Kapitel 3 – Perspektiven
Kapitel 3 – Perspektiven
Aurelie
Stunden später schüttelte ich noch immer den Kopf. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, wie sein Glied unter meinem Po hart geworden war, wie er schon wieder nur eins im Kopf gehabt hatte und das in einem so schönen Moment.
Er hatte so unermesslich traurig, ja gar zerstört gewirkt, als er erzählte, wie er nach mir gesucht hatte. Im Feuer. Jetzt wusste ich, woher er die ganzen Verbrennungen hatte. Augenblicklich fühlte ich mich schlecht. Hätte ich bei ihm bleiben sollen? Oder vielleicht sogar bei ihm liegen, als Dank dafür, dass er uns da rausgeholt hatte? Aber andererseits hatte er uns auch eingesperrt.
Nein. Es war schon richtig gewesen, nicht Danke zu sagen. Und auch bei ihm liegen wollte ich nicht. Natürlich hatte ich mittlerweile auch gewisse Bedürfnisse entwickelt, doch da leistete ich sehr gut selbst Abhilfe. Und wenn das nicht reichte, dann verwöhnten Lyssa und ich uns gegenseitig. Das war genauso gut.
Lüge, schrie mich mein Verstand an. Du weißt genau, mit ihm hat es dir besser gefallen!
Klappe!, schrie ich zurück und gab mir Mühe, mich auf die schlafende Lyssa vor mir zu konzentrieren. Mir war schummrig, ja, aber das hieß doch nicht, dass ich ihr nicht helfen konnte. Ich würde ihr mein Blut anbieten. Vielleicht musste ich es ihr morgen irgendwie unterjubeln. Ich wusste nicht, ob sie es freiwillig tränke, oder am Ende noch das Bedürfnis aufkäme, sich selbst leiden zu lassen wegen … allem? Ihrer Tochter? Den Jahren des Eingesperrt seins? Ihrer Familie? Ihrem Verlobten? Einfach eine Mischung aus allem?
„Ach, Lys …“, murmelte ich leise, zog mich aus und schlüpfte zu ihr ins Bett. Mit ihr schlief ich immer nackt. Wussten die Götter wieso, aber es fühlte sich schön an, Haut an Haut zu liegen. Als ich mich an sie ankuscheln wollte, rümpfte ich angeekelt die Nase. Och, Mensch!
Ich stand auf und begann Lyssa das leichte Negligé auszuziehen, welches sie bei Ausbruch des Brandes getragen hatte. Es stank fürchterlich. Nach Rauch, Feuer und nach Tod. Ja, ich hatte wieder ein paar Leben mehr auf dem Gewissen. Ich holte kurzerhand einen feuchten Lappen aus dem Bad und begann, Lyssa grob zu waschen. Da war immer noch Ruß. Und ein paar Verbrennungen. Dass sie trotz allem nicht aufwachte, sagte mir nur, wie sehr der Tag sie erschöpft hatte. Vielleicht aber auch der Gedanke, was nun folgte.
Ich legte mich neben sie und starrte eine Weile an die Zimmerdecke. Die Bettdecke hatte ich mir bis zur Nasenspitze gezogen. Meine Zimmer waren offenbar nicht anständig geheizt worden in der letzten Zeit. Nun, wieso auch, es war schließlich keiner hier gewesen. Meine Gedanken schweiften zu den toten Vampirinnen. Und ich fragte mich, ob ich krank war. Denn ich fühlte nichts. Nicht das Geringste. Außer vielleicht eine gewisse Leere. Eine Einsamkeit, die ich nicht zu verordnen wusste.
Mit einem Blick auf die tief schlafende Lyssa, schnappte ich mir eine der Kuscheldecken, die in der Truhe am Fußende des Bettes verstaut waren, wickelte sie um meinen Körper und stakste auf Zehenspitzen zu der Verbindungstür. Was genau ich mir da überlegt hatte, wusste ich selbst nicht. Vermutlich hatte ich gar nicht erst gedacht.
Als ich nach dem Türgriff greifen wollte, griff meine Hand ins Leere. Irritiert zog ich die Hand zurück, machte dafür aber einen Schritt vor. Wieso war die Tür offen? Und warum hatte ich das nicht bemerkt?
