Kapitel 31 – Nayaras Grigoroi
Kapitel 31 – Nayaras Grigoroi
Cyrus
Die Luft klirrte regelrecht vor Anspannung. Ich ging auf den fremden Mann zu. Kein Herzschlag. Keine sichtbare Atmung. Dieser Mann war ein Grigoroi. Je näher ich trat, desto deutlicher wurde der Geruch meiner Frau.
„Wo ist Nayara?“ Nur eine Armlänge trennte uns. Ich war bereit, diesen Mann in Stücke zu reißen. Mein ganzer Körper spannte sich an, Adern drückten sich durch meine Arme und kündeten von dem schwelenden Zorn in mir. Mit jedem meiner Schritte hatte ich den Mann dazu gezwungen, ein Stückchen weiter aufzusehen. Jetzt, wo ich direkt vor ihm stand, schluckte er schwer.
„Also …“
„Sprich!“, knurrte ich und war kurz davor, ihn am Kragen zu packen.
„Sie … ich weiß es nicht …!“
Ich sah nach hinten zu meinen Männern. „Nehmt ihn gefangen! Erst nehmen wir das Schloss ein, dann kümmern wir uns um alles andere.“
Sofort waren Ikzil und Timmok bei dem Mann und zerrten ihn fort. Um ihn würde ich mich später kümmern. Sobald die Kämpfe eingestellt wären. Mit einem Wink bedeutete ich der Truppe, weiter vorzustoßen. Direkt vor den Schlosstüren brachen heftige Kämpfe aus. Zusammen mit Galderon und Timm kämpfte ich an der linken Flanke.
Der Kampf war kurz, aber heftig. Während wir weiter ins Schloss vordrangen, stiegen wir über mehrere gefallene Soldaten: Palastwachen sowie Männer aus dem Osten. Verwundete wurden auf der Wiese vor dem Schloss behandelt. Unabhängig davon, ob sie zuvor noch mit oder gegen uns gekämpft hatten.
Sobald der letzte Widerstand geschlagen war, ergaben sich die Männer.
Erleichterung machte sich in mir breit, während ich mich in der großen Eingangshalle umsah. „Timm!“
Mein Grigoroi trat auf mich zu und neigte das Haupt. „Mein König!“
„Galderon und Stinan sollen mit treuen Wachen den Palast durchsuchen! Ikzil soll sich mit Graf Targes einen Überblick verschaffen, wer gefallen ist. Und du wirst die Männer der Stadt- und Palastwache in den Thronsaal bringen. Und den Grigoroi von vorhin! Den zuerst!“
Timm nickte knapp und entfernte sich, um meine Befehle weiterzuleiten.
Ich betrat den Thronsaal. Vereinzelt hörte ich im Schloss noch Kampfgeräusche, aber bis zum Einbruch der Nacht würde das Schloss wieder mir gehören. Schritte näherten sich. Kurz darauf betrat Timm zusammen mit dem fremden Grigoroi den Saal. „Lass uns allein, Timmok!“
Mein Grigoroi haderte, knickte dann aber ein, nickte leicht und schloss die großen Flügeltüren hinter sich.
Das mit Blut besudelte Schwert, das ich bis eben noch in der rechten Hand gehalten hatte, ließ ich laut scheppernd zu Boden fallen. „Wer bist du?“
Der Mann zuckte zurück. „Ich bin … ein Niemand, Majestät. Ein Diener, nur ein Diener im Schloss.“
Nur einen Augenblick später war ich bei ihm und legte meine Hände um seinen Hals. „Wieso riechst du nach meiner Frau?!“ Selbst jetzt noch konnte ich sie riechen.. Alles an ihm roch nach ihr. Selbst sein Atem!
„Weil…!“ Er würgte, schnappte nach Luft. Widerwillig lockerte ich meinen Griff ein Stück. „Weil ich von ihr getrunken …“ Wieder drückte ich zu. Obwohl ich wusste, dass dies bei einem Grigoroi überflüssig war. Er musste frisch verwandelt worden sein, wenn er glaubte, er müsse noch atmen.
Mit einem festen Ruck schmetterte ich ihn auf den Boden und griff im selben Moment nach meinem Schwert. Dessen Spitze platzierte ich zielsicher auf seiner Brust. „Was hast du ihr angetan?!“
„Was?! Nichts!“ Panisch war sein Blick auf die Spitze meines Schwertes gerichtet. „Bitte! Bitte, mein König, ich habe nur getan, was sie wollte!“ Sein Atem ging hektisch. Dann kniff er die Augen fest zusammen in Erwartung meines Stoßes. „Bitte tötet mich nicht“, flehte er wimmernd.
„Und was wollte sie? Dass du sie fickst?“ Leicht durchbohrte meine Klinge seine Haut. Genug, um den Schmerz zu spüren.
Erschrocken riss er seine Augen auf. „N…nein! Nur … wärme beim Schlafen! U…und, dass ich stillhalte, damit sie mich nicht töten!“
„Du bist ein verdammter Grigoroi! Du kannst keine Wärme spenden!“ Meine Fangzähne schossen heraus und mein Schwert versenkte ich in einer einzigen Bewegung tief in seinen Brustkorb, sodass es erst mit einem lauten, verzerrten Knirschen auf dem Stein unter ihm stoppte.
