Kapitel 24 – Honigbrot

Kapitel 24 – Honigbrot

 

Aurelie

Als ich wieder zu mir kam, lag ich eingekuschelt auf meinem Bett und umklammerte jemanden. „Cyrus?“, brummte ich verschlafen und runzelte leicht die Stirn. Was machte er denn in meinem Bett?

„Fahalsch!“, flötete eine fröhliche Stimme neben mir.

„Na, hast du uns vermisst?“, fragte eine andere Stimme. „Los, aufwachen!“ Plötzlich fanden Hände meine Taille und begannen mich zu kitzeln, bis ich nicht mehr anders konnte, als laut loszuprusten. Indessen hatte ich mich noch mehr ins Bett gerollt, wobei ich jetzt auf Darleen drauf lag.

Diese Grinste. „Du wolltest mich nicht loslassen. Ich habe es mir trotzdem nicht nehmen lassen, sie hereinzubitten.“

„Was?“, fragte ich perplex, stützte mich richtig auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Sobald ich erkannte, wer da vor mir stand, wurden meine Augen groß und mein Herz sprang aufgeregt herum. „Aurillia! Emili!“ Mit Tränen in den Augen kroch ich von Darleen runter, welche protestierend stöhnte, als ich mich für einen Moment auf ihrem Bauch abstützte und sprang auf meine beiden lang vermissten Freundinnen zu. Beide zog ich zu mir heran und fiel ihnen augenblicklich um den Hals. „Götter, es geht euch gut!“ Tief atmete ich ihre Gerüche ein und versicherte mich so, dass sie es auch wirklich waren. Nur für den Fall, dass meine Augen mir einen Streich gespielt hätten.

„Holst du uns wieder ab? Dann muss ich aber überlegen, ob ich nicht bei Darleen bleiben mag!“ Aurillia grinste mich frech an und gab mir einen Kuss auf die rechte Wange.

„Sei nicht immer so frech!“, mahnte Emili und küsste mich auf die linke Wange. „Es ist schön, dich zu sehen. Du siehst gut aus.“

„Ich sehe schrecklich aus“, widersprach ich augenblicklich. „Und eigentlich war … das nicht geplant“, gestand ich Aurillia zögerlich, deren strahlendes Lächeln sich sofort dimmte. „Aber … ich schätze, jetzt, wo er das Amt sowieso abgeben will, braucht er mich nicht mehr zu erpressen … oder? Darleen?“ Ich blickte hinter mich.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke nicht. Aber ich kenne ihn auch nicht so, wie du es mir geschrieben hast Naya.“ Sie senkte die Stimme und seufzte. „Trotzdem hat er nichts davon abgestritten.“



„Vielleicht nicht abgestritten, aber entschuldigt hat er sich auch nicht. Er sieht ja noch nicht einmal ein, dass er Fehler gemacht hat.“ Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. „Ich hatte wirklich gedacht …“ Ohne es bemerkt zu haben, war meine Hand zu meinem Bauch geglitten und streichelte sanft darüber.

„Ach Naya.“ Darleen rappelte sich auf und nahm mich von hinten in den Arm. „Ich glaube, er weiß sehr wohl, dass er Fehler begangen hat.“

„Aber wieso sagt er es denn nicht? Wieso gibt er es nicht zu? Wieso kann er sich nicht entschuldigen, wie jeder andere verdammte Mensch! Es muss ja noch nicht einmal auf Knien sein, was für seine Verbrechen durchaus angebracht wäre!“, schluchzte ich, plötzlich dramatisch gestimmt und in ein tiefes Loch gezogen. „Stattdessen will er mich verlassen, mich allein lassen, uns!“ Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. „Ich verstehe ihn nicht!“

„Männer denken nicht so, wie wir, Liebes“, murmelte Darleen. „Vielleicht glaubt er, indem er es laut ausspricht, würde es noch schlimmer werden. Aber er bereut es. Sonst würde er nicht nach einem Weg suchen, der euch trennt.“

„Amt abgeben?“, fragte Aurillia. „Heißt das, Cyrus will nicht mehr der König sein?“

„Er fühlt sich wie ein Versager“, entgegnete Emili. „Er will keine weiteren Fehler machen.“

„Es ist mir egal, wie er sich fühlt! Da hat er mir das angetan, jetzt soll er es auch mit mir durchziehen!“ Und das betraf nicht nur das Amt, das ich eigentlich nie gewollt hatte, sondern auch das Kind unter meinem Herzen. „Er hat genauso viel Verantwortung zu tragen wie ich! Ganz egal in welchen Belangen! Dafür … dafür gibt es doch den Blutschwur …? Damit man einander besser unterstützen kann?“ Tränen rannen mir wild übers Gesicht. „Er kann mich doch jetzt nicht einfach allein lassen und … und einfach abhauen!“, erklärte ich erstickt. „Das darf er nicht!“ Meine Stimme brach.

