Kapitel 32 – Die Annehmlichkeiten einer Königin in Gefangenschaft
Kapitel 32 – Die Annehmlichkeiten einer Königin in Gefangenschaft
Cyrus
Lofa, der Lehrling des Hohepriesters, hatte mir von einem Bluteid erzählt, der dem Blutschwur recht nahekam. Mit dem Unterschied, dass mein Blut die Basis war und ich das fertige Gemisch nicht trank. Jeder Soldat, egal ob Palastwache oder Stadtwache, gab einen kleinen Teil von seinem Blut, und am Ende trank jeder einen kleinen Schluck, während er mir und der Königin die absolute Treue schwor. Der Lehrling des Hohepriesters hatte betont, dass jeder Mann, der die Mischung trank, an den Eid gebunden wäre, den er sprach.
Die verwundeten Männer, die gegen mich gekämpft hatten, erhielten die Gelegenheit, sich mir anzuschließen. Wer es nicht tat, wurde augenblicklich hingerichtet. Schließlich war es nur eine Handvoll Männer, die sich vehement weigerten, mir den Eid zu leisten. Vorerst waren sie im Kerker untergebracht worden. Später würde ich sie befragen, ehe sie ihren letzten Atemzug tun durften.
Der Mond stand bereits hoch am Himmel, als der letzte Verräter sein Leben aushauchte. Zu viele Männer waren heute gestorben. Ein Krieg, der unnötig war, denn ich würde mir das Königreich zurückholen. Diesmal mit härterer Hand.
Obwohl das Schloss durchsucht wurde, ließ ich Wachen aufstellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Grigoroi irgendwo versteckte, war einfach zu groß. Meine alten Gemächer waren komplett unangetastet und sahen noch genauso aus wie an dem Tag, als ich mit Nayara aufbrach, um an der Ratssitzung teilzunehmen. Nur um dann aus dem Schloss fliehen zu müssen …
Seufzend zog ich mich um und ging durch die Verbindungstür in das Schlafzimmer meines Weibs. Es roch staubig. Ihr Geruch war beinahe gänzlich verschwunden. „Warum bist du weggegangen? Wolltest du mich bestrafen, weil ich dich nicht mitnahm, um Targes’ Familie zu retten? Glaube mir, was wir da gesehen haben …“ Meine Schultern sackten nach unten und Tränen brannten in meinen Augen. Nayara hätte es gar nicht sehen können. Aber die Geräusche, der bestialische Gestank … Sie hätte sich ausmalen können, was dort im Keller gewesen war. Und ich bereute es nicht, dass ihr dies erspart geblieben war.
Sie fehlte mir. Wäre sie auf dem Hof geblieben, stünden wir nun gemeinsam hier. Aber natürlich musste sie wieder ihren eigenen Kopf durchsetzen. So wie im Fürstentum des Nordens, als sie von der Brüstung aus in die Tiefe gesprungen war, weil ich sie allein gelassen hatte. Aber jetzt … Sie war blind, verdammt noch mal! Wie hatte sie nur gehen können? Noch dazu mit unserem Kind in ihrem Leib? Ein Glück, dass derjenige, der sie in seiner Gewalt hatte, das Kind haben wollte! Andernfalls hätte sie unser Kind durch ihre Handlung umgebracht!
„Warum hast du das getan?! Warum nur?“ Meine Stimme versagte mir den Dienst. Mit beiden Händen strich ich über mein Gesicht und atmete mehrmals tief durch. Ich trat an ihr Bett. Meine Hände glitten über ihr Kopfkissen. Da war er. Ihr Geruch. Wenn auch nur ganz leicht. Nie hätte ich gedacht, dass es so schmerzen würde, die Verbundene zu vermissen, und ich wusste, dass es auch ihr so ging. War sie deshalb losgegangen? Hatte sie mir entgegenreisen wollen? Ich drückte das Kissen gegen mein Gesicht und ließ die Tränen zu, erlaubte mir einen Moment der Schwäche. Aber schon nach wenigen Minuten legte ich das Kissen zurück und verließ mit entschlossenen Schritten die königlichen Gemächer. Auf dem Flur standen Timmok und Ikzil, die sich leise unterhielten, nun aber zu mir sahen.