Blut sprudelte ihm aus dem Mund, während dieser in einem gluckernden Protest geöffnet war. Er versuchte nach Luft zu schnappen, erfolglos, und es machte ihn sichtlich panisch. Die Hände schlangen sich um die Klinge meines Schwertes und versuchten, mehr schlecht als recht, diese wieder aus sich herauszuziehen.
„Hat derjenige, der dich gewandelt hat, dir nichts erklärt? Du kannst auf diese Weise nicht sterben.“ Ich zog die Klinge aus seinem Brustkorb und warf sie weg. Danach nahm ich die Krone ab und strich mit einer Hand durch meine Haare. „Wer bist du und wer hat dich gewandelt?“
„Die“, er keuchte, verschluckte sich dabei und hustete, „Königin!“, krächzte er. „Für Erklärungen blieb keine Zeit.“ Er schluckte hörbar. „Wieso lebe ich noch? Was … was bin ich für ein Monstrum, dass mich selbst ein Stich ins Herz nicht tötet?!“ Seine Stimme hatte einen hysterischen Klang angenommen.
„Es ist nicht mehr dein Herz, dass das Blut durch deinen Körper pumpt. Deshalb kannst du auch keine Wärme spenden.“
Ich wandte mich von dem Grigoroi ab und konnte mir ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen. Nayara hatte also einen Grigoroi erschaffen? Ihren ersten Grigoroi. Und es war ihr auf Anhieb gelungen. Dabei war es alles andere als einfach, so viel Gift zu produzieren und dem Menschen durch einen Biss zu verabreichen. „Welche Befehle gab sie dir?“
Zögerlich stützte sich der Grigoroi auf seinen Armen auf und beobachtete mit einer Mischung aus Bewunderung, Faszination und Ekel, wie sich seine Wunde langsam wieder schloss. „Sie … also ich bin aufgewacht und wollte Blut. Dort hat sie mir befohlen, wieder von ihr abzulassen.“ Er runzelte die Stirn. „Es war, als ob sich jede Faser meines Körpers sträuben würde, sie weiterhin zu Berühren. „Dann hat sie gesagt, wenn die Männer hineinkommen … ganz gleich, was sie tun …“, langsam wanderte sein Blick zu mir hoch, unverhohlene Sorge darin, „dass ich stillhalten soll. Mir nicht anmerken lassen soll, dass ich noch lebe, weil ich sonst sterbe. Aber dann … also, dann haben sie sie mitgenommen. Ich denke nicht, dass sie das erwartet hat. Aber ich habe gehört, wie sie … äh … jemanden angeschrien hat. Dass er mit ihrem Kind … also, dass er es … irgendetwas damit tun will …“ Seine Stirn runzelte sich verwirrt. „Aber es ist mir schwergefallen, mich darauf zu konzentrieren. Ich weiß nicht mehr genau …“
„Was will wer mit dem Kind tun?“, hakte ich knurrend nach. „Denk nach! Was sagte er zur Königin?! Was hat er über das Kind gesagt?“
Angestrengt runzelte sich seine Stirn. „Irgendwas … mit … sie hat geschrien, dass er ihr Kind nicht bekommt. Oder so in der Art. Und … und er meinte, sie solle hoffen, dass es ein Junge werde! Ja, genau!“
„So? Und wer ist dieser Mann? Ist ein Name gefallen?“ Nachdenklich runzelte ich die Stirn. Warum ein Junge? Ein Nachfolger konnte männlich wie weiblich sein. Viele Vampire hatten nur ein oder zwei Kinder. Ganze Familien wären ausgestorben, wenn nur Söhne hätten erben können.
Traurig schüttelte der Grigoroi den Kopf. „Ich weiß es nicht, Majestät. Mein Kopf war … ist … es ist alles so laut. Ich habe nur Gesprächsfetzen verstanden. Dieses ständige Pochen, das ich höre. Es ist so laut!“ Sehnsüchtig glitt sein Blick zu meinem Handgelenk. „Und dieser Durst.“ Er schluckte. „Er macht mich ganz wahnsinnig! Ich habe so einen Durst!“
„Dann sag mir, wie die Stimme klang! War sie streng? Jung? Schwach? War irgendwas besonders daran?“ Mein Blick wanderte durch den Raum. Wer war es, der nach der Krone gegriffen hatte? Ein hoher Adliger? Die Fürsten Andyr und Kretos schloss ich aus. Wer dann? Ein Herzog? Oder jemand aus dem niederen Adel?
„Tief. Rau. Kratzig. Denke ich …“ Durstig zuckte seine Zunge über seine Lippen, während er seinen Blick auf mein Handgelenk fokussiert hielt und sich seine Fangzähne aus seinem Zahnfleisch schoben.