„Oh … Ich verstehe“, flüsterte Emili und wurde blass.

Aurillia hingegen winkte bloß ab. „Ach, Männer drücken sich doch immer vor der Verantwortung.“

„Ich werde meinem Cousin noch gründlich die Ohren langziehen! Er kann doch nicht ernsthaft glauben, dass einfach alles gut wird, wenn er sich zurückzieht. Als ob das alles rückgängig machen würde.“



Ich schniefte laut. „Haben wir Honigbrot?“

„So viel du magst!“ Aurillia rannte direkt los. Emili knickste hingegen kurz. „Ich helfe beim Frühstück.“

Die beiden Mädchen eilten heraus. Zurück blieb Darleen, die immer noch beide Hände von hinten um mich gelegt hatte. Und diese Hände streichelten über meinen Bauch. „Willst du wirklich, dass er bleibt? Und wie stellst du dir dann das weitere Leben mit ihm vor? Nach allem, was er dir angetan hat?“

Ich schüttelte den Kopf, nickte aber gleichzeitig. „Ich weiß auch nicht!“ Meine Stimme wechselte die Lagen wie im April das Wetter. „Aber ich will das Kind nicht allein großziehen müssen! Außerdem hat er doch auch ein Anrecht darauf, oder? Und …“ Ich schniefte verzweifelt. „Ich weiß doch auch nicht! Alles, was ich mir wünsche, ist, mit ihm zu kuscheln, seine Nähe zu genießen und einfach bei ihm zu sein! Schon vor meiner Reife und damit dem eigentlichen Blutpakt habe ich seine Nähe geschätzt! Das bedeutet doch, dass ich mich nicht nur der Bindung wegen nach ihm sehne, oder? Ich …“ Mit beiden Händen ergriff ich ihre und hielt sie fest, als bräuchte ich einen Anker, an dem ich mich festhalten konnte. „Ständig stelle ich mir vor, wie es sein könnte. Wenn er nur keine Gefahr in mir sehen würde. Doch nach Lees Tod …“ Ich schluckte schwer.

„Lee ist tot?“ Schockiert rissen Darleens Augen auf. „Wie ist das passiert?! Das muss Cyrus den Boden unter den Füßen weggezogen haben.“

Bekümmert senkte ich den Blick und gestand meiner Freundin, wie ich zu meinen Kräften gekommen war. Am Ende sass ich auf ihrem Bett, meine Augen waren zu gebrochenen Dämmen mutiert, durch die ganze Bachläufe ihren Weg nach draussen fanden und mein Hände standen in Flammen. Anders hätte sie es mir niemals geglaubt.

„Heilige…“ Darleen starrte ungläubig auf meine Hände. Auch in ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt, jedoch wurde ihre Trauer von dem Zeugniss der Götter kurzfristig zurückgeschoben. Sie wollte sie berühren, zog sich aber rechtzeitig wieder zurück. „Das sind die Kräfte der Ignis-Robur…!“

„Ja, richtig“, brummte ich. „Was für ein Geschenk.“ Verächtlich sah ich auf die Flammen. „Es hat meinem Freund das Leben genommen und eine mögliche Zukunft mit meinem Mann gleich mit.“



„Das … das ist in der Tat … also…“ Darleen atmete tief durch und strich sich durch die Haare. „Das ändert einfach alles.“

Erschöpft atmete ich aus. „Ich weiß“, gestand ich betrübt. „Sich eine Zukunft mit ihm zu wünschen, wird dadurch umso lächerlicher.“

„Honigbrot!“, dröhnte es vom Flur her, wo Aurillia kurz darauf im Türrahmen erschien. „Drei Stück!“ Angestrengt versuchte ich zu lächeln. Doch anhand von Aurillias schwindendem Grinsen hatte ich offensichtlich versagt. „Alles in Ordnung? Naya, was ist los?“, wollte die normalerweise so aufgedrehte, junge Frau wissen. Wenn ich sie genauer betrachtete, erkannte ich einige Unterschiede. Markante. Sie war gewachsen, ein gutes Stück. Hinzu kam eine nicht von schlechten Eltern geerbte Oberweite, mit der sie sich schon in ihrem Alter sehen lassen konnte und generell war sie in den letzten Monaten sehr viel kurviger geworden, so hatte es den Anschein.