Eine Kerze brannte auf seinem Nachttisch. Daneben erkannte ich seine Silhouette, auf seinem Bett sitzend. Er hatte ein Buch aufgeschlagen und las darin.
In Anbetracht dessen, dass ich unter der Decke nichts anhatte, beschloss ich nicht lange in der Gegend herumzustehen, sondern mich einfach hinzulegen. Es zog mich geradezu zu ihm hin. Ich ging um sein Bett herum und kletterte aufs Bett. Dort schlüpfte ich schnellstens unter seine Decke und lehnte mich wortlos an ihn an. Sein Geruch betörte mir die Sinne, und ließ das Gefühl des Alleinseins vergehen.
Cyrus klappte das Buch zu und legte es zur Seite. „Ist alles in Ordnung?“ Er streichelte über meine Stirn und schob meine Haare beiseite.
„Ich weiß nicht. Ist es normal, Leute zu töten und dann nichts zu fühlen?“, fragte ich leise. Vermutlich war ich einfach komplett kaputt.
Er rutschte auf dem Bett ein wenig beiseite, um mich besser ansehen zu können. Sein Blick ruhte ernst und nachdenklich auf mir. „Ich denke, es überfordert dich gerade einfach. Die Gefühle kommen noch. Immerhin hättest du auch sterben können.“
„Und damit der Rest der Welt, ja ich weiß“, brummte ich. Ich konnte es nicht mehr hören. Und ich hasste es, daran erinnert zu werden, dass dies der einzige Grund für mein Fortbestehen war. Und doch lag ich jetzt bei dem Mann im Bett, der mir – würde Ignis-Roburs Stern bei meinem Tod nicht vom Himmel fallen – bereits die Kehle durchgeschnitten hätte.
Anstatt das Messer der Verachtung tiefer in meine Wunde zu treiben, legte sich Cyrus neben mich und sah mir in die Augen. „Mach dir nicht zu viele Gedanken, Aurelie.“
Wieso nur nannte er mich immer so? Ich hasste diesen Namen! Ich konnte ihn nicht ausstehen!
Anstatt es ihm zu sagen, kuschelte ich mich näher an ihn heran und vergrub mein Gesicht an seiner Brust. Mein Körper schmiegte sich wie von selbst an ihn. Nur die umgewickelte Kuscheldecke hielt mich noch davon ab, Haut an Haut mit ihm zu liegen. Denn wie immer trug er nur eine Schlafhose und nicht mehr. Nun, ich hoffte zumindest, er trug sie auch heute. Gesehen hatte ich sie nicht.
Sein Arm legte sich um meine Taille und zog mich noch näher an ihn heran. „Schlaf gut“, murmelte er und küsste meine Stirn.
Es dauerte nicht lange, bis mich die Welt der Träume für sich eingenommen hatte. Und so sehr mir der Tod der anderen Vampirinnen im Wachzustand noch egal erschienen war, so schrecklich nahm er mich in meinen Träumen mit. Abgebrannte Körperteile, leere, hohle Augen, in denen niemals wieder das Licht der Sonne reflektieren würde, und ein zerrender, ekelerregender Geruch verfolgten mich, bis ich meine Augen wieder aufschlug.
Cyrus‘ Arme hatten mich eng umschlungen. Und wäre da nicht noch immer dieser Geruch in meiner Nase gewesen, dann hätte ich dieses Aufwachen zweifellos genossen. So aber kämpfte ich mich schnellstmöglich aus seiner Umarmung, nur um dann, vollkommen nackt, in sein Badezimmer zu rennen und meinen Mageninhalt dem Abort zu übergeben.
Göttin, du meinst es wirklich nicht gut mit mir, oder?
Meine Hände umklammerten kräftig den Sitz. Ich würgte, gleich darauf spürte ich hinter mir eine Präsenz, die mir die Haare hielt und mir von hinten Wärme spendete.
