Kapitel 25 – Die Götter und die Jagd
Kapitel 25 – Die Götter und die Jagd
Rjna
Am nächsten Morgen, nach meiner ersten freiwillig zu mir genommenen Blutmahlzeit, wurde ich wortwörtlich wach geschaukelt. Und zwar durch die rhythmischen, regelmässigen Bewegungen eines Pferdes. Unter mir.
Erschrocken fuhr ich herum und hätte beinahe dem Gesicht meines Vampirmeisters meinen Ellbogen vorgestellt. „Wie lange habe ich geschlafen?“, murmelte ich unverständlich und nutzte meine zu Fäusten geballten Hände, um mir die Augen auszureiben – wie ein kleines Kind es getan hätte. Was bei Meister Xelus für ein belustigtes Schnauben sorgte.
„Du kannst so lange schlafen, wie du willst, Rjna. Wir sind auf einer Reise und du bist ein Jungvampir.“
„Das war nicht meine Frage“, gab ich gähnend zurück, woraufhin er ein lautes, belustigtes Schnauben ausstiess.
„Wir haben späten Nachmittag.“
Schon wieder wirbelte ich herum und wäre dieses Mal, ob der unbedachten Bewegung, beinahe vom Pferd gefallen, wenn er mich nicht gerade noch festgehalten hätte. Als ich das Gesicht nach einem ungläubigen Blick nach vorne wieder zu ihm zurückdrehen wollte, stockte ich mitten in der Bewegung erschrocken, weshalb mich Meister Xelus erneut festhalten musste.
Ich hatte gestern wirklich freiwillig Blut getrunken! Es hatte grässlich geschmeckt, aber ich hatte es geschluckt! Aber danach erinnerte ich mich an nichts mehr. Dennoch. Ich hätte gesagt, das liesse sich als Erfolg verbuchen in meinem neuen V … Leben. Ich musste es ja nicht gleich übertreiben. Eins nach dem anderen. Hauptsache, ich erreichte mein Ziel. Drego und Grinsebacke standen ganz oben auf der Liste. Und gleich danach kamen all die anderen, die beim Überfall auf mein Dorf dabei gewesen waren. Alle, die etwas mit dem Tod meiner Schwester zu tun hatten!
Doch auch wenn ich meine Fortschritte sah, war ich dabei längst nicht so enthusiastisch wie so manch anderer. Beispielsweise mein werter Meister. Dieser redete gerade munter und ohne Punkt und Komma drauflos, was wir alles machen können, wenn wir erst einmal in der Stadt des Königs angekommen wären. Dass ihn aber etwas bedrückte, sah man noch eine Tagesreise entfernt.
„Noch ungefähr einen Tag, dann erreichen wir die Stadt. Sie wird dich beeindrucken. Ganz im Süden von Genral liegt sie, direkt an den Meeren der Osyl.“
Meine Stirn runzelte sich. Ich hatte mich wieder nach vorn gewandt, lehnte mich entspannt an meinem Vampirmeister an und versuchte seinen Ausführungen zu folgen. „Die Meere der Osyl?“, traute ich mich zu fragen, woraufhin er für einen Augenblick erstarrte. Seine Arme, die vor meinem Bauch die Zügel hielten, zogen sich enger um mich.
„Rjna, wie gut kennst du dich in unserer Welt aus?“
Unangenehm berührt biss ich mir auf die Unterlippe. Ich spürte Tadurials Blick im Profil. Ernst. Verurteilend. Nein, er mochte mich nicht.
Meister Xelus räusperte sich. „Die Meere des Osyl sind riesengrosse Wasseransammlungen. Aus ihnen wird der Rohstoff Salz gewonnen.“ Salz war teuer. Unermesslich teuer. „Mornem, das Land, in dem du bisher gelebt hast, liegt südlich von Genral. Und Genral gehört zu den Vereinigten Vampirlanden. Eine Vereinigung von drei Ländern. Genral, Andyur und Melnai.“ Mein Kopf dampfte und Meister Xelus lachte. „Stell dir einfach nur die Meere vor, Rjna. Unendlich weit und blau. Soweit das Auge reicht.“
Ich nickte sacht. „Ich freue … mich darauf. Auch auf die Stadt … aber, was mache ich da, Meister Xelus?“
Er stockte. „Meister? Nein, Rjna, nur Xelus“, bestimmte er, setzte dann ein freudiges Lächeln auf und fuhr fort: „Was deine Aktivitäten in der Stadt angeht, so können wir oft einkaufen gehen, Spaziergänge unternehmen, im Garten oder im Park Zeit verbringen, natürlich muss ich auch arbeiten und du wirst teilweise allein sein. In dieser Zeit werde ich dir eine Lehrerin besorgen, die dir beibringen wird, was für die Einführung in die Gesellschaft unabdinglich ist.“ Er redete noch weiter, aber da hörte ich längst nicht mehr zu.