„Wir haben gerade über Leeander geredet“, erklärte ich leise.

„Oh“, meinte Aurillia bedacht und ließ das Tablett mit den Broten sinken. Ihr Blick ging betrübt zu Boden.

Emili, die ein weiteres Tablett mit Getränken hielt, schob die Tür mit einem Fuß hinter sich zu. „Die Frage ist jetzt nicht, was gewesen ist, sondern was sein wird, Naya. Ihr habt euch beide gegenseitig weh getan. Die Frage ist also nicht, ob du ihm verzeihen kannst, sondern ob du ihm verzeihen willst. Willst du eine Zukunft mit Cyrus? Ohne Wenn und Aber? Solange du darauf keine Antwort weißt, wird eure Beziehung nicht funktionieren. Liebe ist bedingungslos.“

Darleen sah ungläubig zu Emili auf. „Wie alt bist du noch gleich? Wie kannst du in deinem Alter so … reden?“

„Wir glauben, sie ist mit Kretos verwandt“, erklärte ich nüchtern.

Die Mädchen brachten das Essen und die Getränke zu einer gemütlichen Sitzecke. Wie selbstverständlich wurde für vier Personen eingedeckt und zwei der drei Honigbrote landeten auf einem Teller. Heißer Tee dampfte in Tassen. Mühselig versuchten wir, die drückende Stimmung zu ignorieren.

„Fürst Kretos?“, hakte Darleen auch sogleich äusserst interessiert nach und setzte sich. Emotional erschöpft liess ich mich neben Darleen nieder; gegenüber davon setzten sich Aurillia und Emili hin. Hungrig bedienten sie sich an Brot, Wurst und Käse.



Was mich betraf, so langte ich sofort nach dem Honigbrot und biss großzügig davon ab. Ein Stöhnen unterdrückend, nickte ich Darleen zu. „Er hält sie allerdings für eine Hexe“, erklärte ich mit halb vollem Mund, ehe ich schluckte. Liebevoll sah ich zu Emili. „Was natürlich nicht stimmt.“ Erneut nahm ich gierig einen Biss von dem süßen Brot. „Weißt du es eigentlich schon?“, murmelte ich irgendwann mit vollem Mund. Fragend legte ich den Kopf schief. Irgendwie würde es mich überraschen, wenn sie noch nichts von dem Kind in mir wüsste.

„Ja“, erwiderte Emili schlicht. „Umso wichtiger, dass wir nicht über mich, sondern über dich reden. Denn aktuell wird sich Cyrus nicht davon abbringen lassen, das zu suchen, was er will. Aber das ist keine einseitige Sache. Es betrifft euch beide. Er hat dich schon nicht nach dem, was du willst, gefragt, als er den Blutschwur mit dir einging. Und nun soll wieder alles nur nach ihm gehen?“

„Wie, sie weiß was?“ Verwirrt blickte Darleen von mir zu Emili und wieder zurück. Sie hob die Hände. „Ich habe nichts gesagt!“

„Was weißt du?“, rief Aurillia aus. „Ich will auch wissen, worüber wir reden!“

Ich unterdrückte ein Seufzen und winkte Aurillia zu mir heran. Ungelenk umrundete sie den Tisch und kam zu mir hin. „Leg mal dein Ohr auf meinen Bauch.“

„Huh?“ Aurillia sah mich irritiert an, dennoch tat sie, was ich wollte. „Ja? Und nun? Es gluckert ein wenig.“

Ich kicherte leise. „Ist das Gehör der Menschen so schlecht?“, fragte ich überrascht in die Runde.

„Ja, nun. Unseres ist ausgesprochen gut“ relativierte Darleen meine Frage. „Sie können es ohne Hilfsmittel nicht hören.“

„Ach so …“ Ich nahm Aurillias Gesicht in meine Hände und führte es nahe an meines. „Du wirst Patentante. Und Emili auch. Und kommt gar nicht erst auf die Idee, abzulehnen! Das ist beschlossen, seitdem ihr zu meinen Freunden geworden seid.“

„Patentante? Von wem?“ Aurillia sah mich völlig begriffsstutzig an.