„Ich will Rolf sprechen. Dem Grigoroi, den die Königin gewandelt hat.“
Ikzil nickte und entfernte sich sofort. „Aus Versehen verwandelt …“, murmelte er dabei kopfschüttelnd.
„Aus Versehen?“ Ich sah zu Timmok und hob beide Augenbrauen. „Niemand verwandelt einen Menschen aus Versehen in einen Grigoroi.“
„Nun, Rolf erzählte, dass Ihre Majestät meinte, sie habe dies nicht gewollt. Also, seine Verwandlung. Sie hat sich scheinbar nicht wenig erschrocken, als er aufgewacht ist.“
Ich schnaubte. Ob aus Belustigung, Erstaunen oder Entsetzen, konnte ich nicht klar definieren. Die Menge an Gift, die für die Wandlung nötig war… Andererseits war sie die letzte Ignis-Robur und noch dazu von ihrer Göttin gesegnet worden. Aber diese hatte ihr das Feuer genommen. Und das Augenlicht! Ausgerechnet jetzt, wo die Zeiten so gefährlich waren und Nayara ein Kind unter dem Herzen trug!
Wenig später kam Ikzil mit Rolf zurück, der vor mir auf die Knie sinken wollte.
„Bleib stehen!“, herrschte ich ihn an. Ich hatte nie verlangt, dass Menschen vor mir auf die Knie gingen. Und von einem Grigoroi auch nicht.
Er schluckte und hielt den Blick gesenkt. „Majestät?“
„Wo wurde die Königin gefangen gehalten? Zeige mir den Ort!“
Dann sah ich zu Timmok. „Du begleitest uns.“
„Selbstverständlich …“, murmelte der Grigoroi wenig begeistert, drehte sich mit einer leichten Verbeugung um und ging los. Er führte uns in einen Flügel, den ich noch nie betreten hatte. Es war der Flügel, der den Ministern vorbehalten war. Ihre Gemächer und Arbeitsräume fanden sich hier. Der Weg wurde verwinkelt. Mit einem lautlosen Stöhnen stellte ich fest, dass wir uns wohl in einem der unzähligen Anbauten befanden. Einer, der scheinbar von einem Spaßvogel konstruiert worden war.
„Hier, mein König …“, murmelte es schließlich. Der Grigoroi zeigte auf eine Tür, öffnete sie und offenbarte einen kleinen, dunklen, kellerähnlichen Raum, der in schauriges Licht getaucht war, welches durch ein kleines, schmutziges Fenster in der Ecke drang.
Meine Nase kräuselte sich, noch bevor ich den ersten Schritt hineinwagte. Es roch nach Fäkalien, Blut und Schweiß. Timm drückte mir eine Fackel in die Hand. Langsam ging ich weiter, die Hand mit dem flackernden Feuer erhoben. Rechts in der Ecke stand ein kleiner Käfig. Links daneben war eine enorme Blutlache. Da war Rolf also gestorben.
„Nayara wurde in diesem Käfig gefangen gehalten?“ Übelkeit stieg in mir hoch bei dem Gedanken, dass sie darin wie ein Tier gefangen gehalten worden war. Sie hatte nicht einmal aufstehen können.
„Ja …“
Ich presste die Lippen zusammen, ging in die Knie, streckte den Kopf in den Käfig hinein und hob die Fackel hoch, um etwas sehen zu können. Hier war der Gestank noch schlimmer. In der Ecke stand ein Eimer für Fäkalien und einer, um sich zu waschen. Oder daraus zu trinken. Vermutlich hatte sie beides getan. In der Ecke tropfte es stetig von der Decke, wodurch sich rechts neben dem Käfig eine Pfütze auf dem Boden gebildet hatte. Ein weiterer Geruch stieg in meine Nase. Es roch nach Samen. Männlichem Samen. Der herbe Schweißgeruch von mehreren Männern lag schwer in der Luft.