Spatzieren gehen? Einführung in die Gesellschaft? Meine Frage war auf meine zukünftige Arbeit bezogen gewesen. Wie ich meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Das würde ohne Mann zwar schwierig, aber bestimmt ging ein Vampirmeister wie Meister Xelus auch als männlicher Familienangehöriger durch. Und sonst konnte ich mich immer noch um Haus und Hof bei ihm kümmern und … sollte er eine Gemahlin haben, ginge ich ihr einfach zur Hand. Irgendetwas würde sich schon finden lassen.
Schweigend ritten wir weiter, beziehungsweise er ritt, ich sass vorn an seiner Brust gelehnt auf dem Pferd und wartete aufs Nimmermehr. Und das Warten wurde lang. Und länger. Und noch länger. Die Bäume zogen an uns vorbei, Büsche, Gestrüpp, Felder, Wälder, Gebirge. Noch nie hatte ich so viel wechselnde Natur gesehen, aber irgendwann wurde auch sie eintönig und von dem Schmerz in meinem Hinterteil überschattet.
Meine Gedanken schweiften wieder zu meiner zukünftigen Berufung zurück. Würde er mir erlauben, arbeiten zu gehen? Würde es bei ihm so sein, wie es früher gewesen war? Kein unaufgefordertes sprechen und immer wieder Bestrafungen? Würde ich überhaupt bei ihm leben? Das hatte ich mich bisher noch gar nicht gefragt, doch nun … vermutlich nicht. Gerade wenn er Frau und Kind haben sollte, konnte ich doch deren Familienharmonie nicht einfach stören. Das ziemte sich nicht!
„Was geht dir durch den Kopf, Kl… Rjna?“
Er hatte sich korrigiert. Und dennoch war ich zusammengezuckt. Diese Kosenamen wollte ich nie wieder hören müssen. Wobei es einen Kosenamen zu nennen nicht wirklich zutraf. Es war mehr ein … abwertendes Wort. ‚Die Kleine‘, die alles machen musste, was der Herr befahl. ‚Das Mädchen‘, welche als Blutsklavin gehalten wurde und somit zum weltlichen Besitz von jemandem gehörte, wenn mein Wert auch nicht besonders gross gewesen sein konnte. ‚Das Ding‘, welches man herumschubsen konnte, wie es einem gefiel, und es dabei hilflos mit sich machen liess, was auf es zukam. Aber ich hatte mich auch nie wirklich nennenswert geweht, also konnte ich diese Schuld wohl oder übel auf meinen eigenen Schultern abladen.
„Das wollt Ihr nicht wirklich wissen“, murmelte ich abwesend. „Aber eine Frage hätte ich da, Meis… ähm …Xelus.“ Ein Stirnrunzeln später signalisierte er mir, mithilfe der Verlagerung seines Gewichts auf dem Pferd, dass ich fortfahren solle. „Nun, ich habe mich gefragt … das mit dem Einkaufen und Spazierengehen hört sich wirklich wundervoll an …“
„Das hört sich stark nach einem ‚aber‘ an?“, stellte Meister Xelus unverwandt fest.
„Was soll ich arbeiten? Ich habe nie etwas gelernt. Zu…“ Beinahe hätte ich ‚Zu Hause‘ gesagt. Aber so eins hatte ich ja nun nicht mehr. „Früher half ich immer im Haushalt mit, hielt die Hütte sauber und bemühte mich, etwas zu Abendessen zu finden. Aber in einer Stadt … da weiss ich nicht …“ Mein Mund wollte noch weit mehr unsinniges Zeug reden, und so würgte mich Meister Xelus irgendwann mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.