„Besser?“ Die breite Brust schmiegte sich fester von hinten an mich, während er eine Hand unter meinem Arm hindurchschob und sie auf meinen Bauch legte, um ihn vorsichtig zu massieren. „Möchtest du etwas Blut trinken? Oder Wasser?“
„Wasser …“ Ich stützte mich auf und drückte mich nach hinten an seine Brust. Meine Augen starrten wie paralysiert nach vorn. „Du hattest recht. Sie holen mich ein.“
Cyrus streichelte meine Schulter. Aber schon nach wenigen Momenten stand er auf. Kurz darauf kam er mit einem Glas Wasser zurück, das er mir in die Hand drückte. „Möchtest du darüber reden?“ Er hob mich hoch und brachte mich zur Waschschüssel, wo ich mir den Mund gründlich auswaschen konnte.
Kurz darauf saß ich wieder in seinem Bett und er legte die Decke um mich. Ich schüttelte den Kopf und streckte schwach eine Hand nach ihm aus. Ich wollte jetzt seine Nähe. Einfach gehalten werden.
Er nahm mir das Glas aus den Händen, rutschte etwas näher heran und hielt es mir an die Lippen. „Bist du müde? Möchtest du noch etwas schlafen?“ Seine freie Hand streichelte meine Schulter, doch ich schüttelte stumm den Kopf. Schlafen wollte ich ganz sicher nicht mehr. Ich lehnte mich an ihn an und ließ mir die erfrischende Flüssigkeit einflößen.
Eine ganze Weile lagen wir so da und ich ließ mich im Arm halten. „Wehe, du kommst wieder auf die Idee, ich sei in anderen Umständen“, grummelte ich und kniff ihm ins Bein. Vampire wurden nicht so schnell schwanger, und das wusste er auch. Dass er das letzte Mal, als ich mich übergeben hatte, gleich die Kräuterfrau hatte rufen lassen … nun, für meine Gesundheit war es wirklich gut gewesen, aber es war gänzlich unmöglich, nach einer Woche ein Kind empfangen zu haben.
„Nein, sicher nicht. Du hattest einen … unschönen Tag.“ Er legte beide Hände um mich herum und legte sie auf meinem Bauch ab. Dann platzierte er sein Kinn auf meiner Schulter. „Möchtest du über etwas anderes reden?“
„Hm …“, machte ich nachdenklich. Über die Eventualität, vielleicht einmal ein Kind mit ihm zu haben? Der Gedanke selbst entzückte mich, aber die Tatsachen schmähten diese Freude. Etwa die Tatsache, dass ich es niemals kennenlernen würde. „Etwas, worüber wir uns nicht streiten?“ Mir fiel da nichts ein. Aber vielleicht war er einfallsreicher. Denn jetzt zu reden wäre wichtig, in Anbetracht dessen, dass mir die Augen wieder zuzufallen drohten.
Er lachte leise. Ich konnte seine Lippen an meiner Schulter lächeln spüren. „Wenn es dir morgen besser geht … wollen wir dann noch einmal runter in diese Kammer? Ich möchte mir die Gegenstände genauer ansehen, die dort unten liegen.“
„Natürlich, das können wir machen.“ Die Reliquienkammer also. „Wir haben die Schatzkammer noch nicht gefunden“, seufzte ich. „Wie sieht es mit den Finanzen aus? Kommen wir gut durch? Die Entlohnungen der Diener?“
„Ja, um die Schatzkammer zu finden, brauche ich deine Hilfe. Du kannst in den nächsten Tagen immer wieder danach suchen. Aber du musst auch auf Lyssa aufpassen. Die Finanzen sind nicht perfekt, aber wir können die aktuellen Ausgaben decken. Mehr ist allerdings nicht möglich.“
„Verstehe.“ Ein kleines Glücksgefühl wallte in mir auf. Er hatte mir die Frage nicht abgeschlagen. Kein ‚das geht dich nichts an‘! „Dann werde ich die nächsten Tage wohl in Dunkelheit verbringen.“ Und noch einmal nach diesem mysteriösen Ei schauen gehen.
„Im Übrigen hat Tyra zugestimmt. Der Herzog Lelier wird in der Nähe von ihrem Hof ein Frauenhaus bauen, und Tyra wird es leiten. Eine so wichtige Aufgabe gibt ihr hoffentlich etwas Lebensmut zurück.“
„Das ist gut. Als sie hier war, war sie vollkommen verstört. Hoffentlich geht es ihr besser.“ Ich drehte mich um und machte es mir auf Cyrus‘ Brust bequem. Dort schmiegte ich mich wohlig an und stieß ein leises Seufzen aus.