Schnaubend packte ich ihre Hand und führte sie auf meinen Bauch. „Davon.“

Zuerst sah Aurillia mich völlig verständnislos an. Ihr Mund stand halb offen und ich sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Träge. Aber dann klappte ihr Mund zu und Aurillia bekam große Augen. „Oh …“ Ihr Blick ging zu meinem Bauch und wieder zu meinem Gesicht zurück. „Oh! Du bist schwanger!“



„Ja. Und wenn du es noch lauter herausschreist, weiß auch der Vater bald davon“, schollt ich sie.

„Ups.“ Sofort schlug sie sich eine Hand vor den Mund. „Aber was sucht Cyrus dann? Einen Weg, es wegzumachen? Aber wenn er es doch gar nicht weiß…“

Knurrend flutschten meine Fänge raus. „Gar nichts wird hier weggemacht!“, fauchte ich drohend, einen Zorn in mir spürend, der alles andere übertraf.

Aurillia zuckte zurück.

„Naya.“ Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Keiner nimmt dir dein Kind weg. Beruhige dich.“

Angespannt atmete ich mehrere Male tief durch. Ich schloss meine Augen und öffnete sie wieder. „Entschuldige, Aurillia. Nein, er weiß nichts davon. Er will nur mich nicht mehr.“ Ich schluckte. „Und ja, Emili. Du hast recht. Ich muss mir überlegen, ob ich … was ich machen soll. Es ist nur so, dass ich mir nicht vorstellen kann … ohne ihn zu sein. Wir hatten schöne Momente. Ein paar wenige. Und ich wünsche mir so sehr, dass …“ Dass es mehr wären. Dass es immer so wäre, wie in diesen Momenten.

Man könnte meinen, mir wäre der Hunger vergangen, aber tatsächlich wurde mein Hunger auf die süße, gelbe Masse nur noch größer. Kurzerhand schnappte ich mir mein Brot und begann, es abzulecken. Die Blicke ignorierte ich. Nach dem ersten Brot, dessen Belag ich in Sekundenschnelle verschlungen hatte, sah ich auf. „Aber um das zu klären, müsste ich mit ihm reden. Und das würde bedeuten, er hört das zweite Herz in mir. Und ich weiß nicht, was er tun wird, wenn er es erfährt.“ Wäre ich ehrlich gewesen, hätte ich zugegeben, dass ich Angst vor seiner Reaktion hatte.

Sowieso war mein Kopf fleißig dabei, sich Szenarien auszumalen. Die Schöneren davon beinhalteten Umarmungen, Lachen, vor Freude glitzernde Augen. Die anderen ließen mich krampfen und Angst um das Leben in mir bekommen.

„Hm, ich weiß nicht, wie mein Cousin reagieren wird. Er wollte nie Kinder. Er wollte auch nie einen Blutschwur eingehen. Oder König werden. Die Idee kam ihm auch erst vor wenigen Jahren.“ Darleen nahm das dritte Honigbrot und legte es auf meinen Teller.

„Wünsche ändern sich“, nahm Emili den Faden auf. „Ich meine, wir Menschen verändern uns zumindest. Also muss das bei Vampiren auch so sein.“



„Soll ich ihn mal vorsichtig ausfragen, wie er zu Kindern steht?“ Darleen legte eine Hand auf meinen Arm. „Und Emili hat recht. Auch wir Vampire ändern uns. Unsere Wünsche und Sehnsüchte ändern sich.“

Er hatte zumindest nicht abgeneigt gewirkt, als er davon gesprochen hatte, mich mit einem Kind im Arm zu sehen. Damals, als ich auf dem Pferd gesessen war. Und er zu mir emporgeblickt hatte, ein Glitzern in den Augen … bevor wir uns wieder in die Haare gekriegt hatten.

Nachdenklich packte ich mir die dritte Brotscheibe und begann zu lecken. Ich hatte keine Lust auf das Brot, ich wollte eigentlich nur den Honig schmecken.

Wenn Cyrus … Irgendwann würde er es erfahren. Und vermutlich wäre es besser, wenn das in Darleens Anwesenheit geschah. So konnte ich zumindest verhindern, dass er mir gleich an den Kragen ging. Vielleicht würde er es aus mir rausschneiden wollen. Weil er es doch nicht wollte. Immerhin wollte er sich von mir trennen. Er ging so weit und versuchte, die Götter zu hintergehen.

„Darleen? Ich hätte da eine Bitte …“

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