„Mach dir darüber keine Sorgen, Rjna.“
„Wie meint Ihr das?“
„Du wirst als mein Abkömmling ganz sicher keiner Arbeit nachgehen und auch um mein Haus, in dem auch du leben wirst, brauchst du dich ebenfalls nicht zu kümmern. Meine Bedienstete macht ihre Arbeit hervorragend. Du brauchst dich also um rein gar nichts zu kümmern.“
Mit offenem Mund und verrenktem Hals starrte ich zu ihm hinauf. „Aber…“
„Nichts da mit ‚aber‘! Wie sähe das denn aus, wenn einer der Offiziere des Königs seinen Abkömmling arbeiten liesse? Es würden Gerüchte verbreitet, dass ich nicht ausreichend für dich sorgen könnte oder dass der König mich zu schlecht entlohne. Und wenn das ganze den König in Verruf brächte, ihn diskreditierte, hast du eine Ahnung, was dann los wäre? Also nein. Du gehst ganz sicher nicht arbeiten“, unterbrach mich Meister Xelus bestimmt.
„Oh.“ Ich schluckte. „Offizier?“
„Ja, ich bin Offizier des Königs. Das heisst, ich unterstehe direkt einem der beiden Hauptmänner des Königs. In meinem Fall …“ Seine Mundwinkel zuckten und sein Kopf nickte in Richtung Tadurial. „Dem Vertreter des Hauptmanns der Externen Einheit des Königs. Er ist für alles Auswärtige zuständig, also alles ausserhalb der Stadt.“
Ich runzelte die Stirn. Tadurial … war … Hauptmann? Aber er war doch im Kerker gewesen? Unterbewusst kuschelte ich mich weiter in Meister Xelus’ Umarmung hinein. Es war kalt. Es fröstelte mich. Welchen Mond wir wohl schrieben? Das Mondesystem regelte unsere Jahreszeiten und gab dem Jahr eine Struktur. Angefangen bei Primdis, dann Primdos, Sekdis, Sekdos, Terdis, Terdos, Quardis, Quardos, Quindis, Quindos, Sexdis, Sexdos, Sepdis, Sepdos, Okdis und schliesslich Okdos.
Das waren die Namen unserer sechzehn Monde. Jeder davon dauerte fünfzehn Tage und startete immer dann, wenn der Mond entweder ganz voll oder ganz leer war. Alle Monde, die dann starten, wenn der Mond voll war, besassen das Ende -dis, während die Monde, die bei Leermond starteten, Enden mit -dos besassen.
Den Legenden nach verlangten einst beide Götter einen Teil der Welt. Der eine böse, der andere gut. Der eine dunkel, der andere hell. Der eine der Tod, der andere das Leben.
Sie stritten sich um unsere Welt, eine Zerstörung verursachend, wie die Erde sie noch nie gesehen hatte. Doch kurz bevor die Welt in Stücke riss, teilten sie die Monde untereinander auf. So erhielt der Helle die Monde mit -dis und der Dunkle die Monde mit -dos. Auf diese Weise wurden sie beide geehrt. Der Tod, wie auch das Leben.
So zumindest die Legenden, die mir Mutter früher erzählt hatte. Damals, als ich noch ganz klein gewesen war. Damals, als sie noch mehr als einen abschätzigen Blick für ihre Tochter übrig gehabt hatte.
Den Tag hindurch war ich noch einige Male kurz weggedöst. Aber immer war ich im sicheren, wohlbehüteten Griff meines Meisters erwacht. Geredet hatten wir nicht mehr viel, abgesehen von einigen Ausführungen und lustigen Anekdoten, die mir Meister Xelus zur Umgebung erzählt hatte.
Einmal machte er mich auf einen ganz bestimmten Baum aufmerksam. Er war alt, knorrig und sah aus, als hätte er seine besten Tage längst hinter sich. Meister Xelus hatte mir erzählt, dass vor etwas mehr als zwei Jahrtausenden, genau dort unter den Blättern dieses Baumes, sein Pferd seinen letzten Atemzug getan hatte. Auch, dass wir uns nun genau auf diesem Pferd befanden, erklärte er. Einen Moment lang wäre ich ohne Zögern bereit gewesen, ihn für geistig krank zu erklären, wäre da nicht Tadurials ernste, bestätigende Reaktion gewesen.
Diesen hatte ich überdies den ganzen Tag ganz vorbildlich versucht zu ignorieren. Ich fühlte mich einfach nicht wohl mit ihm. Punkt. Er war mir unheimlich und ich mochte ihn nicht. Schluss, aus, fertig.