„Nach allem, was ihr widerfahren ist, wird nichts mehr so sein wie vorher. Aber neue Aufgaben helfen. Du wirst auch Lyssa neuen Lebensmut geben müssen. Wir können sie nicht gehen lassen. Jeder glaubt, sie sei seit über zweihundert Jahren tot.“
Jetzt spannte ich mich an. „Aber Cyrus, sie hat es verdient, leben zu dürfen!“ Ich stützte mich auf. „Ein freies Leben! Nicht gefangen … Willst du sie die nächsten viertausend Jahre einsperren? Sie ist noch so jung! Das kannst du ihr nicht antun!“
„Was schlägst du dann vor? Willst du, dass sie einen neuen Namen bekommt und in ein anderes Reich geht? Glaubst du, sie wird nie nachforschen, wo ihre Eltern sind? Ihr Verlobter? Ihre Tochter?“
„Aber ihr Verlobter, ihre Eltern könnten doch wirklich noch leben! Ihr Verschwinden lässt sich irgendwie erklären. Das ist kein Grund, ihr den Rest ihres Lebens zu nehmen!“ Den Blick auf seine Brust gesenkt, fügte ich leiser hinzu: „Du hast ihr schon genug genommen, Cyrus. Nicht noch mehr, ich flehe dich an.“
„Sie leben. Ihre Eltern und auch ihr Verlobter, der im Übrigen nicht geheiratet hat. Aber was passiert, wenn sie zu ihren Eltern zurückkehrt? Sie war damals noch sehr jung. Glaubst du wirklich, sie kann die letzten zweihundert Jahre vergessen und jemals ein normales Leben führen?“ Seine Hände streichelten sanft über meinen Rücken.
„Sie wird darüber hinwegkommen. Sie braucht nur etwas Zeit. Und Hoffnung. Perspektive.“
„Und was wird sie wegen dem Kind machen?“ Cyrus stoppte seine Hände, die nun warm auf meinen Schulterblättern ruhten.
„Sie hat bereits akzeptiert, dass es neue Eltern hat.“ In einem Anflug von Wut knuffte ich ihm unsanft in den Bauch. „Hast du eigentlich eine Ahnung, in welche Lage du mich damit gebracht hast?“
„Es war eine dumme, unüberlegte Tat, die ich im Nachhinein bereue. Es waren nur Kinder …“ Er nahm seine Hände von mir und rutschte unter mir weg.
Ich seufzte, drehte mich zur Seite und stützte mich seitlich auf. „Kennen wir ihre Eltern? Oder den Verlobten? Wir könnten sie einladen.“
Sein Gesicht verdunkelte sich ein wenig. „Mir sind die Namen bekannt, ja. Aber erst will ich mit ihr reden. Darüber, wie sie sich ihr weiteres Leben vorstellt.“ Seine Hände glitten über meinen Arm. „Das hat für mich aber aktuell keine Priorität.“
Er verschwieg mir die Namen, das entging mir nicht. Dennoch erschauderte ich unter seiner sanften Berührung. Wieso nur konnte er nicht immer so sein?
„Du hast doch gesehen, wie sie sich ihr Leben momentan vorstellt. Es erscheint ihr der einfachere Weg zu sein, die Götter zu erzürnen.“ Indem sie sich den Balkon hinabstürzte.
Als Antwort brummte Cyrus nur. Die Hand auf meinem Arm hielt inne. Und kurz darauf ging sein Atem tief und gleichmäßig. Ich wusste nicht, ob ich schmunzeln, lächeln oder mich gar ignoriert und beleidigt fühlen sollte. Aber er war so schön, wenn er schlief. Und so begnügte ich mich damit, ihn anzusehen. Denn ich selbst wagte es nicht mehr, die Augen zu schließen.























































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