Tief und rau … Das traf auf so ziemlich jeden Mann zu. Und kratzig … Das konnte auch seiner Einbildung entsprungen sein. Ich ging auf und ab. Obwohl ich schon auf unzähligen Festen und Bällen gewesen war, kannte ich noch längst nicht alle Adligen. Erst recht nicht die aus dem Goldenen Reich. Wer war der Unbekannte? Hatten wir ihm mit dem Sturz des alten Königs und seiner Familie vielleicht sogar in die Karten gespielt? Aber warum ein Sohn? Warum wollte unser Kind, und das nur, sollte es ein Sohn werden? Vielleicht, um ins Haus von Ignis-Robur einzuheiraten. Vielleicht hatte dieser Mann eine Tochter.
Wieder dachte ich an den alten Seibling, der versucht hatte, seine Tochter Sharifa, zu verheiraten. Aber Seibling hatte Gilead. Er hätte seinen Sohn auf den Thron setzen und ihn mit Nayara verheiraten können. Die Tochter mit dem erstgeborenen Sohn. Einzig Ashur und Alexander hätte er dafür töten müssen. Dann hätte Gilead am Hof von Kathia und Herold gar nicht auf Nayara aufgepasst, sondern ihre Entführung geplant! Er hatte sich all die Monate direkt vor meiner Nase aufgehalten, kannte alle Pläne und wusste, wie er sie verraten konnte! Aber Gilead war nicht hier gewesen die letzten Tage. Dieser Grigoroi konnte nicht ihngehört haben. Er musste Helfer haben. Wahrscheinlich hatte er alles hier haarklein aufgebaut und geplant! Oh, dieser miese Verräter! Er war noch schlimmer als sein Vater!
„Du bleibst hier!“, schrie ich wütend und verließ den Thronsaal.
Davor packte mich Timm jedoch sofort am Handgelenk. „Majestät? Wo wollt Ihr hin?“
„Ich muss mit Gilead reden!“
„Aber die Soldaten versammeln sich gerade, um Euch gegenüber den Treueeid zu schwören.“
Der Eid … Ich knurrte, denn einen Eid hatte auch Gilead geschworen und mich dennoch verraten! Widerwillig drehte ich mich zurück zum Thronsaal. „Hol den Hohepriester her! Ich will, dass die Soldaten den Schwur im Namen der Götter leisten!“ Bevor ich jedoch wieder zurück zu dem Grigoroi ging, den ich im Thronsaal zurückgelassen hatte, atmete ich tief durch. „Und treibe irgendwo Blut auf.“
„Natürlich, Cyrus.“
Ich betrat den Thronsaal und musterte den Grigoroi, der mich mit offenem Mund anstarrte. Er leckte sich über die Lippen, wagte es aber nicht, noch einen Schritt auf mich zuzugehen. „Wie ist dein Name?“
„R…olf, Majestät. Ich bin Diener im Schloss. Und … wohl als Nahrung ihrer Majestät auserkoren worden. Nur, dass sie sich geweigert hat … naja, versprochen hat, nicht von mir zu trinken, wenn ich es nicht auch wollte.“ Beschämt senkte er den Blick.
„Aber du hast es dann gestattet, damit sie nicht stirbt?“ Ich ging den Saal auf und ab. Die Krone hielt ich immer noch in einer Hand, setzte sie nun allerdings wieder auf.
Ich hörte ihn schlucken. „Nein …“
„Sie muss beinahe jeden Tropfen aus dir gesaugt haben, um die Menge an Gift in deinen Körper zu bringen, die für eine Verwandlung notwendig ist.“ Ich schnaubte. Wer auch immer sie so gefangen gehalten hatte, er musste sie beinahe verdunstet haben lassen! Wenn ich erst den Mann in die Finger bekam, der dafür verantwortlich war …! Was man den Frauen im Keller dieses Gasthofes angetan hatte, würde gegen meine Rache eine Bagatelle sein!
„Ich weiß nicht … ich denke nicht, dass da noch viel übrig war.“ Seine Hand fuhr zu seinem Hals. „Ich glaube, sie haben mir die Kehle aufgeschlitzt. Um sie zum Trinken zu animieren …“
Ich kniff die Augen zusammen. Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass er starb, und verwandelte ihn deswegen. Aber das war nun vorerst irrelevant. „Nun gut. Du wirst vorerst für mich arbeiten. Geh raus und such nach Galderon. Sag ihm, er soll dir Arbeit geben.“
Im selben Moment kam Timmok mit einem Becher voll Blut. Als er Rolf sah, stockte er kurz und war sich unschlüssig, für wen das Blut war.
Mit einer knappen Geste deutete ich auf den frischgewandelten Grigoroi. „Er wurde von Nayara verwandelt. Hilf ihm, Galderon zu finden.“
Timmok verneigte sich leicht und nahm den Grigoroi mit, der nur noch auf den Becher starren konnte.
Kurz darauf betrat der Lehrling des Hohepriesters den Thronsaal und verbeugte sich tief vor mir. „Majestät? Mein Meister ist gerade nicht zugegen, doch ich habe gehört, es verlangt Euch nach Treueschwüren vor den Göttern?“ Er schwieg einen Moment, schien sich seine Worte zurechtzulegen und schließlich eine Entscheidung zu treffen. „Ich hätte da einen anderen Vorschlag.“























































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