Den ganzen Tag hatte ich immer wieder meine Hände durch Storks weiches Fell und die Mähne, die seinen Kopf zierte, streichen lassen. Und den ganzen Tag konnte ich mir schon von Meister Xelus anhören, dass es ihn sowieso nicht mehr interessiere, denn er sei ja schliesslich tot. Irritieren liess ich mich davon aber nicht.
„Ich bin auch tot und mag es trotzdem, etwas Zuwendung zu bekommen!“, antwortete ich da stoisch erhobenen Hauptes. Tadudurial brach in einen Lachanfall aus, derweil Xelus’ Griff um mich deutlich stärker wurde. Überrascht keuchte ich auf. Meine Hände fanden Meister Xelus’ Arme und versuchten sie instinktiv zu lockern. „Ich bekomme keine Luft!“
„Wenn du dich noch beklagen kannst, hast du noch Luft zu viel“, brummte er.
„Aber so ist es doch, nicht wahr?“ Mit aller Kraft drückte ich seine Arme auf. Undeutliches Zeug brummend, liess Meister Xelus mich schliesslich gewähren. „Ich lebe nicht mehr“, stellte ich fest und schluckte. „Mein Herz ist still. Zu atmen, nicht vonnöten. Und essen kann ich nicht einmal mehr.“
Im Nachhinein wusste ich nicht mehr, welch Pferd mich da geritten hatte. Noch nie hatte ich einfach meine Meinung kundgetan. Einfach gesagt, was ich sagen wollte. Doch es tat mir gut. Ich spürte, dass ich das bei Meister Xelus durfte. Er würde mir nichts tun, das hatte ich mittlerweile begriffen. Und er schützte mich. Das hatte er schon unter Beweis gestellt, als er Tadurial davon abgehalten hatte, mit Fragen über mich herzufallen. Doch von Zeit zu Zeit glitt mein Blick unsicher und prüfend, ob der Grünäugige nicht vielleicht doch meiner Kühnheit überdrüssig geworden war, nach rechts.
„Rjna? Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Ja. Ja, alles bestens.“ Mir war klar, dass er mir das nie und nimmer glauben würde. Doch er liess mir den Freiraum, den ich brauchte, und fragte nicht weiter nach. Sein Griff um mich herum, wurde aber wieder etwas fester und drückte mich stärker an seine Brust. Wo ich mich wohlig hineinkuschelte. Dass ich sowas je machen würde …
Vater und Mutter hatten sich nie so verhalten. Nie! Nicht einmal, wenn der Dunkle persönlich auf die Erde gekommen wäre, hätte Vater Mutter so in den Arm genommen! Die einzige Zärtlichkeit, die die beiden regelmässig austauschten, war, wenn Mutter im Schlafraum schrie und Fredi und ich im Wohnraum sassen und die Anweisung hatten, nicht in den Schlafraum hineinzugucken. Eine Tür hatten wir ja nur nach draussen gehabt, also die Hüttentür.
Möglichst unauffällig schüttelte ich den Kopf. Nein! Ich wollte nicht daran denken! Ich wollte nicht!
„Meister Xelus?“
„Nur Xelus Rjna.“
„Könnt ihr noch eine weitere Geschichte erzählen?“ Nachdenklich hob er den Kopf nach oben zum Himmel und überlegte. „Keine mit einem toten Pferd, bitte“, erklärte ich schnell, bevor er nochmal auf solch makabere Ideen kam. „Ich möchte gern eine schöne Geschichte hören“, fügte ich kleinlaut hinzu.
Ein Glucksen erklang. Und dann begann Meister Xelus auch schon zu erzählen. Ihm zuzuhören, war wahrlich eine Wohltat. Seine Stimme glitt sanft über Flüsse, Meere und Seen hinweg. Über Gebirge, von denen ich noch nie gehört hatte, mit Namen, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht auszusprechen wagte und bald schon, lullte mich seine sanfte Stimme wieder in den Schlaf.
Als ich hochschreckte, wie sollte es auch anders sein, hielten wir, allen Anschein nach, gerade an einem schmalen Fluss. Die Sonne hatte ihre letzten Strahlen getan und wir stiegen ab. Meister Xelus half mir vom Pferd.
