubt und von innen her langsam zersetzt haben.
Durch ein Zucken auf meiner rechten Seite wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Rjna sah einen Moment erschrocken ins Nichts, bevor sie mich mit grossen Augen ansah. „W…was? Ihr seid … ihr habt vor mir …“ Weiter kam sie nicht, denn ich knurrte sie wütend an, was mir von Xelus einen warnenden Blick einbrachte. Offenbar erinnerte sie sich nur äusserst bruchstückhaft an den heutigen Morgen, was mir persönlich ja ganz recht war. Dass ich vor ihr gekniet hatte, hätte meinetwegen auch vergessen bleiben können. Doch jetzt starrte sie mich mit grossen, runden Augen an und wartete scheinbar auf eine Erklärung, sowie auch Xelus’ Augen gespannt auf mir ruhten.
Ich jedoch schüttelte leicht den Kopf, um Xelus zu signalisieren, dass ich dazu nichts zu sagen hatte.
Mein lieber Freund rümpfte die Nase. Dann machte er seinen Schützling auf die bewusstlose Hirschkuh aufmerksam. Wie erwartet, verzog sie angeekelt das Gesicht. Was auch sonst. Doch Xelus liess sich von ihrer Reaktion nicht beirren und drängte sie zu dem Tier heran, deutete auf eine Stelle am Hals, die gut zum Beissen geeignet war und drückte sie leicht nach unten.
Vorsichtig ging sie neben dem Tier auf die Knie und streichelte ihm über das Fell. „So schön“, murmelte sie, bevor sie mit grossen Augen zu Xelus hinauf starrte. Beinahe hätte ich losgeprustet! Wie bei einem kleinen Kind setzte sich Xelus hinter sie und führte ihren Kopf hinab bis zur Halsschlagader der Hirschkuh, wo er sie anwies, zu trinken.
„Aber, das wird ihr Schmerzen bereiten!“, wehrte sie ab und wollte sich gegen seine Umarmung wehren, die er ihr von hinten zukommen liess.
„Nein. Wenn du ganz vorsichtig zubeisst, wird sie es sogar geniessen“, antwortete er ihr, was sie ihm aber ganz offensichtlich nicht glaubte. Bei Tieren war das auch nicht der Fall, bei Menschen stimmte es, was er sagte. „Na los, Rjna. Tu es für mich. Ich würde dich ungern dazu zwingen“, stellte er klar.
„A…aber…“ Ihre Stimme wurde weinerlich. Sie hatte sichtlich Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
„Aber?“, fragte Xelus emphatisch nach.
„Aber ich habe den Mann …“ Sie schluckte schwer. „Ich habe den Mann gebissen! Ich … ich habe ihm einfach den Kopf zur Seite gerissen und …!“ Dieses Mal schaffte sie es nicht, die Tränen zurückzuhalten, woraufhin Xelus sie noch fester umarmte.
„Das war vermutlich nur dein Instinkt. Du hattest Durst.“ Er seufzte. „Ich habe mich auch schon gewundert, dass du so … problemlos plötzlich trinken wolltest“, gestand er leicht betrübt. Vermutlich hatte er sich sogar teils darüber gefreut, denn das wäre ein erstaunlich grosser Fortschritt zu ihrem ablehnenden Verhalten Blut gegenüber gewesen. Der Teil, über den er sich dabei aber nicht gefreut hatte – ganz sicher nicht sogar – war, wie grausam sie ihre Fänge in den jungen Mann versenkt hatte. „Wenn du zu lange nichts trinkst, wird dein Instinkt irgendwann wieder übernehmen“, drohte ihr Xelus flunkernd.
Daraufhin sah sie erschrocken zu ihm auf, dann zu mir, wobei ich bestätigend nickte. Sie sollte endlich aufhören mit dem Drama und trinken. Ich hatte auch Durst und liess ihnen nur aus Respekt und Dankbarkeit vor Xelus den Vortritt.
Als sie auch mein Nicken sah, knickte sie schliesslich ein und wandte sich mit betretenem Ausdruck dem Tier zu. Langsam öffnete sie den Mund und liess vorsichtig ihre Fänge anwachsen. Und das in einem so langsamen Tempo und mit einer Kontrolle, die gelernt sein wollte …
Wieder einmal überraschte sie mich und auch Xelus wirkte nicht minder verblüfft. Ich hatte mich aufrechter hingesetzt, die Stirn gerunzelt. Mit welchen Überraschungen würde sie noch aufwarten?
Sanft streichelte sie über das Fell des Tieres, bevor sie, wahrlich sanft und vorsichtig, langsam ihre Fänge in der Haut der Hirschkuh versenkte. Angeekelt verzog sie den Mund, als das Blut ihre Lippen berührte, wobei ein Rinnsal davon an ihren Lippen vorbeifloss. Nun, jetzt wusste sie, wieso wir uns lieber von Menschen ernährten. Abgesehen von den fehlenden Nährstoffen der Tiere natürlich.
Zu meiner Überraschung aber behielt sie es aber im Mund, schluckte und nahm noch einige weitere Schlucke des Tierbluts freiwillig in sich auf, bevor sie müde und noch während des Trinkens in Xelus’ Armen einschlief. Die erste Reaktion, die ich von ihr zu sehen bekam, die auch wirklich jungvampirtypisch war.







































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