Wer immer sie gefangen gehalten hatte, er hatte sich auch an ihr vergriffen. Er musste sie aus der Zelle gezerrt haben …
Ich ging wieder hinaus und erhellte mit der Fackel den Boden. Tatsächlich. Unfassbare Wut stieg in mir auf und ich schleuderte die Fackel gegen die gegenüberliegende Wand. Mit beiden Händen griff ich nach dem Käfig und versuchte, auch ihn wegzuschleudern. Stattdessen gab das oberste Scharnier der Tür nach und ich landete unsanft auf meinem Hintern.
„Ich will, dass ihr alle Diener in diesem Schloss befragt! Ich will Namen jeder Person, die bis gestern noch hier gelebt hat! Und dann soll eine Liste erstellt werden, wer davon jetzt nicht mehr da ist!“ Einige Männer davon waren mittlerweile tot. Aber die Namen, die übrig blieben, waren die Verräter! Sie hatten sich an ihrer Königin vergriffen, diese elenden Bastarde!
Niemand regte sich.
„Unverzüglich!“, schrie ich wütend.
„Majestät …“ Timmoks Stimme klang beschwichtigend. „Es ist mitten in der Nacht. Die Diener schlafen noch.“
„Dann fangt bei den Grigoroi an!“
Timm seufzte leise, hielt sich mit einem weiteren Kommentar aber zurück. „Wie Ihr wünscht.“ Mit einem Wink deutete er Rolf, draußen zu warten. „Cy …“ Vorsichtig näherte er sich mir. „Du solltest schlafen gehen. Und etwas essen.“ Mit zusammengepressten Lippen sah er sich um, dann legte er mir seine Hand auf die Schulter. „Sie lebt. Halte daran fest. Nicht …“ Er deutete auf den Raum. „Lass dich davon nicht entmutigen.“
„Sie hat zu viel erlebt, zu viel Leid erfahren müssen.“ Wäre Leeander noch, würde ich mich in seine Arme werfen und die Trauer und Wut zulassen, die mich zu übermannen drohte. „Wir soll sie sich davon nur jemals wieder erholen können? Wie soll ihre Seele jemals heilen können?“
„Mit dir an ihrer Seite, Cyrus. Einem Mann, der Geduld und Verständnis zeigt. Für sie da ist, wenn sie ihn braucht, und sie und euer Kind aus den Klauen dieses Monstrums befreit, der das hier zu verantworten hat. Sie wird Zeit brauchen. Und die wirst du ihr geben. Sie wird ein Kind in diese Welt setzen. Und wenn nicht du, dann wird das Kind ihr helfen, zu verarbeiten und an den erlebten Qualen zu wachsen. Und du wirst die beiden in deinen Armen halten.“ Zuversicht spendend drückte seine Hand meine Schulter.
„Die Zeit heilt alle Wunden.“ Aber konnten diese Wunden wirklich heilen? Ich erhob mich und verließ diesen Raum. Es war unmöglich, noch einen Augenblick länger dort zu verweilen. „Beschafft mir diese Listen!“, knurrte ich und ging zurück in meine Gemächer. Mein altes Arbeitszimmer war komplett durcheinander. Briefe und andere Dokumente lagen teilweise auf dem Boden. Oft waren sie in mehrere Teile zerrissen worden. Einige waren gar verbrannt worden, wie ich an den Überresten im Kamin erkennen konnte. Ich trat auf diesen zu und entzündete ein Feuer. Das Licht nutzte ich, um aufzuräumen, denn an Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken.





























































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