Mit einem Nicken zu dem Jungen, der uns begleitete, und mir hin, sprach Meister Xelus: „Tad, du bleibst wieder hier mit den beiden, währenddessen ich Jagen gehe.“
Tadurial nickte sofort. Ich jedoch erhob hastig Einspruch. „Nein!“ Das war vielleicht etwas zu laut gewesen.
„Was?“ Meister Xelus schaute mich verblüfft an.
„Ich … ich möchte … K…kann ich mitkommen?“ Denn mit Tadurial allein bleiben wollte ich auf keinen Fall!
Beide Augenbrauen hochgezogen, starrte mich mein Vampirmeister an. „Bist du sicher, dass du dafür schon bereit bist?“, fragte er vorsichtig nach, wobei ihm seine eigene Meinung zu dieser Frage offen ins Gesicht geschrieben stand. Und nein, verdammt, natürlich wollte ich das nicht. Aber es war noch immer besser als mit Tadurial allein bleiben zu müssen!
„Ja!“, meine Stimme klang verblüffend kraftvoll, dafür, dass ich mich am liebsten einfach weggerannt wäre. Und das empfand nicht nur ich so, sondern auch meinem Vampirmeister erging es nicht anders. Auch er war überrascht.
Doch er funkelte nicht lange. Mit einem nicken in Richtung Wald forderte er mich stumm auf, ihm zu folgen. In einen unbekannten Wald hinein, bei Dämmerung. Na wunderbar.
Ängstlich und mit unsicheren Schritten folge ich ihm durch den dichten Wald, bis er stehenblieb und ich beinahe in ihn hineinlief. Schnell stolperte ich einen Schritt zurück und sah mich um. Die letzten Sonnenstrahlen warfen, wenn sie es denn noch durchs Blätterdach schafften, lange Schatten. Es war dunkel und gespenstisch. Die unheimliche Stille liess mich frösteln.
Seufzend drehte sich Meister Xelus um. „Also, sagst du mir jetzt auch die Wahrheit oder soll ich lieber Tadurial holen gehen, damit du mit ihm jagen gehen kannst?“ Stocksteif stand ich da und brachte kein Wort über die Lippen. „So ist das also“, murmelte er nachdenklich.
„Tut mir leid“, flüsterte ich heiser und richtete den Blick beschämt zu Boden. „Es ist nur … er ist …“, fing ich stotternd an, wurde aber unterbrochen.
„Rjna.“ Sein mahnender Ton sandte mir kalte Schauer den Rücken hinunter. In mir machte sich einmal mehr dieses beklemmende Gefühl breit. Als ob mir der Atem abgedrückt würde. Ich mochte dieses Gefühl nicht. Nein, ganz und gar nicht! Aber das konnte er nicht wissen, denn er kannte – hatte Vater nicht gekannt. „Sieh mir in die Augen, wenn du mit mir sprichst“, verlangte er mit fester Stimme. Schwer schluckend zwang ich mich dazu, den Blick zu heben. Seinen rotäugigen Blick zu entgegnen. „Nun?“, wollte er wissen.
„Ich … fühle mich bei ihm nicht wohl, Mei… äh, Xelus. Er ist gruselig.“ Letztes war zwar nur geflüstert, gehört hatte er es trotzdem.
„Verstehe“, brummte er nur und wandte sich wieder dem Wald zu.
In mir wollte sich Erleichterung breit machen. War das alles gewesen? Keine Bestrafung? Ich wurde noch nicht einmal gerügt? Ein grösserer Irrtum war mir schon länger nicht mehr untergekommen.
„Also jetzt pass gut auf“, verlangte er, sich mir halb zuwendend, halb nach vorne schauend. „Bei der Jagd ist es immer wichtig, dass dein Geruch nicht zum Wild getragen wird. Das heisst, optimalerweise stehst du so, dass der Geruch des Wildes zu dir kommt. So kannst du das Tier, mit deinem verbesserten Geruchssinn, mit etwas Übung auch gut orten.“ Er nahm das tatsächlich ernst. „Konntest du mir so weit folgen?“ Knapp nickte ich, doch er ermahnte: „Bitte antworte mit Worten, Rjna. Ganz generell. Wenn wir in der Stadt ankommen, gehört das zu den Anstandsregeln, also gewöhn es dir schnell an.“
Ich schluckte schwer. „Ja, Meister.“ Meine Wortwahl brachte mir einen unzufriedenen Blick ein, für den Moment liess er es aber gut sein. Eigentlich war es noch nicht einmal meine Absicht gewesen. Es war mir einfach so rausgerutscht.
„Gut, jetzt achte dich auf den Wind. Riechst du es?“
Vorsichtig streckte ich meine Nase etwas höher und schnupperte. Ja. Da war ein moschusartiger Geruch. Aber so roch Wald nun mal. Nach Natur und Blättern. Äh … den Wald?“, setzte ich einfallslos an, erzitterte allerdings im nächsten Moment unter meines Meisters strafendem Blick. Hier bekam ich also das erste Mal, den Meister in meinem Meister zu sehen.
„Rjna, streng dich an. Das ‚äh‘ streiche bitte sofort aus deinem Wortschatz, auch das findet keinen Platz in der Sprache einer jungen Vampirin aus gutem Hause.“
Meine Augen wurden mit jedem Wort grösser. Genauso wie der Kloss in meinem Hals. Eine Vampirin aus gutem Hause? Ich nickte schnell. So hatte ich Meister Xelus noch nicht erlebt. Sonst war er doch immer freundlich … geduldig und zuvorkommend. War dies hier sein wahres Ich? Oder war er nur so, weil er damit etwas erreichen wollte? Und wenn ja, was?
„Da!“, sagte ich und streckte meinen Zeigefinger in irgendeine Richtung aus. „Da rieche ich was!“ Ich roch Wald. Überall nur Wald. Einfach, weil es nichts anderes zu riechen gab!
„Gut. Geh voran und führe uns hin“, ordnete Meister Xelus an, woraufhin ich unweigerlich die Führung übernehmen musste. Und während ich so durch den Wald lief und mit jedem Schritt mehr meine Orientierung verlor, keimten Zweifel in mir. Das war eine schlechte Idee gewesen. Wäre ich doch nur bei Tadurial geblieben! Er war gruselig, aber Unfreundlichkeit und Ablehnung war ich immerhin gewohnt.
Es sich zu wünschen, brachte jetzt aber zweifellos auch nichts mehr. Irgendwann blieb ich stehen und sah mich, ungeduldig auf meiner Unterlippe kauend, um. Ein paar zaghafte Schritte nach vorn folgten, nur um dann ratlos wieder stehenzubleiben. So wiederholte sich dies einige Male, bis ich schliesslich mit dem Kopf voran gegen einen Baum lief und leise aufstöhnte.
Ich war mir sehr sicher, dass Meister Xelus mich davor hätte bewahren können. Aber scheinbar hatte er das nicht gewollt.
Da standen wir. Schweigend. Wollte er wirklich, dass ich es aussprach? Zögerlich linste ich hinter mich, doch auf mein Zögern folgte nur noch mehr Schweigen. Also drehte ich mich um, sichtlich meines Mutes beraubt.
Mit erwartungsvoll hochgezogenen Augenbrauen stand er da. Nach einer Weile sprach er: „Und? Sind wir da?“ Da war kein Stückchen Belustigung, sondern nur tiefster Ernst in seiner Stimme. Mist, verfluchte Mäusekacke, ah!
„Ich … habe den Geruch glaub verloren“, gestand – log ich, wie auch schon zuvor.
„Aha.“ Fragend blickte ich zu ihm auf. „Na, dann such ihn wieder und ich folge dir.“
Das konnte er doch nicht ernst meinen! Ich würde … einfach zurück zum Lager laufen. Hunger, äh, Durst hatte ich sowieso keinen, also kein Problem! Ja! Mit neuem Mut, und dennoch irgendwie schlecht fühlend, drehte ich mich wieder um. Oder doch, ein Problem. Wo war das Lager? In welche Richtung musste ich gehen? Ah! Ich könnte mir alle Haare vom Kopf reissen! So ging das doch nicht!
„Könnt … Ihr mir nicht helfen?“, fragte ich vorsichtig nach, doch das hätte ich mir schenken können. Seine Miene war streng, seine Arme vor der Brust verschränkt.
„Könnte ich“, kam die distanzierte Antwort.
Na, herzlichen Dank. Gut. Dann liefe ich eben einfach in irgendeine Richtung. Und das so lange, bis wir entweder auf ein Tier trafen, beim Lager ankamen oder ich beim Laufen einschlief. Und das zog ich auch genau so durch.


































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